"Überall sind Menschen, überall passieren Dinge. Das ist wie ein Schlaraffenland der Möglichkeiten", sagt Alexa Feser.
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"Überall sind Menschen, überall passieren Dinge. Das ist wie ein Schlaraffenland der Möglichkeiten", sagt Alexa Feser.

Alexa Feser

"Ich brauche immer dieses Steinchen im Schuh"

  • Boris Halva
    vonBoris Halva
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Alexa Feser über das Bedürfnis, in Bewegung zu bleiben, die Nachteile des modernen Musikhörens und das Glück, Geschichten zu erzählen, die das Leben schreibt.

Um Punkt 12 Uhr klingelt das Telefon. Alexa Feser ist zwar eine Künstlerin und „ein Flattervogel“, wie sie sagt, aber mit einem klassischen moralischen Korsett. Zusagen einhalten, Freunden beistehen, pünktlich sein – all das ist der 38-Jährigen wichtig. Während es in Berlin, wo Alexa Feser seit elf Jahren lebt, eher trüb und kalt ist, beginnt es vor den Fenstern am anderen Ende der Leitung in Frankfurt zu schneien. Über die Sehnsucht nach Schnee und Schlittenfahren landen wir in ihrer Geburtsstadt Wiesbaden, wo sie im Verlauf ihrer aktuellen Tournee in der Ringkirche auftreten wird. Die Sängerin, die sonst eher auf einem elektronischen Fundament ihre Lieder wachsen lässt, fährt mit dem Streichquartett „Berlin Strings“ durchs Land und zeigt sich von ihrer leisen Seite. Eigentlich, sagt sie, müsste sie sich etwas mehr Zeit für Wiesbaden nehmen, ein paar Orte von früher abklappern. Aber der Tourplan ist straff. Andererseits: Alexa Feser schläft zwar viel – aber sonst braucht sie Bewegung. Es muss weiter gehen. 

Frau Feser, vermissen Sie manchmal die Stadt Ihrer Kindheit?
Nicht wirklich. Ich lebe jetzt elf Jahre in Berlin und denke gerne an die Zeit in Wiesbaden zurück. Ich liebe meine Heimat, aber Wiesbaden ist keine Stadt des Aufbruchs, eher eine Stadt des Ankommens. Ich will noch nicht ankommen. Wenn Leute sagen, sie seien angekommen, klingt das für mich immer nach einem Bein im Sarg. Wahrscheinlich meinen die Menschen eher das, wenn sie sagen, sie seien angekommen. Ankommen ist immer nur eine temporäre Sache. Und auch das versuche ich für mich eher zu vermeiden. Ich fand immer die Momente schön, in denen ich erkannt habe: Es gibt noch so viel zu ergründen. Ich möchte mir selber auch immer noch ein Mysterium sein. 

Aber mit Mitte Dreißig hat man die Welt und sich selbst doch schon ein bisschen entzaubert, oder nicht?
Ende Dreißig! Ich bin schließlich schon 38. Es wird langsam eng mit Mitte Dreißig! – Aber mir gefällt das Gefühl der Souveränität, das sich bei mir allmählich einstellt. Ich hab mich früher unheimlich wichtig, alles sehr ernst, sehr genau genommen. Das verschwindet mit den Jahren. Gott sei Dank!

Sich wichtig nehmen, ernsthaft und genau sein – das sind keine schlechten Eigenschaften, wenn man Kunst machen will. 
Sich in der Sache wichtig zu nehmen ist okay! Ich war immer eine Suchende und Zweifelnde und werde das auch bleiben. Mit der Zeit habe ich aber diese, ich nenne es mal: Unzulänglichkeiten für mich in eine Stärke gewandelt. Ich bin raus auf die Bühne, weil ich das runterschreiben und verarbeiten musste. Es waren eher die Dinge, die ich so ernst genommen habe, Dinge, die mich gestört haben, die ich dramatisiert habe. Das ist heute nicht mehr so – ich kann heute über gewisse Dinge schmunzeln und bewahre mir so mehr Kraft für die Dinge, die mir wichtig sind. 

Der Jahreswechsel ist auch immer eine Gelegenheit, Ballast abzuwerfen, zu neuen Ufern zu streben. Spüren Sie das auch?
Ich spüre da auf jeden Fall eine stärkere Verbindung zur Zukunft, zu dem, was vor mir liegt. Aber ich bin sowieso ein Mensch, der nach vorne blickt, eine Macherin, Ich muss etwas tun – und in dem Moment, in dem ich es tue, ist es interessant. Danach ist es getan. 

In Erinnerungen schwelgen ist nichts für Sie?
Überhaupt nicht, im Gegenteil. Ich schwelge in Zukunftsplänen, in Gedanken an das. was ich machen möchte. Wenn Leute sich unterhalten, wie etwas gewesen ist, dann merke ich manchmal, dass ich mich überhaupt nicht erinnern kann. Ich bin immer so mit dem Moment beschäftigt, dass ich das wohl nie in einem größeren Zusammenhang abspeichere. 

Sondern?
Ich weiß nicht, aber ich habe mal irgendwo gehört, man erinnert sich nicht an den tatsächlichen Moment, sondern immer nur an die letzte Erinnerung. Die Erinnerung ist also die Erinnerung an die letzte Erinnerung. 

Eine sehr poetische Umschreibung des Vergessens...
Alles verblasst ja relativ schnell. Ich ertappe mich häufiger dabei, dass ich weiß, ein Erlebnis war ganz intensiv – aber die Erinnerung daran ist es nicht. Mir ist aber ohnehin wichtiger, dass was passiert und ich weiß, da hab ich Lust drauf, als dauernd was aus der Erinnerungskiste zu kramen. 

Erinnerungen sind ja auch Geschichten, die von Menschen handeln – und die spielen für Ihre Musik eine wichtige Rolle. 
Total, das ist Teil meines Jobs und ich liebe es! Ich bin immer auch ein Voyeurist. Ich beobachte, ich sitze auf Bänken oder in Cafés oder Restaurants – und das meistens auch alleine. Man sieht übrigens selten Frauen alleine in Restaurants ... 

… die dann auch noch in Notizbücher schreiben?
Ich lasse auch manchmal mein Diktiergerät mitlaufen, weil ich so spannend finde, was ich da höre. Und das muss noch nicht mal ein Gespräch sein, das kann auch nur die Kulisse sein, die Geräusche im Park oder in einem Restaurant. Und diesen Klangteppich breite ich manchmal zu Hause aus und spiele dazu auf meinem Piano. Aus dieser Stimmung kann dann ein Lied entstehen. Alles ist Information und damit auch Inspiration. Düfte und Geräusche sind total inspirierend. Wenn man über Schnee läuft. Dieses Knacken und Knirschen. Da fällt mir ein, das will ich unbedingt mal aufnehmen, dieses Geräusch.

Da steckt so viel drin, wohl vor allem Kindheit. Bei Gerüchen ist das genauso: man riecht etwas und bevor man weiß, woran einen dieser Geruch erinnert, macht es Klick – und man steht wieder in Omas Küche. Oder im Kindergartenflur.

Oh ja! Der Geruchssinn ist der stärkste Erinnerungssinn, den wir haben. Stärker als jede Erinnerung, die wir im Kopf haben können. Man riecht gebrannte Mandeln und ist plötzlich vier Jahre alt. Und fühlt sich auch so.

