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"Levina ist ein Glücksgriff", glaubt Peter Urban.

ESC-Moderator Peter Urban im Interview

"Ich glaube, Levina ist ein Glücksgriff"

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Beim Finale des Eurovision Song Contest am Samstag ist Peter Urban wieder mit dabei: Seit 20 Jahren ist er Deutschlands ESC-Kommentator – immer gut vorbereitet, manchmal ein bisschen schnippisch.

Herr Urban, welches Jahr ist Ihnen in 20 Jahren ESC besonders im Gedächtnis geblieben?
Mehrere! Birmingham 1998, der erste Auftritt von Guildo Horn zum Beispiel. Ein sehr unüblicher Song-Contest-Sänger mit langen Haaren, der die Treppen und Geländer rauf- und runterkletterte. Die Engländer konnten gar nicht glauben, was sie da sehen. Genau wie zwei Jahre danach Stefan Raab in Stockholm. Und natürlich ist mir Oslo 2010 mit Lenas Sieg in Erinnerung geblieben.

Sie haben direkt drei deutsche Teilnehmer angesprochen. Fiebern sie mit ihren Landsmännern und –frauen besonders mit, oder sind sie eher unparteiisch?
Natürlich wünsche ich mir, dass der deutsche Künstler gut abschneidet. Das ist ja immer ein Auf und Ab. Man ist schon traurig, wenn Künstler wie Texas Lightning oder Roger Cicero, die ich sehr toll fand, nicht gut abschneiden. Dann fängt man während der Moderation schon an zu trösten und zu verteidigen. Das macht nicht so viel Spaß. Es ist immer schöner, wenn man über ein gutes Ergebnis berichten kann. So oder so bleibt der ESC aber eine tolle Show, auch wenn Deutschland nicht vorne dabei ist. Letztes Jahr zum Beispiel war meiner Meinung nach der beste ESC aller Zeiten – auch wenn Deutschland nicht gut abgeschnitten hat.

Das haben sie jetzt aber sehr vorsichtig ausgedrückt. Deutschland ist zwei Jahre in Folge auf den letzten Platz gesegelt. Woran hat’s gelegen?
Vielleicht daran, dass für Wien 2015 eigentlich Andreas Kümmert qualifiziert war, der dann letztendlich doch nicht wollte. Ich glaube, wenn wir mit Kümmert angetreten wären, wär Deutschland unter die ersten drei gekommen. Im letzten Jahr wurde in Deutschland mit großer Mehrheit die „Voice of Germany“-Gewinnerin Jaime-Lee ausgewählt. Deutschland war mit ihrem Aussehen und ihrem Image schon vertraut. Im Ausland hat das aber anscheinend niemand verstanden: Da kam ein deutsches Mädchen in japanischer Manga-Kleidung. Für den ESC passte das offenbar nicht.

Hätte man sich das nicht denken können?
Man kann nicht voraussagen, wie Menschen in 42 Ländern abstimmen. Der Künstler muss auf der Bühne Ausstrahlung haben, sich mit dem Publikum verbinden können. Und der Song muss natürlich gut sein.

Sie haben mittlerweile sicherlich ein gutes Gefühl dafür, wie die Chancen auf den Sieg stehen.
Oft habe ich einen guten Tipp. Bei den Olsen Brothers zum Beispiel, die 2000 gewonnen haben. Da haben alle gesagt: „Niemals, keine Chance, die sehen doch aus wie zwei biedere Lehrer, stehen da und machen gar nix“. Ich fand den Song aber sehr überzeugend und habe recht behalten.

Wie stehen denn die Chancen für die diesjährige deutsche Teilnehmerin Levina?
Ich glaube, Levina ist ein Glücksgriff. Sie ist sehr talentiert und hat eine tolle Persönlichkeit. Und bei ihren Proben gab es keinen falschen Ton zu hören. Ob der Song allerdings überall gleich gut ankommt, das weiß ich nicht.

Wer landet denn auf dem Siegertreppchen wohl ganz oben?
Der Italiener Francesco Gabbani hat Charisma, da passiert was auf der Bühne, der Text ist intelligent – wenn man denn Italienisch versteht. Auch der Bulgare, Kristian Kostov, hat mit seiner Ballade große Chancen. Genauso Salvador Sobral aus Portugal mit einem ganz leisen Lied, unheimlich toll gesungen. So was Ungewöhnliches hat man auf dem ESC selten gehört.

Nach dem Russland-Boykott rechnet für Samstag niemand mehr mit politischen Botschaften, die auf dem ESC nicht selten eine Rolle spielen. Glauben Sie das auch?
Ich wüsste jedenfalls nicht, wo die jetzt herkommen sollten. In den Songs sind zumindest keine Parolen drin. Das ist auch richtig so, das ist ja kein Festival der Politsongs. Der ESC ist eher gesellschaftspolitisch, er fördert Toleranz, Zusammenarbeit, das Verstehen unter den Nationen. Als etwa 2014 die Travestiekünstlerin Conchita viele Stimmen aus konservativen Ländern wie Griechenland oder Russland bekommen und gewonnen hat, war das ein tolles Signal.

Machen erst diese gesellschaftlichen Signale den Reiz der Veranstaltung aus?
Den Reiz kann man am besten verstehen, wenn man den ESC mal vor Ort erlebt. Wenn man sieht, wie friedlich die konkurrierenden Künstler und Journalisten aus vielen Ländern miteinander umgehen. Dann zeigt das doch, dass da überhaupt keine Grenzen sind. Die ganzen nationalen Vorurteile existieren gar nicht mehr. Wir haben heute zum Beispiel bei einer Konferenz mit Kommentatoren aus rund 40 Ländern herzlich gelacht über alle möglichen Dinge. Alle haben die Witze verstanden und alle haben denselben Humor. Manchmal ist der ESC ein gutes Beispiel für ein friedliches Zusammenleben in Europa. Aber es geht immer noch um Musik, Show und Unterhaltung. Der ESC ist nicht das Europaparlament.

Sie haben gerade vom Humor der Kommentatoren gesprochen. Ihre Kommentare sind manchmal ein bisschen schnippisch.
Manchmal mache ich das, ja. Wenn auch für den Zuschauer ersichtlich ist, dass jemand schief singt oder eine furchtbare Klamotte anhat etwa. Beleidigungen oder pauschale Verurteilungen haben da jedoch keinen Platz. Aber langweilig kann man das auch nicht machen. Die Leute wollen ja auch darin bestätigt werden, was sie sehen. Und wenn die denken „Ach, der sieht ja aus wie Fritz Wepper“, dann kann ich das auch so kommentieren.

Gab es auch mal Ärger wegen frecher Kommentare?
Hier und da mal. Es gab ein Jahr, da hat eine Sängerin aus Malta mitgemacht, die, sagen wir mal, sehr gewichtig war. Und die stand auch noch in einem runden Kreis aus Kerzen auf der Bühne und sang ganz wunderbar. Da habe ich gesagt: „Ein runnnder Beitrag aus Malta.“ Da hat sich der Verein der Dickleibigen in Deutschland per Brief beschwert. Das war vielleicht etwas schnippisch von mir – aber ehrlich gesagt auch ganz lustig.

Entstehen die Kommentare eigentlich recht spontan?
Ich bereite mich natürlich vor, informiere mich über die Künstler und schreibe die Kommentare nach den Proben. Ich rede nicht einfach drauf los. Ich habe je Künstler nur 30 bis 40 Sekunden etwas zu sagen, bevor der nächste Auftritt kommt. Die Zeit muss ich nutzen.

Interview: Manuel Almeida Vergara

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