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„Ich bin nicht die Vorzeigemigrantin“, sagt Linda Zervakis.

Linda Zervakis

„Ich fühle mich wie Gyros mit Bratkartoffeln“

Auf der Suche nach ihren Wurzeln ist „Tagesschau“-Sprecherin Linda Zervakis nicht nur auf Klischees, sondern letztlich auch auf sich selbst getroffen. Aus der Reise in ihre Vergangenheit hat sie ein Buch gemacht. Ein Gespräch jenseits des eigenen Tellerrands.

Frau Zervakis, zunächst ein paar Entweder-oder-Fragen, Sie haben die Wahl: Hamburg oder Athen?

Hamburg. Meine Heimat, hier bin ich geboren. Aber ich habe eine Sehnsucht nach Athen, muss diese Stadt unbedingt noch einmal für mich entdecken, das steht ganz oben auf meiner Prioritätenliste.

Griechische Hamburgerin oder Hamburger Griechin?

Hm, Hamburger Griechin, aber nur weil es schöner klingt.

Nana Mouskouri oder Nena?

Wenn ich an das Jazzalbum von Nana Mouskouri denke, dann wähle ich sie.

Euro oder Drachme?

Weil ich es damals schon phänomenal fand, dass 1500 Drachmen etwa neun Mark waren, dann doch lieber Euro. Sonst müsste ich zum Einkaufen ständig mit einem Hackenporsche durch die Gegend laufen (lacht) .

Gyros oder Bratkartoffeln?

Gyros, tut mir leid. Ich fühle mich ja wie Gyros mit Bratkartoffeln. Bei mir kriegt man beides. Und sollten es doch mal Bratkartoffeln sein, dann mit Gyrosgewürz.

Was ist für Sie typisch griechisch? Mal abgesehen vom Kulinarischen.

Bundespräsident Steinmeier lud mich zu einem Staatsbesuch nach Griechenland ein, auf der Reise gab es eine Situation, die das ziemlich gut beschreibt: Die ganze Delegation besuchte ein Kaffeehaus und einem Regierungssprecher war der Service zu lahm, woraufhin die junge Kellnerin nur meinte: „Regen Sie sich nicht so auf, davon wird der Kaffee auch nicht schneller fertig.“ Das ist für mich typisch griechisch. Diese Laissez-faire-Haltung: „Du kannst Popstar oder Präsident sein, ich kann nicht zaubern, also warte gefälligst.“

Bei einem Staatsbesuch in Deutschland wäre diese Szene wohl eher undenkbar.

Absolut, da wird alles bis auf die letzte Millisekunde getaktet und vorab werden sämtliche Szenarien gemäß des deutschen Perfektionismus durchgespielt. Wenn da etwas nicht funktioniert, würde man den Anschiss seines Lebens kassieren. Einerseits dachte ich: „Ihr wusstet doch, dass wir alle kommen“, andererseits habe ich diese Frau sehr gefeiert.

Steckt in Ihnen auch irgendetwas was von dieser Kellnerin?

Ein bisschen wohl schon, mich beeindruckt man nicht so schnell. Natürlich bin ich wahnsinnig aufgeregt und muss mich kneifen, wenn der Bundespräsident mich einlädt, aber eigentlich bringt mich nichts so schnell aus der Ruhe. Wenn ich doch mal sauer werde, brülle ich einmal ordentlich und dann ist gut. Ob das typisch griechisch oder einfach mein Wesen ist, weiß ich nicht.

