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„Tagsüber Golf spielen, abends auf die Bühne, das wäre mein Traum“, sagt Carpendale. Augenzwinkernd natürlich.

Interview

Howard Carpendale: „Ich wollte Danke an Deutschland sagen“

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Howard Carpendale über sein neues Album, seine Wunschrolle im Fernsehen und zur Frage, warum früher nicht alles besser war.

Howard Carpendale (73), in Südafrika aufgewachsen, zog in den 1960er Jahren zunächst nach London, dann nach Deutschland, wo er mittlerweile auf gut 50 erfolgreiche Jahre im Musikbusiness zurückblickt. Zu seinen größten Erfolgen zählen unter anderem die Lieder „Ti amo“ und „Hello Again“.

Sein neues Album „Symphonie meines Lebens“ ist seit dem heutigen Freitag im Handel. Aufgenommen wurde es mit dem Royal Philharmonic Orchestra in den Londoner Abbey Road Studios. Je ein Lied hat Carpendale gemeinsam mit Cliff Richard und Patricia Kelly eingesungen.

Herr Carpendale, für Ihr neues Album haben Sie quasi wörtlich einen neuen Weg beschritten – zur Abbey Road. Wie ist es, dort zu arbeiten?
Für mich war das ein unglaublicher Traum, das ist schwer zu erklären. Es war keine Sache, die ich geplant hatte. Die Anfrage kam aus heiterem Himmel: „Willst du mit dem Royal Philharmonic Orchestra aufnehmen“? – Ich habe gesagt: „Nehmt mich nicht auf den Arm“ „Meint ihr das ernst?“ – „Doch, die würden mit dir eine Platte machen.“ So fing das an. Ich hab das erstmal etwas sacken lassen und dachte bei mir: Das kann doch nicht stimmen. Doch es stimmte. Auch der Anruf bei Cliff Richard: Richard war für mich mein Jugendidol zusammen mit Elvis Presley. Als ich 13 Jahre alt war hätte ich nie gedacht, dass er mit mir eine Platte macht. So stecken für mich viele Emotionen in diesem Album. Und die Abbey Road Studios sind das Sahnehäubchen obendrauf. Ich war früher mit den Bee Gees dort. Ein Journalist hatte mich damals mitgenommen nach London, um den Beatles mal Guten Tag zu sagen. Am gleichen Tag hatte der Manager von den Bee Gees angerufen, den kannte er, und der sagte: „wir sind in der Abbey Road, komm vorbei“. Dann war ich dort und habe bei den Aufnahmen zugeschaut. Es ist ein ganz besonderer Ort für Musiker.

Die Idee mit dem Royal Philharmonic Orchestra kam also gar nicht von Ihnen?
Wir hatten die Idee, eine Platte mit einem Orchester zu machen. Im Gespräch war das Gewandhausorchester in Leipzig. Was auch sehr gut ist, aber das Royal Philharmonic Orchestra ist natürlich die Nummer Eins.

Herausgekommen ist die „Symphonie meines Lebens“. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, „nur“ zwölf Lieder aus Ihrer Karriere dafür auszuwählen und warum ist die Wahl auf die gefallen, die es sind?
Sieben oder acht Titel mussten dabei sein, das sind einfach die größten Hits. Ein, zwei habe ich hinzugefügt für die richtige Mischung und Balance der Platte. „Nachts in New York City“ finde ich textlich schon immer eine meiner schönsten Balladen, auch wenn sie nicht als Single rauskam. Der Titel „Symphonie meines Lebens“ erklärt sich von selbst als eine Abrundung mit einem ganz neuen Text auf einen Titel der früher „Wenn der Vorhang gleich fällt“ hieß. Das habe ich immer zum Abschluss bei Konzerten gesungen. Nun wollte ich einfach mal danke an Deutschland sagen. Weil ich in diesem Land viel erlebt habe. Ich weiß nicht, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich in Südafrika geblieben wäre. Dort würde ich heute bestimmt keine Interviews geben.

