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"Das Schicksal kann auch was Gutes sein."

Heinz Rudolf Kunze

"Ich bin froh, dass ich aus einer anderen Zeit komme"

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Und zwar nicht nur wegen des Einheitsbreis im Radio und Castingshow-Juroren, die nicht singen können. Ein Gespräch mit Heinz Rudolf Kunze über Schicksalsergebenheit, notwendige Kompromisse und warum er sich gerne die politisch Korrekten vorknöpft.

Inbrunst ist wohl das Wort, das Heinz Rudolf Kunze am treffendsten beschreibt. Mit „Dein ist mein ganzes Herz“ feierte er 1985 seinen Durchbruch. Da war er Ende Zwanzig. Heute ist Kunze 62, aber ausgeruht hat er sich nie auf seinen Erfolgen. 36 Alben sind im Laufe seiner Karriere erschienen, auf seinem jüngsten schickt er „Schöne Grüße vom Schicksal“. Vor dem Gespräch in der Weinstube am Römer ist er über den Frankfurter Weihnachtsmarkt geschlendert. Und zwar, ohne an jeder Ecke ein Selfie mit Fans machen zu müssen. Das sei okay, versichert er, „solange ich in anderen Städten erkannt werde“. Es ist auch diese feine Selbstironie, die ihn trotz seiner gelegentlichen Scharfzüngigkeit zu einem angenehmen Gesprächspartner macht. 

Herr Kunze, es gab sicher Zeiten, da konnten Sie nicht so entspannt durch die Straßen gehen wie heute, oder? 
Och, nicht unbedingt. Auch ältere Damen können manchmal ganz schön exaltiert sein. 

Sind Ihre Fans im Laufe der Jahrzehnte nicht auch etwas gediegener geworden?
Ich hatte ja nun nie kreischende Teenager-Fans! Als ich mit „Dein ist mein ganzes Herz“ meinen ersten Hit landete, waren meine Fans ja auch schon um die Zwanzig. Und ich mal gerade ein paar Jahre älter. Man könnte also schon sagen, wir sind zusammen älter geworden. Und wohl nur ein bisschen ruhiger.

Würden Sie 1985 als Ihr Schicksalsjahr bezeichnen?
Ja, mein aktueller Plattenvertrag lief da gerade aus und dann kam, sozusagen im letzten Moment, der Hit. Der erlösende Hit.

Sie lassen auf Ihrer neuen Platte schön vom Schicksal grüßen – ein Hit ist auch Schicksal, oder nicht?
Wenn man nicht Dieter Bohlen heißt, dann ja. Der Bohlen kann das offenbar planen – normale Menschen können sowas nicht.

Hadern Sie mit Ihrem Schicksal? Oder warum arbeiten Sie sich an diesem Wort ab?
Nein, ich hadere nicht. Und ich arbeite mich auch nicht ab. Schicksal ist ein offenes Wort. Die meisten Leute verbinden damit erstmal etwas Negatives, düstere Wolken, dräuendes Unheil – aber wenn zwei Liebende sich finden, dann flüstern sie sich auch zu: das war wohl Schicksal. Das Schicksal kann auch was Gutes sein. 

Aber wäre das nicht eher Fügung? 
Mag sein, auf jeden Fall ist Schicksal ein schönes deutsches Wort. Ich finde eben immer wieder Gefallen an bestimmten Worten – und da kann es eben sein, dass eines davon eine zentrale Bedeutung einnimmt und über einem Album steht. 

Gibt es Momente, in denen Sie zu schicksalsergeben waren und im Rückblick gerne anders gehandelt hätten?
Nun ist natürlich bei 15 Liedern auf einem Album immer was dabei, was man erlebt hat. In einem Lied verarbeite ich die Erlebnisse mit einem mir sehr verhassten und verachteten Menschen, der mich über Jahre hinweg so in die Enge getrieben, mich so geärgert und so wehrlos gemacht hat, dass ich irgendwann nicht mehr wollte und gesagt habe: Komm, gib mir den Gnadenschuss, ich hab keinen Bock mehr, ich will mich nicht mehr wehren. Aber so was veröffentliche ich nur, wenn ich das Gefühl habe, damit sage ich etwas, was auch allgemeingültig ist. Es muss etwas sein, bei dem andere Menschen sagen: Ja, das kenne ich. Wäre das nur meine private Wäsche gewesen, dann hätte ich sie nicht gewaschen. Aber das kann man natürlich nicht mit jedem Problem machen. Manche Dinge kann man in Liedern behandeln und sie gehen trotzdem nicht weg. Leider.

Und dann: Sich ergeben? Oder doch den Trotz mobilisieren?
Ich musste in den vergangenen vierzig Jahren auch immer wieder schmerzhafte Entscheidungen treffen, mich von Leuten trennen, mit denen ich eng verbunden war, mit denen ich gerne Musik gemacht habe, weil das auch Freunde waren. Aber irgendwann hatten wir uns nichts mehr zu geben.  Und es gab sicher auch Situationen, in denen ich versagt oder zu spät erkannt habe, was ich falsch gemacht habe. Aber darüber spreche ich eher ungern. Es ist ja auch ein langes Leben, da macht man eben viele Fehler – aber zum Glück auch einiges richtig.

Es heißt, vor allem die schmerzlichen Erfahrungen lassen einen reifen … 
Trotzdem ist das Leben nur eine kleine Kiste mit Bausteinen, aus der ich mich bediene. Vieles in meiner Musik und meinen Texten entspringt meiner Fantasie. Meine Musik ist kein Tagebuch mit anderen Mitteln. Es gibt Kollegen, die schreiben nur über sich – aber das würde mir nicht reichen. Ich hab einfach zu viel Spieltrieb in mir – und mir fällt auch viel mehr ein, als ich verarbeiten und verwirklichen kann. Und das meiste davon ist zum Glück spannender und interessanter als das, was ich selbst erlebt habe. 

Manche Künstler betonen gern, dass sie nur dort stehen, wo sie stehen, weil sie stets kompromisslos waren. Wie halten Sie es mit dem Kompromiss?
Den Kompromiss gibt es. Es muss ihn geben. Auch unser Beruf ist nicht ohne Kompromisse zu machen. Die Frage ist, wie viel man davon aushält und mit wie wenig davon man durchkommt. Zumal in einer Medienlandschaft, die sich ständig schrumpfend verändert – da geht es schon auch darum, das ein oder andere Lied zu haben, mit dem ich in bestimmten Sendungen auftreten kann.

Da Sie gerade den Wandel der Medienlandschaft ansprechen: Würden Sie heutzutage, da man mit ein paar Klicks zum Star werden, aber eben auch schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit versinken kann, noch einmal berühmt werden wollen?
Nein, ich bin froh, dass ich aus einer anderen Zeit komme – und noch da bin. Denn das, was Sie ansprechen, ist ja noch recht positiv beschrieben. Es gibt ja auch Künstler, die machen eine Platte, die sich nicht verkauft – und werden dann weggeworfen von der Industrie, die bekommen keine zweite Chance, bekannt zu werden. Als wir gestartet sind, hatte man tatsächlich noch ganz andere Möglichkeiten.

Und zwar?
Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Geduld. Die Plattenfirmen haben uns die Möglichkeit gegeben, uns in Ruhe zu entwickeln. Das ist heute alles so eilig geworden.

Und auch sehr fremdbestimmt. 
Wie man so hört, ja. Was das betrifft, bin ich kein guter Kronzeuge gegen die Musikindustrie, denn ich selbst habe nie Zensur erlebt. Aber ich habe gehört, es gibt sie. 

Ebenso die vorgestanzten Formen, in die Künstler heute gepresst werden. 
Ja gut, das ist die Kinderkrankheit aller Plattenfirmen. Dass sie immer gerne gesagt haben: Mach‘ mal so was wie … und bis die Platte draußen war, war der Wie schon wieder aus der Mode. Am besten ist man immer dran, wenn man bei der Plattenfirma verständnisvolle Typen hat, die sagen: „Mach‘ Du. Und mach‘ Dich.“ Da kommt man am Weitesten mit. Aber heute, in all diesen Castingformaten, geht es doch nicht mehr um Persönlichkeit! Die züchten keine Künstler, die züchten nur Interpreten. 

Sie selbst haben doch auch 1980 an einer Art musikalischem Casting-Wettbewerb teilgenommen… 
Das stimmt, aber das Pop-Nachwuchs-Festival der Deutschen Phono-Akademie, wie das damals hieß, war ein seriöser Wettbewerb! Da wurden nur Leute eingeladen, die ihr eigenes Material singen. Darum ging es. Und das ist was anderes. Damals saßen in der ersten Reihe Vertreter der Plattenindustrie und haben alles eingekauft, was sich nicht gewehrt hat. 

Klingt jetzt nicht unbedingt seriöser als heutige Formate …
Aber natürlich! Da war keine Jury, die sich an uns bereichern wollte. Das war eine hochrangig besetzte Jury aus Musikern, Journalisten und Leuten aus dem Plattenbusiness. Doldinger war dabei, Maffay glaube ich auch, mein Namensvetter Michael Kunze. Und vor allem: Die haben das uneigennützig gemacht. Das war keine Geldmaschine, das war ein Ehrenamt. 

