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Nelson Mandela im Jahr 2010.

Nachruf auf Nelson Mandela

Humanistischer Schutzpatron

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Nelson Mandela ist 95-jährig gestorben – Südafrikas „Man of the Century“ hinterlässt eine enorme Lücke.

Bei einem Spaziergang auf den Bahamas, so eine Lieblingsgeschichte Nelson Mandelas, sei er mal einem älteren Ehepaar begegnet. Während der Mann ihn sofort erkannte, wusste dessen Frau mit dem Entgegenkommenden nichts anzufangen und fragte ihren Gatten, wer dieser Herr denn sei. Als sie mit der nervös gestotterten Antwort nichts anzufangen wusste, wandte sie sich direkt an den Fremden: „Wofür sind Sie denn berühmt?“ Darauf, pflegte Mandela seinen Zuhörern lachend zu verstehen zu geben, habe er auch keine Antwort gewusst.

Ganz schön kokett, was? Gewiss nicht völlig frei davon. Tatsächlich hat Nelson Mandela nie seine Verwunderung darüber verloren, in welchem Maß er bereits zu Lebzeiten zum globalen Mythos und Welt-Superstar geworden ist. Wann immer er anlässlich eines Geburtstages, eines zu seinen Ehren veranstalteten Rockkonzertes oder eines Staatsbesuchs in fernen Landen mit nicht enden wollendem Applaus gefeiert wurde, war seinem verzückten Lächeln anzusehen, wie überrascht er von dem ganzen Jubel war – als ob das alles gar nicht ihm gelten könne, sondern einem weit über ihm schwebendem Alter Ego.

Nun ist er 95-jährig gestorben. „Unsere Nation hat ihren größten Sohn verloren“, sagte Südafrikas Präsident Jacob Zuma am Donnerstagabend in einer landesweit übertragenen Fernsehsendung. Er sei friedlich dahingeschieden. „Nelson Mandela brachte uns zusammen und zusammen nehmen wir Abschied von ihm“, sagte Zuma. Er starb um 20.50 Uhr Ortszeit (19.50 Uhr MEZ) in seinem Haus in Johannesburg.

Mandelas Popularität war – vor allem in den letzten drei Jahrzehnten seines Lebens – nicht mehr zu überbieten: Das US-Magazin „Times“ kürte ihn zum „Mann des Jahrhunderts“, Staatsmänner, Königinnen und Popstars standen Schlange, um sich im Schatten der Ikone ablichten zu lassen, Sportler schauten stets nochmals bei Madiba (wie der Landesvater respektvoll unter seinem Clan-Namen genannt wurde) vorbei, bevor sie zu internationalen Wettkämpfen aufbrachen. Als ob sie sich von ihm magische Kräfte holen könnten.

„Madiba Magic“ nennen die Südafrikaner das Phänomen: Mandelas Zauber, von dem selbst seine einstige Feinde verhext wurden. „Wir sind alle bestimmt zu leuchten, wie es die Kinder tun“, sagte er einmal. Die Hasstiraden weißer Überheblichkeitsfanatiker auf den das Land angeblich in den Ruin treibenden „schwarzen“ Afrikanischen Nationalkongress (ANC) werden gewöhnlich nur von einer einschränkenden Bemerkung unterbrochen: „Nur der Mandela ist anders.“ Worauf diese Andersartigkeit beruht, die Herzlichkeit, die Wärme, beschäftigte bereits ganze Heerscharen von Biografen, Tatsächlich wusste kein anderer in auch noch so bescheidenen Zeitgenossen den Eindruck von Bedeutung und Ernstgenommenwerden zu erwecken wie der Mann mit dem strahlenden Lächeln, dem warmen Händedruck und dem obligatorischen „How are you?“. Mandela sei „Inbegriff all jener Instinkte, die wir mit unserer Kindheit verbinden: Vertrauen, Gutherzigkeit und Optimismus“, so der südafrikanische Autor Mark Gevisser: „Die Welt fühlt sich sicher bei ihm, denn in Mandela hat sie den idealen Vater gefunden.“

Diese Väterlichkeit musste sich Rolihlahla („der Unruhestifter“, wie ihn seine Eltern ursprünglich nannten) erst einmal erwerben: Als junger Mann war Nelson ein „firebrand“, ein Heißsporn, und ziemlich arrogant. Nur die ihm eigene Würde, die ihn vor zahllosen Erniedrigungen in 27 Gefängnisjahren schützte, reicht zurück bis in die Kindheit: Denn der Unruhestifter wurde am 18. Juli 1918 in Mvezo, einem winzigen Dorf in der abgeschiedenen Transkei, als Häuptlingssohn geboren und nach dem frühen Tod seines Vaters von dessen Vetter, dem König der Tembu, in den Regenten-Kral geholt.

