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Regisseur Oskar Roehler während des Eröffnungsempfangs anlässlich der 65. Internationalen Filmfestspiele in Berlin.

Oscar Roehler

„Ich führe einen massiven Kampf gegen mich“

Ein Gespräch mit Regisseur Oskar Roehler über Größenwahn und Sinnlosigkeit, die Angst vor dem Scheitern und das ewige Drama der Familie.

Von Christina Bylow

Er ist einer der produktivsten und innovativsten deutschen Regisseure. Oskar Roehler geht in seinen Filmen oft in die eigene Biografie zurück. Dieses Mal ist es die späte Jugend in einem surrealen Westberlin, Anfang der Achtziger Jahre. Die Stadt ist Abenteuerspielplatz einer selbst ernannten Avantgarde. Musiker, Maler, Regisseure und Flaneure sind ihre coolen Helden. Anarchisch und selbstverliebt zelebrieren sie ihren dröhnenden Maschinensound, verlieren sich in Exzessen. Bis sich die Mauer öffnet und kaum etwas von ihnen übrig bleibt. Oskar Roehlers neuer Roman „Mein Leben als Affenarsch“ und sein Film „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ sind eine grelle Hommage an den Ausnahmezustand Westberlin.

Herr Roehler, auch in diesem Film geistern Ihre Mutter, die Schriftstellerin Gisela Elsner und Ihr Vater, der Lektor Klaus Roehler als elterliche Schreckensbilder herum. Sind Sie nach vielen autobiografischen Filmen immer noch nicht durch mit Ihrer Familiengeschichte?
Anders als andere arbeite ich nicht in Genres. Wenn man das tut, erfindet man seine Figuren auch einem bestimmten Genre gemäß. Ich bin dagegen angewiesen auf das Personal, das mir am interessantesten scheint und das ich kenne. Für mich ist entscheidend ob ich über die Figuren eine zentrale Aussage machen kann, und wenn die Aussage immer wieder neu ist, dann kann ich auch immer wieder über die gleiche Figur schreiben. Genauso wie ich auch immer wieder über mich selbst schreibe und schreiben kann, was ich völlig legitim finde. Ich habe inzwischen gemerkt, dass die Eltern so waren, wie ich auch werden könnte oder jetzt werde. Ich sehe meinen Vater oft leibhaftig vor mir und sehe die Ähnlichkeit in vielem: wie man Leute anspricht, welche Floskeln man verwendet, wenn man Unbehagen empfindet bis hin zu einer starken Verweigerung, einen Freundeskreis haben zu wollen. Und dann wollte er doch wieder nachts diesen und jenen, den Grass oder den Enzensberger anrufen, um ihn fertig zu machen. Ich habe dieses Bedürfnis nicht, weil ich erfolgreicher bin als er.

Haben Sie mit Ihrem Vater immer noch eine Rechnung offen?
Ich habe meinen Vater früher einmal mit Empathie beschrieben, das ist dieses Mal anders: In dem neuen Film und im Buch ist er ein Charakter, der in einem gewissen Alter eine Form annimmt, die ich jetzt begreife, weil ich selbst in diesem Alter bin. Jetzt begreife ich, was es heißt, wenn man älter wird und der Wille verfällt, wenn die virile Spannung, die man als junger Mann hat, nicht mehr da ist, wenn man immer mehr dem Alkohol ausgeliefert ist und das Leben eigentlich ein Trümmerhaufen ist. In den letzten Jahren vor seinem Tod lebte mein Vater von Arbeitslosenhilfe. Auch das Erbe, eine Briefmarkensammlung meines Großvaters, für die dieser viel Geld verbrannt hatte, war am Ende so gut wie nichts wert, und die Gartenzwerg-Fabrik, die ja in meinem vorigen Film „Quellen des Lebens“ und im Buch „Herkunft“ eine Rolle spielt, ging pleite. Die Roehlersche Familiengeschichte ist keine Erfolgsgeschichte.

Ihre Mutter beging im Mai 1992 Selbstmord. Mit Ihrem Film „Die Unberührbare“ haben Sie sich mit der Verzweiflung dieser erst gefeierten und dann vergessenen Schriftstellerin auseinandergesetzt, in „Quellen des Lebens“ mit der Weigerung Ihrer Mutter, für ihr Kind, für Sie, da zu sein.
Ja, die Familiengeschichten sind immer wieder aufs Neue interessant. In dem neuen Buch und im Film habe ich die Eltern auch ihrer Lächerlichkeit preisgegeben, das habe ich früher nicht gemacht. Als ich „Herkunft“ schrieb, habe ich in detektivischer Kleinstarbeit alles zusammengetragen, was es über die Familiengeschichte gab und bin dahintergekommen, dass meine Mutter mich meinem Vater tatsächlich untergejubelt hat. Sie war schwanger und wusste nicht von wem. Sie hatte nur einen klaren Verdacht, nämlich einen „Hallodri“, wie sie immer sagte, der als Vater nichts getaugt hätte. Sie brauchte also einen, der ihren Lebensunterhalt sicherstellte, denn ihre reichen Eltern fühlten sich dafür nicht mehr zuständig. Also hat sie ganz berechnend einen Dummen gesucht, und das war dann Klaus Roehler, mit dem sie eigentlich schon nicht mehr zu tun hatte. Ihn hat sie reaktiviert. Und obwohl er dann für uns sorgte, hat sie ihn rücksichtslos untergebuttert und ist nach drei Jahren gegangen, um wieder einen Roman zu schreiben und berühmt zu werden.

