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"Ich habe keine Ahnung"

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Von: Ulrich Lössl

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Wenn man kein Talent hat, dann nützt einem auch kein Durchhaltevermögen, sagt Michael Keaton.
Wenn man kein Talent hat, dann nützt einem auch kein Durchhaltevermögen, sagt Michael Keaton. © rtr

Der US-amerikanische Schauspieler Michael Keaton über das Comeback seines Ruhms, die Lust auf Burger ? und warum er keine Rinder züchtet.

Michael Keaton (65) wäre wohl längst kein Schauspieler mehr, wenn er Ende der 80er Jahre nicht Tim Burton begegnet wäre. Nachdem Burton bei „Beetlejuice“ sein komisches Talent erkannt hatte, wollte er ihn auch unbedingt – gegen heftigen Widerstand der Studiobosse – als Batman haben. Mit dieser Rolle wurde Keaton zum Weltstar. In der Folge drehte er unter anderem mit Quentin Tarantino und Steven Soderbergh, bevor es Ende der 90er Jahre etwas still um ihn wurde.

Vor drei Jahren hatte er dann mit „Birdman“ ein glänzendes Comeback. 2015 folgte mit „Spotlight“ ein weiterer Oscar-prämierter Film. Seine Erfolgsserie setzt er jetzt mit „The Founder“ (ab 20. April in den deutschen Kinos) fort. In dem Biopic spielt er Ray Kroc – den Mann, der McDonald’s Fast Food zum Welterfolg machte.

Er war von 1984 bis 1990 mit der Schauspielerin Caroline MacWilliams verheiratet. Mit ihr hat er einen Sohn. Keaton hatte zahlreiche Beziehungen, unter anderem mit Michelle Pfeiffer und Courteney Cox.

An einem regnerischen Nachmittag in Los Angeles treffen wir einen aufgeräumten Michael Keaton, der auf seinen neuen Film sichtlich stolz ist.

Herr Keaton, die stammen aus der Arbeiterklasse. Wie stecken Sie das weg, wenn Sie so ein Kapitalismus-Monster wie Ray Kroc spielen?
Als Schauspieler habe ich die Aufgabe, meine Figur so authentisch wie möglich darzustellen. Dabei schalte ich meinen moralischen Kompass aus. Solange ich vor der Kamera stehe, bin ich Ray Kroc. Mein Job ist es, ihn so dreidimensional wie möglich zu zeigen, damit sich der Zuschauer selbst ein Urteil bilden kann. Und es stimmt, ich komme aus der Arbeiterklasse. Ich bin das jüngste von sieben Kindern. Meine Eltern haben uns in einem Kaff nahe Pittsburgh unter großen finanziellen Schwierigkeiten großgezogen. Mein Vater hatte eigentlich immer zwei Jobs zugleich. Das hat mich natürlich geprägt. Ich habe zum Beispiel sehr großen Respekt vor hart arbeitenden Menschen. Vor Menschen mit Herzensbildung. Ich könnte auch nie handeln wie Ray Kroc: das Wohl meiner Familie aufs Spiel setzen, unser Haus für eine fixe Idee verpfänden, das Risiko eingehen, dass wir bei einem Fehlschlag alle auf der Straße stehen.

Haben Sie Spuren von Krocs Charakter auch in ihrem gefunden?
Auf jeden Fall. Auch ich arbeite gerne sehr hart. Auch ich kann mich auf eine Sache ganz und gar fokussieren. Auch ich habe einen starken Willen, ein starkes Durchset-zungsvermögen. Und wie Kroc habe auch ich es gerne sauber und aufgeräumt. Als ich im Film vor der Burger-Filiale den Dreck wegfegen musste, habe ich das sehr genossen. Sie müssen wissen, bei McDonald’s ging es damals weniger um Fast Food, sondern mehr um ein ganz gewisses – uramerikanisches – Lebensgefühl. Es war ein Ort der Identität. Dort konnte jeder bei einem Burger und einer Coke seinen ganz persönlichen American Dream träumen.

Was ist denn aus diesem vielbeschworenen Traum geworden? Gibt es den überhaupt noch?
Ich glaube schon. Er hat sich in den letzten Jahrzehnten allerdings erheblich gewandelt. Früher träumte man von einem Auto oder einem eigenen Haus. Oder davon, genügend Rücklagen zu haben, damit die Kinder aufs College gehen können. Heute geht es doch meist nur noch um die Anzahl der Autos und Häuser. Wir leben mittlerweile in einer Welt, die uns fast alle zu gierigen Konsumenten macht und mit Dingen bombardiert, die wir gar nicht brauchen und nicht haben wollen. Trotzdem kaufen wir sie, nur um sie dann schnell wieder wegzuwerfen.

Haben Sie sich Ihren ganz persönlichen amerikanischen Traum erfüllt?
Oh ja! Dafür habe ich sehr hart gearbeitet. Doch ich hatte auch sehr viel Glück. (Lacht) Und ich gestehe: Ich habe zwei Häuser. Wer hat das schon?

Als Hollywoodstar? Da geht es bei vier, fünf Villen in Beverly Hills und Malibu und einer Privatinsel doch erst richtig los …
(Lacht) Ja, vielleicht. Aber Reichtum und Luxus waren nie mein Ziel. Als ich anfing, wollte ich vor allem ein guter Schauspieler werden. Und auf einem bescheidenen Niveau von meiner Arbeit leben können.

