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Aino Laberenz, Theatermacherin und Witwe des Regisseurs Christoph Schlingensief.

Interview mit Schlingensief-Witwe

„Ich habe mein Zuhause verloren“

Aino Laberenz, die Witwe Christoph Schlingensiefs, über eine große Liebe und ein Vermächtnis, das sie mit allen Kräften zu verwalten versucht.

Aino Laberenz, die Witwe Christoph Schlingensiefs, über eine große Liebe und ein Vermächtnis, das sie mit allen Kräften zu verwalten versucht.

Frau Laberenz, wann sind Sie Christoph Schlingensief zum ersten Mal begegnet?

Das war, glaube ich, 2003 auf einem Flur in Zürich, ich habe am Schauspielhaus als Kostümassistentin gearbeitet. Ich wusste aber nicht, wer das ist. Ich hatte zwar schon mal Sachen von ihm gesehen, war aber ein eher unverblümter Theatermensch. Und, ja, der erste Blick war eigentlich schon alles.

Wie sind Sie sich näher gekommen?

Bei einer Schaumparty von Schorsch Kamerun. Wir saßen da am Rand und haben schnell ziemlich viel zu reden gehabt. Es gab jede Menge Andockpunkte: Wir sind beide im Ruhrgebiet aufgewachsen, unsere Hassliebe zur Schweiz, unser Wagner- und Bayreuthfaible. 2004 war dann die erste gemeinsame Produktion: „Kunst und Gemüse, A. Hipler“ an der Volksbühne. Wir hatten zwar schon seit „Atta Bambi Pornoland“ sehr intensiven Kontakt, aber ich habe gezögert und fühlte mich überrannt. Er hat immer gesagt, das wäre gut, dass ich ihn am Anfang habe zappeln lassen. Was gar nicht stimmt. Ich hatte ein bisschen Schiss.

Für ihn war es von Anfang an klar, dass Sie seine Liebe sind?

Ja. Als dann Bayreuth kam und die Wagner-Rallye, da hat er mich immer angerufen, wenn es ihm schlecht ging, und es ging ihm damals mit dieser Arbeit sehr oft sehr schlecht. Er hat dann immer versucht, dass ich irgendwie mitarbeite bei ihm.

Er hat zwischen Kunst und Leben nicht unterschieden und war sein eigenes Werk. Wie lebt man mit so jemandem? Blieb was von ihm übrig, wenn er nicht auf Sendung war?

Natürlich! Mein Privatmann. Diese Vermischung seiner Kunst und seiner Person, war bei ihm Prinzip. Wenn ihm ein Haus einen Stoff angeboten hat, zum Beispiel „King Lear“, dann hat er immer gesagt: Ich kann nicht für die Allgemeinheit sprechen, ich muss das aus mir herausholen. Das ist dieser übergreifende Impuls, dass er das Anliegen immer aus sich selber geschöpft hat. Es ging nicht darum, sich zu verkaufen.

Er hat ja sogar Kunst aus seinen Krankheiten gemacht, oder?

Das war schon immer so, auch vor seiner Krebserkrankung: Sein Körper hat auf seine Arbeit reagiert. Er hatte zum Beispiel diese autoaggressive Allergie. Man wusste nie, wogegen er eigentlich allergisch war, aber an bestimmten Punkten, wenn sein Geist oder sein Körper überreizt waren, brach das aus. Manchmal mitten auf der Bühne, im Burgtheater zum Beispiel. Auf einmal hatte er überall Flecken, musste sofort von der Bühne geschafft werden und hat Adrenalin bekommen. Immer, wenn er sich selber nicht mochte, passierte das. So hat er das erklärt. Oder 2007 bei „Freax“, da lief es gerade nicht so gut, und auf einmal taten ihm die Augen weh. Alle haben gesagt, ja klar, das ist doch Hysterie. Aber die Augen sind zugeschwollen. Das war ein Adeno-Virus, er nannte es seinen Adorno-Virus. Hysterie oder nicht, das Ding ist hochgradig ansteckend – und ich habe es auch bekommen. Es war real. Ja, er war schon sehr verwachsen mit seinen Bildern, offenbar auch körperlich.

Wie haben Sie denn in diese Welt gefunden? Was war Ihre Rolle?

Ich habe lange gebraucht, um dieses Verwobensein zu verstehen. Ich war dann eher der Part, der ihm die Ruhe gegeben hat.

Einerseits ging er professionell mit der Presse um und betrieb sein vielschichtiges Medienspiel, andererseits hat er das, was über ihn geschrieben wurde, sehr nah an sich herangelassen. Wie war das, als er den Krebs hatte, und auf einmal alle auf seiner Seite waren?

