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Vom Fliegen hält Oliver Lück nur wenig: „Dieses schnelle Reisen – man ist plötzlich da und soll damit zurechtkommen – dafür ist der Mensch nicht gemacht“, sagt er. 

Reise

„Ich brauche kein Navi“

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Seit 1996 ist der Journalist und Fotograf Oliver Lück mit seinem Bulli in Europa unterwegs. In einem Bildband dokumentiert er nun Begegnungen mit Menschen in 140 Kurzgeschichten und 250 Fotos. Ein Gespräch und drei Buchauszüge.

Herr Lück, wie viel Zeit im Jahr verbringen Sie in Ihrem Bulli?
Es war schon mal mehr, mittlerweile bin ich Vater von drei kleinen Söhnen. Früher bin ich einfach losgefahren. Im vergangenen Jahr kam mein Ältester in die Schule. Seitdem hindert mich die Schulpflicht daran, einfach loszufahren. Aber ich bin insgesamt etwa ein Drittel des Jahres unterwegs. Dazu kommen Lesereisen, die ich auch mit Recherchereisen verbinde. Das Reisen mit dem Bus eröffnet mir alle Möglichkeiten, die ich für meine Arbeit brauche. Ich kann bleiben oder auch mal kurz wegfahren, ich habe mein Hotel und mein Büro immer dabei – so arbeite ich seit 20 Jahren und ich will nur noch so arbeiten.

Haben Sie denselben Bulli seit 1996?
Nein, leider nicht. Mein Bus von 1996 war komplett gelb, den hatte ich nur vier Monate. Ich hatte ihn gekauft und bin vier Tage später losgefahren. Am Ende der Reise war er kaputt. Dann musste ich ihn wieder verkaufen. Ich war damals Student und hätte es mir gar nicht leisten können, ihn zu restaurieren. Danach hatte ich einen roten. Und seit knapp 19 Jahren habe ich den blauen. Mit dem habe ich bis jetzt eine halbe Million Kilometer zurückgelegt.

Wie oft streikt er?
Es gibt solche und solche Phasen. Manchmal hat er zwei Jahre nichts und dann passiert regelmäßig etwas. In den 19 Jahren wurde jedes Teil mindestens einmal ausgetauscht – sogar der Motor. Ich bin aber ein bisschen in die Sache reingewachsen und habe immer ein „Ich-helfe-mir-selbst“-Handbuch dabei.

Sie fahren immer noch ohne Navi?
Ja. Ich habe mal ein Navi ausprobiert, aber dann sind komische Sachen passiert – ich kam an Orten raus, an die ich gar nicht wollte. Ich mag es auch nicht, wenn mir jemand sagt, wohin ich fahren soll. Zudem brauche ich kein Navi für meine Arbeit, denn das Gerät kann mir ja nicht sagen, wo ich die nächste Geschichte finde. Ein Navi ist ein Mittel zum Zweck, um schnell von A nach B zu kommen, das ist jedoch nicht meine Art zu reisen. Wenn ich unterwegs bin, nehme ich mir gerne Zeit für bestimmte Orte. Dann bleibe ich einfach dort und schaue, was dieser Ort mit mir macht. Dabei entstehen die Geschichten. Ich habe auch schon meinen Hund Locke entscheiden lassen: ,Locke, wo du jetzt hinguckst, links oder rechts, dahin biegen wir ab.‘ Daran habe ich mich dann strikt gehalten. Als ich später meine Route auf einer Karte einzeichnete, sah das sehr wild aus. Wir sind auch oft in der Pampa gelandet. Aber gar nicht so wenige Geschichten sind genau auf diesem Weg entstanden.

Locke lebt nicht mehr?
Nein, sie ist vergangenes Jahr gestorben. Sie war elf Jahre mit an Bord. 2008 kam sie im Alter von acht Wochen zu mir. Dann sind wir gleich losgefahren. Das war damals die erste Reise, von der ich nicht wusste, wann ich nach Hause komme. Viel Zeit, kein Ziel. Die ersten 20 Monate ist Locke im Bus aufgewachsen.

Zur Person

Oliver Lück
ist Buchautor, Journalist und Fotograf. Der 46-Jährige wohnt in Schleswig-Holstein. Vor „Zeit als Ziel“ veröffentlichte Lück das Buch „Buntland“, in dem er 16 Menschen aus 16 Bundesländern immer wieder besuchte und deren Geschichten aufschrieb. Zusätzlich veranstaltet er rund 100 Lesungen im Jahr. Mehr unter www.zeitalsziel.de

Auf der Frankfurter Buchmesseist Oliver Lück auch am Stand der FR zu erleben. Am Samstag, 19. Oktober, um 14.30 Uhr sprechen die FR-Redakteure Boris Halva und Andreas Sieler mit Lück über dessen Leben auf Rädern. FR