„Mandelas Würde hatte nie etwas Aufgesetztes an sich“, meint der Publizist Allister Sparks: „Das hängt gewiss damit zusammen, dass er von einem König großgezogen wurde.“ Bei ihrer ersten Begegnung auf der Gefängnisinsel Robben Island habe er ihn nicht als Häftling, sondern automatisch als Respektsperson angesprochen, erzählt Mandelas einstiger Aufseher James Gregory: „Es gibt Menschen, da kann man gar nicht anders.“

Der Häuptlingssohn brachte noch etwas anderes aus seiner Jugend mit: einen kaum zu widerstehenden Charme. Mandela liebte Frauen und trainierte bereits als Junge im königlichen Kraal, was später in der Politik eine seiner nützlichsten Eigenschaften werden sollte: die Kunst der Verführung. Kenner des südafrikanischen Transformationsprozesses sind davon überzeugt, dass die verängstigte weiße Minderheit niemals ihr Ja-Wort zur Abschaffung der Apartheid, dem Verlust ihrer Privilegien und dem Regenbogenstaat gegeben hätte, wäre sie nicht von Mandelas Charme überwältigt worden. „Nie wieder ist mir ein Mensch begegnet, der Charme, Standfestigkeit und Einfühlungsvermögen auf so überzeugende Weise verband“, sagt Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer.

Schon vor seiner Verhaftung 1962 war Nelson Mandela einer der wichtigsten politischen Führer seines Landes: Als militanter Chef der Jugendliga des ANC steuerte der „Terrorist“ – so titulierte ihn Margeret Thatcher – die bis dahin eher behäbige Organisation des schwarzen Mittelstands in den bewaffneten Kampf und baute deren „Armee“, den „Speer der Nation“, auf – ein Pazifist war Mandela entgegen landläufiger Auffassung nie.

Der eigentliche, wirklich historische Verdienst des Befreiungsführers sollte aber erst in den Jahren nach dem 11. Februar 1990 wirksam werden, als der großgewachsene Mann mit erhobener Faust an der Seite seiner Ex-Frau Winnie vor unzähligen Kameras aus aller Welt aus dem Victor Verster Gefängnis bei Kapstadt schritt – Bilder, die längst zu den Klassikern der Weltgeschichte gehören. Damals wusste keiner, was von dem in 27 Jahren der Versenkung gesichtslos gewordenen Helden zu erwarten war: Der um die Blüte seines Lebens gebrachte Ex-Gefangene hätte sehr wohl verbittert das kleine Pflänzchen zertreten können, das mit der viel zu späten Einsicht der weißen Minderheitsregierung damals endlich gepflanzt wurde.

Was jedoch in Wahrheit folgte, war das „Wunder vom Kap“. Statt die verängstigten Weißen in die Ecke zu drängen, suchte der ANC-Chef seine Kerkermeister für die Vision des Regenbogennation zu gewinnen: Er wusste, dass das Experiment des Multikulti-Staats nur unter Beteiligung der wirtschaftlich dominanten Minderheit gelingen konnte. Auf die Frage, warum er nach 27 Jahren der Erniedrigung weder Bitterkeit noch Rachegelüste empfunden habe, antwortete Mandela: „Verbitterung ist wie Gift trinken und erwarten, dass dein Feind davon stirbt.“
Die weißen Überheblichkeitsfanatiker hätten ihm alles genommen, führte Mandela gegenüber seinem Freund Bill Clinton aus: „Die besten Jahre meines Lebens, meine Frau und meine Kinder. Das einzige, was sie mir nicht nehmen konnten, war mein Verstand und mein Herz. Hätte ich ihnen nicht vergeben, dann hätten sie auch das bekommen.“

