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Jojo Moyes ist vom Erfolg überrascht worden.

Jojo Moyes

„Ich brauche immer einen Plan B“

Die britische Bestsellerautorin Jojo Moyes lieferte mit "Ein ganzes halbes Jahr (Me Before You)" den erfolgrseichsten Roman Deutschlands im Jahr 2013. Im Interview spricht sie über einen Erfolg, mit dem sie nicht mehr rechnete, und die Kunst, Katastrophistin zu sein.

Von Petra Pluwatsch

Fröhlich blickt Jojo Moyes ihrer Gesprächspartnerin entgegen und nippt schnell noch einmal an einem Mineralwasser. Hinter der Besteller-Autorin liegen sechs Stunden Zugfahrt von Bern nach Köln. „Ich war noch nie in Deutschland und wollte etwas von der Landschaft sehen“, sagt sie. „Dafür sind Bahnfahrten ideal.“ Plötzlich stößt sie einen kleinen Schrei aus und deutet auf die bunt gestreiften Schuhe der Interviewerin. „Wo haben Sie denn die her? Die würden meinem Mann auch gefallen.“ 

Frau Moyes, Ihr Mann scheint ja ein prima Handwerker zu sein. Auf Twitter habe ich gelesen, dass er zu Hause gerade eine Tischtennisplatte für die Familie zusammenbaut.
Inzwischen dürfte er das hoffentlich geschafft haben. Die Kinder wollen endlich darauf spielen. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass der Tisch in Einzelteilen bei uns ankommt. 

Würden Sie gern mitspielen?
Nicht unbedingt, aber ich vermisse meine Familie schon sehr. Als ich eben im Hotel ankam, habe ich einen kleinen Jungen gesehen, der genau die gleichen Sommersprossen hatte wie unser jüngster Sohn. Das war hart, aber ich habe mich selber zur Ordnung gerufen und gesagt: Du denkst jetzt nicht an ihn!

Eine erfolgreiche Autorin wie Sie ist doch sicher nicht zum ersten Mal ohne Familie auf Reisen?
Natürlich nicht. Im vergangenen Jahr war ich sogar wesentlich mehr unterwegs. Ich war allein dreimal auf Lesereise in den USA. Zwei der Touren dauerten je zwei Wochen. Das war zu viel für die Kinder. Dieses Jahr mache ich definitiv weniger. Eine Woche Deutschland, zwei Wochen USA. Im Laufe des Jahres noch ein paar Kurztrips nach Europa. Das war’s dann erst mal.

Sie haben allein in Deutschland innerhalb eines Jahres mehr als eine Million Bücher verkauft. Ihr jüngster Roman „Weit weg und ganz nah“ steht seit Wochen ganz oben auf den Bestsellerlisten. Haben Sie mit einem solchen weltweiten Erfolg gerechnet?
Überhaupt nicht. Ehrlich gesagt: Ich bin noch immer ziemlich baff, dass sich plötzlich alle Welt um meine Bücher reißt. Manchmal möchte ich mich am liebsten kneifen, weil ich das alles nicht glauben kann. Zumal ich schon seit mehr als zehn Jahren Romane schreibe, ohne sonderlich erfolgreich zu sein. Ich habe auch nicht erwartet, dass sich das irgendwann noch einmal ändert, sondern einfach immer weitergeschrieben.

Hofft nicht jeder Autor auf den großen Durchbruch?
Das mag schon sein. Ich jedenfalls habe nicht daran geglaubt. Ich habe weitergemacht, weil ich leidenschaftlich gern schreibe. Nach meinem Studium habe ich zunächst als Journalistin gearbeitet, erst für die „Sunday Morning Post“. Für die war ich ein Jahr in Hongkong. Und anschließend fast zehn Jahre für den „Independent“ in London. Als unsere Tochter geboren wurde, ging das nicht mehr. Der Job war einfach zu stressig. Dazu die unregelmäßigen Arbeitszeiten. Also habe ich bei der Zeitung aufgehört und angefangen, Romane zu schreiben. Ich kann mir meine Zeit frei einteilen, und wenn eines der Kinder krank ist, muss ich mir nicht groß Urlaub nehmen, sondern mache einfach eine Schreibpause. Mein Mann arbeitet ebenfalls zu Hause und kann jederzeit einspringen.