Haben Sie schon immer die Menschen beobachtet, ihnen zugehört? Oder kam das erst übers Musizieren?
Dieses Interesse für andere Menschen hatte ich schon als Kind. Wenn ich abends hinten im Auto meiner Eltern saß und wir durch die Straßen unserer Stadt gefahren sind, die Fenster hell erleuchtet, dann habe ich in die Häuser und Wohnungen geschaut. Manchmal habe ich Menschen gesehen, manchmal nicht, manche hatten nur dichte Vorhänge an den Fenstern. Das finde ich auch heute noch spannend: Vorbeifahren und einen Blick werfen. Zumal ich ja heute in Berlin wohne. Einer riesigen Stadt, in der überall Menschen hinter Fenstern leben, überall! Überall Menschen, überall passieren Dinge. Das ist wie ein Schlaraffenland der Möglichkeiten und dann kann man sich überlegen, was da wohl gerade passiert, da, im Überall. Und natürlich ist es auch die Neugierde, dass ich mich frage: Bin ich alleine mit dem, was ich fühle und was mich beschäftigt, fühlen andere das anders und wenn ja, wie? 

Also nicht nur schauen, sondern auch reinfühlen, mitfühlen?
Es geht mir immer ums Gefühl, nie darum, was Leute machen. Deswegen hab ich auch schon immer gerne zugehört, wenn sich Leute unterhalten. Ich hab einen Song, „Linie 7“, der zeigt, wie sehr mir diese Beobachterrolle gefällt. Da geht es darum, dass ich ganz viele Menschen an der S-Bahnstation am Alexanderplatz kennengelernt habe. Menschen, die mir irgendwann, aus unerfindlichen Gründen ihre Lebensgeschichte erzählt haben und ihren emotionalen Weg da durch – obwohl ich das nicht eingefordert habe. Ich saß wohl einfach nur viel zu lange auf dieser Bank. 

Es gibt ja die Theorie, dass Menschen merken, wenn man empfangen möchte – und dann senden.
Mag sein, aber ich bin auch nicht so wie Karla Kolumna, die sich da hinsetzt und die Leute wild ausfragt. Aber ich dachte: Wow, in einer kurzen Zeit so viele Lebensgeschichten erzählt zu bekommen, an einem Ort, einer S-Bahnstation. Ich hab das dann mal auf alle Menschen hochrechnet, die diesen Platz stündlich kreuzen, So viele Menschen, alle mit ganz unterschiedlichen Leben. Ich hatte ja eine Zeitlang Sorge, dass es irgendwann nichts mehr gibt, worüber ich schreiben kann. Aber dann fiel mir auf: Wenn ich der Beobachter bin, kann ich das immer. 

Was ist mit Ihren eigenen Geschichten?
Klar gibt es auch aus meinem Leben Geschichten, aber die müssen ja auch gelebt und gesammelt werden, das dauert viel länger. Wenn ich andere Menschen kennenlerne, dann bekomme ich im Zeitraffer Einblick in so viele Welten, in emotionale Geschichten. Das ist ja auch eine Art Eigentherapie, anderen dabei zuzusehen, wie sie in bestimmten Situationen reagieren. Man setzt sich ins Verhältnis und fragt sich, wie hätte ich das wohl hingekriegt? Das macht einen auch wieder klein und demütig. Und ich mag dieses Gefühl, klein und unwichtig zu sein. Das nimmt einem den Druck.

Nicht wenige Menschen fühlen sich klein und unwichtig - und deshalb unwohl. 
Für mich ist wichtig, das Leben aus verschiedenen Perspektiven zu sehen und immer wieder aufs Neue zu erkennen, es gibt so viele Möglichkeiten. Im Grunde ist das Leben wie ein Song: Es gibt tausend Arten, Töne zu kombinieren – und du entscheidest dich für eine. 

Apropos Entscheiden: Sie ziehen jedes Mal, bevor Sie ein neues Album aufnehmen, in einen anderen Stadtteil. Auf den ersten Blick ein Perspektivwechsel – man könnte aber auch vermuten, Sie laufen vor etwas davon.
Nein, es geht mir eher darum, nicht zu bequem zu werden. Irgendwann, wenn man eine Weile in derselben Wohnung lebt, stellt sich eine gewisse Bequemlichkeit ein. Man kennt die Leute in seinem Kiez, man weiß, wo man hingehen kann. Die Schemata sind abrufbar. Und ich will nicht an diesen Punkt kommen, an dem alles bequem und vorhersehbar wird. 

