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Odély Teboul: Kleid-Plastik, gehäkelte Sneaker und Garn-Gemälde, 2020.

Mode und Kunst

„Ich brauche keine Hose mit drei Beinen zu machen“

  • Manuel Almeida Vergara
    vonManuel Almeida Vergara
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Positions Berlin zeigt als erste Messe für zeitgenössische Kunst auch Arbeiten von Modedesignerinnen und Modedesignern. Der Zusammenschluss der Disziplinen soll einen Beitrag leisten im Kampf gegen das Kultursterben in der Hauptstadt. Über einen großen Auftrag und einen kleinen Erfolg.

Keine weiteren Fragen. Das findet Kristian Jarmuschek schon mal gut. „Niemand will mehr wissen, was jetzt genau die Mode hier zu suchen hat“, sagt er, „allen scheint sie ein selbstverständlicher Teil des Ganzen zu sein.“ Jarmuschek ist Galeriebetreiber und Vorstandsmitglied des Bundesverbands Deutscher Galerien. Und er ist Geschäftsführer der Berliner Kunstmesse Positions, der seit 2019 auch eine kleine Mode-Sektion integriert ist. Im vergangenen Jahr habe das noch für Verwirrung gesorgt, unter Ausstellerinnen und Ausstellern genauso wie unter den Besucherinnen und Besuchern.

„Sichtbar wurde damals, wie anders Modeschaffende sich und ihre Ideen artikulieren“, sagt Jarmuschek, „Kleiderständer, Kleiderpuppen, viele Produkte in mehreren Größen, die klassische Modepräsentation.“ Zwischen all den luftig gestalteten Ständen der Galerien, die angelehnt an ihre klassischen White Cubes Kunstwerke singulär und konzentriert auf weißem Grund präsentieren, fiel das auf, fiel das raus geradezu. Also musste sich der Fashion Positions genannte Teil der Messe in diesem Jahr den Codes der Kunstbranche annähern.

Verantwortlich waren dafür auch Olaf Kranz und Mira von der Osten. Beide führen kleinere Modeunternehmen in Berlin, er das Label Brachmann, sie die Marke Cruba, und engagieren sich im Verein Berliner Modedesigner. Schon seit der ersten Edition veranstalten Kranz und von der Osten die Fashion Positions gemeinsam mit Kristian Jarmuschek. „Die Designerinnen und Designer sollten den Fokus dieses mal noch eindeutiger auf ihre Gestaltungsprinzipien legen, wenn überhaupt nur wenige Kleider zeigen, die dafür aber die Haltung des ganzen Labels vermitteln“, sagt Olaf Kranz. „Dahinter steht die Idee, dass sich Mode wie Kunst sammeln und verkaufen lässt, durchdacht und vorsichtig, ein Gegengedanke zum überbordenden globalen Modeangebot“, so Mira von der Osten.

Imraan Christian: Untitled, 2020.

Die Fashion Positions, das sagt der Name schon, will Positionen sichtbar machen, nicht nur Posen. Das ist ihr geglückt, zumindest teilweise. Dass es nicht genügt, die eigenen Entwürfe um ein paar hübsche Kunstfotografien zu ergänzen, oder Modeteile lustlos an eine weiße Standwand zu drapieren, wurde im Flughafen Tempelhof jedenfalls ganz deutlich. Hier fand am vergangenen Wochenende im Rahmen der Art Week, einer mehrtägigen Kunstveranstaltung des Landes Berlin, die Messe Positions Berlin statt, und hier waren die 20 ausstellenden Designerinnen und Designer dazu aufgerufen, „an ein Modeteil heranzutreten“, so Mira von der Osten, „wie an ein Kunstobjekt.“

Wirklich verinnerlicht hat das etwa Odély Teboul. Unter ihrem Berliner Label Lou de Bètoly – ein Anagramm des Namens der Designerin – präsentiert sie ohnehin eher textile Kunstwerke denn bloßer Modekollektionen, Unikate allesamt. In detailversessener Kleinstarbeit häkelt, strickt und stickt Teboul filigrane Netzkleider, inspiriert von Oneirismus, Chaos und Dekadenz. Für die Fashion Positions hat die Designerin eines ihrer Kleider mittels Drähten und Fäden zur Plastik entfremdet, die nur noch entfernt an den Körper als Präsentationsfläche der Mode erinnert. Außerdem hat Teboul eine Häkelarbeit über einen großformatigen Rahmen gespannt, eine Art feingliedriges Gemälde aus Garn, in dem Farben und Flächen weiche Gesichter formen.