Immerhin haben Sie auch noch eine Ranch in Montana. Züchten Sie da auch selbst Rinder?
Ich habe dort zwar viele Rinder, habe sie aber an meine Nachbarn verpachtet. Ich habe weder die Zeit noch das Know-how für die Rinderzucht. Allerdings bin ich sehr in der Art und Weise involviert, wie die Tiere aufgezogen werden. Mir liegt viel an artgerechter Haltung. Ich habe schon von jeher ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein. Lange bevor es in war grün zu sein. Als ich diesen Flecken Erde vor Jahrzehnten kaufte, wusste ich gleich: Hier bist du zu Hause. Ich hatte schon immer ein Faible für den Westen, für das Weite, Ursprüngliche, Unberührte. Es ist doch so schön, im Einklang mit der Natur zu leben. Früher haben mich viele meiner Freunde ausgelacht, wenn ich zum Fliegenfischen gegangen bin. Jetzt lacht keiner. Im Gegenteil. Heute fragen sie mich, ob ich es ihnen beibringen kann.

Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal einen Big Mac gegessen?
Das ist schon lange her. Burger esse ich wirklich gerne. Meistens brate ich sie mir aber selber auf dem Grill. Ich erinnere mich aber noch gut daran, wie ich als kleiner Junge mit meinem ältesten Bruder fast 30 Kilometer weit gefahren bin, um bei der nächsten McDonald’s-Filiale einen Burger mit Pommes und Cola zu bekommen. Toll fand ich damals aber nicht nur das Essen, sondern auch das ganze Drumherum: das gigantische gelbe „M“, das nachts so wunderbar leuchtete, die Atmosphäre, das Gefühl von Geborgenheit.

Welche Jobs hatten Sie denn, bevor Sie von der Schauspielerei leben konnten?
Ich habe nie in einem McDonald’s-Restaurant gearbeitet, wenn Sie das meinen. Aber ich habe sehr wohl in anderen Restaurants gekellnert. Den ersten Job, den ich je hatte, gab mir eine ältere Lady in unserer Straße, wo ich aufgewachsen bin. Ich habe einen Sommer lang ihren Rasen gemäht. Und sie gab mir für jedes Mal fünf Cent. Ihre Wiese war allerdings wirklich riesengroß. Am Ende des Sommers ließ sie sich erweichen und gab mir 25 Cent. Dann habe ich eine Zeit lang als Caddy auf einem Golfplatz gearbeitet. Aber zu der Zeit war ich noch ziemlich klein, so dass ich es kaum schaffte, einen Golfsack zu tragen. Ich bin erst mit 18 etwas gewachsen. Die Golftaschen schleiften also immer auf dem Boden. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass ich den Job nicht sehr lange hatte. Dann habe ich als Parkplatzwächter gearbeitet und auf dem Bau. Das war ein echter Knochenjob.

Und als dann die Millionengagen kamen …
Bis die kamen, hat es sehr lange gedauert. Aber noch einmal: Ich war nie gierig. Weder nach Ruhm noch nach Reichtum. Das hat mich vor vielen Abstürzen bewahrt.

Aber ein Star in Hollywood zu sein – das fühlt sich doch gut an, oder?
Ja, für ein paar Wochen vielleicht. Ach, wissen Sie, Macht und Einfluss zu haben ist ja nicht von Dauer. Hatte ich einen Hit am Start, rollten sie mir in Hollywood überall den roten Teppich aus. War mein nächster Film ein Flop, haben mich dieselben Leute, die mich gerade noch hofierten, nicht einmal mehr gegrüßt. Ich habe mich bei den Powerplay-Karrierespielchen jedenfalls nie wohl gefühlt. Als Schauspieler muss man sich mit der Zeit eine dicke Haut zulegen. Denn es gibt immer Leute, die wollen dich herunterziehen oder sogar fertigmachen, ganz egal, was du machst. „Du bist schlecht. Du kannst das nicht.“ Ich habe ihnen allerdings nie so viel Macht über mich gegeben, dass ich durch ihre Urteile aus der Bahn geworfen worden wäre.

Ray Kroc hört immer und immer wieder die Platte eines Motivationsgurus. Mit dem Mantra: „Durchhaltevermögen ist wichtiger als Talent.“ – Stimmen Sie dem zu?
Es ist schwierig, darauf ehrlich zu antworten. Meist geht es doch Hand in Hand. Wenn man kein Talent hat, dann nützt einem auch kein Durchhaltevermögen. Allerdings habe ich viele Leute mit großem Talent daran scheitern sehen, dass sie bei Rückschlägen zu früh aufgaben und nicht den Willen hatten, sich durchzubeißen. Man muss einfach dabeibleiben – trotz allem. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Sie hatten zu Anfang des neuen Millenniums eine ziemlich lange Durststrecke zu überstehen. Jetzt haben Sie den vielleicht besten Lauf seit Jahrzehnten. Was haben Sie anders gemacht?
Wenn ich das wüsste. Ich habe keine Ahnung. Ich habe immer mein Bestes gegeben – auch bei den lausigen Filmen. Das bin ich meinem Arbeitsethos schuldig. Dann kam „Birdman“. Und jetzt bin ich gefragter denn je.

Interview: Ulrich Lössl

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