Haben Sie eine Idee, woran es lag, dass Sie nicht von Anfang an auf Erfolgskurs waren?
Ich habe eine Weile gebraucht, ehe ich diese Lockerheit hatte, die man braucht, um eine gute Geschichte zu erzählen. Es ist ein großer Unterschied, ob Sie journalistisch arbeiten oder ob Sie Ihrer Fantasie als Romanautor freien Lauf lassen können. Das muss man erst lernen. Die ersten drei Romane sind gar nicht erst veröffentlicht worden. Auch die Verkaufszahlen der nächsten waren nicht berauschend, und selbst als „Eine Handvoll Worte“ und „Ein ganzes halbes Jahr“ in die Charts schossen, habe ich es nicht gewagt, an den ganz großen Erfolg zu glauben. Erst seit „Weit weg und ganz nah“ auf den Bestsellerlisten steht, fühle ich mich ein bisschen sicherer. Ich denke, wenn die Menschen drei Romane von mir mögen, mögen sie vielleicht auch einen vierten oder fünften. Aber es ist ein kompliziertes Geschäft, und man weiß nie, was passiert. Ich hoffe einfach, dass es für mich noch eine Weile so gut weiterläuft wie bisher.

Inwieweit hat dieser plötzliche Erfolg Ihr Leben verändert?
In meinem privaten Umfeld ist eigentlich alles beim Alten geblieben. Wir leben nach wie vor auf einer Farm in Mittelengland mit unseren Hunden und Pferden. Unsere drei Kinder gehen auf die gleichen Schulen wie bisher. Beruflich sieht es ganz anders aus. Auf einmal schicken mir wildfremde Menschen haufenweise Briefe und E-Mails. Ich sitze in Talkshows, gebe Interviews und besuche Orte, von denen ich früher nicht einmal zu träumen wagte. Natürlich bringt dieser Erfolg auch gewisse finanzielle Freiheiten mit sich. Kürzlich haben wir mit der ganzen Familie Urlaub auf Mauritius gemacht. Das wäre früher völlig undenkbar gewesen.

Sand, Strand, Sonne?
Sand, Strand, Sonne, gutes Essen. Ich bin sogar endlich wieder einmal tauchen gegangen, und es hat mir einen Riesenspaß gemacht. Ich habe vor zwei Jahren den Tauchschein gemacht, nachdem ich beschlossen hatte, künftig auch Dinge zu tun, vor denen ich eigentlich Angst habe. Und jetzt bin ich eine leidenschaftliche Taucherin. Auch wenn ich dieser Leidenschaft in Mittelengland nur bedingt frönen kann.

Warum machen Sie etwas, vor dem Sie Angst haben?
Es ist ein bisschen wie in meinem Roman „Ein ganzes halbes Jahr“. Darin sagt der gelähmte Will zu seiner jungen Pflegerin Louisa: „Jetzt fang endlich an zu leben. Probiere Dinge aus, die du noch nie gemacht hast.“ Wenn Sie so etwas schreiben, zwingt Sie das, auch einmal einen Blick auf Ihr eigenes Leben zu werfen. Und ich musste leider feststellen: Du lebst ja selber nicht. Hinzu kam, dass damals eine Tante von mir todkrank war. Sie war immer eine sehr lebenslustige Person gewesen, und jetzt konnte sie aus eigener Kraft nicht einmal mehr ihr Bett verlassen. Während ich mit meiner Flugangst zu Hause saß und dachte: Was würde sie wohl dafür geben, noch einmal in ihrem Leben in ein Flugzeug steigen zu können? Also habe ich zu mir gesagt: Los jetzt, fang‘ endlich an zu leben.

Was kommt als nächstes – Bungee-Jumping?
Vielleicht versuche ich es mal mit Skifahren. Das habe ich auch noch nicht ausprobiert.

Ihre Romane sind in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Vor allem Frauen verschlingen sie. Haben Sie eine Idee, woran das liegen könnte?
Darüber habe ich auch schon oft nachgedacht, und ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung, warum meine Bücher plötzlich funktionieren. Ein Kritiker von „Weit weg und ganz nah“ schrieb kürzlich, die Leserinnen hätten keine Lust mehr auf diese sogenannte Frauenliteratur. Auf diese toughen, durchgestylten Karrierefrauen, die alles wollen, alles können und sich gegenseitig mit Wonne von der Karriereleiter schubsen. Meine Bücher handeln von ganz normalen Durchschnittsfrauen, die in außergewöhnliche Situationen geraten und versuchen, diese so gut es geht zu meistern. Damit können sich viele Leserinnen identifizieren. Außerdem glaube ich, dass es wichtig ist, die Menschen auch emotional anzusprechen. Und genau das tun meine Bücher. Sie bringen die Menschen zum Lachen und zum Weinen.

