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Agentin mit Wut: Im Film "Red Sparrow" spielt Jennifer Lawrence eine Spionin. In der Realität hofft sie, Kampagnen wie #MeToo mögen verhindern, dass sexuelle Übergriffe unter den Teppich gekehrt werden.

Jennifer Lawrence

"Ich hasse Blender"

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Hollywoodstar Jennifer Lawrence über Gleichberechtigung und faire Bezahlung im Filmgeschäft, ihren Vorsatz, junge Menschen für Politik zu begeistern ? und warum sie keine Lust mehr hat, Donald Trump ihren Martini ins Gesicht zu schütten.

Der kometenhafte Aufstieg von Jennifer Lawrence, 27, ist umso bemerkenswerter, als sie das nicht nur mit monumentalen Mehrteilern wie „Die Tribute von Panem“ geschafft hat. Sondern auch mit anspruchsvollen Filmen wie „Silver Linings“, „Joy“ und „American Hustle“, für den sie 2014 an der Seite von Christian Bale den Oscar für die beste Nebenrolle bekam.

Nach dem letztjährigen Arthouse-Fiasko „Mother!“ unter der Regie ihres damaligen Freundes Darren Aronofsky hat sie jetzt im Spionage-Thriller „Red Sparrow“ (ab 1. März im Kino ) wieder eine Blockbuster-Hauptrolle. Darin spielt sie eine junge russische Primaballerina, die nach einem Unfall vor dem Karriere-Aus steht und sich zur Top-Spionin ausbilden lässt.

Für das Interview im Londoner Hotel Claridge’s hat Jennifer Lawrence das tiefausgeschnittene und hochgeschlitzte schwarze Versace-Kleid vom Foto-Call – ja, genau, jenes Kleid, zu dem sie später erklärte, es sei ja wohl ihre Entscheidung, ob sie frieren wolle oder nicht – gegen eine weiße Seidenbluse und schwarze Jeans getauscht. Sie ist gut gelaunt und verströmt jede Menge Herzlichkeit. Das war nicht immer so. 

Mrs. Lawrence, nicht erst seit dem phänomenalen Erfolg der „Tribute von Panem“-Trilogie können Sie sich Ihre Projekte aussuchen. Welche Kriterien muss ein Film erfüllen, damit Sie ja sagen?
Da spielen viele Dinge eine Rolle. Und es ist auch bei jedem Film immer etwas anderes. Mal steht der Karriere-Aspekt im Vordergrund, mal ist es einfach ein Gefühl. Aber immer ist mir wichtig, dass ich mich nicht wiederhole, sondern aus meiner Komfortzone ausbreche. Ich liebe das Abenteuer, das Wagnis – und will mich auch als Schauspielerin weiterentwickeln. 

In Ihrem neuen Film „Red Sparrow“ haben Sie tatsächlich viel gewagt. Sie zeigen viel nackte Haut.
Die Nacktszenen fielen mir alles andere als leicht. Sie sind aber – wie übrigens auch die Gewalt- und Folterszenen – wichtig für die Dramaturgie. An „Red Sparrow“ hat mir vor allem gefallen, dass in diesem Film das Spionage-Geschäft nicht verherrlicht wird, sondern so gezeigt wird, wie es ist. Nämlich: kalt, brutal und meist lebensgefährlich. Dominika, die ich spiele, ist ja eigentlich eine Anti-Heldin. Sie ist durchtrieben, manipulativ und geht über Leichen. Ehrlich gesagt hatte ich ziemlich Schiss davor, den Film zu machen. Denn diese Rolle hat mich mit meinen eigenen Unsicherheiten konfrontiert. Gerade auch in Punkto Sexualität.

Sie sprachen davon, dass der Film – gerade unter diesem Aspekt – eine Art Selbstheilung für Sie war.
Ja, absolut. Früher wollte ich nie, dass man meinen nackten Körper auf der Leinwand sieht. Nacktheit ist für mich etwas sehr Persönliches. Als dann aber 2014 mein Computer gehackt wurde und private Nacktfotos von mir ins Netz gestellt wurden, war das ein Schock für mich, eine ungeheuere Verletzung meiner Intimsphäre, über die ich auch nach Jahren nicht hinweggekommen bin. Dass ich jetzt in „Red Sparrow“ diese Nacktszenen gemacht habe, war wie ein Befreiungsschlag. 

