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"Ich bin frei von Furcht"

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Von: Ulrich Lössl

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Bewegtes Leben: Shirley MacLaine sagt, sie habe sehr oft über die Stränge geschlagen.
Bewegtes Leben: Shirley MacLaine sagt, sie habe sehr oft über die Stränge geschlagen. © dpa

Die amerikanische Schauspielerin Shirley MacLaine spricht im FR-Interview über den Sinn des Lebens, Donald Trump und die bevorstehende Apokalypse.

Sie war mit Elizabeth Taylor, Jack Lemmon und Billy Wilder befreundet, hatte Liebesaffären mit Robert Mitchum, Yves Montand und Schwedens Premierminister Olof Palme. Shirley MacLaine ist eine der letzten ganz großen Hollywood-Legenden. In der Komödie „Zu guter Letzt“ spielt die 82-Jährige eine kratzbürstige alte Dame, die ihren Nachruf schon zu Lebzeiten verfasst haben will. Es ist eine Rolle wie für Shirley MacLaine geschrieben. Denn auch im wirklichen Leben ist sie alles andere als altersmilde. Im Gegenteil: Sie ist hellwach, hat eine scharfe Zunge und einen erfrischend lakonischen Humor.

Mrs. MacLaine, Sie spielen eine Frau, der es sehr wichtig ist, was die Leute nach ihrem Tod über sie denken. Haben Sie schon Ihren eigenen Nachruf in der Schublade?
Nein, das interessiert mich überhaupt nicht. Was mich für Harriet – so heißt die Dame nämlich – eingenommen hat, ist ihre Entschlossenheit, Dinge selbst zu regeln. Und die Energie, die sie dafür einsetzt. Das entspricht sehr meiner eigenen Auffassung davon, wie man dem Leben begegnen sollte. Viele von Harriets Charaktereigenschaften habe ich auch selbst: Sie ist sehr direkt, sehr offen, lässt sich nicht für dumm verkaufen, ist sehr ambitioniert, fordert viel von ihren Mitmenschen, hat aber auch ein großes Herz. Außerdem hat sie einen beißenden Humor und ein tiefes Bedürfnis, immer das zu sagen, was sie wirklich denkt und fühlt. Auch das kenne ich von mir. Ich habe dieses unbändige Verlangen, die Wahrheit zu sagen.

Hat Ihnen das im Laufe Ihres Lebens mehr genützt oder mehr geschadet?
Beides. Ich habe nie eingesehen, warum ich mich verstellen oder gar lügen sollte. Die Wahrheit kommt sowieso ans Licht. Und diese Blender sind meist auch noch furchtbar langweilig. Authentische Menschen sind jedenfalls viel interessanter. Außerdem hasse ich Small Talk – das ist bloß Zeitverschwendung.

Im Film sagt Harriet: „Frauen müssen in ihrem Beruf doppelt so gut sein wie Männer, um erfolgreich zu sein und sich durchzusetzen.“ Haben Sie diese Erfahrung am eigenen Leib gemacht?
Dieses Statement trifft leider heute noch immer auf die allermeisten berufstätigen Frauen zu. In meinem Fall war das etwas anders. Da ich schon mit drei Jahren Ballettunterricht erhielt und dann als junges Mädchen zur Tänzerin ausgebildet wurde, hatte ich nicht wirklich das Problem, dass ich mich in einer Männerwelt durchsetzen musste. Gute Tänzerinnen sind immer gefragt. Als ich am Broadway tanzte, saß eines Abends Alfred Hitchcock im Publikum, der mich unbedingt für seinen Film „Immer Ärger mit Harry“ haben wollte. Was für mich als Neuling eine glänzende Einführung ins Filmbusiness war. Damals war ich gerade mal 20. Und von da an ging es mit meiner Karriere als Schauspielerin eigentlich stetig bergauf. Aber ich weiß natürlich von anderen Schauspielerinnen, dass sie es viel schwerer hatten als ich, um in Hollywood Fuß zu fassen – und dabeizubleiben.

Sie selbst hatten wirklich keine Probleme in Hollywood?
Natürlich war es auch für mich nicht immer leicht. Sich in einem Filmbusiness zu behaupten, das von Jugend, Sex und Schönheit ja geradezu besessen ist, damit hat wohl jede Frau so ihre Probleme. Selbst wenn eine Schauspielerin diesem Rollenmodell entsprach, war das für die meisten Studiobosse und Produzenten noch längst nicht genug. Frauen sollten natürlich auch noch sehr feminin und sensibel sein. Und am besten noch irgendwie schutzlos wirken. Ziemlich viel Ballast, wie ich finde. Da ich aber nie eine von diesen betörenden Hollywood-Schönheiten war, habe ich mich sehr schnell darauf besonnen, gute Rollen an Land zu ziehen. Und so bin ich wohl das geworden, was man eine Charakterschauspielerin nennt.