Ihre Protagonistinnen stammen häufig aus der Arbeiterklasse. Sie sind ungebildet, haben miese kleine Jobs und wenig Hoffnung, etwas abzubekommen vom großen Kuchen. Welche Berührungspunkte haben Sie mit Frauen wie Louisa Clark und Jess Thomas?
Sie sind ein bisschen wie die Mädchen, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich komme aus einer ziemlich rauen Gegend in London, aus Hackey. Heute ist es dort zwar ganz nett, aber in den 80er Jahren war das kein gutes Pflaster für Heranwachsende. Die Kids lernten nichts, sie taten nichts. Und sie hatten keinerlei Ambitionen, daran etwas zu ändern. Niemand hat ihnen jemals gesagt, dass sie etwas wert sind und etwas aus ihrem Leben machen können. Also haben sie auch nichts daraus gemacht.

Wie haben Sie es geschafft, einen anderen Weg zu gehen?
Meine Eltern hatten zwar kein Geld, aber sie waren sehr ehrgeizig, was mich betraf. Ich durfte eine Privatschule besuchen, und auch später haben sie mich in jeder Hinsicht unterstützt. Ihr Credo war: Auch wenn du ein Mädchen bist, wenn du dich nur genug anstrengst, kannst du alles erreichen, was du erreichen willst.

Welche Fähigkeiten muss eine junge Frau heute mitbringen, um ihr Leben zu meistern?
Ich glaube, das Wichtigste ist Einfallsreichtum. Findigkeit. Die Fähigkeit, eine Situation richtig einzuschätzen und zu versuchen, irgendwie durchzukommen. Jess aus „Weit weg und ganz nah“ hat diese Fähigkeit. Sie sagt sich: Okay, wenn eine Sache nicht funktioniert, dann versuch ich halt etwas anderes. Ed geht diese Fähigkeit völlig ab. Als der seine gesamte Existenz zu verlieren droht, ist er komplett handlungsunfähig, eben weil ihm diese Flexibilität von Frauen wie Jess fehlt.

Was hat Sie zu der Geschichte von Jess und Ed inspiriert?
Ich interessiere mich generell für Dinge, die nicht rund laufen in unserer Gesellschaft. Manchmal gibt eine kleine Zeitungsmeldung den Anstoß zu einer Geschichte, manchmal ein Gespräch im Freundeskreis oder eine Nachrichtensendung. Bei „Weit weg und ganz nah“ war es eine Freundin. Sie arbeitet wie Jess als Putzfrau und erzählte mir eines Tages, dass ihr eine Kundin eine Tür ins Gesicht geschlagen habe. Sie erinnern sich an diese Szene im Buch? Ich kenne diese Kundin als höflichen, netten Menschen und war total schockiert über den Vorfall. Warum tut jemand so etwas? Irgendetwas in meinem Kopf sagte mir sofort, das könnte der Beginn einer Geschichte sein über den Unterschied zwischen Arm und Reich.

Und Ihre Fantasie fing unverzüglich an zu arbeiten?
Genau. Es kommt vor, dass ich eine Idee erst einmal drei, vier Monate mit mir herumtrage, ehe ich anfange zu schreiben. Ich brüte sie gewissermaßen aus. Manchmal funktioniert sie und es entsteht, wie in diesem Fall, ein Buch daraus. Und manchmal schreibe ich 20 000 Wörter, um irgendwann festzustellen: Das war’s leider nicht. Die Geschichte lebt nicht. Das ist natürlich bitter, aber was wollen Sie machen?

Und dann?
Dann werfe ich alles weg. Bei meinem vorletzten Roman „The Girl, you left behind“ war es besonders schlimm. Er spielt im Ersten Weltkrieg und kommt in Deutschland erst im nächsten Jahr auf den Markt. Ich hatte bereits 150 000 Wörter geschrieben, aber irgendetwas daran hat mich die ganze Zeit gestört. Also habe ich 70 000 Wörter wieder gelöscht.

Ups!
Das Problem war, dass ich bis zur Abgabe nur noch vier Monate Zeit hatte. Es war ein einziger Alptraum, aber meine Entscheidung war richtig. Sie merken genau, wenn etwas nicht stimmt mit einer Geschichte. Es ist wie pochender Zahn. Den können Sie auch nicht ignorieren.

