+
Das Mers-Coronavirus, ein Vorgänger des aktuellen Coronavirus.

Interview

Warten auf das Virus

  • schließen

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Corona-Erreger auch nach Deutschland kommt. Eine Pandemiegefahr sei „realistisch“, sagt der Experte der Charité.

Professor Drosten, die Coronaviren scheinen sich in Asien weiter auszubreiten als angenommen. Haben Sie das so erwartet?

Das ändert sich für mich auch von Tag zu Tag. Die chinesischen Kollegen haben gerade wieder neue Gensequenzen zur Verfügung gestellt, die ich mir genau anschaue. Wenn man diese mit älteren Sequenzen vergleicht, dann spricht das noch einmal eine eigene Sprache. Daran sieht man, dass dieses Virus sehr wahrscheinlich in der Bevölkerung zirkuliert.

Britische Forscher bezweifeln die offizielle Zahl der Erkrankten. Warum unterscheiden sich die Einschätzungen der Europäer von denen der Gesundheitsämter in China?

In China besteht ein sehr hierarchisch gegliedertes Meldesystem. Es braucht Zeit, bis die Informationen an die Öffentlichkeit durchgedrungen sind. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass eine politische Intention dahintersteht, den Ausbruch verstecken zu wollen, so wie es bei der Sars-Pandemie 2002/2003 der Fall war.

Ähnelt das aktuell aufgetretene Virus dem Sars-Virus von damals?

Aus China hieß es gleich am Anfang: Das ist ein ganz anderes, ein ganz neues Virus. Virologen sagen aber: Das ist ganz klar ein Sars-Virus. Es ist nur ein anderer Untertyp des Sars-Virus von damals. Diese Untertypen können sich in ihrer Virulenz und in ihrer krank machenden Eigenschaft unterscheiden.

Der neue Erreger hat also eine Verbindung zum Virus von 2002/2003. Wie kann es sein, dass dieser sich nach so langer Zeit plötzlich wieder ausbreitet?

Alle Kliniken sollten das Virus erkennen können, sagt Drosten. 

Längere Forschungen beweisen, dass eine ganze Wolke von Virusarten zu einer bestimmten Fledermausgattung gehört, der sogenannten Großen Hufeisennase. Die Varianten lösen sich ständig ab, sterben aus, neue kommen durch Genom-Rekombinationen auf. Viren machen eine ganz schnelle Evolution durch. 2002 hat der Mensch einmal einen Auszug aus dieser Viruswolke abbekommen – und jetzt sehr wahrscheinlich wieder.

Worum kümmern sich Wissenschaftler und Behörden nun?

Wie es im Moment aussieht, überträgt sich das Virus ja auch von Mensch zu Mensch. Wir müssen uns also vor allem darum kümmern, was mit dieser Erkrankung und dem Virus im Menschen los ist. Also: Wie viele Patienten sind daran schon gestorben? Wie alt sind diese und wie schnell wird das Virus übertragen? Wie können wir ganz schnell sicherstellen, dass wir die Fälle innerhalb und außerhalb von China erkennen? Dadurch ließe sich eine Verbreitung möglicherweise aufhalten.

Sie haben ein Testverfahren zum Erkennen von Verdachtsfällen entwickelt. Warum ist das so wichtig?

Die weitere Entwicklung steht und fällt mit der Diagnostik. Auf der ganzen Nordhalbkugel haben wir gerade eine Influenza-Saison. Die Symptome sind verwechselbar mit denen des Virus. Um eine Influenza von der Lungenkrankheit unterscheiden zu können, braucht es dringend einen Diagnostiktest. Die chinesischen Kollegen haben aber bislang keinen veröffentlicht. Deshalb arbeiten wir gerade mit der Weltgesundheitsorganisation daran, so einen Test weltweit verfügbar zu machen.

Gibt es Ansätze, wie die Lungenkrankheit behandelt werden könnte?

Wir gehen davon aus, dass die Krankheitssymptome ähnlich wie die einer Grippe sind. Das Spektrum der Symptome ist aber noch nicht richtig erfasst. Ich gehe davon aus, dass es auch milde Verläufe gibt, die bislang gar nicht untersucht werden. Weil das ein neuartiges Virus ist, gibt es weder einen Impfstoff noch ein Medikament. Einen Vorteil bietet aber die Verwandtschaft mit dem Sars-Virus von damals. Daran wurde viel geforscht. Wissenschaftler kramen ihre alten Ergebnisse wieder heraus. Sie prüfen, ob Substanzen, die das Sars-Virus von früher hemmen, möglicherweise brauchbar sind. Damit hätte man sehr viel Zeit gewonnen.

Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, dass sich eine Pandemie entwickelt, die nach Europa vordringt?

Ich als Wissenschaftler gehe von einer realistischen Pandemiegefahr aus. Es würde mich nicht wundern, wenn es dazu käme, dass sich das nicht mehr aufhalten lässt. Da sollte man sich nichts vormachen. Es ist aber noch zu früh, offizielle Warnungen auszusprechen. Ich finde es aber auch falsch zu sagen: Wir in Deutschland müssen uns darüber keine Gedanken machen, weil das ja so weit weg ist.

Warum?

Wir haben es mit einem Atemwegsvirus zu tun, das mit großer Wahrscheinlichkeit über die Luft von Mensch zu Mensch direkt übertragbar ist. Wenn man sich anschaut, in wie vielen Städten jetzt überall Fälle auftauchen, ist klar, dass sich das Virus weiter verbreitet.

Was müssen wir in Deutschland tun?

Die Gesundheitsbehörden müssen aufgeklärt werden. Ärzte müssen wissen, dass es dieses Virus gibt, und gezielt nach einer Diagnostik fragen. Die Labore müssen sich darauf vorbereiten, genug Testkapazitäten zu haben. Und jede Uni-Klinik sollte in der Lage sein, das Virus zu erkennen.

Interview: Saskia Bücker

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare