+
Emma Watson bei der Filmpremiere von „Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück“ in Berlin.

Emma Watson im Interview

„Ich habe viel an mir gearbeitet“

Die britische Schauspielerin Emma Watson ist für viele junge Frauen ein Vorbild geworden. Im FR-Interview erklärt sie, wie sie zu sich selbst gefunden und den Hype nach den Harry Potter-Filmen überwunden hat.

Von Ulrich Lössl

Für mindestens eine Generation von Kinogängern wird Emma Watson wohl immer Hermine Granger bleiben, die beste Freundin von Harry Potter. Sie selbst hat sich schon seit langem von diesem Image losgelöst und versucht, sich freizuspielen. Und im Gegensatz zu vielen anderen Kinder-Stars ist es ihr durchaus gelungen. In ihrem neuen Film „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ (ab 18.2. im Kino) spielt sie einen junge Frau, die 1973 in Chile in die Wirren von General Pinochets Terrorregime gerät. Ein Film mit – für einen Hollywoodstar – dezidiert politischer Aussage. Wir treffen eine gutgelaunte Emma Watson in einer Luxus-Suite des Londoner Corinthia Hotels. Sie trägt ein Kleid ihres Lieblingsdesigners Alexander McQueen und schwarze Stiefeletten. Ihr Kurzhaarschnitt à la Mia Farrow ist dunkelbraun, ihre Fingernägel blutrot. Sie sitzt vor einer dampfenden Tasse grünen Tee, die sie während des Interviews immer wieder sinnend anschauen, aber nie daraus trinken wird. Sie begrüßt mich mit festem Händedruck und sucht sofort Augenkontakt. Sie ist zierlich, fast fragil, aber nicht scheu. In ein paar Tagen wird sie sich zum Weltwirtschaftsforum in Davos aufmachen, um dort – eloquent und mit fester Stimme – über die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sprechen.

Sie sind eine sehr engagierte junge Frau. War das der Grund, nun auch im Polit-Thriller „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ mitzuspielen?
Auf jeden Fall. Als ich das Drehbuch las, war ich wie vor den Kopf gestoßen. Denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie etwas über diese Sekten-Siedlung in Chile gehört. Aber dann habe ich mich natürlich sehr umfassend informiert. Und je mehr ich las, desto unfassbarer war es für mich, dass dieser Paul Schäfer fast 40 Jahre lang Menschen wie in einem Konzentrationslager gefangen hielt. Und das alles unter dem Schutz von Pinochet und sogar in Zusammenarbeit mit der deutschen Botschaft. Die Geschichte, die wir erzählen, ist zwar fiktiv, aber der historische Hintergrund ist absolut authentisch. Und das ist das wirklich Erschreckende.

Sie spielen Lena, die sich in die sogenannte „Kolonie der Würde“ einschleusen lässt, um ihren Freund, der dort eingesperrt wurde, zu befreien…
… was ich wahnsinnig mutig von ihr finde. Ich habe mich während der Dreharbeiten jeden Tag gefragt, wie ich selbst mich dabei wohl verhalten hätte. Und ich muss ehrlich sagen: Ich weiß es nicht. Aber ich finde es sehr inspirierend, Menschen zu spielen, die größer und besser sind als man selbst. Denn dadurch wächst man auch im eigenen Leben. Von Lena habe ich viel gelernt. Und ich glaube, ich bin sogar im wirklichen Leben mutiger geworden.

Inwiefern mutiger?
(Lacht) Das ist mir jetzt zu privat. Aber was ich bei diesem Film auch toll fand, ist, dass hier das Mädchen den Jungen rettet. Bei diesem Film wurde das typische Rollenverhalten – Gott sei Dank – einmal umgekehrt. Sie glauben ja nicht, wie viele Drehbücher ich zugeschickt bekomme, in denen ich das nette Mädchen spielen soll, das dann von ihrem männlichen Beschützer gerettet wird… Wie sterbenslangweilig!

Einer Ihrer Regisseure hat Sie mal wie folgt beschrieben: „Emma ist wie ein Krake. Sie hat viele Arme, mit denen sie gleichzeitig viele verschiedene Dinge jongliert.“ Erkennen Sie sich in diesem Bild wieder?
(Lacht) Vielleicht nicht gerade als Krake… Aber es stimmt schon, dass ich immer sehr viele verschieden Projekte am Laufen habe. Das kommt daher, dass mich eben sehr viel interessiert, was auf der Welt so passiert. Und ich empfinde es wirklich als großes Geschenk, dass ich die Möglichkeiten habe, so viele Dinge gleichzeitig machen zu können. Ich habe tatsächlich immer viele Bälle gleichzeitig in der Luft.