Er hat das Krebs-Bonus genannt. Er hat nichts anderes gemacht als vorher, aber wurde besser verstanden und ernster genommen.

Hat ihm das in seiner Krankheit gut getan?

Er hat es ja nicht gleich öffentlich gemacht. Es war zwar schon was durchgesickert, aber als dann die Bild-Zeitung mit einem Fotografen vor seinem Zimmer im Krankenhaus stand, haben wir eine einstweilige Verfügung erwirkt. So richtig ist er erst mit „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ an die Öffentlichkeit gegangen. Da hatte er die erste Chemo schon hinter sich. „Zwischenstand der Dinge“ am Maxim-Gorki-Theater war ja die erste Arbeit, bei der er mit seinen Texten über die Erkrankung gearbeitet hat. Das war unglaublich wichtig. Als Christoph krank wurde und dann die OP war, hatte er wahnsinnige Angst, dass ihm die Chemo alles kaputt macht, seine Fantasie, sein Denken. Ich habe gesagt, wir müssen unbedingt „Zwischenstand“ machen. Er war Feuer und Flamme, aber dann schlug die Chemo immer heftiger zu, und er wurde immer schlapper. Zum Glück hat uns Gorki-Intendant Armin Petras Zeit gegeben und die Möglichkeit, die Premiere immer weiter zu verschieben. Bis Christoph dann sein Angebot angenommen hat, das Stück nur für Freunde zu spielen.

Kann man während einer Chemo-Therapie überhaupt Regie führen?

Na ja. Ich hab Christoph jeden Tag mit dem Auto hingefahren. Dann hat er gekotzt, dann habe ich ihn wieder nach Hause gefahren. Zusammen mit Anna Heesen, die die Dramaturgie gemacht hat, habe ich Szenen gebaut, damit er nicht vor dem Nichts steht und besser in die Arbeit kommt. Irgendwann hat es auch geklappt. Er ist nach vorn gerannt und hat losgearbeitet. Danach kam er zu mir und hat gesagt: „Ich habe nicht darüber nachgedacht, ob mein Körper das mitmacht. Allein dafür hat es sich gelohnt“.

Er wurde ja noch einmal sehr produktiv und hat viel angestoßen. Etwa das Operndorf mit Opernhaus und Musikschule bei Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Sie waren gerade dort, oder?

Ich wollte vor Ostern hin, aber leider sind da die Unruhen dort heftiger geworden. Der Präsident hat die Regierung entlassen.

Was sind denn da für Unruhen?

Absurd, dass man hier kaum etwas davon erfährt. Das ging los, als ich Ende Februar, Anfang März zum Fespaco-Filmfestival, da war. Es gab Unruhen, nachdem ein Schüler ums Leben gekommen war und Gerüchte aufkamen, dass die Staatsmacht dahintersteckte. Das hat die Bevölkerung aufgebracht. Als ich dann weg war, ging das mit den Plünderungen los. Es gab Straßenkämpfe, Tote und Ausgangssperren, den ganzen März. Im April hatte es sich erst beruhigt, dann hieß es, dass der Präsident aufs Land geflohen ist, ausgerechnet in die Gegend, wo auch das Operndorf liegt. Von Einheimischen haben wir gehört, dass es von der Armee ausgeht. Aber die Aufstände haben auch die Bevölkerung ergriffen.

Haben Sie nie den heimlichen Gedanken, dass dieses Operndorf eine verrückte Idee ist?

Nein. Aber ich habe ungefähr einen Monat gebraucht, um mir zu überlegen, wie ich das weitermache. Christoph wäre der Erste, der sagen würde: Wenn du daran zerbrichst, dann lass es. Aber er wollte, dass es weitergeht. Als er am Ende wieder ins Krankenhaus gekommen ist und die letzte Woche dann auf der Intensivstation lag, haben bis auf einen alle Ärzte gedacht: Er schafft das, er hat so eine Energie. Aber sie wollten dennoch dieses Aufklärungsgespräch führen und klären, wann abgeschaltet wird und so. Das hatten Christoph und ich schon längst besprochen. Und er hat dann eine lange Rede vor den Ärzten gehalten: „Kriegt mich jetzt mit eurer Medizin gefälligst mal hin! Ich hab doch noch so viel zu machen! Ich will jetzt endlich hier raus! Im Oktober ist Einschulung! Wenigstens das will ich noch erleben!“

Sie haben nie am Operndorf gezweifelt?

Nie. Ich bin pragmatischer als Christoph. Er war immer schnell, ich bin nicht unbedingt vorsichtiger, aber ich spüre jetzt die Verantwortung, die er trug. Es war sehr mutig, was er da angefangen hat.

