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Hurrikans: Nicht häufiger, aber heftiger

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Von: Joachim Wille

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Massiv von Hurrikan „Ian“ verwüstet: Matlacha bei Cape Coral zählt zu den besonders betroffenen Gebieten.
Massiv von Hurrikan „Ian“ verwüstet: Matlacha bei Cape Coral zählt zu den besonders betroffenen Gebieten. © Ricardo Arduengo/afp

Hurrikan „Ian“ bestätigt Erkenntnisse aus der Wissenschaft: Der Klimawandel verstärkt die Zerstörungskraft von Wirbelstürmen.

Frankfurt am Main – Hurrikan „Ian“ hat extreme Verwüstungen in den US-Bundesstaaten Florida und South Carolina ausgelöst, viele Menschen starben. Es war mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 240 Stundenkilometern der fünftstärkste Wirbelsturm, der in den USA je auf Land traf. Zu Beginn voriger Woche suchte der Taifun „Noru“ die Philippinen und Vietnam heim, mit ähnlichen Zerstörungen als Folge. Kurz vorher hatte Hurrikan „Fiona“ Puerto Rico und die Ostküste Kanadas getroffen. Gemeinsames Kennzeichen dieser Wirbelstürme: Sie verstärkten sich teils ungewöhnlich schnell und wüteten mit großer Intensität. Eine generelle Tendenz, hinter der offenbar der Klimawandel steckt.

Die Welt ist heute im globalen Durchschnitt rund 1,2 Grad wärmer als vor Beginn des industriellen Zeitalters um 1850. Die Zahl der tropischen Wirbelstürme – je nach Region Hurrikan, Taifun oder Zyklon genannt – ist seither im Mittel zwar nicht angestiegen. Allerdings sind die Stürme stärker geworden, zudem bringen sie mehr Wasser mit – und sie bewegen sich langsamer, wodurch die Zerstörung vor Ort zunimmt.

Hurrikan „Ian“ passt in das gängige Bild

Wirbelstürme können in den Tropen entstehen, wenn die Wassertemperatur an der Oberfläche der Meere mindestens 26 Grad beträgt. Und die Temperaturen in den Ozeanen, die große Mengen der zusätzlichen Wärme im Erdsystem aufnehmen, steigen. So liegen die durchschnittlichen Oberflächentemperaturen heute etwa 0,8 Grad über dem Durchschnitt des 20. Jahrhunderts. Die Folge ist, dass Wirbelstürme schneller an Intensität gewinnen. Hinzu kommt: Die ebenfalls wärmere Luft speichert auch mehr Feuchtigkeit. Das trägt dazu bei, dass Wirbelstürme länger anhalten können, sobald sie die Küste erreichen. Zudem erhöht sich die Wassermenge, die dann als Regen fällt.

Hurrikan „Ian“ passt in dieses Bild. Es war in den vergangenen fünf Jahren bereits der siebte Sturm mit einer Windgeschwindigkeit von mehr als 200 Stundenkilometern, der die US-Küste erreichte. Er zählt damit in die Hurrikan-Kategorie vier, deren Häufigkeit in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen hat. Laut US-Klimaforscher:innen hat sich ein neues Muster bei Wirbelstürmen herausbildet, das sich demnach bei 16 der 20 Wirbelstürme der vergangenen beiden Jahre beobachten ließ: Die Hurrikane beschleunigen dramatisch in den Stunden vor dem Landgang über den aufgeheizten Meeresflächen. Danach ziehen sie langsam übers Land, wobei sie große Regenmengen abladen.

Der Klimaforscher Karthik Balaguru vom Pacific Northwest National Laboratory im US-Bundestaat Washington erläuterte, die „Hurrikan-Beschleunigungsraten“ nähmen zu. „Ian“ zum Beispiel sei zwei Tage vor dem Eintreffen in Floridas Südwesten noch ein einfacher Tropensturm mit Windspitzen von 120 Kilometern pro Stunde gewesen, der dann schnell zu einem Kategorie-Vier-Hurrikan mit doppeltem Tempo angewachsen sei. „Das bereitet uns Sorgen“, sagte er der „Washington Post“. Eines der beunruhigendsten Dinge am Klimawandel sei die Veränderung der Extreme.

„IAN“: DIE SCHÄDEN DES WIRBELSTURMS WERDEN DEUTLICHER

Das Ausmaß der Zerstörung , die Hurrikan „Ian“ in Florida angerichtet hat, wurde im Laufe des Wochenendes deutlicher. Neben komplett niedergewalzten Wohngebieten, zerstörten Brücken und Stromleitungen stieg die Zahl der Todesopfer. In den Küstenstädten Cape Coral und Fort Myers richtete der Sturm massive Zerstörungen an. Selbst im Landesinneren sorgte „Ian“ für Überschwemmungen.

