Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Bei Torsten Sträter spielen diese harmlos aussehenden Automaten eine gar nicht so harmlose Rolle.
+
Bei Torsten Sträter spielen diese harmlos aussehenden Automaten eine gar nicht so harmlose Rolle.

Torsten Sträter: Horror in der Blechkiste

Torsten Sträter kann auch anders: Der Komiker hat jetzt ein Buch mit Gruselgeschichten herausgebracht. Kein Witz. Ein Auszug – aber nichts für schwache Nerven.

Ich war Anfang des Jahrtausends in der Familienspedition angestellt. Meine Mutter war mein Boss. Das war einerseits ganz lustig, andererseits hielt meine Mutter nicht viel vom Denver-Clan-Dynastie-Denken, sodass ich nicht als DER SOHN DER CHEFIN erst gegen Mittag im Büro aufkreuzen konnte. Sechs Uhr morgens lautete die Ansage. Der Tag begann damit, dass ich Labormaterial sortierte. Gegen sieben kreuzten die Fahrer auf, schnappten sich ihre Listen und Kühlkisten und machten sich auf den Weg, um bei Ärzten Blutproben einzusammeln.

Meine Mutter, die zu diesem Zeitpunkt schon entspannte drei Stunden in der Firma war, musterte mich. Um sieben Uhr dreißig war ich mental bereits fertig mit dem Tag. Fahl und übermüdet kippte ich Kaffee um Kaffee in mich rein und ließ die Geschäftigkeit der Spedition an mir vorbeirauschen. Ich mochte diesen Job nicht, und ich bin mir sicher, der Job hatte auch nichts für mich übrig. Das war’s also, dachte ich oft. Vom Herrenschneider über den Konfektionsverkäufer zum Berater für Mobiltelefone, dann ein, zwei Mal falsch abgebogen und mit Schmackes ins Speditionsgewerbe geballert. Treffer, versenkt.

Fairnesshalber muss man sagen, dass ich schon einen SOHN DER CHEFIN-Bonus hatte, denn ich war auf einem so atemberaubenden Niveau inkompetent, das jeden anderen Boss zügig bewogen hätte, mich mit einem nassen Handtuch aus dem Büro zu prügeln. Außer Papier am Faxgerät nachzufüllen und Telefondienst war mir nicht viel abzuverlangen. Gelegentlich stellte ich Ware bei Apotheken zu, wenn Not am Mann war, aber das musste dann schon allergrößte Not an einem maximal verzweifelten Mann sein.

Der Verdienst war indes lächerlich – für das, was ich machte, aber angemessen. Am späten Nachmittag versah ich meist Telefondienst. Unsere Räume bestanden aus zusammengeschraubten Bürocontainern. Einen davon belegte ich. DIN-A4-großes Fenster, Heizkörper, Schreibtisch, fünf Jahre alter PC, Nadeldrucker. Im Sommer wurde es angenehm mummelig in der Blechkiste, so knapp 40 Grad, also hockte ich da, Füße in einem Wassereimer, und versuchte, ins Internet zu kommen. Wenn ich surfte, konnte aber keiner telefonieren, wir reden hier von der Eisenzeit der Anlagentechnik, also blieb mir meist nur die Zauberwelt von Windows 98. Sie wissen schon. Sprechende Büroklammer. Schlimm.

So begann ich zu schreiben. Aus Langeweile. Einige beginnen zu schreiben, weil in ihnen dieses Feuer brennt, dieses unbändige Talent zur Sprache, andere hingegen, weil es eine Geschichte zu erzählen gibt, ein Stück Erzählung für die Nachwelt. Ich schrieb, weil ich zu blöd für Minesweeper war.

Ich war schon immer ein Fan guter Horror-Storys. Speziell von Stephen King. Für Clive Barker, den ich heute mehr schätze als damals, war ich seinerzeit noch etwas zu dumm. Na ja, jedenfalls dachte ich, ich könnte ja mal versuchen, eine Gruselgeschichte zu schreiben. Ich war ziemlich erstaunt, wie viel Spaß ich daran hatte. Also schrieb ich viele Geschichten. Die meisten waren ziemliche Scheiße, aber ein paar waren gar nicht so übel. (…)

Mittlerweile bin ich eher für meine humoristischen Sachen bekannt. Humor fällt mir leicht. Vielleicht, weil es keine klaren Regeln dafür gibt, was lustig ist. Doch ab und zu dachte ich noch an die gute alte brotlose Zeit der Horror-Storys, aber im Prinzip war ich durch damit. Dann kam 2020, dieser strahlende Fixstern im bunten Reigen eindrucksvoller Scheißjahre. Bis dahin hatte ich mich von den Horrorgeschichten über Lesungen und Poetry-Slams in eine Nische der Halbprominenz emporgehampelt, die es mir ermöglichte, gut davon zu leben. Viel Fernsehen, eigene Show, große Hallen, der eine oder andere Preis. Dann, im März 2020, wurden wir alle ungefragt von einem Virus infiltriert. Die Umstände der Pandemie verdammten mich, wie viele andere auch, zur Untätigkeit. Das ging etwa vier Wochen gut, dann erfasste mich eine derartig elementare Unterforderung, dass ich begann, vor Autos aufzutreten. Oder vor zehn Menschen. Oder ohne Publikum, während ich in eine Kameralinse starrte.

Ich nächtigte gelegentlich als einziger Gast in riesigen Hotels. Es war seltsam, so viel stillen Stein um sich herum zu haben. Mitunter ging ich an die Hotelbar, immer in der Hoffnung, einen Mitarbeiter zu treffen, der den Tresen abwischt und sagt: „In der Tat, Mr. Torrance, ich bin mir nicht so sicher, ich habe meine Zweifel. Ich und auch andere neigen zu der Annahme, dass Sie nicht ganzen Herzens bei der Sache sind, dass es Ihnen an Begeisterung fehlt.“ Und dann bestelle ich Gin Tonic. Mir ist übrigens gerade wieder eingefallen, warum die Bände „JACKS GUTENACHTGESCHICHTEN“ hießen. Jedenfalls machte ich eine Menge komisches Zeug 2020. Und ich blickte zurück, denn selten war ein Rückblick so angebracht wie in jenem Jahr, das sowieso wirkte, als hätte Stephen King es geschrieben. Wenn du plötzlich in der Situation bist, deine kleine Karriere zu gestalten wie am Anfang, wenige Zuschauer, kaum Resonanz, dann stellst du deinen Blick nach hinten scharf und schaust noch weiter in die Vergangenheit.

Mein altes Horrorzeugs fiel mir wieder ein. Stimmt, dachte ich, da war doch was, fragt sich nur, auf welcher Festplatte? Ich brauchte nur ein paar Minuten, dann fand ich, was ich suchte. Alle Geschichten in einem Ordner. Ich warf die Kaffeemaschine an, und im aufkommenden Geblubber des Geräts begann ich zu lesen, im Schlepptau die bange Frage: Taugt das noch was? (…) Zu meinem Erstaunen fand ich die Geschichten gar nicht schlecht. Gut gealtert, irgendwie. Also im Prinzip wie die ersten Jean-Claude-Van-Damme-Filme. Für fast 20 Jahre altes Material recht unterhaltsam. Einige Storys finde ich immer noch ziemlich gut. Andere sind etwas krude, aber ganz spaßig, und die richtig Üblen habe ich entfernt. Unterm Strich bin ich sehr zufrieden, aber Ihnen sollte klar sein, dass ich keine große Literatur produziere, okay? (…)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare