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Aus dem Rotlichtmilieu in die Musikszene: "Wenn man gewohnt ist, viele Scheine zu zählen, war das ein harter Bruch."

Schwesta Ewa

"Ich habe mich selbst im Knast resozialisiert"

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Schwesta Ewa bereut nichts ? auch nicht ihre Zeit im Gefängnis. Im Interview erzählt die Rapperin, warum die Haft für sie im Grunde entspannter war als ihr Alltag in Frankfurt.

Schwesta Ewas Albumcover erinnert an die berühmte Szene aus dem Film „American Beauty“, in der die entscheidenden Stellen der jungen, nackten, blonden Frau nur mit Rosenblättern bedeckt sind. Nur dass die dunkelhaarige Frankfurterin in Geldscheinen badet. Rap verpflichtet.
Zum Interview in das Café am Kirchplatz in Frankfurt kommt die 33-Jährige im T-Shirt, ihr Oberschenkel-Tattoo „Fuck you, pay me“ ist unter der Leggins nicht zu sehen. Außerdem ist sie gänzlich ungeschminkt. So laufe sie im Alltag immer rum, das sei besser für die Haut. Schwesta Ewta gibt sich nahbar, kumpelhaft. Zwei Freundinnen begleiten sie.

Doch die Rapperin hat auch eine andere Seite. Ewa Malanda heißt sie eigentlich und ist spätestens seit vergangenem Jahr auch außerhalb der Rap-Szene bundesweit bekannt. Acht Monate saß sie in U-Haft. Die ehemalige Prostituierte war im Juni 2017 unter anderem wegen 35-facher Körperverletzung, Steuerhinterziehung und sexueller Verführung Minderjähriger zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden.

Schwesta Ewa hatte die Steuerhinterziehung im Umfang von rund 60 000 Euro eingeräumt. Genauso Schläge gegen vier Prostituierte. Die anderen Vorwürfe bestreitet sie vehement. Von den Anklagepunkten der Zuhälterei und des Menschenhandels wurde sie vom Frankfurter Landgericht freigesprochen. Gegen das Urteil hatten sowohl die Staatsanwaltschaft sowie Malanda Revision eingelegt. Das Urteil gegen die Rapperin wird vom Bundesgerichtshof überprüft. Derzeit ist die Rapperin auf freiem Fuß.

Am 1. Juni erscheint ihr zweites Album „Aywa“, das arabische Wort für „Jawohl!“. „Jawohl, ich bin zurück!“, sagt sie.

Sie waren eigentlich schon raus aus dem Rotlichtmilieu und erfolgreiche Rapperin. Warum haben Sie sich trotzdem auf das Geschäft als Zuhälterin eingelassen, Frau Malanda? 
Seit meinem ersten Musikvideo vor sieben Jahren bin ich selbst nicht mehr aktiv gewesen. Und trotzdem war ich noch in der Rotlichtwelt drin, auch wenn meine Hose selbst nicht mehr gefallen ist. Das ist ein Teufelskreis. Ich kam einfach nicht aus dem Milieu raus. Das ist nicht so easy, wie vielleicht viele denken. Mein Freundeskreis war zudem im Rotlichtviertel. Und es ging mir ganz klar ums Geld. Wenn man gewohnt ist, viele Scheine zu zählen, und dann Musik macht, war das ein harter Bruch. Die Leute wollen zwar Fotos mit dir machen und das ist schön und gut. Aber die Kasse klingelt nicht. 

In Ihrem Song „Mein Geständnis“ heißt es, „Ich stehe zu meinen Taten: Das ist mein Geständnis.“ Ist Ihr aktuelles Album „Aywa“ für Sie so etwas wie für die Katholiken der Beichtstuhl?
Es ist einmal Therapie, eine Last von den Schultern zu bekommen. Gleichzeitig ist es auch eine Art Rechtfertigung. Ich wollte, dass die Leute auch mal die Situation aus meiner Sicht erfahren. Schon allein die positive Resonanz auf das Video zu „Mein Geständnis“ tut mir sehr gut. Dass die Leute mir Glauben schenken. Denn die Schublade, in die ich von den Medien reingesteckt wurde, ist schon ziemlich hart. Auch im Knast habe ich deswegen Probleme gehabt. Es kursierten plötzlich Gerüchte, ich hätte zehnjährige Mädchen gezwungen, auf den Strich zu gehen. Das ist so weit weg von dem, was wirklich passiert ist. Ich habe auch keinen Menschenhandel betrieben, dieser Vorwurf hat mich sehr verletzt und ich wurde davon auch vom Landgericht freigesprochen.