Ein großer Ball ist die Schauspielerei. Was denn noch?
Ich habe zum Beispiel Anfang des Jahres einen feministischen Buchclub gegründet, mit dem schönen Namen „Our Shared Shelf“. Mein Plan ist, jeden Monat ein ganz bestimmtes Buch auszuwählen, über das dann alle Leser, die darauf Lust haben, am Ende eines Monats im Internet diskutieren können. Ich fange damit an, dass ich einige Fragen zum Buch poste oder einige Zitate ins Netz stelle. Und ich hoffe, dass ich damit einen sehr angeregten Gedankenaustausch initiiere. Ganz besonders freuen würde es mich natürlich, wenn sich dann auch der Autor selbst einmischen würde. Das erste Buch, das ich ausgewählt habe, ist „My Life on the Road“ von Gloria Steinem, eine amerikanische Journalistin und Frauenrechtlerin. Die Literatur ist – neben der Schauspielerei – eine meiner ganz großen Leidenschaften im Leben.

Deshalb haben Sie wohl Englische Literatur studiert…
… ja, meine große Liebe war die Literatur der Moderne. Das war auch das Thema meiner Abschlussarbeit, mit Schwerpunkt auf Virginia Woolf.

Warum haben Sie eigentlich nicht in Oxford studiert, wo Sie doch damals gewohnt haben, sondern sind stattdessen an die amerikanische Elite-Hochschule Brown University in Rhode Island gegangen?
Ich wollte einfach raus aus dem vertrauten England und Oxford. Ich wollte weg von einem Kulturkreis, der mich geprägt hat, seit ich denken kann. Weg von allem Eingefahrenen, von aller Routine. Und auch weg von meinen Freunden und Verwandten. Das war – rückblickend – ein ziemlich radikaler Schnitt, den ich damals aber dringend gebraucht habe. Natürlich fühlte ich mich im fernen Amerika auch manchmal einsam, aber es war gleichzeitig auch sehr befreiend.

Inwiefern befreiend?
Ich konnte machen, was ich wollte. Ich konnte mich ausprobieren, Grenzen austesten. Und ich habe ja nicht nur englische Literatur studiert, sondern auch Philosophie-Seminare belegt. Ich erinnere mich noch gut an den mit dem Titel „Die Philosophie und Psychologie der Liebe“. (Lacht) Leider habe ich davon nicht viel fürs wirkliche Leben gebrauchen können. Außer der Erkenntnis, dass es in der Liebe keine Regeln gibt.

Stimmt es, dass Sie damals auch gemalt haben?
Ja, und das mache ich immer noch. Das ist auch so ein Ball, mit dem ich jongliere. Und seit ich von meiner Oma vor ein paar Jahren ein Keyboard geschenkt bekommen habe, versuche ich es auch mit dem Klavierspielen. Aber das ist jetzt die ganz private Seite von mir. Das ist eigentlich gar nicht so interessant.

Ganz im Gegenteil. Für viele junge Frauen sind Sie ein großes Vorbild…
… oh Gott, hoffentlich nicht.

Was glauben Sie denn? Sie sind jung, gutaussehend und extrem erfolgreich. Wenn das nicht die Blaupause für eine Traumfrau ist…
Aber das ist mir viel zu oberflächlich. Leute, die mich so sehen, sehen mich eigentlich gar nicht wirklich. Ehrlich gesagt ist mir diese Art von Aufmerksamkeit schon seit langem suspekt. Denn als ich durch die „Harry Potter“-Filme zu einer sogenannten „Celebrity“ wurde, wurde mir sehr schnell bewusst, wie so ein bisschen Ruhm aus dem Ruder laufen kann. Deshalb bin ich in privaten Dingen auch vorsichtiger geworden.

Sie waren gerade einmal neun Jahre alt, als Sie den ersten „Harry Potter“-Film drehten; beim letzten waren Sie 20. Da waren sie längst eine Multimillionärin. Wie haben Sie das eigentlich so verkraftet?
(Lacht) Ganz gut, glaube ich. Und das habe ich vor allem meiner Familie zu verdanken. Meine Eltern ließen sich zwar scheiden, als ich fünf war, aber sie haben mich trotzdem beide all die Jahre immer sehr liebevoll begleitet und unterstützt. In punkto Geld kann ich nur sagen, dass ich jahrelang etwa 100 Pfund Taschengeld im Monat bekam. Und das hat mir auch völlig genügt.

Haben Sie sich in den fünf Jahren seit Ende der „Potter“-Filme sehr verändert?
Ja, und darüber bin ich sehr froh. Es hat ja lange genug gedauert, mich von diesem Erbe der „Potter“-Filme zu befreien und mich als junge, selbständige Frau zu emanzipieren. Wenn ich mich heute in den frühen „Potter“-Filmen sehe, erkenne ich mich selbst kaum wieder. Da komme ich mir vor wie eine Fremde. Ich denke mir dann: „Wer ist dieses seltsame Mädchen? Was denkt sie? Was fühlt sie?“ Manchmal blättere ich in den Tagebüchern, die ich mit zehn, zwölf geschrieben habe – und kann mich darin kaum wiederfinden.

War dieser Prozess der Selbstfindung sehr schwer für Sie?
Ja, schon. Und es hat eine ganze Weile gedauert. Es gab auch einige Sackgassen, aus denen ich erst wieder herausfinden musste, um zu den Avenuen zu gelangen, auf denen ich mich heute befinde. Ich fühle mich mit 25 sehr wohl in meiner Haut. Und für nichts auf der Welt wollte ich noch einmal 20 sein.

