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Cliff Richard am Mittwoch vor dem Gericht.

Cliff Richard

"Ich habe keine Leichen im Keller"

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Cliff Richard geriet als Sexualverbrecher unter Verdacht; jetzt klagt er gegen die BBC.

An öffentliche Auftritte ist dieser Mann seit mehr als 60 Jahren gewöhnt. Und doch wirkt Sir Cliff Richard jeden Tag ein wenig zögerlich, ehe er sein Taxi verlässt und den Fotografen zulächelt. Auf der Bühne zu stehen und für Fans in aller Welt zu singen hat einem der erfolgreichsten Musiker Großbritanniens nie etwas ausgemacht. Derzeit aber verbringt er seine Tage im Londoner High Court: Der 77-Jährige will seinen guten Ruf wiederherstellen, der durch ungerechtfertigte Vorwürfe von Sexualverbrechen gegen Jugendliche ruiniert wurde.

In einer tränenreichen Zeugenaussage erinnerte sich die Poplegende vergangene Woche an jenen Tag im August 2014, der sein Leben veränderte. Live flimmerten damals Bilder um die Welt, die ein BBC-Team aus einem Hubschrauber heraus schoss: Sie zeigten Kriminalbeamte bei der Durchsuchung von Richards Haus in Sunningdale westlich von London. „Als ob ich Einbrechern dabei zuschaute, wie sie meine persönlichen Habseligkeiten durchwühlten“, beschrieb Richard den Vorgang vor Gericht.

Tage- und wochenlang seien seine Anwesen, darunter ein Weingut in Portugal, anschließend von Reportern belagert worden. „Mein altes Leben, lange Jahre ruhig und friedlich, war vorbei.“ Er sei in der Küche zusammengebrochen und habe auf Knien geweint, sagte Richard. „Ich fühle mich bis heute permanent beschädigt.“

Der von der Queen zum Ritter geschlagene Künstler und seine Anwälte argumentieren, der weltberühmte öffentlich-rechtliche Sender habe durch sein Eindringen in die Privatsphäre des Stars ein Ermittlungsverfahren der Kripo unzulässig aufgebauscht und um mehrere Monate verlängert.

Tatsächlich reichte die zuständige Abteilung den Bericht samt Hubschrauberbildern für eine Preisverleihung zum „Scoop des Jahres“ ein. Die Kripo brauchte knapp zwei Jahre für ihre Abklärung, die Staatsanwaltschaft verweigerte die Anklageerhebung: Die Ermittlungen hätten „unzureichende Beweise“ für die jahrzehntelang zurückliegenden angeblichen Zwischenfälle erbracht.

Von der zuständigen Kripo in Süd-Yorkshire erhielt der Betroffene später eine „vollständige Entschuldigung“. Anstatt, wie in anderen Fällen geschehen, eine Entschuldigung und Kompensationszahlung für einen guten Zweck anzubieten, hat sich hingegen das BBC-Management darauf versteift, den Fall vor Gericht durchzufechten. Man habe „im öffentlichen Interesse“ gehandelt, rechtfertigt sich der Sender.

Dass die Reporter Fällen von angeblichen Sexualverbrechen älterer Herren mit besonderer Hartnäckigkeit nachgingen, dürfte mit einem schrecklichen Versagen der Anstalt zu tun haben. Über Jahrzehnte hinweg gehörte der 2011 verstorbene Moderator Jimmy Savile zu ihren Stars – und misshandelte und vergewaltigte mehr als 300 Kinder und Jugendliche. Die Art und Weise, wie sein früherer Arbeitgeber vor und nach Saviles Tod mit den Vorwürfen umging, hat die Glaubwürdigkeit des BBC-Journalismus massiv beschädigt. Eine interne Untersuchung förderte schwere Führungsmängel sowie „organisatorisches Chaos“ zutage.

Er habe der BBC viel zu verdanken und den Sender stets bewundert, beteuerte Richard vor Gericht. Tatsächlich waren Fernsehen und Radio von immenser Bedeutung für die Karriere des Künstlers, der mit weichen Popsongs wie „Congratulations“, „We don’t talk anymore“ oder „Summer Holiday“ berühmt wurde. 1957 – die Sowjetunion schickte ihren ersten Satelliten Sputnik ins All – trat der in Indien geborene Junge aus der Londoner Vorstadt Cheshunt erstmals öffentlich auf, zunächst noch unter seinem Geburtsnamen Harry Webb.

Ein Jahr später veröffentlichte er als Cliff Richard seine erste Single „Move It“, die niemand anders als der ermordete Beatle John Lennon später als Inspiration und „erste britische Rockschallplatte“ bezeichnete. Das erste Album folgte im Jahr darauf, und seither hat Richard nicht aufgehört zu singen. Schon 1967 nahm er eine Platte auf mit dem programmatischen Titel „Don’t stop me now!“ Und da ihn weder damals noch in den Jahren bis heute irgendjemand aufhalten konnte, hat er inzwischen mehr als 100 Alben auf den Markt gebracht.

Dabei kommt dieser Rocker rührend unmodern daher, selbst impertinente Fragen nach seinem Sexualleben hat er stets mit einem Lächeln beantwortet. Es hat keine Skandale gegeben in Cliff Richards Leben, keine enttäuschten Liebhaberinnen, keine toten Strichjungen im Swimmingpool. Als er noch vor den Kripoermittlungen auf bereits umlaufende Gerüchte reagieren wollte, warnte ihn sein PR-Mann: „Wenn Sie an die Öffentlichkeit gehen, kommen die Leichen aus dem Keller.“ Richards Antwort spricht für sich: „Ich habe keine Leichen im Keller.“ Vom höchsten Zivilgericht des Landes wünscht er sich nur eines: „Meine Ehre soll wiederhergestellt werden.“

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