Die Frauen haben also freiwillig für Sie gearbeitet?
Ja, ich habe dem Richter sogar mein Facebook-Passwort gegeben. Ich hatte eine Warteliste mit Frauen, die unbedingt für mich arbeiten wollten. Ich hatte es also gar nicht nötig, jemanden zu zwingen oder unter Druck zu setzen.

In einem Ihrer Lieder erzählen Sie, wie Ihre Mutter Sie mit dem Nietengürtel schlägt, immer wieder. Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrer Mutter heute?
Ich liebe meine Mutter über alles. Na klar war sie wohl psychisch krank, so wie sie mich als Kind behandelt hat. Für alles gab es derbe Schläge, allein wenn ich nur eine Vase habe fallen lassen, lag ich direkt zehn Minuten auf dem Boden. So habe ich mein eigenes Aggressionspotenzial meine ganze Kindheit über aufgebaut. Schon im Kindergarten wurde ich rausgeschmissen. Die anderen Kinder hatten zu mir gesagt, das auf meinem Brot sei Gras und ich wäre eine Kuh, dabei war das Schnittlauch. Die Kinder haben direkt Schläge bekommen. Denn nach meiner Ansicht hatten sie etwas falsch gemacht, und das war ihre Strafe. So hatte es mir meine Mutter beigebracht.

Sie flohen als Mädchen mit Ihrer Mutter aus Polen, weil ihr Vater angeblich wegen fünffachen Mordes im Gefängnis saß und Ihre Mutter Angst vor Blutrache hatte. Fühlen Sie sich oft unverstanden?
Leute, die in einer normalen Gesellschaft aufgewachsen sind, verstehen nicht, wie ich überhaupt im Milieu landen konnte. Viele schreiben mir: „Niemand muss in Deutschland anschaffen gehen, es gibt doch Hartz IV.“ Sie wissen aber nicht, wie es ist, wenn man schon mit sechs Jahren zum ersten Mal von einem Mann vergewaltigt wird, die Mutter einen schlägt und sie dich zum Klauen zwingt. Wir schliefen teilweise auf der Straße, waren im Frauenhaus, im Asylantenheim. Wir waren arm, lebten von der Altkleider-Sammlung. Ich habe an meine zwei kleinen Brüder gedacht. Ich wollte Geld verdienen, damit meine Brüder nicht wie ich jeden Sonntag von Sperrmüll zu Sperrmüll laufen müssen.

Gab es für Sie keinen anderen Weg als die Prostitution?
Ich habe mir das so nicht gewünscht. Ich habe versucht, in meiner Jugend Ergotherapeutin zu werden. Aber ich habe schon in der Schule Gras verkauft und das hat gut funktioniert. Dann hast du zum ersten Mal Erfolgserlebnisse. Ich komme nach Hause: Ich kann meinen Brüdern Spielsachen kaufen und meiner Mutter ein Auto, ab da ist es vorbei. Da hat man schon Blut geleckt …

„Ich dachte, das Rap-Geschäft wäre eine saubere Sache, doch hier gibt es mehr Stricher und Nutten als auf der Taunusstraße“ ist eine Ihrer Songzeilen. Wie meinen Sie das?
Im Rap-Game habe ich schnell gemerkt: „Jeder fickt jeden.“ Es wird gelogen, es gibt viel Heuchelei, viel Show. Das Rap-Game ist schlimmer als der Straßenstrich. Auf der Straße wird dir direkt ins Gesicht gesagt: „Du bist Scheiße.“ Im Rap-Geschäft wird rumgeschleimt. Als ich anfing zu rappen, da war Sabrina Setlur schon zehn Jahre weg, und ich war damals so ziemlich die einzige deutsche Rapperin. Viele Rap-Kollegen wollten mich erstmal nicht anerkennen. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich etabliert habe. Ich bin keine Witzfigur mehr, sondern eine ernstzunehmende Rapperin. Und das wird auch so bleiben.