War es so schlimm?
Wenn man ein Leben unter dem Vergrößerungsglas führen muss, ist das immer sehr kompliziert. Und erst recht als Teenager. Da hat man doch tausend Fragen an sich und die Welt, auf die man noch keine Antwort weiß: Was will ich im Leben überhaupt erreichen? Wo will ich leben? Welche Freunde will ich haben? Und welche Menschen will ich auf keinen Fall in mein Privatleben lassen? Und das ist doch auch genau die Zeit, in der man all die vielen Entscheidungen zu treffen hat, die so wichtig und wegweisend für die Zukunft sind. Das war schon alles ziemlich heftig. Irgendwann habe ich mich einfach damit geschützt, dass ich mich emotional betäubt habe und alles durch mich hindurch ließ.

Und wie haben Sie sich aus dieser seelischen Erstarrung befreit?
Ich habe viel an mir gearbeitet. Ich hatte Unterstützung von meiner Familie, von echten Freunden. Sicher half mir auch die Zeit in den USA und – so banal das vielleicht klingt – meine Lebenserfahrung. Außerdem habe ich nach und nach auch meinen Horizont – und damit meinen Aktionsradius – erheblich erweitert.

Meinen Sie damit Ihr soziales und politisches Engagement?
Ja, vor allem. Gegen den Irrsinn und die Oberflächlichkeit des Showbusiness ist das ein gesunder und vor allem sehr sinnvoller Ausgleich.

Sie haben sich selbst als Feministin bezeichnet. Was bedeutet Feminismus für Sie denn genau?
Das ist eigentlich ganz einfach: Ich glaube daran, dass Männer und Frauen auf der ganzen Welt die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben sollten. Deshalb habe ich auch die Solidaritätsbewegung „HeForShe“ ins Leben gerufen, die sich zur Aufgabe gemacht hat, sich für die Gleichstellung der Geschlechter einzusetzen. Und gegen die Diskriminierung von Frauen und Mädchen. Eigentlich etwas, das im 21. Jahrhundert längst selbstverständlich sein sollte. Aber leider nicht ist. Das ist es, was ich unter modernem Feminismus verstehe. Dafür setze ich mich als Sonderbotschafterin von UN Women ein. Und davon würden Männer und Frauen doch letztlich gleichermaßen profitieren. Deshalb wünsche ich mir auch nichts mehr, als dass Männer und Frauen gemeinsam an der Verwirklichung dieses Zieles arbeiten. Heutzutage hat doch Feminismus viel mehr Verbindendes als Trennendes.

Sie haben eine sehr offene Art mit diesem Thema umzugehen. Und stehen damit – zumindest im Filmbusiness – ziemlich alleine da.
Das würde ich nicht so sagen, denn auch im Filmbusiness gibt es viele Frauen die sich für Gleichberechtigung engagieren. Und zum Glück auch ein paar aufgeklärte Männer (lacht). Ich habe durchaus das Gefühl wir sind da auf dem richtigen Weg. Aber natürlich wissen auch alle Beteiligten, dass es ein langer Weg sein wird.

So engagiert im Leben zu stehen, kostet doch sicher auch viel Kraft. Wie tanken Sie denn wieder auf?
Ich schöpfe sehr viel Energie und Kraft aus meinen Yoga-Übungen. Seit einiger Zeit praktiziere ich mit großer Leidenschaft Ashtanga-Yoga. Das ist eine wunderbare Art, meinen Kopf und meine Seele frei zu bekommen. Es ist eine Meditationsform, die des indischen Hatha-Yogas.

Können Sie beschreiben, wie Ashtanga-Yoga auf Sie wirkt?
Ich bekomme dadurch eine völlig neue Perspektive auf die Welt in mir und um mich herum. Ich kann zum Beispiel einen Meditations-Tunnel hinabgehen und mich dabei auf die noch so kleinsten Dinge konzentrieren. Wie zum Beispiel eine Tasse. Dadurch kann ich mich ganz hervorragend entspannen. Der ganze Stress, die ganzen Sorgen und all das, was ich sonst nicht aus dem Kopf bekomme, fallen von mir ab. Alles wird klar. Und da ich nicht religiös bin, kommt diese Art von Transzendenz einer Spiritualität sehr nahe. So bekomme ich sehr viel Energie und Kraft zurück. Ich fühle mich manchmal so, als hätte ich tatsächlich Superkräfte.

Haben Sie eigentlich so etwas wie einen Lebensplan?
Wie heißt es so schön: „Wie kriegt man Gott zum Lachen? Erzähl‘ ihm deine Pläne!“ Aber im Ernst: Natürlich habe ich Wünsche und Bedürfnisse, aber ich versuche, mein Leben weniger zu planen, sondern mehr auf mich zukommen zu lassen.

Verraten Sie uns noch Ihr Lebensmotto?
Ich finde immer noch gut, was mir mein früherer Cricket-Trainer mal gesagt hat: „Gut in Form zu sein, kann schnell vergehen. Aber Klasse bleibt bestehen!“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion