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Wer selbst als Organspender eingetragen ist, soll beim Erhalt eines Spenderorgans bevorzugt werden, schlägt Klaus Reinhardt vor.

Dr. Hontschiks Diagnose

Organspende und was der neue Präsident der Ärztekammer davon hält

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Klaus Reinhardt, der neue Präsident der deutschen Ärzteschaft, ist erzkonservativ - und seine Ideen zur Neuregeglung der Organspende unärztlich. Die Kolumne „Dr. Hontschiks Diagnose“.

Der Sommer hat schon mit Macht begonnen, Reisevorbereitungen überall. Da will ich schnell noch eine unbeschwerte Kolumne ins Urlaubsgepäck mitgeben, aber schon wird es wieder vermasselt. Stattdessen packt mich Empörung über Inkompetenz, Stammtischgewäsch und Ignoranz gegenüber Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ich kann es nicht mehr hören!

Da hat sich die deutsche Ärzteschaft auf dem letzten Deutschen Ärztetag in Münster vor vier Wochen einen neuen Präsidenten gewählt. Der Alte namens Frank-Ulrich Montgomery kandidierte nach acht Jahren im Amt nicht mehr. Der Neue namens Klaus Reinhardt, ein Hausarzt aus Bielefeld, ist seit acht Jahren Vorsitzender des Hartmannbundes, der schon immer durch erzkonservative politische Konzepte aufgefallen ist. Beispielsweise will er die solidarische Gesetzliche Krankenversicherung durch ein Selbstzahlersystem mit Kostenerstattung und Selbstbeteiligung ersetzen.

Reinhardt schlägt neue Regeln für Organspende vor: unärztlich

Kaum im Amt, schon schlägt der neue Präsident neue Regeln für die Organspende vor: Nur wer selbst zur Organspende bereit ist, soll beim Erhalt eines Spenderorgans bevorzugt werden. Ein wenig Fremdscham ergreift mich. Was hat die Bereitschaft zur Organspende, die Entscheidung eines gesunden Menschen bei klarem Verstand, mit der lebensbedrohlichen Not eines Patienten am Rand des Organversagens zu tun? Wie kann ein Arzt, der einerseits Gesunde berät, andererseits das Leben von Schwerkranken retten soll, diese beiden fundamental verschiedenen Lebenssituationen miteinander verknüpfen? Welchen ethischen Maßstab man auch immer anlegt, diese Haltung ist gnadenlos und unärztlich.

Dr. Klaus Reinhardt ist auf dem letzten Deutschen Ärztetag zum Präsident gewählt worden.

Kaum hatte ich mich wieder beruhigt, da kam schon der nächste Schlag ins Kontor. Der neue Präsident der Bundesärztekammer tritt für eine finanzielle Selbstbeteiligung bei zu vielen Arztbesuchen ein. Mit diesem Vorschlag möchte er „mehrfache und völlig unnötige Arztbesuche“ eindämmen, um Patient*innen durch eine „moderate wirtschaftliche Beteiligung zu einem verantwortungsvollen Umgang mit unseren knappen Ressourcen“ zu zwingen. Abgesehen davon, dass von immer knapper werdenden Ressourcen keine Rede sein kann; abgesehen davon, dass die wirklichen Verschwender nicht die Patient*innen sind, sondern die Pharmaindustrie mit ihren Mondpreisen; abgesehen davon, dass die IT-Konzerne trotz Milliardeninvestitionen bis heute keine funktionierende Gesundheitskarte zustande gebracht haben; abgesehen davon ist das solidarische Gesundheitssystem schon längst durch Zuzahlungen aufgeweicht. Mehr als vier Milliarden Euro zahlen die Kranken jedes Jahr, nicht die Solidargemeinschaft.

Praxisgebühren sind eine Art Strafzahlung

Mir kommt es vor wie eine Art Strafzahlung. Und es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass man mit Selbstbeteiligungen nur die ärmere Bevölkerung davon abhält, sich rechtzeitig in ärztliche Behandlung zu begeben. Die dadurch zu spät Behandelten verursachen unter dem Strich höhere Kosten als jemals durch irgendwelche Eigenbeteiligungen eingenommen werden könnten. Das hat sogar der damalige wirtschaftsliberale FDP-Gesundheitsminister Daniel Bahr eingesehen und die Praxisgebühr abgeschafft. Zu allem Überfluss erregt sich der neue Präsident der Bundesärztekammer dann außerdem auch noch darüber, dass es tatsächlich „Menschen gebe, die sich regelmäßig eine zweite oder dritte Meinung einholten“. Ich fasse es nicht. Gerade in meinem Fach, der Chirurgie, ist die zweite Meinung längst allgemeiner Standard und wird generell empfohlen.

Mit solchen Haltungen möchte ich nichts zu tun haben. Und wer weiß, was noch alles kommt: Klaus Reinhardt ist ja erst vier Wochen im Amt. Mein Präsident ist dieser Präsident jedenfalls nicht. Mir scheint, die Welt wird zunehmend von alten weißen Männern beherrscht und in Atem gehalten. Und nun hat es leider auch die deutsche Ärzteschaft erwischt.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. www.medizinHuman.de

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