 Wie oft passiert Ihnen so etwas?
Zum Glück nicht allzu häufig. Ich habe allerdings festgestellt, dass es mir mit jedem Buch schwerer fällt, überhaupt anzufangen. Früher habe ich mich hingesetzt und drauflos geschrieben. Heute denke ich viel mehr darüber nach, weil ich weiß, was alles schiefgehen kann. Meine Lektorin sagt immer: Hör auf zu denken. Schreib einfach.

Was machen Sie, wenn Sie feststecken und Ihnen die Zeit davonläuft?
Ich habe ein zweites Arbeitszimmer bei uns im Dorf. Es liegt über einem Friseursalon. Dahin kann ich mich zurückziehen, wenn es bei uns zu Hause zu turbulent wird. Mein Mann und ich haben außerdem zusammen mit einem befreundeten Ehepaar ein kleines Apartment in Paris: kein Internet, kein Telefon, nur ein Tisch und ein Bett. Wenn ich mich hoffnungslos in die Ecke geschrieben habe und die Zeit drängt, fahre ich dorthin und arbeite drei Tage und zwei Nächte durch. Danach bin ich in der Regel raus aus dem Loch.

Ein Apartment in Paris? Hört sich wunderbar an.
Das ist es auch. Jeder Mensch braucht so einen Rückzugsort. Denken Sie an Virginia Woolfs Essay „Ein Zimmer für sich allein“. Als wir uns entschlossen, dieses Apartment zu mieten, saß ich mit meinem Freund Sam in einem Café in Paris. Die Kinder waren weit weg in England in der Schule, und ich dachte nur: Das ist Freiheit. Hier bin ich einfach nur ich selber.

 Ihr bislang größter Erfolg war „Ein ganzes halbes Jahr“, ein Roman über das Thema Sterbehilfe. Was hat Sie an diesem Stoff gereizt?
Das Buch ist inspiriert durch einen realen Fall, der in Großbritannien vor einigen Jahren für heftige Diskussionen sorgte. Ein junger Rugbyspieler, Daniel James, war nach einem Sportunfall fast vollständig gelähmt und wollte so nicht weiterleben. Er hat mehrmals versucht, sich umzubringen, bis seine Eltern schließlich mit ihm in die Schweiz fuhren, wo er sein Leben mit Hilfe der Sterbehilfeorganisation Dignitas beenden konnte.

Käme eine solche Option auch für Sie selbst infrage?
Wenn ich todkrank wäre, würde ich es auf jeden Fall vorziehen, selber zu bestimmen, wann ich gehen möchte.

Sollte jedem Menschen diese Möglichkeit offenstehen?
Das ist eine schwierige Frage. Durch den medizinischen Fortschritt werden die Menschen immer länger am Leben erhalten, egal, in welcher Verfassung sie sind, und egal, was sie selber wollen. Nur, was machen wir anschließend mit ihnen? Wissen wir, ob sie ihre Leben noch als lebenswert erachten? Und wer will beurteilen, wann für ihn selbst der richtige Zeitpunkt zum Sterben gekommen ist? Niemand kann wissen, ob er sich nicht in einem Monat anders entscheiden würde. Nur – dann ist es zu spät. Ich habe damals auch mit einem Rechtsanwalt gesprochen, der sich vehement gegen eine entsprechende Gesetzesänderung in Großbritannien einsetzt. Er sagte, es gehe nicht nur darum, dass die Betroffenen selber entscheiden dürfen, wann sie ihrem Leben ein Ende setzen. Man müsse sie auch vor anderen Menschen schützen, vor raffgierigen Verwandten zum Beispiel, die sie möglicherweise aus purem Eigennutz zu etwas drängen, was sie selbst gar nicht wollen.

Sie selbst bezeichnen sich in Ihrem Twitter-Account als „Katastrophistin“. Heißt das, dass Englands erfolgreichste Bestsellerautorin stets mit dem Schlimmsten rechnet?
So pessimistisch bin ich zum Glück nicht. Ich sorge lediglich dafür, dass ich immer einen Plan B habe für den Fall, dass mal etwas schief geht. Das ist übrigens der Unterschied zwischen einem Pessimisten und einem Katastrophisten. Der Pessimist lebt stets in der Erwartung einer Katastrophe. Der Katastrophist rechnet zwar damit, hat aber bereits eine Idee, wie er die Situation doch noch retten kann.

