Kgaogelo Moagi, alias „Master KG“.
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Kgaogelo Moagi, alias „Master KG“.

Chart-Erfolg „Jerusalema“

Hymne vom Kap

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Der südafrikanische Hit „Jerusalema“ erobert die Welt.

Was ist erstrebenswerter? 147 Millionen Klicks bei Youtube oder vom Präsidenten in einer Rede erwähnt zu werden? Für Kgaogelo Moagi, alias „Master KG“, keine Frage: „Das ist der schönste Tag meines Lebens“, strahlt der 24-jährige Musikproduzent, nachdem ihn Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa in seiner jüngsten TV-Ansprache pries. Der füllige Staatschef forderte seine Landeskinder auf, sich massenhaft an der globalen „Jerusalema-Challenge“ zu beteiligen: An dem souligen House-Song, der derzeit von Tanzschritten begleitet die Welt erobert. „Ich mag dieses Lied so sehr“, schwärmte Ramaphosa mit einem Kloß im Hals.

Text in Zulu-Sprache

Dass Südafrika überhaupt wahrgenommen wird, ist seit den Zeiten Nelson Mandelas seltener geworden – die verblasste Regenbogennation macht höchstens noch mit Schlagzeilen von atemberaubenden Korruptionsskandalen von sich reden. Dass es ein Song vom Kap der Guten Hoffnung in die internationalen Charts schafft, ist seit Miriam Makeba, Johnny Clegg oder Brenda Fassie nicht mehr vorgekommen: Alle drei sind inzwischen tot. Doch jetzt gelang dies Master KG.

„Jerusalema“ ist fast ein Jahr alt: Zunächst wurde das Lied höchstens von Insidern wahrgenommen. Erst als das Land vom Covid-Fieber erfasst und das Volk an gemeinschaftlichen Glücksgefühlen gehindert wurde, entwickelte der Song sein Potenzial. „Jerusalem ikhaya lami“, haucht Nomcebo Zikode mit tiefer Stimme: „Jerusalem ist meine Heimat. Beschütze mich, gehe mit mir, verlasse mich nicht.“ Mehr steht nicht in dem Text, der in der Sprache der Zulus gehaltenen ist. Das ist auch gar nicht nötig, denn auf die Stimmung kommt es an. Und die ist traurig – und ein bisschen besänftigend.

Erst der Tanz macht den Song lebendig, der kam im ursprünglichen Musik-Video gar nicht zum Vorschein. Erst eine angolanische Tanzgruppe choreografierte die Jerusalema-Schritte. Alle sechs Tänzer halten essensgefüllte Teller in der Hand. Später filmen sich zwei Afrikaner mit ihren Kindern zu Jerusalema tanzend in Palermo, ihnen schließen sich tanzende Mönche, Nonnen sowie eine Hochzeitsgesellschaft in Simbabwe an. Kaum eine Stadt der Welt, in der das Lied nicht angekommen ist. Am häufigsten vertreten sind die Belegschaften von Krankenhäusern: Was die Italiener auf Balkonen und die Spanier mit Töpfen vollbrachten, spielte sich in Südafrika auf Straßen und Innenhöfen ab. Jerusalema wurde zur Hymne des Überlebenswillens, zum Triumpf über das Virus.

Er habe keine Ahnung, worauf der Erfolg seines Hits beruhe, räumt Master KG bescheiden ein: „Planen hätte ich das niemals können.“ Womöglich hätten die Leute etwas gebraucht, das sie „über den Schmerz und die Verwirrung unserer Zeit“ hinwegbringt, sinniert er. Übers Internet werden derweil Tutorien zum Erlernen der Jerusalema-Schritte angeboten.

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