Tra My Nguyen zeigte im Flughafen Tempelhof eine Videoarbeit via Flachbildschirm-Triptychon. Den Clip über die weibliche Biker-Kultur Vietnams ergänzte die Designerin um eine Kleider-Skulptur, die grob der Silhouette eines Motorrads entspricht. Das Label Starstyling wiederum ließ sich gleich ganz von der Künstlergruppe Nuans vertreten, die für die Marke eine Art Installations- und Kommunikationskonzept erarbeitet hat, das die Begriffe „Mode“, „Kunst“ und „Scheiße“ auf ihre Hierarchie untereinander hin prüft.

Und dann ist da noch Frank Leder. Seit 20 Jahren schlägt er mit seiner Mode eine Brücke zur modernen Kunst. Das ist besonders spannend, weil sie, die Mode von Leder, aus sich selbst heraus kaum auf die Kunst verweist. Leders Herrenmode ist klassisch, beinahe bieder, beruht auf traditionellem Material und akkuratem Schnitt. Überformung, Überfrachtung, Untragbarmachung – Frank Leder hat die klassischen Werkzeuge, mit denen viele andere Designerinnen und Designer krampfhaft die Nähe zur Kunst suchen, nicht nötig. „Ich brauche keine Hose mit drei Beinen zu machen“, sagt er, „es geht nicht darum, entwerferisch etwas zu beweisen.“ Eher schafft Leder seltsame Verbindungen zwischen der recht formalen Bekleidung und einer ihr völlig fremden Darbietungsform.

Für die Fashion Positions hat Leder eine seiner älteren Arbeiten revitalisiert. Vor Jahren schon stellte er seine „Brothemden“ vor, jetzt bringt er sie in Kooperation mit dem düsteren Berliner Gourmetrestaurant Nobelhart & Schmutzig erneut auf den Markt. Schlichte Hemden, geschneidert aus alten Bettlaken, die Frank Leder einem Bundeswehrbestand der 1970er Jahre entnahm, lässt er in große Brotlaibe einbacken. „Das Brot kann einfach nur als eine Art Verpackung angesehen, es kann gegessen, aber auch wie ein Kunstobjekt ausgestellt werden“, sagt Leder. „Das Hemd bleibt immer ein Hemd, das sich waschen und tragen lässt. Mir geht es um den Kontext, in dem ich dieses Hemd präsentiere.“

Frank Leder: Brothemd, 2020.

Auf der Suche nach ebendiesen neuen Kontexten bedient sich Leder oft des Essens. Mit Blaubeeren eingefärbte Kleidungsstücke zum Beispiel präsentiert er recht grobschlächtig mit den vom Färbeprozess übrig gebliebenen Zweigen und Fruchtschalen im Karton, oder er verleiht Duftölen und Handseifen das würzige Aroma der fränkischen Wurstspezialität Preßsack. Das ist durchaus komplex, weil Leder so zweierlei bloße Grundbedürfnisse, die der Nahrungsaufnahme und die des Bekleidens, zusammengeführt zur Kunst erhebt. „Aber“, sagt Leder, „die Mode bleibt immer der Kern. Ein Kern, mit dem sich wunderbar arbeiten lässt, den man verändern und verzerren, vor allem aber erweitern kann.“

Konzeptionelle Kunst, die als Medium die Bekleidung wählt, oder Mode, die sich im Vokabular zeitgenössischer Kunst ausdrückt – als eine solche Zweideutigkeit hat der US-Künstler Michael Huey einmal die Arbeiten Frank Leders beschrieben. Ein Mäandern zwischen den Disziplinen freilich, das Mode und Kunst seit langem prägt. Die Fellhandschuhe der Surrealistin Meret Oppenheim zeugten in den 1930ern genauso davon wie die Kooperation zwischen Raf Simons und Sterling Ruby vor wenigen Jahren noch. Die auf der Positions Berlin ausgestellten Porträts des südafrikanischen Künstlers Imraan Christian erinnern an Modefotografien, Odély Tebouls gehäkelte Kleid-Plastik verweist auf die fantastischen Fadenkonstruktionen der Japanerin Chiharu Shiota.

