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Mila: „Mir ist bewusst, dass ich aus einer sehr privilegierten Position spreche.“
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Mila: „Mir ist bewusst, dass ich aus einer sehr privilegierten Position spreche.“

Sexarbeit

Fotograf Tim Oehler: „Ich bin weit davon entfernt, Sexarbeit zu romantisieren“

  • Boris Halva
    VonBoris Halva
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Der Fotograf Tim Oehler ist durch Deutschland gereist und hat Menschen getroffen, die Sex und Erotik gegen Geld anbieten. Ein Gespräch über Kunst, Klischees und Konventionen

Herr Oehler, das Buch in lila Samt gebunden, auf den Fotos weiche Konturen und vielfarbige Lichtspiele – haben Sie keine Sorge, man könnte Ihnen vorwerfen, Sie inszenierten Sexarbeit als Kuschelstunde?

Warum sollte ich?

Immerhin gibt es nach wie vor viele Menschen, die sich aus finanzieller Not prostituieren oder von Menschenhändlerringen dazu gezwungen werden

Das gibt es leider viel zu häufig, klar, aber es gibt eben auch Menschen wie die, die ich porträtiert habe. Und die sagen: Sexarbeit ist gesetzlich geregelt, was auch ein Weg ist, Zwangsprostitution und Menschenhandel einzudämmen. Ich bin weit davon entfernt, Sexarbeit zu romantisieren. Außerdem: Ausbeutung findet man auch auf jedem Spargelfeld, in Gastroküchen und im Pflegebereich.

MILA

Vor ein paar Jahren hatte ich ein Tinderdate, wobei im Vorhinein abgesprochen war, dass wir Sex haben werden, wenn wir uns nicht ganz unsympathisch sind. Also fuhr ich frisch geduscht durchs Ruhrgebiet zu ihm. Wir redeten kurz und hatten dann Sex, rauchten danach noch eine Zigarette und ich ging.

Als ich aus seiner Haustür ging, dachte ich, dass ich dafür locker 150 Euro hätte nehmen können. Ich rief eine Freundin an, um meinen Gedanken dazu mit ihr zu teilen. Sie lachte und stimmte mir zu.

Dann setzte ich mein Vorhaben um und nahm Geld für Sex. Für mich persönlich hat das etwas mit sexueller Selbstbestimmung zu tun. Ich habe keine Lust auf One-Night-Stands mit Menschen, die nicht auf meine Bedürfnisse eingehen und mich am nächsten Morgen mit ihrem Mansplaining nerven. Wenn jedoch im Vorfeld abgesprochen wird, dass es sich um eine Dienstleistung handelt, wobei Wünsche, eigene Grenzen und die Bezahlung genau abgesprochen werden, ist es für mich ein Rahmen, in dem ich mich wohlfühlen kann. Bei privatem Sex habe ich leider häufig die Erfahrung gemacht, dass eine offene und ehrliche Kommunikation fehlte. Sex ist oft ein Thema, das schambehaftet ist.

Zudem steht Sexarbeit für mich in einem direkten Zusammenhang mit bezahlter Bildungsarbeit. Durch Gespräche mit Kund:innen können Vorstellungen von Sex, die häufig durch den Konsum von Mainstream-Pornos geprägt sind, reflektiert werden. [...] Ich arbeite als Sozialarbeiterin, von meinem Gehalt kann ich gut leben, jedoch werde ich damit keine großen Sprünge machen können und möchte das Geld meiner Sexarbeit in unterstützenswerte Projekte fließen lassen und mir irgendwann einen Bus leisten können. Mir ist bewusst, dass ich hierbei aus einer sehr privilegierten Position spreche und ich mir es aussuchen kann. Dennoch ist keine Arbeit eine ganz freie Entscheidung innerhalb des kapitalistischen Systems, in dem wir leben.

Wie kamen Sie auf die Idee, Menschen zu porträtieren, die Sex und Erotik gegen Geld anbieten?