Leiden könne bei einem Menschen zwei Dinge auslösen, meint Ko-Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu: „Es kann einen verbittern, oder es brennt die verhärtende Schlacke ab. Es kann einen Menschen stark und gleichzeitig sanft und einfühlsam machen: So ist es zweifellos mit Nelson geschehen.“

Seine Einsicht, den Feind wenn auch nicht unbedingt lieben, so doch mindestens verstehen zu müssen, hatte sich bereits in den Gefängnisjahren angebahnt und war eher kühlem Kalkül als moralischen Grundsätzen zuzuschreiben. Aus purem Selbsterhaltungstrieb lernte Häftling Nummer 46664 Afrikaans, die Sprache der Gefängniswärter, und machte sich einige der Schließer zu Vertrauten.

Noch im Gefängnis begannen auch die ersten Gespräche mit höchsten Vertretern des Rassistenregimes, die Mandela ohne das Wissen selbst seiner Freunde führte: Er riskierte, von seiner eigenen Organisation als Verräter abgestempelt zu werden.

Auch später stand Mandela, der durchaus autokratische Züge hatte und ausgesprochen stur sein konnte, immer wieder mal allein auf weiter Flur: Etwa als er im zweiten Jahr seiner Regierungszeit beim Rugby-Weltcup mit aller Kraft und ihm zur Verfügung stehenden Mitteln die unter schwarzen Südafrikanern verhassten, fast ausschließlich weißen „Springböcke“ anfeuerte. Mandelas riskantes Kalkül ging auf, wie Clint Eastwoods Film „Invictus“ auf mitreißende Weise nachvollzog: Der Weltmeistertitel der Springböcke wurde zur Geburtsstunde der Regenbogennation, nur noch wenige ganz verbohrte Weiße sehnen sich in den Apartheidstaat zurück.
Nach seinem Abtritt als Präsident, den er für alle überraschend bereits nach der ersten Amtsperiode verkündete, wurde Mandela vollends in den Olymp der auf Erden wandelnden Götter erhoben. Seitdem galt der Elder Statesman als Personifizierung des sauberen Politikers und Inbegriff des progressiven Reformers, der das Gute im Menschen zur Entfaltung bringt und nicht – wie viele andere in seiner Branche – an die niederen Instinkte kleinkarierter, neidischer und ängstlicher Wähler appelliert.

Seine Nachfolger sollten Mandela unglücklicherweise nur in seinen Versäumnissen, nicht aber in seinen Errungenschaften übertrumpfen. Unter Thabo Mbekis Aids-Politik wurde Südafrika zum Gespött einer entsetzten Welt, und unter Zuma verlor der regierende ANC auch noch den letzten Rest Integrität. Statt von einer Ikone mit aufrechtem Gang und erhobener Faust in die Zukunft geführt zu werden, schlittert das Land am Kap der Guten Hoffnung nun von Skandälchen zu ernsthaften Krisen: Aus dem Regenbogenstaat ist eine Gewitternation geworden.

Längst mussten sich die Südafrikaner daran gewöhnen, ohne die Weisheit ihres Gründervaters auszukommen: Schon seit Jahren nahm der immer gebrechlicher werdende Madiba zu aktuellen Ereignissen keine Stellung mehr. Im Sommer war Mandela wegen einer schweren Lungenentzündung im Krankenhaus behandelt worden. Seine letzten Wochen verbrachte der Todkranke im Kreis seiner Familie.

Der Johannesburger Publizist Mondli Makhanya ist überzeugt, dass Mandelas Tod die labile Nation noch zusätzlich belasten wird: „Es ist die Idee Nelson Mandela, die Südafrika verbindet. Jetzt fürchten wir uns alle vor der Frage, wer uns zusammenhalten kann.“ (mit dpa)

Hinweis: Die zentrale Trauerfeier für den verstorbenen südafrikanischen Nationalhelden Nelson Mandela soll laut dpa am Dienstag, 10. Dezember, im FNB-Stadion von Johannesburg stattfinden. Das teilte Südafrikas Präsident Jacob Zuma am Freitag in Johannesburg mit. Zu der Trauerfeier werden Staatsoberhäupter aus aller Welt erwartet.

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