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Unbedarft war vorgestern: Jamie Cullum im Januar in Malaga.
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Unbedarft war vorgestern: Jamie Cullum im Januar in Malaga.

Jazz und Weihnachten

„Ich bin realistischer geworden“

  • vonDagmar Leischow
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Musiker Jamie Cullum über Optimismus, Weihnachten und das Leben als Grauzone.

Jamie Cullum gibt daheim in einem kleinen Ort in der englischen Grafschaft Buckinghamshire Video-Interviews. Der britische Musiker hat sich mit einem Becher Kaffee in sein Studio zurückgezogen, um in aller Ruhe über sein Weihnachtsalbum „The Pianoman at Christmas“ reden zu können. Sämtlich Stücke, die zwischen Jazz, Swing und Bigband-Sound oszillieren, hat der 41-Jährige komponiert, ließ sich dabei aber von Klassikern wie „Have yourself a merry little Christmas“ oder „Santa Clause is coming to town“ inspirieren.

Mister Cullum, erinnern Sie sich noch daran, wie Sie Weihnachten als Junge erlebt haben?

Klar. Ich habe dieses Fest schon damals geliebt. Meine große Verwandtschaft ist recht heterogen – es gibt Inder, Burmesen, Juden, Preußen oder Briten. Das hatte vor allem Einfluss auf unser stets üppiges Weihnachtsmenü. Auf dem Tisch standen die unterschiedlichsten Gerichte aus zahlreichen Ländern.

Was verbinden Sie heute mit Weihnachten?

Behaglichkeit. Der Kamin brennt, wir haben einen Weihnachtsbaum, die Kinder kriegen ihre Geschenke, alle nehmen sich in den Arm. Gerade in diesem Jahr ist das Zusammensein das Allerwichtigste. Die Pandemie hat uns gelehrt, dass es nichts Wertvolleres gibt, als Zeit mit anderen Menschen zu verbringen.

Wie gehen Sie mit der neuen Normalität um?

Ich musste in diesem Jahr meine Tournee absagen – das war natürlich ein harter Schlag für mich. Anderseits habe ich es genossen, mehr als sonst mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern zusammen sein zu können.

Im Sommer Weihnachtslieder schreiben – war das ein Härtetest?

Eigentlich nicht. Ich bin jemand, der unabhängig von den äußeren Gegebenheiten ziemlich schnell in einen Kreativmodus wechseln kann. Bei mir ist vieles reines Handwerk. Nachdem ich mir ein paar Notizen gemacht hatte, begann alles zu fließen.

Warum klingt der Song „Christmas caught me crying“ dann so wehmütig?

Weil Weihnachten gemischte Gefühle hervorrufen kann. Einige Menschen packt an den Festtagen eine extreme Traurigkeit. Vielleicht sind sie einsam, vielleicht haben sie unlängst eine ihnen nahestehende Person verloren. In so einer Situation können sie halt nicht so glücklich sein wie andere Leute – das wollte ich nicht ignorieren.

Auch die Lieder Ihres letzten Albums „Taller“ waren teilweise recht melancholisch. Ist das einer Midlife-Krise geschuldet?

Sagen wir so: Mit 41 betrachte ich die Dinge natürlich aus einer anderen Perspektive als früher. Ich war 25, als ich den Song „Mind Trick“ geschrieben habe. Damals machte es für mich Sinn, unbeschwerte Sätze wie „If there is music in the night, and it’s really, really right, it’s the only thing I need“ zu singen. Von diesem recht unbedarften Optimismus habe ich mich mittlerweile ein gutes Stück entfernt. Ich bin realistischer geworden.

Was heißt das konkret?

Zur Person

Jamie Cullum, 41, ist ein britischer Pianist, der sich zwischen Jazz und Pop bewegt. Für das kommende Jahr plant er eine Tournee, die ihn auch nach Deutschland führt – unter anderem am Montag, 24. Mai 2021, um 20 Uhr in die Jahrhunderthalle in Frankfurt. FR

Ich lasse mich nicht mehr von einer schönen Fassade blenden. Mag sein, dass bei einer anderen Person von außen alles perfekt erscheint. Wer genauer hinguckt, merkt allerdings: Auch dieser Mensch hat sein Päckchen zu tragen. Vielleicht wurde ihm gerade sein Job gekündigt. Oder ein Verwandter ist gestorben. Wie man es dreht: Uns allen stellen sich ständig irgendwelchen Schwierigkeiten in den Weg. Das wird mir mit zunehmendem Alter immer bewusster und hat sich durchaus auf meiner Vorgängerplatte niedergeschlagen. Obgleich einigen Nummern eine gewisse Traurigkeit innewohnte, empfand ich sie aber eher als einen Seufzer der Erleichterung. Ich habe endlich begriffen, wie das Leben wirklich funktioniert. Man kann vor Problemen nicht einfach davonlaufen, sondern muss sich mit ihnen konfrontieren.

Inwiefern hat diese Erkenntnis Ihre Lebensphilosophie geprägt?

Ich denke, wir sollten nicht immer nur zwischen Schwarz und Weiß unterscheiden. Letztlich verschwimmt vieles in einer Grauzone. In meiner Jugend habe ich alles strikt kategorisiert – doch mit der Zeit begriff ich: Die Guten sind auch mal fies, die Bösen haben nicht bloß schlechte Seiten.

Haben solche Reflexionen für Sie einen therapeutischen Effekt?

Kann man so sagen. Wenn ich mit etwas hadere, schreibe ich es für gewöhnlich auf. Das hilft mir, die Dinge klarer zu sehen. Dieses Procedere lässt sich genauso aufs Songschreiben übertragen. In meinem Lied „Age of Anxiety“ habe ich zum Beispiel den modernen Zeitgeist reflektiert. Offenbar ist es nicht wenigen Leuten ein Bedürfnis, in den sozialen Medien ihre gesamte Privatsphäre von ihrer Beziehung über ihre Kinder bis zu ihren politischen Ansichten öffentlich zu machen. Das wäre für mich völlig indiskutabel.

Umso erstaunlicher, dass man Sie mit Ihrer Frau Sophie Dahl auf dem „The Pianoman at Christmas“-Cover sieht...

Ich hatte keine Lust, mich vor einem Christbaum ablichten zu lassen. Ein klassisches Foto, das einen Bezug zur Romantik hat, fand ich wesentlich reizvoller. Zumal mich meine Frau während des kreativen Prozesses unterstützt hat. Sobald sie am Klavier vorbeikam, kommentierte sie meine Songs und gab mir Ratschläge. Das hat mich unglaublich vorangebracht.

Immer wieder heißt es, Sie seien ein ungleiches Paar. Wie sehr ärgert Sie das?

Die Presse hat sich oft damit beschäftigt, dass meine Frau größer als ich ist. Auch wenn ich das an mir abprallen lasse, frage ich mich: Ist es richtig, dauernd auf diesem Thema herumzureiten? Ich bin nun mal klein, daran kann ich nichts ändern. Trotzdem begegne ich Sophie in unserer Ehe auf Augenhöhe. Denn es zählt nicht die Körpergröße, sondern die Persönlichkeit.

Verraten Sie, wie Sie Ihre Frau kennengelernt haben?

Bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung. Sophie hat gesungen, ich begleitete sie am Klavier. Sie beeindruckte mich auf Anhieb. Nicht allein wegen ihrer Schönheit, sondern mit ihrer Intelligenz, mit ihrer Persönlichkeit. Offen gestanden hat Sophie mich ziemlich eingeschüchtert. Ich hätte nicht zu hoffen gewagt, dass sie sich jemals in mich verlieben würde. Zum Glück habe ich mich geirrt... (lacht)

Inzwischen haben Sie eine Familie gegründet. Wie nah sollten Eltern ihren Sprösslingen sein?

Für Kinder ist wichtig, dass sie wissen, wie sehr ihre Mutter und ihr Vater sie lieben. Gleichwohl lasse ich meinem Nachwuchs nicht alles durchgehen. Ich stecke ganz klare Grenzen ab. Einfach weil Konsequenz für mich zu einer guten Erziehung gehört.

Interview: Dagmar Leischow

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