Zur Person

Linda Zervakis , Jahrgang 1975, ist Hamburgerin mit griechischen Wurzeln. Ihre Eltern waren in den 1960ern als Gastarbeiterin und Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Nach dem Abitur arbeitete Zervakis als Werbetexterin. Seit 2001 ist sie als Redakteurin und Nachrichtensprecherin für den NDR tätig, seit Mai 2013 spricht sie im Ersten die „Tagesschau“ um 20 Uhr. Im Juni 2020 startete Linda Zervakis ihren eigenen Podcast „Linda Zervakis präsentiert: Gute Deutsche“. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Ich stehe auf Vereinbarungen, das ist ja etwas sehr Deutsches. Der hanseatische Handschlag – wenn ich dir was verspreche, halte ich mein Wort. Das schätze ich sehr. In Griechenland ist vieles etwas unverbindlicher und wirkt daher oft sehr leicht. Wenn ich dort bin, übernehme ich schnell diesen entspannten Gemütszustand und fahre runter. In Griechenland zelebriere ich meinen Mittagsschlaf, hier in Deutschland ist das bei der Taktung unmöglich. Mein Alltag ist hektisch, durchorganisiert und oft bin ich völlig erschöpft.

In Ihrem Buch schreiben Sie über Ihr „verrücktes Doppelleben“. Belastet Sie das manchmal?

Ich mache mir das gar nicht so bewusst. Ich bin ja immer noch die Linda, habe mich nicht groß verändert, würde ich sagen. Mein Job ist ein Job wie jeder andere auch. Nur, dass mir natürlich ein paar Leute dabei zusehen. Wenn ich mich abschminke, sehe ich ja das Desaster darunter (lacht) , mal wieder nur vier Stunden Schlaf … Vielleicht hilft die unprätentiöse Art, wie ich groß geworden bin, auch dabei, auf dem Teppich zu bleiben. Ich freue mich natürlich, dass ich jetzt dieses völlig andere Leben führen darf, Persönlichkeiten kennenlerne, die ich früher nur vom Sofa aus kannte.

Einige von diesen Persönlichkeiten laden Sie jetzt als Gäste Ihres Podcasts „Gute Deutsche“ ein, Prominente mit Migrationshintergrund. Warum ist das Thema Ihnen so wichtig, dass Sie damit auf gleich mehreren Kanälen in die Öffentlichkeit gehen?

Als ich zur 20-Uhr-Sprecherin befördert wurde, war ich plötzlich überall die erste Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund. Da dachte ich selber: „Ach, den hab ich ja wirklich.“ Für mich war das nie ein Thema, plötzlich wurde es aber in den Mittelpunkt gerückt. Das war merkwürdig, fühlte sich wie ein B-Ware-Stempel an: „Hören Sie mal genau hin, sie kann akzentfrei Deutsch sprechen.“ Ich bekomme häufig Anfragen für Moderationen, die mit dem Thema zu tun haben. Aber das Einzige, was ich mache, ist der Integrationspreis der Bundesregierung. Alles andere finde ich immer ein bisschen (überlegt) – ich bin nicht die Vorzeigemigrantin. Das kann ich gar nicht leisten, weil ich viele Probleme einfach nicht hatte, mit denen etwa Geflüchtete, die 2015 oder 2016 zu uns kamen, konfrontiert werden. Dazu bin ich hier schon viel zu lange integriert.

Dennoch wurden auch Sie in Ihrer Jugend gemobbt und schreiben in Ihrem Buch über rassistische Hassmails, in denen man Sie etwa als „Quotenfotze“ beschimpft.

Das war – Gott sei Dank – mit das Einzige in diese Richtung. Solche Mails kommen auf meiner Festplatte in den Ordner „04_Holger_Hass“, ein virtuelles Mahnmal. Mein Ordner „03_Hugo_Herz“ ist weitaus besser gefüllt, das freut mich und kann auch so bleiben. Beim Podcast war es mir vor allem wichtig, ein bisschen Leichtigkeit in diese Sache zu bekommen, weg von der ewig schweren Keule. Ich hatte die Idee mit den Gästen schon vor vier Jahren, ursprünglich als Fernsehformat, doch dem NDR war das Thema zu heikel, also habe ich es eben als Podcast gemacht. Und siehe da – ich bekomme ganz viele positive Reaktionen. Leute schreiben: „Ich habe auch zwei oder mehr Nationalitäten in mir. Endlich spricht das mal jemand aus.“ Diese dauernde Fragen: „Wo kommst du denn her? Nee, wo du wirklich herkommst?“ Ich weiß längst, was ich da antworte, aber die heutigen Mittzwanziger finden das nicht mehr lustig.

