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Nachruf auf Isolde Schmitt-Menzel – Erfinderin der Maus hat „glücklich und frei gelebt“

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Von: Boris Halva

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„Das innere Kind ist bei mir noch sehr lebendig“: Isolde Schmitt-Menzel.
„Das innere Kind ist bei mir noch sehr lebendig“: Isolde Schmitt-Menzel. Renate Hoyer © Renate Hoyer

Genau wie die orangefarbene Maus, die Isolde Schmitt-Menzel einst erfunden hat. Nun ist die Zeichnerin gestorben. Ein Nachruf.

Frankfurt – Von Grenzen will sie nichts wissen. Sie will in Freiheit leben. Frei sein im Kopf, und frei sein als Mensch. Die Freiheit, nach der sich Isolde Schmitt-Menzel immer schon sehnt, findet sie Anfang der 70er Jahre in den USA, fern ihres Heimatlandes, das gemeinhin als Land der Dichter und Denker gefeiert wird – und sie doch irgendwie einengt mit all den Beschränkungen und Verboten, wie sie im Juli 1999 in einem FR-Artikel sagt.

Auf ihrem großen Grundstück in Boerne, Texas, wo sie die meiste Zeit des Jahres lebt, kann die Grafikerin und Keramik-Künstlerin ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Und wenn ihr nicht nach zeichnen zumute ist, sammelt sie Holz und Steine für ihre künstlerischen Arbeiten. Oder sie erledigt kleine Reparaturen an einem der Holzhäuser, die sie zusammen mit ihrer Tochter gebaut hat. Oder sie geht runter zum Fluss, der durch ihr weitläufiges Grundstück fließt, und schwimmt ein paar Runden. Und zwar das ganze Jahr über, wie sie der FR-Autorin am Telefon versichert. Sie fürchte keine Kälteschocks, erklärt die damals 69-Jährige. Ohnehin ist Isolde Schmitt-Menzel keine Person, die sich leicht einschüchtern lässt. Das zeigt sich auch im Verlauf des Gerichtsstreits, den die Künstlerin über Jahre mit dem Westdeutschen Rundfunk führt.

„Mutter der Maus“: Isolde Schmitt-Menzel ist tot

Nach ihrer Ausbildung an der Hochschule für Kunst und Design in Halle an der Saale zeichnet sie von 1968 an erste Bildergeschichten für den Hessischen Rundfunk, von 1969 an auch für den WDR, für den sie im selben Jahr die orangefarbene Maus entwirft, die bis heute zur „Sendung mit der Maus“ gehört, jenem Fernsehformat, das hierzulande wie kein anderes Generationen von Mädchen und Jungen geprägt hat.

Die Fernsehrechte tritt Schmitt-Menzel bereits 1974 an den WDR ab, behält aber die Lizenz- und Urheberrechte – sie darf also weiterhin die Maus künstlerisch verarbeiten und vermarkten: sie bringt Stoff-Mäuse, Bilderbuchgeschichten und Spiele mit der Maus heraus. Reich geworden sei sie mit der Maus nicht, das betont Isolde Schmitt-Menzel immer wieder. Trotzdem will man beim WDR auch gerne die Lizenzen haben. Es folgen jahrelange gerichtliche Auseinandersetzungen, die Schmitt-Menzel alle gewinnt – und die doch eine gewisse Ernüchterung hinterlassen, wie ihr Kommentar im FR-Artikel von 1999 zeigt: „Ich wollte mit der Maus allen Freude bereiten – und dann muß ich mich 16 Jahre darüber mit Leuten vor Gericht streiten.“

Isolde Schmitt-Menzel verkaufte sämtliche Vermarktungsrechte an der Maus

1996 schließlich verkauft sie sämtlich Vermarktungsrechte und kappt endgültig die „Nabelschnur“ zwischen sich und der Maus. Und genießt die neu erlangte Freiheit, denn immer wieder neue Mause-Geschichten zu illustrieren – knapp 40 Bücher mit der Maus hat sie gemacht – habe ihre „breit gefächerte Kreativität“ dann doch ziemlich eingeengt. Andererseits: „Freiheit bedeutet auch Risiko.“ Und wenn – wie Isolde Schmitt-Menzel im Juli 1999 betont – die Menschen nicht lernten, damit umzugehen, würden sie unselbstständig.

Sieht die Maus nicht auch traurig aus?
Sieht die Maus nicht auch traurig aus? WDR/Trickstudio Lutterbeck © WDR/Trickstudio Lutterbeck

Isolde Schmidt-Menzel weiß, wie mit Freiheit umzugehen ist. Sie betont im Laufe ihres Lebens immer wieder, wie sehr sie auf sich gestellt ist, nicht nur als alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Und als sie 2004 mal wieder zu Besuch in Bad Homburg ist, da berichtet sie, dass sie auch ohne Krankenversicherung und ohne Rente ein zufriedenes Leben führt: „Eigentlich“, sagt die damals 74-Jährige den Grundschulkindern, „bin ich selbst die Maus, denn ich habe immer glücklich und frei gelebt“. Und daher lässt sie sich von dem jahrelangen Streit um die Rechte auch das Leben nicht vergällen, sagt sie. Im Gegenteil: Sie schaue „mit Liebe“ auf die kleine orangefarbene Maus, die sie sich einst ausgedacht hatte.

Sie erzählt gerne, dass bei ihr „das innere Kind noch sehr lebendig ist“ – aber über ihre eigene Kindheit ist nicht viel bekannt. Auch hier hat sich Isolde Schmitt-Menzel, die 1930 in Eisenach zur Welt kam, die Freiheit genommen, nicht zu viel von sich preiszugeben. Ihre Kindheit scheint jedoch immerhin eine so gute gewesen zu sein, dass sie ihren Teil zur Maus-Schöpfung beigetragen hat: „Ich habe in dieser Figur wiedergegeben, was ich als Kind erlebt habe. Ich hatte sehr viel Freiheit“, sagt sie im März 2011 im Interview mit der Deutschen-Pressagentur zum 40. Geburtstag der Maus.

Nachruf auf Isolde Schmitt-Menzel: Ungebrochene Reiselust bis ins hohe Alter

Ihr Freiheitsdrang äußert sich auch in einer bis ins hohe Alter ungebrochenen Reiselust. Selbst als knapp Siebzigjährige ist Isolde Schmitt-Menzel am liebsten mit dem Zelt unterwegs. Es dürfte ihr gefallen haben, „daß man bei dieser Art zu reisen schnell zur Außenseiterin wird, von der die Leute sagen, ,die spinnt‘“, wie sie 1999 der FR erzählt. Und bei aller Neugier, sich über das, was auf der Welt los ist, auf dem Laufenden zu halten, bringt sie ihr Wissensdurst doch immer wieder in einen inneren Zwiespalt: „Das Leben ist wahnsinnig, erst wird zerstört – und daraus entsteht auch wieder Kreativität. Ich glaube, die Menschen halten eine lange Strecke von Paradies nicht aus.“

Auch in dieser Hinsicht ist Isolde Schmitt-Menzel ihren eigenen Weg gegangen: Sie hat es in ihrem freien Leben, ihrem eigenen Paradies, eine ziemlich lange Strecke ausgehalten. Wie nun bekannt wurde, starb sie am 4. September in Frankfurt am Main im Kreise ihrer Familie. Sie wurde 92 Jahre alt.

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