US-Präsident Joe Biden und seine Frau Jill werden am Mittwoch in Florida erwartet. Vor seinem Besuch in Florida wollte Biden am Montag nach Puerto Rico reisen, um sich dort ein Bild von den Zerstörungen des Hurrikans „Fiona“ zu machen.

58 Todesfälle konnte die Kommission der Bezirksärzte in Florida am Sonntag bestätigen. Der Gouverneur von North Carolina teilte mit, vier Menschen seien in seinem Bundesstaat infolge des Wirbelsturms gestorben. Die „New York Times“ und der Sender „CBS“ berichten hingegen von rund 80 Todesfällen. Rettungsteams suchten derweil weiter nach Opfern. Die US-Küstenwache erklärte unterdessen, sie stelle die Suche nach 16 Migrantinnen und Migranten ein, die seit dem Kentern ihres Bootes während des Hurrikans als vermisst gelten.

Der Wiederaufbau in der Region wird laut Behörden in Florida Monate bis Jahre dauern. Die US-Regierung hat angekündigt, betroffene Menschen ohne Hochwasserversicherung mit bis zu 40 000 Dollar zu unterstützen. Noch allerdings sind die Einsatzkräfte damit beschäftigt, die akute Gefahr für die Menschen zu verringern. Einsturzgefährdete Gebäude sowie Stromleitungen und Bäume, die umzukippen drohen, müssen gesichert werden. Abends gilt eine Ausgangssperre.

Besonders verwüstete Gebiete hat die Polizei abgesperrt. Die Schulen sind zu, auch Supermärkte, Apotheken und Restaurants haben vorerst geschlossen. Vor den wenigen Geschäften und Tankstellen, die notfallmäßig geöffnet haben, haben sich lange Warteschlangen gebildet. dpa/afp

Dass sich die Hurrikane weniger schnell bewegen, gilt auch als Folge einer vom Klimawandel bewirkten Veränderung von großräumigen Luftströmungen. Diese macht es wahrscheinlicher, dass Hurrikane langsamer werden oder sogar über einem Ort verharren, was ihre Zerstörungskraft erhöht. Eine Studie der US-Wetterbehörde NOAA zeigte, dass das mittlere Tempo der Hurrikane im Nordatlantik zwischen 1944 und 2017 um 17 Prozent abgenommen hat.

Hurrikan „Ian“: Zehn Prozent mehr Regen durch Klimawandel

Ein besonders dramatisches Beispiel für einen solchen fast stationären Wirbelsturm ist „Harvey“, der 2017 drei Tage lang über die Texas-Metropole Houston zog, wo er Rekord-Regenmengen abgab und schwere Überschwemmungen verursachte. Ein Klimaforschungsteam stellte später fest, dass dieses Ereignis durch den Klimawandel dreimal wahrscheinlicher geworden war. Eine aktuelle Studie des Lawrence Berkeley National Laboratory zu „Ian“ zeigte nun, dass der Sturm mindestens zehn Prozent mehr Regen mitbrachte, als es ohne Klimaveränderungen der Fall gewesen wäre.

Doch es gibt noch ein weiteres Phänomen, das die Gefahr erhöht, die von Hurrikanen ausgeht: der Anstieg des Meeresspiegels, ausgelöst durch das Abschmelzen von Gletschern und Eiskappen sowie die Ausdehnung des Wassers bei Erwärmung. Die Stürme drücken das Meerwasser in Richtung Küste, wenn sie sich nähern. Ein gestiegener Meeresspiegel bedeutet dann, dass die Flutwellen höher werden, weiter ins Landesinnere vordringen und mehr Siedlungen erreichen. Ein aktuelles Beispiel für die Folgen ist die Stadt Fort Myers in Florida, wo der Meeresspiegel heute rund 33 Zentimeter höher liegt als Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Sturmflut durch „Ian“ erreichte dort eine Höhe von bis zu 3,70 Metern. Die Stadt wurde schwer verwüstet.

Allerdings ist der Klimawandel nicht allein schuld daran, dass die Hurrikane immer größere Schäden anrichten. Eine Ursache ist der Trend, Siedlungen an gefährdeten Küstenabschnitten zu bauen. So wuchs die Bevölkerung im „Sonnenstaat“ Florida im Jahrzehnt 2010 bis 2020 doppelt so schnell wie die der USA insgesamt – um fast 15 Prozent. Beliebt sind gerade auch Häuser an der Atlantikküste. Damit gefährdet der Mensch sich gleich doppelt: Er verändert das Klima, wodurch die Hurrikane verheerender werden, und er stellt sich ihnen auch noch direkt in den Weg. (Joachim Wille)

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