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Unbedarft und schwer begeistert: Ein Jugendturnier wird zu einer Art Testlauf vor der Sportgroßveranstaltung. 

Japan

Homerun in Fukushima

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Im Jahr vor den Olympischen Spielen in Tokio bereitet sich auch die krisengeschüttelte Region vor. Hier werden 2020 Wettbewerbe im Soft- und Baseball ausgetragen. Damit einher gehen viele Hoffnungen.

Hier heizen sie sich auf Spanisch ein, drüben klingt ein Kampfspruch auf Chinesisch. Ein Stück weiter hört man Englisch, dann eine Besprechung auf Thai. Kurz darauf treffen alle Mannschaften in der Mitte dieser großen Rasenfläche im Azuma Sportpark zusammen und rufen synchron ihren gemeinsam einstudierten Spruch: „We love baseball!“ Schließlich machen sich die Japaner und Taiwaner auf zum Spielfeld nebenan, zum ersten Match des Tages. Die Nervosität ist ihnen anzumerken. Diejenigen, die aus dem Ausland kommen, sind zum ersten Mal hier.

Am Stadtrand von Fukushima-City ist an diesem Tage die Welt zu Gast. Zwar ist es erst mal nur die Welt des Nachwuchsbaseballs im Alter von zehn bis elf Jahren. Aber auch das ist etwas Besonderes. Kinder aus 14 Ländern sind in den krisengeschüttelten Nordosten Japans gereist, um sich in der „World Children’s Baseball Fair“ zu messen.

Das seit 1990 jährlich steigende internationale Turnier hat schon in den USA, in Kanada, Puerto Rico und Taiwan stattgefunden. Fukushima aber ist zum ersten Mal Veranstalter. Das Turnier ist eine Art Minisoundcheck als Gastgeber einer Sportgroßveranstaltung. Schließlich werden im Azuma Sportpark in weniger als einem Jahr, wenn Japans Hauptstadt Tokio die Olympischen Spiele 2020 veranstaltet, mehrere olympische Begegnungen im Soft- und Baseball stattfinden: im von Tokio 250 Kilometer nördlich gelegenen Fukushima-City, der Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur, die vor achteinhalb Jahren zum Zentrum der größten Katastrophe Japans jüngerer Geschichte wurde.

Am 11. März 2011 folgten auf ein Erdbeben der Stärke 9 mehr als 20 Meter hohe Tsunamiwellen. Ganze Küstenstriche wurden vom Meer geschluckt, fast 20 000 Menschen starben. Zu allem Überfluss kam es im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zu drei Kernschmelzen. In Fukushima und zwei benachbarten Präfekturen hatten am Ende der Katastrophentage 470 000 Menschen ihr Zuhause verloren. Der Name Fukushima, der Welt bis dahin weitgehend unbekannt, wird international heute vor allem mit dieser Krise in Verbindung gebracht.

Berühmt und hoch angesehen: Baseballlegende Sadaharu Oh.

Doch nun will man nach vorne schauen. Während der Begegnung der Mannschaften aus Taiwan und Japan steht Sadaharu Oh am Rand und schaut zu, wie die Kinder pitchen und schlagen. „Es ist toll, dass wir es geschafft haben, Kinder aus drei Kontinenten hierher zu holen“, sagt der 79-Jährige. „Das freut mich für den Baseball, weil es wirklich ein Sport für alle ist, kleine und große, kräftige und dünne Körper. Aber es freut mich auch für Fukushima. Die Leute von außerhalb sollen erfahren, dass es hier nicht so schlimm ist, wie gedacht wird.“

Wenn Sadaharu Oh etwas sagt, hört man zumindest in Japan zu. Der grauhaarige, drahtige Senior ist eine Legende im Baseball, dem in Japan neben Fußball beliebtesten Sport. Seit Jahrzehnten hält Oh, der ab den 1960er Jahren zu einer Bekanntheit wurde und lange Zeit für den Rekordmeister Yomiuri Giants aus Tokio spielte, den Weltrekord für die meisten Homeruns in einer Karriere. Als Schirmherr des Kinderbaseballturniers will er Fukushima zu einem besseren Image verhelfen. „Hier gibt es jeden Tag leckeres Essen und lustige Aktivitäten. Ich hoffe, dass die Kinder davon erzählen werden, wenn sie wieder zu Hause sind.“

In diesem Rahmen hat die Metropolregierung Tokios, als Gastgeberin der Olympischen Spiele, eine Gruppe von Journalistinnen und Journalisten nach Fukushima eingeladen, um über die Erholung seit dem großen Unglück zu berichten. Man will zeigen: Nach gut neun Jahren, die bei der olympischen Eröffnungsfeier im nächsten Sommer seit der Katastrophe vergangen sein werden, ist Fukushima guter Dinge, sicher, wiederaufgebaut.