Sie waren sehr früh eine freigeistige und unabhängige Frau. Sie führten zum Beispiel schon in den 50er Jahren eine offene Ehe. Woher nahmen Sie die Kraft, Ihren eigenen Weg zu gehen – zum Teil entgegen aller Konventionen?
Meine Mutter opferte ihre künstlerischen Ambitionen für mich und meinen Bruder (Warren Beatty, Anm. d. Red.). Sie war eine sehr gute Kunstmalerin. Stattdessen blieb sie aber zu Hause und konzentrierte sich ganz auf das Familienleben. Denn das war es, was man damals von einer Ehefrau erwartete. Als ich alt genug war, um das zu verstehen, beschloss ich, dass ich auf keinen Fall das Leben einer Hausfrau führen wollte. Meine Mutter war also ein wunderbar abschreckendes Beispiel für mich. So hat sie mich angespornt, aus meinem eigenen Leben mehr zu machen. Sie müssen wissen, ich bin sehr beschützt aufgewachsen. Meine Eltern haben immer versucht, mich von den Widrigkeiten des Lebens fernzuhalten. Irgendwann konnte ich diese Einengung nicht mehr aushalten und bin ausgebrochen. Vielleicht hat mich auch gerade dieses Verhätscheltwerden dazu getrieben, sehr oft – und sehr bewusst – über die Stränge zu schlagen. Ich habe mich im Zweifelsfall immer für das Abenteuer entschieden, nie für die Gemütlichkeit.

„Jeder ist der Architekt seines eigenen Lebens“, sagten Sie mal. Glauben Sie das wirklich?
Aber natürlich. Man kann doch das Leben nur aktiv angehen, es planen und hoffen, dass sich die Träume dann auch erfüllen. Wir sind ja nicht nur die Architekten unseres Lebens, sondern auch noch die Innenausstatter, die Putzfrau, der Hausmeister und der Gärtner. Alles, was uns in unserem Leben passiert, hat einen ganz bestimmten Sinn. Nichts ist belanglos. Da ich an Reinkarnation glaube, bin ich mir auch sicher, dass jedes Leben, das wir schon gelebt haben, auch in das jetzige Leben einfließt. Und uns dabei hilft, uns selbst besser kennen- und verstehen zu lernen. Die Erinnerungen an diese Vorleben sind fest in unserem Unterbewusstsein verwurzelt.

Man könnte Sie, höflich formuliert, als sehr exzentrische Frau beschreiben.
(Lacht) Dagegen habe ich überhaupt nichts. Ich weiß, dass ich damit – und auch mit dem, was ich in meinen Büchern geschrieben habe – viele Leute vor den Kopf stoße. Aber was soll’s? Das sind meine Erkenntnisse und Wahrheiten. Ich dränge sie niemandem auf. Aber ich werde mich dadurch von meiner spirituellen Reise nicht abbringen lassen und weiter forschen und suchen.

Fällt es Ihnen leicht, Ihre Balance im Leben zu halten?
Im Leben ist nichts einfach! Und wenn ich an Donald Trump denke – dann kann man schon mal die innere Balance verlieren. Auch alle meine Freunde und Bekannten fühlen sich von diesem brutalen Kerl abgestoßen. Es ist eine Schande, dass jemand, der so abgrundtief lächerlich ist, als Präsident der USA durchgeht.

Wie halten Sie es denn mit Hollywood? Kommen Sie mit den Leuten aus dem Showbusiness gut aus?
Gut, dass Sie mich das fragen. Das gibt mir die Gelegenheit, mit einem weit verbreiteten und sehr dummen Vorurteil aufzuräumen. Nämlich dass alle Leute in Hollywood falsch und oberflächlich wären. Natürlich gibt es solche dort auch – wie überall auf der Welt. Aber im Filmbusiness sind mir auch sehr viele kluge, beseelte, wahrheitssuchende Menschen begegnet, die sehr viel Mitgefühl für andere hatten. Das ist doch letztlich auch nicht verwunderlich, denn wenn man ein Leben lang versucht, sich in fremde Figuren mit fremden Schicksalen hineinzufühlen, dann wächst man doch auch als Mensch.

Wie entspannen Sie sich am liebsten?
Ich liebe es, mit meinen Hunden spazieren zu gehen. Und ich lese sehr gerne.

Welches Buch liegt denn zur Zeit auf Ihrem Nachttisch?
Einige Bücher über die Apokalypse. Genauer gesagt: über die Wahrscheinlichkeit, dass sie bald stattfinden wird.

Glauben Sie tatsächlich, der Weltuntergang steht kurz bevor?
(Lacht) Das würden Sie auch glauben, wenn Trump Ihr Präsident wäre.

Haben Sie – trotz Trump – noch einen Rest Optimismus übrig?
Nein. Ich bin total pessimistisch. Ich sehe überall viele Anzeichen für den Weltuntergang. Ich habe also allen Grund dazu, schwarz zu sehen. Aber wenn man das in einem größeren Zusammenhang betrachtet, dann weiß man: Das ist eben der Lauf der Welt. Solche apokalyptischen Zyklen hat es immer geben. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin mit dem Leben sehr zufrieden. Und ich bin dem Schicksal gegenüber frei von Furcht. (Lacht) Solange es Hunde und gute Komödien in meinem Leben gibt, so lange bin ich glücklich.

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