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Campino, 46, bürgerlich Andreas Frege, steht an Weihnachten meistens auf der Bühne.
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Campino, 46, bürgerlich Andreas Frege, steht an Weihnachten meistens auf der Bühne.

Interview mit Campino

"Ich glaube an das Gute - und das Böse"

Campino, Sänger der Toten Hosen, über seine Predigten in der Kirche, den Spagat zwischen Klamauk und Sinnsuche und wie es ist, die Feiertage in einem Hotelzimmer zu verbringen. ( Mit Trailer)

Campino, Sie spielen mit den Toten Hosen am zweiten Weihnachtsfeiertag in der ausverkauften Frankfurter Festhalle, im kommenden Jahr geben Sie vor und an den Feiertagen fünf Konzerte in Düsseldorf. Ist Ihnen gar nichts heilig?

Im Gegenteil. Es ist nur so: In der Weihnachtszeit reagiert das Publikum ganz anders als sonst, irgendwie weicher und offener. Wir haben oft erlebt, dass unsere Weihnachtskonzerte viel emotionaler waren als andere. Viele Fans wollen an diesen Tagen dem Geschenk-Stress entkommen und ein bisschen Rock'n'Roll erleben. Gleichzeitig haben sie an diesen Tagen Abstand zu den Sorgen des Alltags. Es ist eine sehr friedfertige Atmosphäre.

Kann man friedfertig Pogo tanzen?

Aber sicher doch - und nicht nur zur Weihnachtszeit. Ich habe das Pogo-Tanzen jedenfalls immer als intensive Liebeserklärung an die Musik empfunden.

Es ist eine sehr ruppige Liebeserklärung mit Rempeln und Schubsen...

Ruppig ja, aber es ist nie gemein, meistens jedenfalls nicht. Man springt, schwitzt und hilft sich gegenseitig wieder auf die Beine, wenn man zu Boden gestoßen wird.

Es fällt auf, dass Sie an Weihnachten oft arbeiten. Ist das auch eine Art Flucht?

Ich selbst habe ein völlig ambivalentes Gefühl zu Weihnachten. Ich bin Weihnachten oft in die Karibik oder sonst wohin geflohen. Aber wenn ich dort war, musste ich feststellen, dass ich etwas vermisse - und dann habe ich zu Hause angerufen.

Die Fluchten waren auch verlogen?

Irgendwie schon. Es ist eben ambivalent. Ich habe mit den Toten Hosen an Weihnachten Konzerte im Gefängnis gegeben, als Zivildienstleistender arbeitete ich während der Feiertage in einer psychiatrischen Klinik. Gerade an solchen Orten herrscht an den Feiertagen eine besondere Atmosphäre. Die Leute dort wissen oder spüren intuitiv, dass sie in diesem Augenblick eigentlich woanders sein müssten. Da entsteht dann eine ganz seltsame Mischung aus Einsamkeit, aber auch einem Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Fühlen Sie sich in dieser Zeit auch manchmal einsam?

Ja. Sehen Sie, früher habe ich Weihnachten immer zu Hause mit meinen Eltern und meinen fünf Geschwistern verbracht. Seit ich selbst Vater bin, bemühe ich mich, alles daranzusetzen, für meinen Sohn ein schönes Weihnachtsfest zu gestalten. Aber zurzeit bin ich leider auf Tournee...

Papa is a Rolling Stone...

Ich spiele am 23. 12. in Erfurt und am 26. 12. in Frankfurt. Weihnachten im herkömmlichen Sinn fällt für mich dieses Jahr aus. Ich werde vermutlich in einem Hotelzimmer sitzen, irgendwo. Meine Weihnachtsfeier findet dieses Jahr in Frankfurt statt - auf der Bühne.

Traurig.

Überhaupt nicht. Traurig würde es, wenn ich in dieser Zeit versuchte, mich bei einer befreundeten Familie einzuklinken und dann zusehen müsste, wie andere Kinder ihre Geschenke auspacken. Dann wüsste ich, dass ich am falschen Ort bin. Ich werde wahrscheinlich einen schönen Spaziergang machen und das war's. Solange ich Heiligabend alleine bleibe, ist alles gut. Ich werde für meinen Sohn eine alternative Bescherung ausrichten, an einem schönen Abend, wenn die Tournee vorüber ist.