Auf Ihrem neuen Album rappen Sie auch: „Der Knast ist entspannter als Heimat.“ Meinen Sie das ernst?
Wenn man in den Knast reingeht, hat man seine Ruhe. Vorher habe ich noch nie über mich oder mein Leben nachgedacht. Über meine guten, meine schlechten Seiten. Das hatte mich auch nicht interessiert. Wenn du im Gefängnis sitzt, merkst du erst: Wer ist denn da? Ich habe an ganz andere Leute gedacht, die hinter mir stehen. Und Leute, die ich vorher nicht so richtig mochte, haben mir seelischen Beistand geleistet …

Bereuen Sie, was Sie getan haben?
Nein. Du kannst doch nicht etwas bereuen, was du dein ganzes Leben gemacht hast und als normal empfunden hast. Wie dass ich den Mädchen Ohrfeigen verteilt habe, weil das für mich normal war, weil ich nur das Beste für sie wollte. Seit sieben Monaten bin ich draußen und habe niemanden geschlagen. Ich habe mich selbst im Knast resozialisiert. Auch die Steuerhinterziehung bereue ich nicht, ich habe alles zurückbezahlt, aber für meinen Fehler büße ich immer noch. Ich habe 60 000 Euro hinterzogen, andere hinterziehen Millionen Euro und die werden weniger hart bestraft.

Sie bereuen also gar nichts?
Ich bereue nur, dass ich es früher nicht gecheckt habe, mich mehr auf die Musik zu konzentrieren, dann hätte ich damit auch mehr Geld verdient. Aber es war mir alles egal, ich habe Konzerte und Interviews abgesagt. Diese Schwesta Ewa hat mich nicht interessiert. Ich wollte auch nicht berühmt werden. Ich wollte mehr Kunden im Puff. Deshalb habe ich überhaupt mein erstes Musik-Video gedreht. Und am nächsten Tag war ich schon im Frühstücksfernsehen und plötzlich berühmt. 

Sie haben sich mehrfach über die Behandlung im Gefängnis beschwert …
Das Schlimmste für mich war, dass ich gesondert behandelt wurde, nur weil ich Schwesta Ewa bin. Menschenrechte gibt es im Knast nicht.

Sie wollen aus Frankfurt wegziehen. Zu viele schlechte Erinnerungen?
Morgen bin ich in Köln und melde mich schon mal um. Denn ich will auf keinen Fall in Frankfurt wieder in den Knast, die werden mich umbringen. Die haben mich angeklagt wegen Verleumdung und Beleidigung …

Das Frankfurter Urteil von Juni 2017 wird nun vom Bundesgerichtshof überprüft. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch Sie selbst legten gegen die Verurteilung zu zweieinhalb Jahren Haft Revision ein …
Ich habe geheult bei der Urteilsverkündung – vor Glück! Zweieinhalb Jahre. Ich hatte schon Angst, dass ich zehn Jahre ins Gefängnis muss. Die Staatsanwaltschaft will mich wegen Menschenhandel drankriegen. Ich bin für sie der Fall der Fälle. Ich habe Frauen im Knast kennengelernt, die haben mit Kindern komische Sachen gemacht und die bekommen alle weniger als ich. Das ist nicht fair. Ich habe das Gefühl, dass an mir ein Exempel statuiert werden soll, weil ich bekannt bin. Momentan schlafe ich kaum, habe dauernd Bauchschmerzen. Ich schaffe es nicht mal, meinen Briefkasten zu öffnen und schicke eine Freundin, weil ich jeden Tag Angst vor dem Brief des Bundesgerichtshofs habe. Ich kann nichts planen: Wann ist es vorbei? Wie lange muss ich ins Gefängnis?

Ihre Autobiografie „Kein Freier fickt härter als das Leben“ soll Ende Juni erscheinen – ein anderer Verlag hatte sie zuvor abgelehnt, weil die Geschichte kein Happy End hat. Was wäre Ihr persönliches Happy End?
Welche Frau träumt nicht von dem weißen Kleid und einer Hochzeit, und einem Kind, einem Hund und einem Garten? Und die Nachbarn bringen einen Kuchen vorbei. Ich bin gerade Single. Schreib das rein!

Interview: Kathrin Rosendorff

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