Mutig ja, aber verantwortungsvoll? Er hat ja immer Ideen gehabt, ist dann vorgeprescht, aber um die Folgen kümmerte sich ein Stab von Assistenten, der ihm nachwuselte und aufräumen musste.

Er hat immer gesagt, ohne sein Team wäre das alles nicht möglich gewesen. Aber ich merke erst jetzt so richtig, wo er nicht mehr da ist, was für einen breiten Rücken er hatte. Letztlich hat er den Kopf hingehalten, nie ein Teammitglied. Er hat sein Team stets geschützt, auch wenn man viel Mist machen musste. Aber es war auch jeder frei. Er war kein Guru.

Die Schauspielerin Dorothee Hartinger hat die Begegnung mit Schlingensief bei den Proben zu „Bambiland“ 2003 am Wiener Burgtheater kürzlich als „Schock“ beschrieben. Die Wunden der gemeinsamen Arbeit seien bis heute nicht verheilt.

Es war sicherlich nicht leicht, mit ihm zu arbeiten, und es konnte auch nicht jeder mit ihm umgehen. Für mich war es aber so, dass er einen sehr genau gesehen hat. Nicht umsonst war Irm Herrmann immer Irm auf der Bühne, oder Margit Carstensen immer Margit. Es gab allerdings auch Missverständnisse von Schauspielern, die gedacht haben, mit dem Schlingensief müsse man jetzt mal arbeiten, weil der gerade angesagt ist. Das ist auch in Ordnung, aber es war eben so, dass Christoph nie eine Anweisung gegeben hat, wie man sich zu bewegen hat oder so. Man musste als Schauspieler immer das meinen, was man tat, man konnte sich hinter keiner schützenden Rolle verstecken. Manche haben da ein anderes Verständnis vom Schauspielerberuf und von Theater.

Schlingensief hat ja sehr viele Menschen so gesehen, wie Sie es beschreiben. Er sah einen an, man fühlte sich gemeint, es war sofort eine Beziehung da – und dann war er wieder weg. Nicht wenige fühlten sich danach vergessen und verlassen von ihm.

Er hat immer zwei entgegengesetzte Seiten vereint: Einerseits hat er viele Menschen um sich geschart, andererseits war er der größte Einzelgänger. Er hatte keinen besten Freund, vielleicht hat er das gesucht, aber das konnte er nicht.

Sie auch nicht?

Ich habe das nicht so gesucht, aber er offenbar. Er wollte auch unbedingt heiraten. Ich war nie ein Mädchen, das dringend mal Braut sein wollte. Nachdem er mich aber ein paar Mal gefragt hat, merkte ich, was eigentlich sein Anliegen war. Es ging nicht um das Papier. Aber er hat mir gesagt: Du bist jetzt diejenige, die ich ohne Kompromisse vor allen zulasse. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich verstanden hatte, was das für ihn bedeutet. Es war übrigens eine sehr schöne, entspannte Hochzeit mit gut hundert Freunden und vielen Kindern.

Haben Sie Ihr Brautkleid selbst entworfen?

Ich habe angefangen, bin aber nicht weit gekommen. Ich hab mir dann schnell irgendetwas gekauft. Wir waren ziemlich verplant, in der Zeit. Es war sehr lustig.

Mit der Heirat hat er Ihnen ja auch das Erbe übergeholfen.

Aber nicht nur, weil ich die Frau bin, sondern weil er mich als Erbin vorgesehen hat.

Woraus besteht denn das Erbe von Christoph Schlingensief konkret?

Es gibt die Kinofilme, es gibt das, was von Theaterarbeiten geblieben ist, Bühnenbilder oder Videos zum Beispiel. Auch Fotos, Kunstwerke, Aufzeichnungen. Es gibt da sehr viel.

Ein Teil wurde der Akademie der Künste übergeben. Was geschieht damit?

2009 hat er einen Vertrag gemacht, dass die Akademie sein Material archiviert – nicht die Filme oder Installationen, sondern selbstgeklebte Plakate, Drehbücher, solche Dinge. Ich finde ja auch hier in der Wohnung noch immer viel.

Da hinten steht zum Beispiel was.

Ja, ein Bühnenteil aus der Inszenierung „Kaprow City“, 2006 an der Volksbühne. Schön, oder?

Ja, aber wird es in der Akademie denn eine Ausstellung geben?

Sie sind erst mal dabei, alles zu erfassen. Zum Glück gibt es wahnsinnig viel. Ob daraus irgendwann einmal eine Ausstellung wird, muss man sehen. Vielleicht gibt es einmal eine Retrospektive.