So wie Sie es erzählen, spürt man immer noch die Wut des verlassenen Kindes.
Ich glaube, dass Künstler und im besonderen Maße Schriftsteller die größten Psychopathen sind, die es gibt. Ich glaube, dass sehr viele Schriftsteller überhaupt keine Empathie haben für andere Menschen, sie haben nicht das Gefühl, dass sie andere verletzen könnten durch das, was sie schreiben. Sie werden erst dann darauf gestoßen, wenn man ihnen den Prozess macht. Ich schließe mich da gar nicht aus. Beim Schreiben von „Herkunft“ war ich wie ein Staatsanwalt, der herausfindet, wie in dieser Familie gelogen wurde. Das war wie eine Anklageschrift. Meine Mutter hat gelogen, betrogen und sich mit brachialer Gewalt gegen die anderen durchgesetzt.

Das muss Auswirkungen auf Ihr Bild von Frauen gehabt haben.
Ich habe von Frauen, die etwas Koboldhaftes, Flirrendes haben, immer die Finger gelassen. Das sind immer diejenigen, die andere von einer hohen Warte aus sofort beurteilen und verurteilen. Wenn ich Schwächen bei anderen sehe, dann verurteile ich die Leute doch nicht als Ungeziefer, sondern versuche mich mit diesen Schwächen auseinanderzusetzen. Meine Mutter hat alle Leute sofort auf eine Karikatur reduziert. Sie schrieb ihre Satiren auch ohne einen Hauch von Empathie.

In mancher Hinsicht trifft das aber auch auf Ihre Figuren zu, sehen Sie nicht auch Ähnlichkeiten?
Doch, ja. Und ich fühle mich in den letzten Jahren auch stark hingezogen zu einer Literatur, die meine Mutter in ihrer Jugend gelesen hat: Absurde Literatur, makabere Geschichten. Schriftsteller, die sich an Schreckensszenarien weiden und diese dann auf tiefschwarze, humoreske Art darstellen, ich denke an Malaparte, an Jerzy Kosinskis „Der bemalte Vogel“. Ich glaube, dass man den ganzen Schmerz, der sicher mit der Kindheit zu tun hat, aber auch mit großer Empfindsamkeit, dass man diesen Schmerz ummünzt, indem man selber zum Clown wird.

Ihre Hauptfiguren, die ja immer auch Ihr Alter Ego sind, haben die Fähigkeit, über alles, was ihnen angetan wird, hinwegzugehen. Sie sind Überlebenskünstler.
Ein Clown geht über vieles hinweg, weil er die Welt nicht so ernst nimmt. Er sieht, wie absurd sie ist, er fühlt sich keiner rigiden Moral verpflichtet. Er ist auch keinem politischen Fanatismus verhaftet, wie andere, die sich dann an Leitsprüche halten. Im Geiste ist man auch frei, gerade weil man ein Clown ist, weil man Dinge oft nicht ernst nimmt. Das ist eine Anti-Reaktion, ein Trotz, auch eine Hybris vielleicht: Man setzt sich über das Elend der Welt hinweg, weil man selbst schon so früh so viel Mist erlebt hat. Man hat es schon durchgekäut und verdaut. In den manischen Phasen schreibt man dann, in den depressiven bringt man nichts zustande.

Kennen Sie diese manisch-depressiven Phasen selbst?
Ich habe sie, ja, weil sich die Dinge nicht wirklich zum Guten entwickeln je älter man wird. Das hat nicht unbedingt etwas mit äußeren Lebensumständen zu tun. Es hat mit Kardinalängsten zu tun, die ich habe, wenn ich träume. In diesen Träumen bin ich der Penner, der ich immer Angst hatte zu sein, mittellos, einsam, das träume ich in Serie. Ich träume davon, Angefangenes nicht zu Ende zu bringen, das kennt wahrscheinlich jeder. Meine Alltagsbeschäftigungen sind auch oft trübsinnig, weil man sich ja trotz dünner werdender Nerven immer wieder an den gleichen Schwierigkeiten abarbeitet. Ich muss einen massiven Kampf gegen mich führen, wenn ich etwas zustande bringen will – gegen die eigene Resignation, gegen die eigenen Schwächen. Mich hat schon in der Schule mehr die Angst als der Ehrgeiz getrieben. Und dabei sind die Anforderungen nicht weniger geworden und die Utopien, die man sich früher als Ausstiegsszenarien zurechtgelegt hat, die haben sich natürlich auch erledigt. Man kann nicht mit Ende fünfzig plötzlich in der Natur leben wie der amerikanische Schriftsteller Robert Frost, der seit seiner Kindheit durch die Wälder gestreift ist. Da wirst du jämmerlich verdursten und verhungern ohne eine Zeile geschrieben zu haben.

