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„Ich finde den Wechsel ganz charmant“

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Von: Peter Riesbeck

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Nicht die Zeitumstellung stört unseren Schlaf, es ist vor allem der Arbeitsrhythmus.
Nicht die Zeitumstellung stört unseren Schlaf, es ist vor allem der Arbeitsrhythmus. © Imago

Historiker Gerrit Verhoeven spricht im Interview über Schlafrhythmen früher und heute, eigene Schlafprobleme und den Wechsel von Winter- und Sommerzeit.

Kulturwissenschaftler Gerrit Verhoeven, 40, forscht an der Universität Antwerpen über das Alltagsleben in früheren Zeiten. Zuletzt erregte er Aufsehen mit einer Studie über Schlafgewohnheiten in der Handelsmetropole Antwerpen im 18. Jahrhundert: „(Vor-)Moderner Schlaf. Neue Erkenntnisse aus Kriminalakten in Antwerpen“ lautet der Titel. Ein Interview über die Kulturgeschichte des Schlafs, wechselnde Nachtruhe und die schleichende Dominanz der Uhr im Alltag.

Herr Verhoeven, „der Schlaf ist doch die köstlichste Erfindung“, sagt der Dichter Heinrich Heine. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich mit der Geschichte des Schlafs zu befassen?

Die Idee ist schon etwas älter. Ursprünglich wollte ich mich weniger auf das Schlafverhalten von Menschen in früheren Zeiten konzentrieren als vielmehr auf den Rhythmus des Alltagslebens im 17. und 18. Jahrhundert: Arbeit, Wohnen, Essen, Freizeit, die Bedeutung der Religion. Unter diesem Aspekt ging ich auch an die Auswertung der Archivmaterialien. Die Schlafmuster waren nur ein Aspekt meiner Untersuchung.

Wie sind Sie vorgegangenen?

Inspiriert war ich durch die Forschungen des deutschen Wirtschaftshistorikers Hans-Joachim Voth über Zeit und Arbeit im Zeitalter der Industriealisierung in England. Er hat dazu alte Gerichtsakten in London ausgewertet. Auch in Antwerpen fand sich entsprechendes Material in den Gerichtsarchiven. Die Angaben der Zeugen und Beschuldigten von damals sind ungemein ausführlich. Die Aussagen gaben damit auch sehr genau wieder, wie die Menschen ihren Alltag so verbracht haben. Auch die Nacht.

Was wissen Sie über Schlafmuster im 17. und 18. Jahrhundert?

Überraschenderweise unterscheiden sich die Schlafmuster der Menschen aus der Zeit nicht so sehr von unseren heutigen Gewohnheiten. Die Menschen gingen auch früher spät zu Bett und schliefen ungefähr sieben Stunden durch. Der große Unterschied zu heute: Im Winter blieben die Menschen damals rund eine Dreiviertelstunde länger im Bett als im Sommer. Verständlich: Künstliches Licht durch Kerzen und Öllampen kam damals gerade erst richtig auf.

zeitumstellung

In der Nacht zum 27. März werden die Uhren um eine Stunde auf Sommerzeit vorgestellt. Die EU-Kommission hatte 2018 für ein Auslaufen der halbjährlichen Umstellung plädiert. Zuvor hatten in einer Online-Befragung 84 Prozent für ein Ende der Sommerzeit gestimmt. Die EU-Staaten konnten sich bisher nicht einigen, ob die Sommer- oder die Winterzeit Standard werden soll.

Ihre Ergebnisse haben die Fachwelt überrascht. Der US-Historiker Roger Ekirch hatte in seinem Buch „In der Stunde der Nacht, eine Geschichte der Dunkelheit“ die Auffassung eines segmentierten Schlafs vertreten. Die Menschen, so seine These, seien in vorindustrieller Zeit früh zu Bett gegangen und dann nach drei vier Stunden wach geworden. Es folgte eine Wachphase mit viel Reden oder Beten, aber auch Sex sei für diese Phase empfohlen worden. Erst nach ein, zwei Stunden hätten die Menschen sich wieder für eine zweite Runde zum Schlafen zurückgezogen…

Ich war selbst vom Ergebnis überrascht. Ursprünglich hatte ich nach Belegen für Ekirchs Thesen gesucht, konnte sie in meinen Archivmaterialien aber nicht finden. Antwerpen war damals im 17. und 18. Jahrhundert eine bedeutende Handelsstadt, vergleichbar mit Amsterdam, Augsburg oder Frankfurt. Das Leben der Menschen in diesen Städten unterschied sich gar nicht so sehr von unserem heutigen. Der segmentierte Schlaf scheint mir auch unlogisch für die damalige Zeit. Zwei Schlafphasen mit langen nächtlichen Pausen scheinen sich mit dem hohen Arbeitsethos und den langen Arbeitszeiten nicht vereinbaren zu lassen.

Die Uhr dominiert heute unser Leben. Viele Menschen klagen über Schlafstörungen. Gilt das auch für Antwerpen damals?

Ja, in Tagebüchern und Briefen aus der Zeit finden sich dafür eindeutige Belege. Die Stressfaktoren waren schon damals vergleichbar mit denen von heute: Angst vor der persönlichen Zukunft, Alltagsprobleme in Beruf oder Familie.

Wie sieht es mit Ihnen aus. Haben Sie einen guten Schlaf?

Leider nicht. Zu Beginn meiner Forschungen war das noch besser. Aber mit zunehmendem Alter habe ich auch Schlafprobleme, vor allem beim Einschlafen.

Europa diskutiert seit langem über den Wechsel von Sommer- und Winterzeit. Würden Sie eine einheitliche Festlegung begrüßen?

Die Diskussion ist schwierig, eine einheitliche Zeit für eine Region von Tallinn bis Lissabon und Antwerpen zu finden ist nicht einfach. Ich finde den jährlichen Wechsel eigentlich ganz charmant. Von mir aus kann es bei der Zeitumstellung im Frühjahr und Herbst bleiben.

Interview: Peter Riesbeck

Gerrit Verhoeven ist Historiker und forscht zum Schlafverhalten der Menschen im 17. und 18. Jahrhundert. privat
Gerrit Verhoeven ist Historiker und forscht zum Schlafverhalten der Menschen im 17. und 18. Jahrhundert. privat © Privat

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