Frank Leder: Brothemd, 2020.

Und trotzdem: Mode im Kunstkontext, die Kunst in der Mode – in Deutschland kommt das nicht überall an. „Hier muss Mode erst museale Weihen haben, um als wirkliche Kulturform begriffen und akzeptiert zu werden“, meint Kristian Jarmuschek, der Messeveranstalter. Diesen Moment der Anerkennung vorzuverlegen in den Bereich des Zeitgenössischen, „das hat es bis jetzt noch nicht gegeben“, sagt er. Tatsächlich ist Positions Berlin die erste Messe für kontemporäre Kunst überhaupt, die auch Modearbeiten zeigt. Für die Stadt Berlin kommt das gerade zur rechten Zeit.

Die Designszene der Hauptstadt verliert im kommenden Jahr mit der Premium ihre größte Modemesse an Frankfurt. Die Kunstszene wiederum muss nach Thomas Olbrichts „me Collectors room“ fortan auch auf das vor wenigen Jahren erst eröffnete Medienkunsthaus der Düsseldorfer Sammlerin Julia Stoschek verzichten, die Kunstmessen ABC und art Berlin sind schon lange passé. Fehlende Unterstützung, Behördenschikane, Kleingeistigkeit – das sind die Begriffe, die zum Berliner Kultursterben in den Feuilletons kursieren. Wer in der Hauptstadt übrig bleibt, muss sich nun zusammenfinden, glaubt Kristian Jarmuschek, Mode und Kunst könnten sich gegenseitig stützen.

Aus reinem Pragmatismus aber ergibt sich längst noch keine fruchtbare Kulturlandschaft. Auch eine Erkenntnis gehört dazu. Die nämlich, dass sich die Disziplinen auf Augenhöhe begegnen können. „Ein bisschen scheint es, als müsse die Mode ähnliche Diskussionen durchlaufen, wie vor vielen Jahren noch die Fotografie“, sagt Mira von der Osten. „Bis es Max Hollein am Frankfurter Städel Museum als Erster in Deutschland wagte, Fotos neben Gemälde zu hängen, gab es auch dort diese scharf gezogene Grenze.“ Durch Veranstaltungen wie die Fashion Positions, so hofft von der Osten, würden die Trennlinien aufgeweicht. Von einer inszenierten „Dichotomie zwischen der Kunst, die den Entwicklungen ihrer Zeit tief nachspürt, und der oberflächlichen Mode“, spricht auch Olaf Kranz. „Dabei“, sagt er, „ist Mode nur oberflächlich, wenn man sie oberflächlich betrachtet.“

Eine Einsicht, die sich in Berlin offenbar nicht nur auf der Fashion Positions ergibt. Auch einige andere Veranstaltungen der Art Week haben sich der Mode gewidmet. Die Agentur Reference Studios etwa stellte das neue Label LML studio in Form einer multisensorischen Installation vor, der Designer Dawid Tomaszewski präsentierte neue Entwürfe auf einer Vernissage mit Kurzfilmvorführung, in der Villa Grisebach eröffnete eine Ausstellung der Arbeiten Jürgen Tellers, seit Jahrzehnten ein ebenso respektierter Mode- wie Kunstfotograf.

Entweder-oder, wann ist Mode, was ist Kunst und was kann weg – das will in Berlin nur noch der Kulturpessimist wissen. „Ich selber“, sagt jedenfalls Frank Leder, der Mann mit den „Brothemden“, „sehe mich bloß als jemand, der etwas zu kreieren versucht.“ Keine weiteren Fragen.

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