Ermunternd an diesem Jugendturnier, 90 Kilometer von der Atomruine entfernt, ist die Unbedarftheit der Kinder. Was in der Region zu Beginn des Jahrzehnts geschah, davon wissen sie wenig bis gar nichts. „Ja, ich hatte davon gehört und hatte ein bisschen Angst. Aber ich freue mich, dass ich herreisen konnte. Und ich will wiederkommen“, sagt der elfjährige Tseng Yi-yu aus Taiwan. „Meine Eltern haben mir ein bisschen davon erzählt. Aber ich erinnere mich nicht mehr“, sagt Shuhei Abe, zehn Jahre alt, der aus Fukushima-City kommt. Die elfjährige Amy aus den Niederlanden sagt auf die Frage, ob sie über die Katastrophe Bescheid weiß: „Nein, nicht sehr viel.“

Man muss jung genug sein, um beim Namen Fukushima eben nicht an die Reaktorkatastrophe zu denken. Und genau deshalb ist der Nachwuchs hier so bedeutend: Mit ihm kommt ein frischer Wind. Schließlich hat Premierminister Shinzo Abe versprochen, die Spiele von Tokio 2020 werden die „Spiele des Wiederaufbaus“. Es geht um den Blick nach vorn. In einem Vortragszentrum in der Nähe hält Hiroshi Hanzawa von der Präfekturregierung Fukushima denn auch einen entsprechenden Vortrag für die Journalisten. Der Titel: „Aktuelle Lage und Wiederaufbau“. Gezeigt mit einer bunten Powerpointpräsentation werden vor allem die Fortschritte seit der Katastrophe.

„Seit 2011 hat die Strahlung hier in Fukushima-City stark abgenommen. Sie ist jetzt in etwa so hoch wie in London“, sagt er. „Auch in vielen der einst evakuierten Gebiete konnte dekontaminiert werden, deshalb konnten Rücksiedlungen erreicht werden. Nun bleiben nur noch gut 40 000 Menschen evakuiert.“ Von den beschädigten Bauwerken seien 94 Prozent wiederaufgebaut. Außerdem habe Japan heutzutage die international strengsten Strahlengrenzwerte für Lebensmittel. „So hat unsere landwirtschaftliche Produktion fast wieder das Niveau von vor 2011 erreicht. Und unser Image wollen wir weiter verbessern“, sagt Hiroshi Hanzawa.

Auch andere Vorträge sollen beachtliche Fortschritte zeigen. Die fortbestehenden Probleme stehen dagegen nicht im Vordergrund. So wird zwar erwähnt, dass noch Jahre vergehen werden, bis der geschmolzene, radioaktiv strahlende Schutt im Innern der Reaktorruine abtransportiert werden kann. Wie groß diese technische Herausforderung aber ist und welche Gefahren dabei entstehen können, wird nicht weiter besprochen.

Und zu den von Hiroshi Hanzawa erwähnten gut 40 000 noch verbleibenden Evakuierten zählen auch nur diejenigen, die wieder zurückkehren wollen. Dabei sind es vor allem jüngere Leute, die ihr Glück längst anderswo im Land suchen. Und auch im olympischen Sommer 2020 werden in der Region Fukushima noch ganze Orte evakuiert bleiben. So mag man sich fragen, ob der Titel „Spiele des Wiederaufbaus“ nicht etwas zu früh kommt. Womit die Offiziellen aber richtig liegen dürften: Eine Erholung der Region führt insbesondere über die Jugend, für die der Sport wiederum eine wichtige Rolle spielen kann.

Deshalb hat Gusbert Selderyk, Trainer des holländischen Teams, nach der Einladung auch keine Sekunde gezögert, ob seine Truppe überhaupt anreisen sollte: „Wir nehmen seit Jahren an diesem Turnier teil“, sagt er. „Als es hieß, dieses Jahr geht es nach Fukushima, haben wir uns nur kurz mit den Eltern abgesprochen. Alle waren der Meinung, dass man sich auf die Veranstalter verlassen kann. Wenn die sagen, hier ist es sicher, dann ist das auch so.“ Für die Kinder jedenfalls ist das Turnier eine aufregende Sache.

Kurz nach dem Spiel zwischen Japan und Taiwan, das die Gastgeber mit 8:3 gewonnen haben, werden auf dem Feld nebenan schon wieder Wurf- und Schlagübungen durchgeführt. Und die elfjährige Holländerin Amy sagt, sie werde nach Ende des Turniers nächste Woche bestimmt frohen Mutes und mit breiter Brust nachhause reisen: „Es ist total schön hier. Und hier sind so viele Trainer, die uns helfen und sie sind so nett. Ich habe gelernt, dass man zur Base sehen muss, wenn man über sie rennt und ganz viele andere Sachen. Ich will wiederkommen. Die Leute sind auch so nett.“

Auch wenn die Jugend nicht viel spürt von der Katastrophe, bis zur „Erholung“ und zum „Wiederaufbau“ ist der Weg noch weit. So sieht es auch Schirmherr Sadaharu Oh, der sich dafür stark gemacht hat, dass möglichst viele Sportveranstaltungen, auch olympische, nach Fukushima kommen. Am Ziel sei man aber noch nicht: „Der Tsunami und die ganzen Folgen waren sehr hart. Bis man sich davon erholen kann, wird es lange dauern, 50 bis 100 Jahre vielleicht?“, sagt er. „Und man wird bis dahin gemeinsam hart dafür arbeiten müssen.“

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