Sie sagen „Abrunden“. Als ich den Titel erstmals gehört habe, dachte ich es klingt auch ein bisschen wie ein Abschied. Davon wollen Sie aber nichts hören, oder?
„Wenn der Vorhang gleich fällt“, da denkt jeder gleich an Abschied. Das konnte ich nicht vermeiden. Ich weiß nicht, wie meine Plattenkarriere weitergeht, das muss ich ehrlich sagen. Das liegt aber nicht an mir, sondern an der Tatsache, dass sich die ganze Branche total auf den Kopf gestellt hat. Ich weiß nicht, ob es in zehn Jahren noch Plattenfirmen gibt – ich glaube nicht. Es gibt einen ganz anderen Weg. Wie und wo es weitergeht, wird die junge Generation entscheiden. Ich finde die technologische Weiterentwicklung toll. Auf der anderen Seite können Künstler, die ausschließlich Texte machen und komponieren, ihren Beruf vergessen. Den gibt es nicht mehr. Die wollen auch Geld verdienen, das gehört dazu, aber damit verdienen sie kein Geld mehr. Es bleibt nur noch die Live-Musik. Und du machst Platten, um deine Live-Musik bekannt zu machen. Die Zeiten in denen man live seine Platten promoted, sind vorbei.

Finden Sie es eher schade, dass Sie in den jungen Jahren Ihrer Karriere die Möglichkeiten von heute – Internet, soziale Medien, Selbstvermarktung – nicht hatten? Oder ist es eher ein Nachteil, heute in dieser Masse aufzugehen?
Ich glaube ich bin der erste meiner Generation, der sagt: das, was wir hatten war nicht so schön, wie es heute ist. Ich fand alles geil damals. Wenn es heiß im Auto war haben wir einfach die Fenster runtergekurbelt, denn wir hatten keine Klimaanlage. Alles schön und nett. Aber man muss einfach die Entwicklung anerkennen, es ist so und es wird noch viel weiter gehen. Ich habe auch kein Smartphone. Ich will auch keins. Ich mag mein altes Handy. Ich kann E-Mails verschicken, aber ich brauche keine Apps. Ich will aber auch nicht sagen, dass ich darauf stolz bin.

Wie wollen Sie die neue Platte auf der Live-Tour umsetzen?
Wir spielen auch die Titel von der Platte, aber die „Show meines Lebens“ wurde entwickelt, bevor wir die Idee mit der neuen Platte hatten. Die Show ist schon sehr erfolgreich, ein dreistündiger Hammer. Wir sind auf dem Weg, neun ausverkaufte Konzerte in Berlin zu spielen. Es ist das Beste, was wir je auf der Bühne gemacht haben. Und wir haben ja auch ein 20-Mann-Orchester. Nicht das Royal Philharmonic Orchestra, aber wir haben schon das größte Orchester, das ein Sänger in Deutschland hat.

Was haben die Fans von Howard Carpendale noch zu erwarten?
Ich habe mein Leben immer in Sechs-Monate-Aufteilungen gelebt. Jetzt haben wir ein ganz volles Programm bis Ende Mai. Danach kommt immer dieser Moment in dem man sich fragt: wie geht’s weiter? Da gibt es mehrere Optionen. Ein Wunsch wäre nach wie vor, einen tollen Film zu machen. Ich halte mich nicht für den größten Schauspieler aller Zeiten, da bin ehrlich. Aber ich bin kein schlechter Selbstdarsteller. Vielleicht findet sich eine Rolle, in der ich nicht den Sänger spielen muss, das finde ich ein bisschen kitschig. Der Film, den ich mit Wayne (Anm.: sein Sohn, gemeinsamer Auftritt in „Lebe dein Leben“) gemacht habe, fand gute Kritiken. Man muss auch den Beruf verstehen: die ganz großen oder die, die wir für groß halten, das sind zu 90 Prozent Selbstdarsteller. Die Fragen sich: wie würde ich reagieren? – und das tun sie dann auch. So würde ich meine Rolle in einem Film sehen. Die Genies dieser Welt – die DeNiros und die Hoffmans – die können alles spielen. Das können nur ein paar Menschen. Aber ein Selbstdarsteller können viele sein. Ich glaube, dass ich auch eine solche Rolle tragen könnte. Aber die Zeit läuft ein bisschen weg, ich bin 73. Schauen Sie mal was passiert, wenn man einen Didi Hallervorden in eine Rolle wie in „Honig im Kopf“ nimmt. So etwas liebe ich. Oder Madonna in „Evita“. Wenn ich den Sänger oder eine nette Rolle spielen soll, das ist dann einfach nicht mutig. Das finde ich schade. Ich würde gerne eine andere Rolle versuchen. Das mit Hallervorden war ein Riesenerfolg. Ich glaube, die Leute sehen so etwas auch gerne, aber sie bekommen es viel zu selten.