Kann eine Rolle auch eine Art Selbsttherapie sein – und: Darf sie das?
Manchmal entdecke ich während der Dreharbeiten tatsächlich etwas, was mit meiner persönlichen Lebenssituation zu tun hat. Zum Beispiel in dem Film „Joy“, in dem ich eine Hausfrau spiele, die von anderen Leuten total kontrolliert wird – bis sie sich selbst aus dieser Bevormundung befreit. Plötzlich übernimmt sie die Kontrolle über ihr Leben und sagt, was sie denkt und fühlt – ohne sich dafür zu rechtfertigen oder gar zu entschuldigen. Diesen Mut zur Selbstbestimmung habe ich vor zwei Jahren mit in mein eigenes Leben genommen. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben. Oder in „American Hustle“: Da spiele ich eine Frau, die sich nichts sehnlicher wünscht, als endlich sie selbst sein zu können. Diese Lust nach Leben dann spielen zu dürfen – das hat meiner Seele ungeheuer gut getan.

Sie haben in den vergangenen zehn Jahren einen großen Karriere-Sprung gemacht: Von der Independent-Film-Schauspielerin zu einem der bestbezahlten Stars in Hollywood. Wie hat Sie das verändert?
Ich habe in den letzten Jahren sicher viel an Erfahrung dazu gewonnen und bin jetzt sehr viel selektiver, was die Auswahl meiner Filme betrifft – und der Menschen, mit denen ich mich umgebe. Mich zieht es zu liebenswerten, herzlichen und echten Menschen hin. Ich hasse Blender. Sie fragen, ob ich mich nach zehn Jahren Hollywood verändert habe? Unlängst hat man meine Freunde interviewt. Und die haben alle gesagt, dass ich mich überhaupt nicht verändert habe. Nur die Welt um mich herum. Das ist das schönste Kompliment, das ich je bekommen habe.

Sie sind also im Rausch des Ruhmes nicht abgehoben?
Nein, Gott sei Dank nicht. Dazu bin ich viel zu gut in meiner Familie und meinem Freundeskreis eingebettet. Ohne diese Menschen, die mit mir durch dick und dünn gehen, wäre ich sicher nicht da, wo ich heute bin. Meine mentale Gesundheit war bis jetzt also nie in Gefahr. Allerdings hat es ein paar Jahre gedauert, bis ich mit dem Celebrity-Rummel umgehen konnte.

Sie wollten ja auch Schauspielerin werden und nicht Hollywoodstar, oder?
Genau! Mir war schon früh in meinem Leben klar, dass ich schauspielern wollte – und musste. Ich kann nichts anderes. Wenn ich nicht spiele, bin ich nutzlos. (Lacht) Als ich jünger und unreifer war, habe ich mich sehr oft darüber beklagt und nicht begriffen, warum ich ständig Autogramme geben soll oder jeder ein Selfie mit mir haben will. Und warum werde ich auf Schritt und Tritt von Paparazzi verfolgt? Das hat mich wirklich wütend gemacht. Da habe ich mich eben der Presse und auch den Fans gegenüber oft sehr verschlossen und aggressiv verhalten. Das war aber keine Böswilligkeit – sondern Selbstschutz. Schließlich habe ich kapiert: Das ist eben der Preis dafür, in diesem wundervollen Beruf arbeiten zu können. Seitdem bin ich in der Öffentlichkeit auch viel freundlicher.

Welche Qualitäten muss ein Mensch haben, damit Sie ihn näher an sich heranlassen?
Für mich stehen Herzenswärme, Ehrlichkeit und Respekt an erster Stelle. Mir imponieren Menschen, die zu dem stehen, was sie denken und fühlen, und den Mut haben, das auch ehrlich zu sagen.

Und womit disqualifiziert man sich bei Ihnen sofort?
Ich hasse es, wenn Leute in Machtpositionen testen, wie weit sie bei mir gehen können. Und wenn man sie sehr deutlich in ihre Schranken weist, versuchen sie, es herunterzuspielen… „Ach, das war doch nicht so gemeint!“ Das hasse ich wirklich.

Viele Schauspielerinnen haben in den vergangenen Monaten über sexuelle Übergriffe von Studiobossen, Regisseuren oder Kollegen gesprochen. Ist Ihnen das auch passiert?
Nicht in dem extremen Ausmaß. Aber auch ich wurde von Männern im Filmbusiness schlecht behandelt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als junges Mädchen bei einem Meeting mit Produzenten saß – und plötzlich legte einer seine Hand auf mein Knie. Ich war wie versteinert und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Das klingt heute verrückt, aber damals war ich deswegen total verunsichert. Allerdings hat es nicht lange gedauert, da habe ich solche Anzüglichkeiten gleich offen angesprochen. Doch auch da hat man immer sehr schnell abgewiegelt. Ich habe mir das trotzdem nicht mehr gefallen lassen.