Und was haben Sie außer Arbeit noch geerbt?

Keine Ahnung, die ganzen Sachen halt.

Gibt es noch irgendetwas, das keiner kennt?

Ja, aber keinen ganzen Film oder so etwas. Christoph hat mir immer gesagt, er fände es total absurd, wenn man hier noch einen Socken rauszieht und da noch was Kleines, das war ihm zuwider.

Kann man an Christoph Schlingensief erinnern, ohne sein Werk zu verklären?

Das frage ich mich auch. Für mich ist Christoph ja gerade erst tot, er geistert noch sehr, sehr rum. Ich habe das Gefühl, dass alles erst einmal zur Ruhe kommen muss. Aber wenn jetzt etwas so Großes wie der Pavillon bei der Kunstbiennale in Venedig kommt, ist natürlich die Frage: Ab wann verklärt man? Ab wann wird ein Werk zum Denkmal, zum Mausoleum? Wie bekommt man den wahnsinnig lebendigen Menschen Schlingensief gezeigt? Er war ja wie so ein Schwamm, hat alles aufgenommen und dann wieder verwurstet. Das ist jetzt natürlich weg, und das, was noch übrig geblieben ist, erzählt eine eigene Geschichte. Meine Hoffnung ist, dass man sich die Sachen anguckt und darauf einlässt und ihnen eine eigene Chance gibt, ohne überall zu sehen, wo er fehlt.

Mit welchen Zielen sind Sie an die Arbeit für den Deutschen Pavillon in Venedig gegangen?

Ich konnte jedenfalls nicht das machen, was er vorhatte. Eine Retrospektive sollte es aber auch nicht geben, dafür ist der Pavillon viel zu klein und viel zu kurz. Retrospektive würde ja heißen: Wir haben die Übersicht. Jetzt zeigen wir mal alles. Das kann ich nicht. Wirklich, er ist für mich gerade erst gestorben. Ich denke ganz oft, dass er noch nebenan im Bett liegt.

Was wollte Christoph Schlingensief denn in Venedig zeigen?

Er hatte wunderschöne Ideen, Thema war Afrika. Er dachte an ein afrikanisches Wellness-Zentrum: Du wäschst dich rein und wirst schwarz; man sollte von oben in den Pavillon hineinschauen können, wie in eine Kamera. Alles das kann ich nicht, ich hätte ihm meine Ästhetik anheften müssen und ein bisschen Christoph spielen – das kann und werde ich generell nicht machen.

Eine Hommage an Schlingensief sollte es auch nicht werden?

Was bedeutet schon Hommage? Er ist ein guter deutscher Künstler, der es wert ist, gezeigt zu werden.

Würden Sie es denn erlauben, wenn zum Beispiel ein Theater das Tagebuch von Schlingensief auf die Bühne bringen will?

Grundsätzlich ist das überlegenswert. Aber jetzt wünsche ich uns erst einmal ein wenig Ruhe. Damit er nicht so zerrissen wird. Dass er nicht mehr da ist, bedeutet auch, dass es sein Tempo nicht mehr gibt. Aber es ist ja kein falscher Gedanke, dass man ihn in Zukunft freilässt, dass man mit ihm arbeitet, dass jeder für sich seinen eigenen Zugang findet.

Das muss ein ungeheurer Druck auf Sie sein: die Biennale in Venedig, die Geschäftsführung des Operndorfs, „Via Intolleranza II“ beim Theatertreffen ... Haben Sie keine Angst, dass alle über Sie herfallen werden?

Klar werden die das. Und klar habe ich Angst. Als ich zum ersten Mal allein runter nach Burkina gefahren bin, merkte ich, was ich mir da auf die Schultern geladen habe. Aber ich bin nicht ganz allein, ich habe Berater, die mir helfen. Frieder Schlaich von der Filmgalerie 451, die Leute von der Galerie Hauser & Wirth, das Gremium des Operndorfes, und im Büro der Festspielhaus GmbH habe ich zwei ganz tolle Mädels, die mir den Rücken freihalten.

Verantwortlich sein heißt auch, in der Kritik stehen.

Ich weiß, dass ich mir da ein dickes Fell anziehen muss.

Kommt man aus diesen Verpflichtungen des Vermächtnisses wieder raus? Gibt es diese Option?

Ich glaube nicht. Na ja. Ich bin Christophs Ehefrau. Es wäre wie Wegrennen. Vielleicht ist es auch ein Prozess, in dem ich mich befinde.

Wie ist das, wenn Sie Ihren eigentlichen Beruf ausüben und Kostüme entwerfen, wie zuletzt im Gorki-Theater für Armin Petras' Inszenierung „Früchte des Zorns“. Ist das wie Urlaub vom Witwen-Dasein?