Was unterscheidet für Sie den Künstler vom Interpreten?
Ganz streng und auf Messers Schneide würde ich sagen: Tina Turner und Joe Cocker sind für mich keine wirklichen Künstler, weil sie Lieder nachsingen. Gut, das hat Frank Sinatra auch gemacht – das aber wiederum so gut, dass es so klang, als hätte er die Lieder selbst geschrieben. 

Das werden Fans von Turner und Cocker auch sagen.
Ist mir schon klar, ich will damit aber sagen: Ein Künstler ist für mich jemand, der sein eigenes Ding macht. Ich will in ein Werk hineingeführt werden, nicht bloß jemanden nett singen hören. Bob Dylan singt lausig, aber mich interessiert alles, was er macht. Es geht mir um den Menschen, den Autor, den Dichter, den Erfinder einer Kunst. Die Plattenindustrie treibt aber heute mit dem Wort Künstler großen Schindluder. Da werden Leute Künstler genannt, da rollt es mir die Fußnägel hoch.

Stimmt Sie die Gewissheit nicht ein wenig milde, selbst ein Künstler zu sein, der auf ein Werk blicken kann? Immerhin: 36 Alben!
Inzwischen schmunzele ich häufiger als dass ich mich aufrege, wenn in Castingshows Leute in der Jury sitzen, die selbst keine zwei geraden Töne herausbringen, aber darüber entscheiden, ob jemand singen kann oder nicht. Und trotzdem: Das ist absurd, geradezu grotesk! 

Aber hat sich etabliert.
Weil das Publikum sich dabei amüsiert.

Etabliert hat sich auch, dass Musik jederzeit und überall zugänglich ist. Das fing in den 80ern mit dem Walkman an – und heute dudelt uns die Musik aus der Cloud auf Schritt und Tritt ins Ohr. 
Ich fand das immer völlig abwegig! Warum soll ich denn draußen Musik hören, wenn ich auf meinen zwei Beinen unterwegs bin? Im Auto eine CD hören, das mache ich total gerne. Aber wenn ich spazieren gehe, will ich doch hören, was um mich herum passiert. Außerdem komme ich aus einer Zeit, in der das Musik hören zu Hause ein nahezu heiliger Vorgang war. Wenn das neue Album von King Crimson oder Yes oder Jethro Tull erschien, dann haben sich die Oberschüler in Osnabrück zusammengesetzt und das Ding fünfmal hintereinander gehört, andächtig, während das Cover herumging wie eine Hostie. Das war ein Event, wie man heute sagen würde. Wir wollten auch nicht random hören. Wir wollten die Lieder in der Reihenfolge hören, von der wir ausgegangen sind, dass unser Held sich dabei ganz viel gedacht hat. Diese Abwertung der Musik vom Ereignis zu einer Klangtapete, das macht mich schon wehmütig. 
 
Fürchten Sie manchmal um die Seele der Musik? 
Heutige Popsongs klingen alle gleich und haben manchmal den Charme eines Pappbechers. Wenn ich da an Nummern denke von früher, „I‚m not in love“ von 10CC oder „Still crazy after all these years“, „All right now“ von Free, meinetwegen „Get it on“ von T.Rex, ja! Da hatte jedes Lied eine Form, eine vollendete Gestalt. Heute klingt das alles gleich – oder liegt das an meinen zynischen, alt gewordenen Ohren? Ich glaube nicht!

Andererseits: im Plattenschrank meiner Oma finden sich Sampler aus den 50er und 60er Jahren, da sind auch Stücke drauf, die von Erfolgsproduzenten komponiert und von Bill Ramsey oder Gus Backus interpretiert wurden. Das Prinzip „Produzent bestückt Interpret“ gab es also schon lange vor dieser Zeit, von der Sie gerade so schwärmen.
Das mag sein, aber mein verehrter Kollege Götz Alsmann hat mich darauf hingewiesen, was es für gute und witzige Schlagertexte in den 50er Jahren gab, Lichtjahre entfernt von dem, was wir uns heute anhören müssen. Und ich bleibe dabei: Die 70er Jahre waren mit Abstand das beste Jahrzehnt für die Rockmusik! Da ist alles aufgegangen und explodiert, was in den 60ern angelegt worden war. Natürlich waren die 60er Jahre ab Rubber Soul auch toll, aber was in den 70er Jahren von der Trennung der Beatles bis zum jähen Ende von Joy Division alles passiert ist, das hat es weder vorher noch nachher in dieser Fülle gegeben. Das war das große Zeitfenster für frei fliegende Fantasie. Es war irre, was da unterwegs war! Die Musikindustrie verdiente sich dumm und dusselig und hat das Geld ausgegeben, Doppelalben, Dreifachalben, es muss eine traumhafte Zeit gewesen sein. Ich bin froh, das zumindest als Schüler miterlebt zu haben. 

Wären Sie nicht auch gerne ein Star in den 70ern gewesen?
Wenn ich das als Macher miterlebt hätte, dann wäre ich ja jetzt noch älter, das wäre nicht so schön. 

Meine Kinder sind im Teenager-Alter und hören zum Glück viel gute Musik, aber eben auch häufig die von Ihnen erwähnten Pappbecher-Songs im Radio. Würden Sie so weit gehen, den Unterhaltungswellen der öffentlich-rechtlichen Sender vorzuwerfen, bis auf wenige Ausnahmen ihren Auftrag nicht zu erfüllen, weil sie die Vielfalt der Musikwelt nicht abbilden?
Es gibt immer noch, wenn man sich die Mühe macht und forscht, viel, viel spannende Musik. Aber sie kommt nicht vor. Sie wird, könnte man sagen, unterdrückt! Und dann diese Tendenzen in der neuen Popmusik, die Stimme immer noch mal durch ein Keyboard zu jagen und damit alles, wirklich alles Persönliche in der Stimme zu amputieren – ich begreife das nicht! Was ist das für ein Selbstverstümmelungstrieb? Dann wirklich lieber Bob Dylan, der den Ton nicht trifft.

Verstehen Sie sich eigentlich als politischer Künstler? 
Nicht nur, aber auch. Bei meinen Solokonzerten mache ich nach fast jedem Lied einen Sprechtext. Diese Texte sind immer direkter und aktueller als die Liedtexte. Ich will den Leuten auch anbieten, was mir so durch den Kopf geht, wenn ich Zeitung lese, Radio höre, fernsehe oder in der Kneipe sitze. Die Fans erwarten das auch. Sie wollen wissen, was ich außerhalb der Musik so denke. 

Auch das ein schmaler Grat: Sich zu positionieren, ohne für sich zu reklamieren, auf der richtigen Seite zu stehen. 
Man kann das ja im Sinne von Karl Kraus oder Hanns Dieter Hüsch als Sprachkritik aufziehen. Wenn Donald Trump so Sätze raushaut wie „Wenn du verloren hast, erkläre dich zum Gewinner“ – dann kannst du ja bei der Logik des Satzes bleiben und da was draus machen, da musst du gar nicht mit dem Zeigefinger fuchteln. Mir gefällt auch, wenn manchen im Publikum, die eher ein bisschen brav sind, das Lachen im Halse stecken bleibt. Denn die größte Gefahr ist gar nicht, dass ich mich bei sowas vergaloppiere, das kann schon mal vorkommen. Die größte Gefahr ist, selbstgefällig zu Leuten zu predigen, die sowieso meiner Meinung sind. Deshalb knöpfe ich mir auch so gerne die politisch Korrekten vor.

Heikel.
Macht aber Spaß. Es mag Leute geben, die mit dieser Haltung, es möglichst vielen recht zu machen, weit gekommen sind – aber bei mir käme da nicht viel raus.

Zur Person: Heinz Rudolf Kunze, 62, darf wohl getrost als Musik- und Textarbeiter bezeichnet werden. Seit er 1980 beim Pop-Nachwuchs-Festival in Würzburg entdeckt worden war, hat er fast jährlich ein Album aufgenommen. Schon vor seinem Durchbruch im Jahr 1985 mit seinem Hit „Dein ist mein ganzes Herz“ wurde er mit Musikpreisen ausgezeichnet, er schrieb Essays für Magazine und moderierte Radiosendungen. Neben seinen eigenen Kompositionen übersetzt Kunze, der Germanistik und Philosophie studiert hat, Texte berühmter Musicals wie Miss Saigon ins Deutsche. Er lebt heute mit seiner Frau in der Nähe von Hannover.

Gerade ist er bis Ende Februar mit seiner Band Verstärkung auf großer Deutschland-Tournee, die nächsten Termine sind: 19.1. in Bremen, 22.1. in München, 23.1.in Stuttgart, 25.1. in Erfurt, 26.1. in Mönchengladbach, 28.1. in Frankfurt, 29.1. in Mannheim, 1.2. in Zweibrücken, 18.2. in Dortmund, 21.2. in Berlin, 22.2. in Hannover, 23.2. in Rostock, 24.2. in Hamburg. Tickets gibt es an allen VVK-Stellen und unter www.heinzrudolfkunze.de. 

Kunze liest am 8.2. in Drochtersen, im Mai und Juni sind Solo-Auftritte geplant.  (boh)

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