Der Impuls kam 2015 nach dem Besuch einer Ausstellung in Paris. Es ging um die Darstellung der Prostitution in der Malerei bis 1910, da waren Lautrec und Degas und andere aus dieser Liga am Start. Eine tolle Schau! Am Abend hab ich mich mit meiner Kamera durch Paris treiben lassen und bin an einem Straßenstrich gelandet. Dort fiel mir auf, dass die Prostituierten im Museum mit Ahs und Ohs bestaunt wurden, während da draußen auf der Straße den identischen Sujets mit ganz viel Abschätzigkeit begegnet wurde. Diese Diskrepanz fand ich seltsam. Deshalb habe ich bei meinem Projekt auch das alltägliche Leben der Porträtierten jenseits der Sexarbeit gezeigt.

Wie haben Sie den Kontakt geknüpft?

Ich bin total naiv über die Reeperbahn gelaufen mit der Tasche voller Visitenkarten und dachte, so finde ich die Leute für das Projekt. Aber da habe ich mir eine blutige Nase geholt... Ist ja klar, die waren am Arbeiten und hatten keine Lust, über ein Fotoprojekt zu reden. Ich hab das dann nochmal probiert, wieder ohne Erfolg, und hatte das Projekt eigentlich abgeschrieben. Aber dann kam Corona und es gab in Hamburg die Initiative „Sexy Aufstand Reeperbahn“, mit der die Sexarbeiter:innen zeigen wollten: „Hey, uns gibt es auch noch!“ Und da war ein Verein eingebunden, mit dem habe ich Kontakt aufgenommen. Die wollten, dass ich mein Projekt beschreibe und haben das an ihre Leute weitergeleitet. Und dann kamen die Anrufe und die Kurznachrichten. Und so kam ich von einem zur nächsten. Von Hamburg nach Leipzig, dann nach Stuttgart und Frankfurt, Berlin, Köln und Dresden – kreuz und quer durch Deutschland. Auch da hat mir Corona geholfen, denn die Leute hatten Zeit, weil sie nicht arbeiten durften.

Tim Oehler

Welchen Klischees oder falschen Vorstellungen Ihrerseits sind Sie begegnet, als Sie Einblick in die Leben der Tabledancerinnen und Erotik-Masseure bekommen haben?

Es waren zwei Einsichten bemerkenswert: Mich hat überrascht, dass die Kundschaft der Männer, die ich porträtiere, vor allem aus heterosexuell lebenden Männern besteht. Und mich hat beeindruckt, wie entspannt die meisten waren. Sie müssen sich natürlich zur Schau stellen, das ist Teil des Jobs, aber sie waren alle unheimlich frei im Kopf.

Ron: „Empathie war der heilende Weg.“

RON HADES

Ich arbeite seit 2018 als dominanter Sexarbeiter in Berlin. Das Thema BDSM war am Anfang für mich mit viel Scham verbunden. In meinem Herkunftsland Korea werden Menschen, die Interesse an solchen Sexualpraktiken haben, als krank stigmatisiert. Deshalb war es schwer für mich, mir meine Präferenzen einzugestehen. Vor allem der Umgang mit Gästen, die ebenfalls viel Schamgefühl mit sich tragen, hat mir geholfen, mit mir und meiner Karriere als Sexarbeiter ins Reine zu kommen. Empathie war der heilende Weg.

Auch das Thema Sexarbeit allgemein war durch persönliche Erlebnisse belastet: Ich hatte als Junge mehrere Stiefmütter, die als Sexarbeiterinnen tätig waren. Ihre Gemeinsamkeit: Sie waren alle nicht nett zu mir, und ich entwickelte viele negative Gefühle gegen Sexarbeit.

2011 kam ich nach Berlin. Ich hatte mich in Korea nicht mehr wohlgefühlt und wollte einfach frei sein und frei leben ... Aber die Themen BDSM und Sexarbeit hatte ich für mich immer noch nicht gelöst. Dann habe ich eine Freundin kennengelernt, die als Domina arbeitet und total auf BDSM steht. Sie erzählte mir viel über ihre Arbeit – mit ganz viel Liebe und Leidenschaft – und sie war komplett anders als meine bisherige Vorstellung über Sexarbeiterinnen. Da hab ich gemerkt, dass es nicht an dem Beruf an sich liegt, sondern allein an den Menschen. Durch die Freundin konnte ich mich endlich von meiner Scham befreien und einfach mein Leben genießen und die Dinge tun, die ich liebe.