Das Tagebuch Ihrer Mutter soll ein Auslöser für die Suche nach Ihren Wurzeln sein. Ist das tatsächlich so, oder beschäftigte Sie das schon vorher?

Das war schon länger ein Thema, aber wir hatten nie richtig Zeit, in Ruhe darüber zu reden. Meine Mutter stand um 5 Uhr auf, kam gegen 21.30 Uhr wieder nach Hause und fiel todmüde ins Bett. Da hat man natürlich nicht noch groß Lust, seinen Kindern von früher zu erzählen. Ich wusste bis dahin nicht, dass mein Opa auch den Drang hatte, etwas aus seinem Leben zu machen. Meiner Mutter wurde das leider verwehrt.

Inwiefern?

Es gab zwei große Chancen in ihrem Leben. Sie hatte die Empfehlung für eine weiterführende Schule, doch ihr Vater erlaubte es nicht. Stattdessen sollte in ihren jüngeren Bruder investiert werden. Früher war es eben so, dass Frauen minderwertiger waren als Männer. Die Töchter sollten den Haushalt auf die Reihe kriegen, kochen und irgendwann wollte man sie verheiratet bekommen, damit sie einem nicht mehr auf der Tasche lagen. Klingt hart, aber letztendlich war es so. Auch aus ihrem Traum, Schauspielerin zu werden, wurde nichts. Der Beruf war nicht angesehen: „Da guckt doch das ganze Dorf auf dich, du willst doch nicht wie ein billiges Mädchen sein?“ Frustrierend!

Sie leben also jetzt eine kleine Abwandlung des Traumes Ihrer Mutter ���

Ja, das ist auch ein Stück weit ein Geschenk an sie. Einmal die Woche turnt sie in einer Seniorengruppe, wo sie der heimliche Star ist. Da ist dann meine Kleidung der letzten „Tagesschau“ Thema, Daumen hoch oder runter. Das ist immer süß, wenn sie ganz aufgeregt mit roten Wangen davon berichtet, eine Mischung aus Stolz und Scham, wenn sie in dem Moment im Mittelpunkt steht. Es ist schön zu sehen, dass ich ihr so wenigstens ein bisschen was von dieser Welt, die sie nie betreten durfte, geben kann. Ich hatte im Vergleich zu ihr hier so viele Möglichkeiten, obwohl ich aus ärmeren Verhältnissen stamme. Die Schule war kostenlos – das ist ein Luxus, den man viel zu selten zu schätzen weiß. Man hat mich immer als Mensch gesehen, egal, ob ich Zervakis heiße oder Müller. Ich hatte mit Menschen zu tun, die auf meinen Charakter, mein Wesen achteten. Am Ende ist doch die Quintessenz: Egal, wo du herkommst, Hauptsache du bist kein Arschloch.

Für die Arbeit an Ihrem Buch sind Sie mit Ihrer Mutter nach Griechenland gereist. Das Ziel war, Ihre Wurzeln genauer kennenzulernen, sie letztlich zu finden. Ist Ihnen das gelungen?

Mir kommt es eher vor wie die Teile eines Puzzles, dessen Rand fertig ist und vielleicht einzelne Teile dazwischen. Aber letztendlich hat sich das bestätigt, was ich vorher schon dachte: Ich befürworte die doppelte Staatsbürgerschaft absolut, weil ich mich genau so fühle. Ich bin weder komplett deutsch noch komplett griechisch, und das empfinde ich nicht als Nachteil, sondern als Bereicherung.

Am Ende Ihres Buches schreiben Sie „Danke, Griechenland“ – danke für was?

Für meine Wurzeln, meine Familie. Danke Griechenland, dass du diese ganze Berichterstattung über die Finanzkrise ausgehalten hast, aber auch Vorbild in Corona-Zeiten warst. Griechenland hat sofort reagiert und hatte ganz niedrige Infektionszahlen, das wurde aber kaum beachtet. Danke Griechenland für deine Gastfreundschaft, deine Menschen und dein Licht.

Interview: Simon Michaelis

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