Sie schreiben, dass Sie vor Ihren Reisen in Europa durch ferne Länder gereist sind. Da klang etwas Fernweh mit. Liegt das Schöne manchmal zu nah, um es zu erkennen?
Das denke ich schon, zumindest war es bei mir so. Ich ging damals gleich nach dem Abi mit dem Rucksack nach Indien. Möglichst weit weg, weil nur dort das Abenteuer warten konnte und nicht hier. Der Gedanke liegt ja nahe, wenn man Fernweh hat und ausbrechen möchte, das war bei mir nicht anders. Als ich zurückkam, habe ich aber festgestellt, dass ich gar nicht so weit weg muss, um Buntheit und Vielfalt zu erleben. Meine erste Reise war dann wegweisend: Mit diesem rostigen Bus durch Europa zu fahren, da hatte ich sofort das Gefühl an Bord: ,Ja, das will ich jetzt machen.‘ Diese Reise hat viel in mir ausgelöst, damit wollte ich weitermachen und das mache ich bis heute. Ich fliege auch nicht. Dieses schnelle Reisen – man ist plötzlich da und soll damit zurechtkommen – dafür ist der Mensch nicht gemacht. Aber Fernweh und Heimweh begleiten mich stets, zuhause wie unterwegs. Unterwegs bekomme ich Heimweh, nachdem ich viel Zeit mit den Menschen verbracht habe, über die ich schreibe. Wenn ich dann weiterziehe, entwickle ich sogar einen richtigen Trennungsschmerz, weil wir uns so gut kennengelernt haben. Dann würde ich am liebsten nach Hause fahren, um mich auszuruhen.

Geht es bei Fernweh nicht auch um das Entdecken anderer Kulturen – die findet man ja nicht um die Ecke?
Manchmal wundere ich mich, dass ich selbst mein eigenes Land nicht kenne. Auch nach den zweieinhalb Jahren Recherche für mein Buch „Buntland“. Dass ich schon überall war, heißt ja nicht, dass ich mich überall auskenne. Deutschland ist vielfältig. Da kann man schon ein bisschen alltagsblind werden.

Sie fokussieren stark auf die Menschen. Würden Sie sagen, es gibt den typischen Europäer?
Den Begriff Europäer finde ich etwas abstrakt. Wobei ich mich als Europäer bezeichnen würde. Ich habe eine Verbundenheit zu diesem Kontinent, deswegen will ich ihn ja unbedingt entdecken. Aber für den typischen Europäer ist Europa nicht klein genug. Man unterschätzt das oft, es sind rund 50 Länder, nicht nur die EU. Man bräuchte drei Leben, um diesen Kontinent zu bereisen. Ich kehre auch gerne wieder an Orte zurück, um zu sehen, was die Zeit mit diesem Ort gemacht hat – und um zu sehen, was die Zeit mit mir gemacht hat. Auf Reisen kann ich gut über mich nachdenken. Wenn ich dabei an Orte zurückkehre und sehe, hier hat sich alles komplett gewandelt, dann ist das immer spannend. Der Ort auf dem Buchcover, Stranocum, ist ein sehr passendes Beispiel: Seit Game of Thrones dort gedreht wurde, hat sich dieser Ort grundlegend verändert. Da fahren an manchen Tagen Busse im Fünf-Minuten-Takt hin. Ich hatte das Glück, noch vor dieser Hysterie dort gewesen zu sein.

Sie schreiben auch über Tramper. Begegnen Ihnen noch viele?
Ja, aber nicht in Deutschland. Hier waren es zwei in den vergangenen fünf Jahren, die habe ich beide mitgenommen. Aber in Landstrichen, in denen nur zweimal am Tag ein Bus fährt – das kommt in Europa gar nicht so selten vor – dort gibt es häufiger Tramper. In Irland gibt es noch viele Low-budget-Reisende mit Rucksack, die können oder wollen sich keinen Bus leisten. Auch auf den Kanarischen Inseln trampen noch viele Menschen. Je weiter man Richtung Mitteleuropa kommt, desto weniger werden es.

Oliver Lück.

Im kommenden Jahr wollen Sie geführte Bullitouren anbieten. Wollen Bullireisende nicht lieber alleine los?
Es gibt solche und solche Bulli- und Wohnmobilfahrer. Meine Zielgruppe sind kleinere Busse, nicht diese großen, weißen, ausgestatteten Wohnmobile. Die Idee, mit dem eigenen Haus auf Rädern loszufahren, ist natürlich nicht neu. Aber sie boomt gerade unglaublich. Ich treffe auf meinen Reisen immer mehr Leute, die zum ersten Mal so unterwegs sind, Menschen in allen Altersklassen. Einige von ihnen verbringen ihren Urlaub ausschließlich auf dem Campingplatz. Was ja nicht schlecht ist, aber ein bisschen schade, weil ein Bus wesentlich mehr Möglichkeiten bietet. In Galicien oder in Schweden kenne ich zum Beispiel Fischer, mit denen kann man aufs Meer rausfahren und am Abend den frisch gefangenen Fisch grillen. Mir geht es um mehr, als nur jemandem zu zeigen, wo man übernachten kann. Es geht um die Geschichten, die man unterwegs entdecken kann. Und die möchte ich den Leuten zeigen.

Interview: Andreas Sieler

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