Weil sie sich frei gemacht haben von so manchen Konventionen?

Es hat bestimmt damit zu tun, dass sie diese sexuelle Klammer, die viele Menschen im Kopf haben, abgelegt haben und wissen, was sie wollen. Ich hab schon mit verschiedenen Berufsgruppen gearbeitet und bin sowieso viel unter Menschen, aber über die Arbeit an diesem Buch ist mir nochmal anders bewusst geworden, dass es da draußen viele Menschen gibt, die ihren sexuellen Wünschen und Fantasien keinen Raum geben und sich dadurch sehr einschränken.

Gab es unter den Männern und Frauen welche, die dann gesagt haben, sie wollen lieber doch nicht ins Buch?

Zwei haben vor der Veröffentlichung zurückgezogen. Einer ist erotischer Masseur, und bei ihm ist das in der Zwischenzeit aufgeflogen, woraufhin er seinen Hauptjob verloren hat. Der sagte, er muss sich erstmal schützen. Und das andere war eine Frau, die in der Mädchenbildung arbeiten will, aber eben auch im Tantrabereich Kurse gibt – die wollte lieber doch nicht ins Buch, weil sie fürchtet, dass sie, wenn sie damit in Verbindung gebracht wird, an Schulen nicht mehr arbeiten kann. Andere, wie Fenja zum Beispiel, die eine gute Informatikerin ist und nur nebenher als Escortdame arbeitet, haben dann eben gesagt: Ich bin dabei, aber bitte so, dass man mich nicht erkennen kann – weil sie nicht weiß, wie lange sie überhaupt noch im erotischen Bereich arbeiten will.

Kai: „Ich entscheide, wie und was.“

KAI BOHUN

Ich bin Musiker und Musikpädagoge, Tantra-Masseur, Sexualassistent und Sexualcoach. So lebe ich in meinem Leben unterschiedliche Rollen und bin doch in jeder einzelnen ich selbst. Zu meinen Anfangszeiten als Musiker habe ich mich aus finanzieller Not oft musikalisch prostituiert. Ich war genötigt, meine Seele zu verkaufen, musste alles annehmen, des ökonomischen Druckes wegen. Heute, wo ich einen Prostituierten-Ausweis mit mir tragen muss, bin ich frei. Ich suche mir aus, mit wem ich musiziere! Ich entscheide, wie und was ich im Bereich meiner Passion als Tantriker und Sexualbegleiter anbiete, ermöglichen möchte und wie weit ich bereit bin zu gehen! Mit beiden Berufen habe ich in allererster Linie mich auch für mich selbst entschieden. 

Menschen wie Fenja werden sich vermutlich solange bedeckt halten, wie sie das Gefühl haben, dass die Gesellschaft Doppelleben dieser Art nicht akzeptiert…

Ich hatte den Eindruck, dass viele hin und hergerissen sind. Sie sagen sich: So, jetzt mach ich reinen Tisch! Sie werden ja durch gesellschaftliche Vorurteile in diese Rolle gezwungen – und das nervt. Aber dieser Sehnsucht nach Befreiung steht eben auch immer die Sorge gegenüber, zu viel aufs Spiel zu setzen.

Was haben Sie aus diesen Begegnungen gelernt?

Mir ist nochmal bewusst geworden, dass wir uns als Menschen begegnen müssen. Es geht nicht um dicke Karren oder tolle Jobs, sondern um Empathie und das, was jenseits der Konventionen liegt: den einzelnen Menschen. Und das ist das, was ich in meinem Buch zeigen will: die Menschen.

Tom Oehler. Sex Workers. Das ganz normale Leben, Gingko Press

Interview: Boris Halva

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