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Die Aussicht vom Panoramadeck? – „Wie im Märchen“, schwärmt die Kanadierin Jean.

Flusskreuzfahrt

Holpriges Pflaster und gehäkelte Gardinen

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Vollpension und jeden Tag eine andere Stadt: Flusskreuzfahrten durch Deutschland sind beliebt bei ausländischen Touristen, vor allem die auf dem Rhein. Historische Daten und Sehenswürdigkeiten sind den Gästen aber nicht so wichtig wie der Einblick in den „german way of life“.

Als Monika von den deutschen Autobahnen erzählt, werden die meisten plötzlich wieder wach. „In Deutschland gibt es auf den Autobahnen kein generelles Tempolimit“, erklärt die Heidelberger Gästeführerin und erntet dafür jede Menge „Ohs“ und „Ahs“. Für viele in dem weißen Reisebus ist das offenbar neu – und wesentlich interessanter als die Einwohnerzahlen von Ludwigshafen und Mannheim, deren Silhouetten draußen vorbeiziehen. „Free ride for free citizens“, freie Fahrt für freie Bürger, zitiert Monika den einstigen ADAC-Slogan, auch wenn Lothar, der Fahrer, wegen des dichten Verkehrs und einer Baustelle gerade nur 80 fahren kann. Heiteres Gelächter, das Publikum ist wieder voll da.

Eine halbe Stunde später hält der Bus neben acht weiteren weißen Reisebussen vor dem Heidelberger Schloss und die Gruppe klettert die Stufen runter auf den Parkplatz. Nach Basel, dem Schwarzwald und Strasbourg ist es der vierte Ausflug für die Kreuzfahrttouristen, die zu großen Teilen aus den USA und Kanada und zu noch größeren Teilen Senioren sind. Zwei Wochen lang schippern sie mit der Avalon Artistry II auf Rhein und Mosel, von Basel bis nach Amsterdam. Die meisten sind zum zweiten, dritten oder vierten Mal in Deutschland – und am „German way of life“ eher interessiert als an Jahreszahlen oder der Entstehungsgeschichte berühmter Bauwerke.

„Braucht irgendjemand eine Toilette?“, knarzt Monikas Stimme aus dem Audioguide, noch bevor die Gruppe das Besucherzentrum am Schloss erreicht hat. Mehrere Arme schnellen nach oben. Vor der ersten Toilette ist die Schlange zu lang, also weiter zur zweiten. Viel Betrieb auch hier. „Wo kommen denn nur all die Touristen her?“, ruft eine Amerikanerin fast schon verzweifelt. Ein Blick auf die bunten Fähnchen, die die Guides für ihre Gruppen in die Höhe halten, zeigt: von anderen Flusskreuzfahrtschiffen. Neben dem gelben Avalon-Fähnchen hüpfen auch rote, weiße und blaue mit den Logos unterschiedlicher Reedereien in Richtung Schlosshof, die Touristen hinterher.

Für die beiden das Highlight in Bernkastel-Kues: der Antiquitätenladen.

Nach einer Stunde – die Gruppe der Avalon Artistry II hat die wichtigsten Fakten zum Schloss gehört und im Keller ein riesiges Weinfass besichtigt – geht es runter in die Altstadt. Während Lothar den Bus durch die engen Straßen manövriert, beantwortet Monika schon einmal die wichtigsten Fragen: Wo gibt es die besten Souvenirs? Und was kauft man in Heidelberg überhaupt?

„Das Weihnachts-Geschäft von Käthe Wohlfahrt ist mitten in der Altstadt“, erzählt sie, und vor allem die Frauen im Bus atmen erleichtert auf. „Aber das ist nichts Lokales.“ Stattdessen empfiehlt Monika den Kauf eines Füllers von Lamy, dessen Unternehmenssitz in Heidelberg ist, oder Schokolade – „aber nicht die von Lindt, die kommt aus der Schweiz“. Einer Kanadierin kann sie allerdings nicht helfen. Die Frau hatte auf einen Aldi gehofft. Die seien meistens nicht in den Innenstädten, sagt Monika. Die Kanadierin wirkt enttäuscht. Drei Stunden später kommt sie zurück aufs Schiff, in der Hand eine Tragetasche von Lamy.