Sie haben also immer einen Plan B?
Immer. Ich brauche die Gewissheit, dass ich die Dinge im Griff habe, egal, was passiert. Mein Mann ist da ganz anders. Der ist gnadenlos optimistisch und sagt: Was willst du denn? Mach dir nicht so viele Gedanken, läuft doch alles super. Ja, weil ich dafür sorge, dass alles super läuft. Vielleicht funktioniert unsere Ehe deswegen so gut. Weil wir sehr gegensätzlich sind und uns wunderbar ergänzen.

Wem ähneln Ihre Kinder?
Ich glaube, eher nach meinem Mann. Ich versuche allerdings auch, sie meine Ängste nicht spüren zu lassen, damit sie nicht genauso ängstlich werden wie ich. Ich bestärke sie sogar, ab und zu etwas zu wagen. Wenn sie auf einen Baum klettern wollen, sollen sie raufklettern. Meine Tochter hat ein großes, starkes Pferd, mit dem sie über die Felder jagt. Natürlich habe ich Angst, dass ihr etwas passieren könnte, aber Kinder müssen ihre eigenen Fehler machen und daraus lernen. Dafür sind sie Kinder.

Einer Ihrer beiden Söhne ist gehörlos. Wie haben Sie und Ihr Mann reagiert, als Sie davon erfuhren?
Es war ein Riesenschock. Wir hatten keine Ahnung, woher er diese Behinderung hat. Niemand in unserer Familie ist gehörlos. Inzwischen wissen wir, dass mein Mann und ich beide ein entsprechendes Gen haben. Unser Sohn hatte einfach Pech. Es hat bestimmt eine Woche gedauert, ehe wir uns von dem Schock erholt hatten und uns sagen konnten: Okay, er ist gehörlos, aber er ist noch der gleiche quicklebendige, süße Junge wie vorher. Dann haben wir angefangen zu überlegen, was wir tun können, um ihm zu helfen.

Plan B?
Plan B. Und er hat funktioniert. Inzwischen ist unser Sohn neun Jahre alt, und wir denken überhaupt nicht mehr darüber nach, dass er gehörlos geboren wurde. Er trägt ein Cochlea-Implantat, mit dessen Hilfe er hören kann, besucht eine Regelschule und ist ein rundum glücklicher kleiner Junge.

Wie haben Sie anfangs mit ihm kommuniziert?
In Gebärdensprache. Es gibt Bücher, mit deren Hilfe man die einzelnen Gebärden lernen kann. Inzwischen benutzen wir sie nicht mehr, höchstens mal, wenn wir im Schwimmbad sind und er das Gerät nicht tragen kann. Ansonsten interessiert ihn das alles nicht mehr. Kaum hatte er nach der Operation den ersten Ton gehört, hörte er auf zu gebärden.

Wäre es für Sie vorstellbar gewesen, ihn als Gehörlosen mit seiner eigenen Sprache und Kultur aufwachsen zu lassen?
Wir wollten nicht, dass er der einzige Gehörlose in einer hörenden Familie ist. Hinzu kommt, dass unser Bauernhof recht abgelegen ist. Es wäre also schwierig für ihn gewesen, gehörlose Freunde zu finden. Er wäre sehr isoliert gewesen. So haben wir ihm die Chance gegeben, selber zu wählen. Wenn er später als Gehörloser leben will, braucht er nur seine „Ohren“ abzunehmen. Manchmal tut er das jetzt schon. Er mag zum Beispiel keine Orgelmusik, und wenn wir in der Kirche sind, schaltet er die Dinger sofort ab.

Wann dürfen wir mit Ihrem nächsten Roman rechnen?
Ich fürchte, darauf werden Sie noch ein Weilchen warten müssen. Im Moment arbeite ich an dem Drehbuch zu „Ein ganzes halbes Jahr“. Allerdings schwirrt mir bereits eine kleine Idee im Kopf herum. Ich weiß nur noch nicht, ob etwas draus wird.

Vielleicht sollten Sie ein paar Tage nach Paris fahren, um der kleinen Idee auf die Sprünge zu helfen?
Paris hilft mir leider nur, wenn ich bereits weiß, was ich schreiben will. Sonst wandere ich den ganzen Tag durch die Straßen und trinke einen Kaffee nach dem anderen. Aber jetzt möchte ich endlich wissen, woher Sie diese Schuhe haben. Ich hoffe, nicht aus Paris.

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