Sie haben sich in den vergangenen Jahren oft mit Pfarrern und Mönchen ausgetauscht, gingen zur Sinnsuche zeitweise ins Kloster. Gehen Sie Heiligabend vielleicht in die Kirche?

Früher sind wir mit unserer Familie oft in die Kirche gegangen, um 17 Uhr vor der Bescherung, mein Vater hat darauf bestanden.

Und da haben Sie gemurrt?

Nein, ich hatte nichts dagegen. Als Kinder eines Presbyters waren wir ohnehin jeden Sonntag in der Kirche. Weihnachten haben wir uns immer über all die Poser amüsiert, die nur einmal im Jahr in die Kirche gingen. Zur Mitternachtsmesse sind wir dann immer in die englische Kirche in Düsseldorf gegangen, weil meine Mutter aus England stammte.

Kürzlich haben Sie in Meschede selbst einen Gottesdienst gehalten. War das Spaß oder Ernst?

Das ist mir sehr ernst. Die Mönche, mit denen ich befreundet bin, hatten mich eingeladen. Auf diese Weise können Sie den Kontakt zur Jugend ein bisschen intensivieren. Und natürlich freuen Sie sich, wenn die Kirche voll ist.

Und was predigen Sie dann?

Ich habe über mein Verhältnis zum Glauben gesprochen und aus Briefen meines Vaters vorgelesen, die er schrieb, als er in Stalingrad an der Front war. Er schickte die Briefe an seine Eltern, und schrieb, dass er diese furchtbare Zeit ohne den Glauben an Gott nicht überleben würde. Das ist in jedem Brief herauszulesen, dieser Glaube: "Es gibt einen Gott, der über uns wacht." Er hat sich daran festgehalten.

(Trailer zum Film "Palermo Shooting" mit Campino in der Hauptrolle)

Glauben Sie an Gott?

Ich bin gläubig. Aber mein Glaube lässt sich nicht mit Konfessionen wie evangelisch oder katholisch fassen. Ich glaube an Aura, an das Gute, und indem ich das sage, glaube ich auch, dass es das Böse gibt.

Sie glauben also an Gott?

Diese Dinge zusammengenommen machen für mich Gott aus. Der Glaube kann einem helfen, in bedrohlichen Situationen Kräfte zu entwickeln, die man in der Realität gar nicht hat.

Die Predigt in der Kirche ist Ihnen ernst. Auf dem neuen Song "Innen alles neu" spotten Sie: "Ich bin ok, seit ich zur Bibelstunde geh". Wie passt das zusammen?

Das ist Satire. Das ganze Stück ist ein Witz. Ich fuhr im Auto in Düsseldorf an einem heruntergekommenen Haus vorbei, ein Teppichhandel. Draußen stand ein Riesenplakat "Innen ist alles neu" - lassen Sie sich nicht abschrecken. Und dazu kamen mir diese jungen, erleuchteten Christen in den Sinn, die oft total scheiße aussehen, die aber sagen, dass es ihnen gut geht. Daher der Spruch mit der Bibelstunde.

Als es hieß, die Toten Hosen hätten sich eine gemeinsame Gruft zugelegt, hielten das viele zunächst auch für einen Scherz. Das meinten Sie aber wieder ernst, oder?

Aber es begann als Spaß. Aus Spaß wurde dann Ernst. Anfangs hatte jemand von uns die Idee, alle Hosen auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof zu beerdigen, unser Gitarrist Breiti wollte möglichst weit weg von Köln liegen. In Düsseldorf besuchen jedes Jahr Schulklassen das Schneider-Wibbel-Haus - ein alter Lokalheld, der sich in diesem Haus vor Napoleon versteckt hatte. Wir dachten, es wäre amüsant, wenn die Klassen in hundert Jahren nach dem Wibbel-Haus zur Toten Hosen Gruft weiterziehen würden. Als Grabstein hatten wir uns ein Garagentor vorgestellt mit der Aufschrift: "Hier liegen die Jungs von der Opel Gang". Das fanden wir lustig. Bis irgendwann einer sagte: Eigentlich ist die Idee gar nicht so schlecht. Dann meldeten sich noch unsere Roadies und wollten auch mit in die Gruft. Ganz dezent und leise fragten sie, ob in unserer Grabstelle noch ein Plätzchen frei wäre. Inzwischen sind wir sicher, dass die 17 Grabstellen alle belegt werden.

Es ist aber schon ungewöhnlich, dass man die Band, die Freunde, über die Familie stellt, oder?

Das ist mir auch nicht leicht gefallen. Ich hatte mir lange Zeit fest vorgenommen, meine Asche in England verstreuen zu lassen. Es gibt in Cornwall eine bestimmte Klippe, die ich mit meiner Familie oft besucht habe. Dort ist auch die Asche meiner Großmutter verstreut worden. Inzwischen sind meine Eltern auf einem Friedhof in Berlin begraben, wo auch meine deutschen Großeltern begraben sind. Das ist auch ein starker Bezugspunkt. Am liebsten würde ich meine Asche dritteln lassen: Einen Teil in Cornwall verstreuen, einen Teil in Berlin, der Rest kommt auf den Düsseldorfer Nordfriedhof.

Es heißt, Sie würden auf Reisen immer zuerst die Friedhöfe besuchen. Was zieht Sie dahin?

Friedhöfe sagen viel über die Kultur der jeweiligen Länder aus. In manchen Ländern gibt es schlichte Holzkreuze, in anderen zelebrieren sie den Tod mit opulenten Tempeln. Mal wird der Tod als Erlösung gefeiert, mal tanzt man an den Gräbern. Dann gibt es Länder, in denen intensiv getrauert und geweint wird. Für mich war es immer ein Gewinn, zu erfahren, wie unterschiedlich Menschen mit dem Tod umgehen.

Gibt es Friedhöfe, die Sie besonders schätzen?

Auch wenn es klischeehaft klingt: Ich liebe den Père Lachaise-Friedhof in Paris.

Die letzte Ruhestätte von wilden Empfindsamen wie Jim Morrison.

Ja. Und es gibt einen sagenhaften Kleinstadt-Friedhof in Australien, der auf einer Felsenklippe liegt. Jede Grabstätte blickt aufs Meer, fantastisch. Das Bild werde ich nie vergessen. Der Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf, auf dem meine Eltern liegen, er ist auch sehr schön.

Wenn Sie im Konzert das Lied "Nur zu Besuch" singen, das Trauer-Lied für Ihre verstorbene Mutter, setzen sich zehntausend Menschen auf den Boden, kurz darauf grölen sie, sie werden nie zu den "Scheiß Bayern gehen." Das ist emotional schon ein beachtlicher Spagat

Diese beiden Lieder würden wir nie hintereinander spielen. Es gibt aber einen Weg von A nach B. Wir sind so widersprüchlich wie das Leben. Das spiegelt sich auch auf der Bühne wider. Manchmal können sich alle darauf einigen, manchmal eben nicht.

Campino, auf der Hosen-CD "Learning English", Ihrer Hommage an alte Punk-Heroen, gibt es dieses nette Intro, eine Kinderstimme, die fragt: "Dad, what was Punkrock?" Was würden Sie Ihrem Sohn antworten, sollte er Sie das in zehn Jahren fragen?

Ich würde ihm wahrscheinlich genau diese Platte vorspielen. Die Kinderstimme stammt übrigens von meinem Neffen, der hat einen herrlichen nordenglischen Akzent. Ich muss meinen Sohn aber nicht zum Punk bekehren. Er wird sich seine eigene Musik aussuchen, unabhängig von seinem Vater. Sollte er mich eines Tages zu Punk befragen, könnte ich ihm einiges erzählen. Ich habe eine Sammlung mit Tausenden von Platten. Es würde mich wahnsinnig freuen, wenn sich mein Sohn einmal für Rockmusik interessierte. Aber es muss nicht sein.

Interview: Martin Scholz

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