Sie lassen also alles eher auf sich zukommen.
Es wäre nichts großartig Neues, aber ich könnte mir vorstellen, das, was wir in Berlin gerade gemacht haben, über einen längeren Zeitraum zu machen. So ein Las-Vegas-Effekt. Sechs Tage die Woche eine Show spielen, mit etwa 1000 Zuschauern im Saal. Dann könnte ich tagsüber Golf spielen und abends auf die Bühne, das wäre mein Traum (lacht).

Immer wieder werden Künstler und Musiker aufgefordert, sich gesellschaftlich und politisch zu positionieren. Würden Sie sich als politischen Menschen bezeichnen?
Was ist ein politischer Mensch? Ich denke, dass ich sehr politisch bin, ich verfolge politische Themen. Ob ein Künstler, nur weil er singt, um sein Geld zu verdienen, sich sozial engagieren muss? Damit habe ich immer ein bisschen ein Problem gehabt. Das sind Fragen, die würde man einem Rechtsanwalt oder einem Arzt nie stellen. Das fragt man gerne bei Sängern und Schauspielern. Ich glaube, ein paar Künstler sollten sich überhaupt nicht politisch äußern, denn die würden nur Mist erzählen. Das kann man tun, wenn man etwas zu sagen hat.

Klassische Schlagermotive wie Liebe, Fernweh oder Heimat haben eher wenig mit Politik zu tun.
Ich könnte jetzt stundenlang darüber reden, was ein Schlager ist. Geht es um Liebe? Ist dann „Candle in the wind“ ein Schlager, weil es um Liebe geht? Das habe ich nie verstanden. Ich bin mit Jimi Hendrix, den Beatles und Elvis großgeworden. Als ich nach Deutschland kam und die Musik hier gehört habe – Roy Black, Rex Gildo und Peter Alexander – da dachte ich: was ist das denn? Sowas habe ich ja noch nie gehört. Aber ich hatte es doch gehört. Bei den Buren in Südafrika. Das war afrikanische Musik in Südafrika. Wir Englischsprachige haben amerikanische und englische Musik gehört. Dann bekam ich ein Angebot eine Platte zu machen, und es war ein Schlager. Damals gab es nur Schlager. Die ersten Jahre hier, da war Schlager dermaßen in. Da sage ich nicht, ich singe das nicht, weil es ein Schlager ist.

Von Helene Fischer wurde lange ein politisches Statement gefordert.
Ich fand es eine Frechheit, von Helene Fischer zu fordern, sich politisch zu äußern. Das muss sie gar nicht. Vielleicht weiß sie ganz viel über Politik, aber sie ist nicht gezwungen, darüber zu reden. Bei meinen Konzerten gibt es auch einen politischen Teil, aber es ist immer ein Spagat. Es gibt viele Leute, die wollen dann nicht an das denken, was da draußen los ist. Ich habe versucht, das Problem zu lösen, mit dem Lied „Astronaut“. Da frage ich diesen Typen: du guckst auf die Erde, du siehst keinen Krieg, du siehst keine Grenzen, du siehst nur eine geile Welt. Aber du weißt was da unten los ist, willst du überhaupt wiederkommen? Das ist meine Message im Konzert, ich weiß es ist sanft und weich, aber die Leute wollen, nachdem sie jeden Abend 90 Prozent Quatsch hören über dies und das, das nicht auch noch von mir hören. Ich verfolge viel amerikanische Nachrichten. Solange Trump an der Macht ist, ist es verdammt schwer.

Kennen Sie ihn persönlich?
Ich habe 19 Jahre in seiner Umgebung gelebt. Ich kenne ihn über Freunde, die ich hatte, die auch mit ihm befreundet waren. Er hat diesen Mar-a-Lago Club. Ich lebte in einer Community in den USA und viele Leute dort waren Mitglieder in seinem Club. Die Geschichten über ihn waren schon ziemlich negativ. Dann habe ich ihn auf dem Golfplatz kennengelernt, er war sehr nett und höflich, aber er hat Unsinn geredet.

Was meinen Sie mit Unsinn?
Er hat erzählt, was ich für ein großer Golfer sei, aber er hatte mich noch nie gesehen. Das war völliger Quatsch. Aber ich verfolge das. Es ist komisch, wenn du einem US-Präsidenten schonmal die Hand gegeben hast, das haben nicht viele Menschen.

Interview: Andreas Sieler

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