Warum nicht?
Da entsteht bei mir nichts Neues im Schreiben. Ich brauche immer dieses Steinchen im Schuh, ich muss die Bewegung spüren. Und es scheint so zu sein, dass es für mich und meine Arbeit wichtig ist und so die lebendigeren Sachen entstehen. Deswegen habe ich mich für diesen Weg entschieden – obwohl ich sagen muss, es wird inzwischen so teuer in Berlin, dass ich nicht weiß, wie lange ich das noch so machen kann mit dem immer weiter ziehen. Ich bin ja als Künstler jetzt nicht gerade privilegiert, um mir das permanent leisten zu können.

Dabei denkt man ja immer, Popstars läge die Welt zu Füßen …
Nein, es ist wirklich nicht leicht. Es ist im Grunde wie in der freien Marktwirtschaft, es sind vor allem die großen Fische, die großen Firmen, die das ganze Geld machen und für die kleinen bleibt eben nur ein bisschen was übrig. Und durch das Konsumverhalten der Menschen wird auch der Musik stetig der Wert entzogen. Das ist eine Entwicklung, die ich jetzt gar nicht als gut oder schlecht abstempeln will, aber es ist eine merkwürdige Veränderung zu spüren, die sich auch auf das Komponieren auswirkt. 

Inwiefern?
Etwa dadurch, dass manche Streaming-Dienste die ersten 30 Sekunden eines Liedes gar nicht als gehörte Zeit werten. Also  müssen Lieder jetzt wohl so geschrieben werden, dass man auf jeden Fall länger  dran bleibt, sonst wird das nicht gezählt. Aber ein Lied besteht ja nicht nur aus den ersten 30 lauten, Effekt heischenden Sekunden – das ist keine einfache Entwicklung. Vor allem für Singer-Songwriter wie mich, die ihren Liedern ja auch Zeit geben, um zu wachsen, um sich aufzubauen. Für mich ist Zeit auch nichts, das ich mir begrenzen möchte. Ich lasse mich da auch nicht verwirren, aber ich finde es angesichts der finanziellen Verteilung doch verdächtig leise unter uns nicht so bekannten Künstlern. 

Es scheint an der Zeit für den guten alten Protestsong ... 
Es geht mir gar nicht darum, mich zu beklagen, sondern um die Menschen, über die ich schreibe, die Situationen, in denen ich sie kennenlerne, die Weisheiten, die sie mir mitgeben – all das zusammengenommen ist der Grund, warum ich auf der Bühne stehe. Ich bin im Grunde ein Katalysator – andere machen das in Büchern, in Reden. Schade ist nur, dass man die Menschen, die Großes leisten, nicht immer kennt. Warum fasziniert es die Menschen eher, wenn einer auf der Bühne singt und tanzt, als wenn einer von den Ärzten ohne Grenzen über seine Zeit in Indien spricht, wo er Lippenspalten operiert? Der könnte ja auch Applaus bekommen. Das wäre sogar ehrenwerter.

Für den Lauf der Welt hat es sie ja immer alle gebraucht: die Ärzte, die Schmiede, die Bäcker, aber eben auch die Narren und Minnesänger. 
Absolut. Und ich glaube, dieses ganze Applausding und die ganzen Eitelkeiten muss man auch nicht zu wichtig nehmen. „Don’t believe the hype“, diesen Satz mag ich sehr gerne. Denn: So interessant man in dem einen Moment erscheinen mag, so schnell kann es auch wieder vorbei sein. Und das muss man sich immer vor Augen halten: Es geht nicht um einen selbst, es geht darum, was die Menschen fasziniert an dem, was man tut. 

Interview: Boris Halva

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