Ich kenne Petras sehr gut, aber das war eine schwierige Produktion für mich. So kurz nach Christophs Tod. Auch weil ich gemerkt habe, wie sehr er mir fehlt. Es war mir immer wichtig, dass ich nicht nur mit Christoph, sondern parallel auch mit anderen Regisseuren arbeite. Und jetzt wurde mir klar: Mit Christoph habe ich auch mein künstlerisches Zuhause verloren. Durch ihn hatte ich das Fotografieren wiederentdeckt. Er hat mir immer die Kamera in die Hand gedrückt, ich musste die Fotos für die Produktion machen. Er hat an meinen Fotos gesehen, ob etwas gut war oder nicht. So etwas habe ich jetzt mit niemandem mehr. Eigentlich waren wir beide Seismografen füreinander. Wir haben eine Fantasie, eine komplette Welt geteilt, das ist etwas, das mir echt fehlt. Und seine Hände. Er hatte so große Hände, wenn ich meinen Kopf hineingelegt habe, ist mein ganzer Kopf darin verschwunden.

Aber Sie müssen doch auch für sich arbeiten?

Mach ich auch. Aber wie gesagt, jetzt muss erst einmal ein bisschen Ruhe herein, wenn ich neben dem Pavillon anfange, Kostüme zu machen, würde ich durchdrehen. Außerdem ist das Operndorf auch meins, sonst könnte ich das nicht so machen!

Wann hatten Sie denn rein quantitativ mehr zu tun, vor oder nach seinem Tod?

Jetzt schon irgendwie mehr. Aber es war auch ein anderes Tun. Ich hatte ja zweieinhalb Jahre einen schwer kranken Mann. Ich habe ihn jeden Tag zum Arzt gefahren. Ich war auch jedes Mal mit in Afrika. Und ich habe immer mehr als nur Kostüme gemacht.

Was haben Ihre Eltern gesagt, als Sie Ernst gemacht haben mit Schlingensief? Die einzige Tochter lässt sich mit einem fast doppelt so alten, ziemlich verrückten Künstler ein ...

Meine Eltern sind da sehr loyal. Die fanden das schon in Ordnung, was ich und meine Brüder da so anschleppen. Das war in Ordnung. Christoph gehörte auf einmal zu einer großen Familie. Das war etwas Schönes für ihn. Als er gestorben ist, hat er sich bei allen verabschiedet und jedem noch etwas mit auf den Weg gegeben.

Warum wollen Sie noch nicht verraten, wo sich das Grab befindet?

Ich brauche noch ein bisschen. Ich weiß, dass jeder das Recht auf Trauer hat. Und Christoph war ja eine öffentliche Person. Ich will das auch niemandem nehmen. Aber es ist noch kein Jahr vorbei, und ich habe noch nicht einmal einen Stein. Ich will einen aus Afrika holen, vom Operndorf. Das ist ziemlich aufwendig, ich muss einen finden und ihn einschiffen.

Einen kleinen könnte man ja im Handgepäck mitnehmen.

Nein, ich will einen großen.

Hat er gewusst, wann das Ende kam?

Er hat es dann schon geahnt. Es ging ihm am Schluss sehr schnell sehr schlecht. Er hatte neue Metastasen im Nacken und wurde noch einmal anderthalb Monate bestrahlt. Da war er so ganz schlapp. Als die Bestrahlung vorbei war, sind wir nach Hause gefahren. Eine Woche später lag er hier, wollte nur schlafen, nichts essen. Das kannte ich schon. Aber dann hat er mir das erste Mal gesagt, dass er nicht mehr kann. Als er dann nichts mehr trinken wollte, habe ich ihn wieder ins Krankenhaus gebracht. Ich dachte, ich hole ihn wieder raus, wie immer. Er wurde künstlich ernährt und gestärkt, hat sich auch wieder etwas berappelt. Aber dann hat er eine Lungenentzündung bekommen und ist letztlich an Lungenversagen gestorben.

War es ein ruhiger Tod?

Ja. Ich war ja die ganze Zeit bei ihm, habe auf der Intensivstation geschlafen. Monate später hat mir eine Ärztin gesagt, dass sie noch nie jemanden so schön hat sterben sehen, wenn man das so sagen kann. Am Schluss fängt der eigentliche Todeskampf an, wenn der Körper noch einmal Adrenalin bekommt. Das ging bei ihm alles ganz schnell und ganz ruhig. Da war überhaupt kein Wehren.

Interview: Dirk Pilz, Ulrich Seidler und Sabine Vogel

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