Flusskreuzfahrten boomen. Allein auf dem deutschen Markt wurden im vergangenen Jahr gut 590 Millionen Euro umgesetzt, knapp 500 000 Passagiere waren unterwegs. Avalon Waterways transportiert pro Jahr etwa 50 000 Gäste. Neben der Donau ist vor allem der Rhein beliebt, nicht zuletzt wegen des weltberühmten Mittelrheintals. Ein Muss auf dieser Route ist Rüdesheim, bekannt für Riesling, das Niederwalddenkmal und die Drosselgasse. Das bekommen sie in dem 9000-Einwohner-Örtchen zu spüren. Legten vor 17 Jahren in Rüdesheim knapp 1000 Flusskreuzfahrtschiffe pro Jahr an, waren es vor zehn Jahren schon gut 500 Schiffe mehr. Für das laufende Jahr werden rund 2600 Schiffe erwartet. Die Avalon Artistry II ist eines davon.

Am späten Vorabend hat sie in Rüdesheim angelegt, nun ist es halb neun am anderen Morgen und Zeit, von Bord zu gehen. Raus aus den klimatisierten Räumen des Schiffs, rein in die drückende Schwüle Rüdesheims. Die Gäste schieben sich langsam der Sonne entgegen und auf die Gangway, die das Schiff mit dem Ufer verbindet. Dort wartet schon der Winzerexpress, eine kleine Bahn, die alle in den Stadtkern bringen soll. Auf dem Programm steht ein Besuch in einem Museum für mechanische Musikinstrumente und eine Verkostung des Rüdesheimer Kaffees, der mit flambiertem Asbach Uralt und Sahne getrunken wird.

Interessant, dieses Heidelberger Schloss. Aber noch interessanter für die Flusskreuzfahrer: Wo es die schönsten Souvenire gibt.

„We are on the move“, wir sind unterwegs, rufen zwei Amerikanerinnen mit glitzernden Golf Caps aufgeregt, als sich der Zug rumpelnd in Bewegung setzt. Die Gäste sind gut drauf, alle reden durcheinander, zeigen nach rechts, nach links. Ein Mann mit einem langen grauen Bart auf einem Rasenmäher, eine Reihe Container für braunes und grünes Altglas, gehäkelte Gardinen hinter den Fenstern eines 60er-Jahre-Baus: Alles ist „great“, „amazing“ oder einfach nur „unbelievable“. Schnell entspinnt sich zwischen den beiden Amerikanerinnen eine hitzige Diskussion über die Frage, ob die Deutschen wirklich ihr Altglas getrennt nach braun und grün dort einwerfen. Dass während der Fahrt eine Frauenstimme vom Band die wichtigsten Fakten zu Rüdesheim und den Sehenswürdigkeiten rezitiert, bemerken die meisten erst, als der Zug am Instrumentenmuseum zum Stehen kommt und die Stimme plötzlich sagt: „Vielen Dank für Ihren Besuch in Rüdesheim“.

Zurück an Bord steht schon das Mittagessen auf dem Tisch, ein „German Lunch“: Würstchen, Sauerkraut, Brezeln und Senfeier. „Das war das beste deutsche Essen, das wir jemals hatten“, sagt Linda. Sie und ihr Mann Dan, beide pensioniert, sind aus dem US-Bundesstaat Georgia und waren schon einige Male in Deutschland. Sie haben viel gesehen, waren unter anderem beim Oktoberfest und im Schwarzwald. Vor 20 Jahren waren sie zum ersten Mal dort und schwärmen noch heute von den „fantastischen deutschen Daunendecken“ und den Kissen. Von denen hat Dan damals gleich zwei gekauft.

Mit der Kreuzfahrt erfüllen sich viele der 81 Gäste an Bord einen Traum – denn das, was sie während der Reise sehen, kennen sie nur aus dem Fernsehen: die Weinberge, die sich rechts und links von Rhein und Mosel an die Hänge schmiegen; die vielen Burgen, die die Avalon Artistry II während ihrer Fahrt durch das Mittelrheintal passiert; oder das Kopfsteinpflaster, das vor allem den Gästen mit Gehhilfen zwar Probleme bereitet, deswegen aber nicht weniger „amazing“ ist.

Die Texanerin Carola war noch nie in einer Staustufe – und vergisst beim Chef’s Dinner im Restaurant kurzzeitig sogar ihr Lamm, als die Artistry II in einer der unzähligen Mosel-Schleusen hochgelassen wird. Jean aus Kanada, Rentnerin und nicht mehr ganz so gut zu Fuß, fühlt sich „wie im Märchen“, wenn sie auf einem der Außendecks sitzt und die Landschaft an sich vorbeiziehen lässt. Carol und Manfred, ebenfalls aus Kanada, sind begeistert von den Radwegen direkt am Wasser. Und die Australierin Diane schwärmt von den Fachwerkhäusern und den engen Gässchen, die sie schon besichtigt hat – auch wenn sie, wie sie sagt, zwischendurch gerne mal einen Tag zum Ausruhen hätte. „Aber es gibt einfach so viel zu sehen.“

Wer das ganze Programm auf der Avalon Artistry II mitnehmen will, muss früh aufstehen. Ab 6.30 Uhr Yoga oder Pilates, dann Frühstück, und gegen neun geht es los zum ersten Ausflug in die Stadt, in der das Schiff liegt. Neben einer normalen Stadtführung gibt es immer auch eine kürzere Tour für diejenigen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, und – wenn möglich – extra Ausflüge zu besonderen Zielen. Am Nachmittag können die Gäste auf eigene Faust die Umgebung erkunden oder sich auch mal von den Angestellten des Housekeeping-Teams zeigen lassen, wie sie die Handtuchtiere falten, die die Gäste jeden Tag in ihren Kabinen finden.

In Bernkastel-Kues, dem sechsten Stopp der Reise, ist das Programm etwas übersichtlicher. Das 8000-Einwohner-Örtchen an der Mosel ist schlicht zu klein. Neben einer Weinprobe gibt es am Vormittag einen Rundgang durch den Altstadtkern. Gästeführerin Genevieve gibt sich Mühe, der Gruppe die Geschichte des Ortes näherzubringen. Doch besonders aufmerksam ist ihr Publikum nicht, die einen zeigen sich auf ihren Smartphones gegenseitig Fotos aus Rüdesheim, die anderen hören lieber bei einer anderen Reisegruppe zu.

Vielleicht liegt es am nasskalten Wetter. Vielleicht aber auch nicht. Gleich zu Beginn – Genevieve erzählt gerade, dass die Burg über dem Ort im 13. Jahrhundert erbaut worden ist – will ein Amerikaner wissen, in welcher Branche die meisten Bernkastel-Kueser arbeiten. Einige Minuten später stolpert die Gruppe über das unebene Kopfsteinpflaster der kleinen Altstadt, aber statt der Geschichte des Rathauses sind auch hier ganz andere Dinge von Interesse: Was bedeutet das „20 C+M+B 19“ über den Haustüren? Aus welchem Land kommen die Menschen, die in den Weinbergen arbeiten? Und wie viel verdienen sie? Zu guter Letzt will eine Frau aus Australien wissen, wo sie die gehäkelten weißen Vorhänge kaufen kann, die hinter den Fenstern einer Ferienwohnung hängen. German lifestyle at its best.

Als Profi in Sachen Souvenir-Shopping erweist sich unterdessen Diane, die Fachwerk-Liebhaberin aus Australien. Sie habe in Bernkastel-Kues ein Antiquitätengeschäft gefunden, erzählt sie beim anschließenden Lunch im Restaurant des Schiffs, und präsentiert stolz ihre Ausbeute: fünf blaue, verknitterte Reichsbanknoten, dazu eine kleine Statue, die aber zu schwer sei, um sie mit zum Lunch zu nehmen, und zwei auffällige Ketten mit bunten Steinen aus einem kleinen Schmuckgeschäft. „Von Bernkastel habe ich noch nie gehört“, sagt sie. Aber es habe ihr unglaublich gut gefallen, alles sei so alt und habe eine Bedeutung. „Ich frage mich nur, ob die Leute hier das zu schätzen wissen.“

Die Mosel weiter aufwärts legt das Schiff am anderen Morgen im luxemburgischen Grevenmacher an. Über Nacht ist die Luft noch kälter, der Regen noch dichter geworden. Trotzdem geht es um kurz nach acht in den Bus, der die Touristen nach Metz bringt. Nach zwei verregneten Stunden in der Stadt sind alle froh, wieder im Trockenen zu sein. Eine Woche lang sind sie schon mit dem Schiff unterwegs, jeden Tag in einem neuen Ort und jeden Tag mit neuen Eindrücken. Das schlaucht – dabei haben sie Trier, Köln und Amsterdam erst noch vor sich.

Auf der Rückfahrt nach Grevenmacher staut es sich. Die Touristen hängen in ihren Sitzen, viele dösen vor sich hin. Und während der Bus sich langsam durch den Verkehr quält, murmelt irgendwo auf den hinteren Sitzen jemand: „Schade, dass wir nicht auf der deutschen Autobahn fahren.“

Transparenzhinweis: Die Reise wurde von Avalon Waterways unterstützt.

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