Gilt man da nicht schnell als schwierig?
Oh ja, vor allem in unserer Branche. Da ist man dann schnell als ungehobelte Göre verschrieen. Oder als Querulantin, die schwer zu vermitteln ist. Und das kann sehr schnell das Karriereaus bedeuten.

Glauben Sie, Kampagnen wie #MeToo und Time’s Up können etwas verändern?
Das hoffe ich sehr. Leider wird es diese notgeilen Männer immer geben. Und wir werden auch nicht plötzlich das Bewusstsein von Männern verändern, die es völlig normal finden, zu vergewaltigen oder ihre sexuelle Macht anderweitig ausüben. Aber wir können sehr wohl ein Klima herstellen, in dem es unmöglich ist, dass solche Übergriffe weiterhin unter den Teppich gekehrt werden. Und wir können eine Gesellschaft etablieren, die die Opfer solcher Attacken unterstützt. Ich würde mir auch wünschen, dass diese Frauen, die den Mut hatten, sich zu offenbaren, nicht mehr stigmatisiert werden. Frauen wie Ashley Judd oder Rose McGowan wollen doch nicht für den Rest ihres Lebens immer nur damit in Verbindung gebracht werden. Sie sind Schauspielerinnen, die einfach arbeiten wollen.

Sie sind immer wieder angeeckt, etwa, als Sie sich für die faire und gleiche Bezahlung von Männern und Frauen eingesetzt haben.
Da bin ich immer gegen Wände gerannt. Nur weil ich nicht einsehen wollte, dass Frauen für die gleiche Arbeit nicht die gleiche Gage bekommen. Das hat mich wirklich persönlich verletzt. Immerhin habe ich in mega-erfolgreichen Filmen mitgespielt, habe viele Zuschauer ins Kino gezogen und jede Menge Preise bekommen – darunter einen Oscar. Warum also soll ich weniger bekommen als meine männlichen Co-Stars? Es gab sogar Zeiten, da sagte man mir, wenn ich mehr Geld wollte, würde man das ganze Filmprojekt kippen. Im Ernst? Das steht doch in überhaupt keinem Verhältnis.

Sie bekommen Millionen-Gagen – ist das, mit Verlaub, nicht Klagen auf hohem Niveau?
Es stimmt schon, dass diese Probleme für die meisten Menschen auf der Welt totale Luxus-Probleme sind. Sie haben wirklich andere Sorgen. Ich will ja auch nicht jammern, sondern ich will, dass Frauen für dieselbe Leistung auch dasselbe Geld bekommen. Verstehen Sie mich richtig: Ich liebe Amerika! Und ich möchte, dass es in meinem Land anständig und fair zugeht. Und es ist nunmal ein Fakt, dass Frauen und Afroamerikaner in der Entertainment-Industrie nicht dieselben Chancen haben wie weiße Männer. Das sollte sich schleunigst ändern.

Sie haben angekündigt, Ende 2018 für ein Jahr aus dem Filmbusiness auszusteigen. Sind Sie frustriert von Hollywood? Oder ausgebrannt?
Weder, noch. Ich finde es nur höchste Zeit, mich auch persönlich politisch zu engagieren. Ich mache das vor allem in der Non-Profit-Organisation represent.us. Das ist ein Verein, der gegen Korruption in der Politik kämpft. Es kann doch nicht sein, dass unsere Umwelt weiterhin katastrophal verschmutzt wird, nur weil eine Handvoll mächtiger Lobbyisten in Washington das Sagen haben. Und es braucht auch wirklich keine einzige Schießerei an einer Schule mehr, um zu erkennen, dass die Politiker, die die Macht hätten, schärfere Waffengesetzte zu verabschieden, es nicht tun, weil sie von der Waffen-Lobby NRA finanziert werden. Ich will meinen Bekanntheitsgrad vor allem auch dafür einsetzen, die jungen Menschen in den USA für Politik zu interessieren. Meine große Hoffnung ist, dass diese jungen und verantwortungsbewussten Menschen die alte Garde, die unser Land zugrunde richtet, bald ablösen werden.

Sie äußerten einmal den Wunsch, Trump auf einen Martini zu treffen. Sie wollten ihm da die Meinung sagen – und ihm dann den Martini ins Gesicht kippen. 
Oh mein Gott! Mittlerweile wüsste ich gar nicht mehr, was ich ihm alles sagen sollte. Es hätte ja sowieso keinen Sinn. Und würde ich ihm den Martini tatsächlich ins Gesicht schütten, fände er das womöglich noch anregend. Also, lieber nicht!

Interview: Ulrich Lössl

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