Gibt es Ihnen das umfangreiche Werk, das Sie bereits geschaffen haben, keine innere Ruhe?
Das zählt ja nicht.

Für Sie offenbar nicht – Sie entwerten es dadurch.
Ja, das stimmt, und es wäre auch undankbar, das zu behaupten. Ich muss das korrigieren. Es gibt Menschen, für die zählt, was ich mache. Aber man ist darauf programmiert, weiterzumachen. Und ich habe im Schreiben auch eine gewisse Genugtuung gefunden, weil ich gespürt habe, dass ich das kann. Aber immer wieder bis zum Ufer vorzudringen, wo man seinen Fuß ins Wasser stellen kann, langsam reinwatet und dann losschwimmt – bis dahin ist es immer ein weiter Weg.

Die Arbeit als Regisseur ist eine völlig andere als das Schreiben von Romanen. Wie bekommen Sie beides zusammen?
Der Schriftstellerweg ist ein heroischer, der Beruf des Filmregisseurs ist handwerklich. Da geht es um Teamarbeit, um Diplomatie, um politisches Geschick. Die Möglichkeiten eines Films sind andere, aber sie sind auch begrenzt. Ein Film dauert etwa 90 Minuten, man kann nicht so viel in der Tiefe ausloten. Mir war bei „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ auch sehr am Humor gelegen. Der Film ist, glaube ich, eine spaßige Erfahrung. Er hat eigentlich keine Handlung, ist so chaotisch und anarchisch wie die Zeit eben war und ist trotzdem spannend durch das, was da passiert. Obwohl das Leben der Leute, die man da sieht, jenseits von Sinn und Logik ist. Westberlin war ein riesiger Abenteuerspielplatz.

Was war so einzigartig am Berlin der 1980er Jahre?
Man konnte jedes Experiment an sich selbst, an den anderen, an der eigenen Gesundheit und an der Kunst ungehindert durchziehen. In dem Film wollte ich zeigen, dass das ein paar Jahre lang cool war, dass das Spaß gemacht hat, dass es Kult war. Man sieht diese maulfaulen Helden, wie sie in diesen Bars herumstehen. Und dann haben sie wieder kaskadenartig geredet zwischen dem vielen Schweigen. Sie müssen sich einmal die Interviews mit Nick Cave und Blixa Bargeld aus dieser Zeit ansehen. Die wollten mit Journalisten nicht reden, der eine hat sich immer die Haare toupiert, dann haben sie die Reporter von oben nach unten angeguckt und ein bisschen gekichert. Das ist herrlich, weil die überhaupt nicht bereit waren, mitzuspielen. Wenn einer aus Westdeutschland kam, hieß es, ach ne mit dem Spießer unterhalte ich mich doch gar nicht. Das ist doch gar nicht möglich, ich gehöre zur geistigen Elite Europas, ich rede doch nicht mit so einem westdeutschen Gartenzwerg. Man war größenwahnsinnig und halbdebil. Aber gerade Blixa Bargeld und Nick Cave standen auch in der Tradition des schwarz-romantischen Künstlers, einerseits waren sie voller jugendlicher Todessehnsucht, andererseits aber auch extrem kraftvoll.

Lebt heute noch irgendetwas aus diesem Westberliner Universum weiter?
Davon existiert nichts mehr, das ist schon zwei Tage nach dem Mauerfall komplett überspült worden. Da war die Luft rein, es kam der erste Sonnenstrahl und das Reich der Vampire zerfiel zu Staub. Diese Periode ist der Vergessenheit anheimgefallen. Das wissen noch ein paar Wenige, die hüten das wie einen heiligen Gral, aber es ist ein abgeschlossenes Kapitel der deutschen Kulturgeschichte und vielleicht zu Recht vergessen. Es war unerträglich grell, vom Ausdruck her oft destruktiv, es gab Auftritte wie im Irrenhaus. Aber es war die letzte wirkliche Jugendkultur, ihr genialer Dilettantismus ließ sich auch nicht kommerzialisieren. Der war anarchisch und echt.

Interview: Christina Bylow

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