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„Die Sache oder Bruchstücke selbst sehen ist besser, als sich von den besten Augenzeugen darüber erzählen lassen.“

Brüche

Hoffnungsrandgebiet

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Einwohner, Arbeitsplätze, Perspektiven – alles weggebrochen in Tangerhütte. Seit dem Mauerfall macht sich in der einstigen Industriestadt in Sachsen-Anhalt die Leere breit. Doch im Rathaus sitzt ein Mann, der an die zweite Wende glaubt.

Es ist drei viertel zwölf, als Wiebke Will die Hoffnung auf letzte Kundschaft langsam aufgibt. Die Buchhändlerin macht ihr Geschäft an diesem Samstag ohnehin gleich zu. Denn wenn um zwölf Uhr der Bäcker schließt – und damit das letzte Geschäft, in dem man noch einen Kaffee im Ort bekommt –, dann verirrt sich keiner mehr in die Innenstadt von Tangerhütte, sagt die 64-Jährige. Die wenigen verbliebenen Gaststätten machten nur noch „Event-Betrieb“ – Hochzeiten, Geburtstage, vor allem aber: Trauerfeiern. Tangerhütte, die „schönste Stadt in Deutschlands Mitte“, wie sie im DDR-Jargon hieß, schlummert in der Herbstsonne vor sich hin.

Die „Einheitsgemeinde Tangerhütte“, wie das Städtchen in der Verwaltungssprache heißt, liegt in der Altmark im Landkreis Stendal, 50 Kilometer nördlich von Magdeburg, anderthalb Zugstunden westlich von Berlin. Ihren Namen verdankt die Stadt am Tanger der Eisenhütte, die 1842 aus einem Dorf eine kleine Industriestadt machte. Heute ist davon nur noch eine mittelständische Gießerei mit 160 Arbeitsplätzen übrig.

Man grüßt sich mit Vornamen, ältere Männer steigen für einen Plausch vom Rad.

An der Rosa-Luxemburg-Straße rollen Senioren auf Diamant-Fahrrädern gemächlich über die Gehwegplatten. Ein Wandmosaik, das die „Stendaler Volksstimme“ mal „Tangerhüttes kleinen Alexanderplatz“ nannte, zeigt Brüder und Schwestern beim Aufbau der neuen Gesellschaft. Viele Tangerhütter haben diese Zeit noch miterlebt. Heute sind sie über 80. Und ihre Kinder meist weit weg.

Auf der Fläche Münchens leben in Tangerhütte und seinen 19 Ortsteilen knapp 11 000 Menschen. 15 000 waren es zur Wendezeit. Nach einer Prognose des Statistischen Landesamts dürfte die Bevölkerung in den nächsten zehn Jahren weiter sinken – auf dann noch 9500 Einwohner. Es ist selbst für die ostdeutsche Provinz ein ziemlich düsteres Szenario.

Bürgermeister Andreas Brohm kämpft dafür, dass es nicht eintritt. Brohm, 41, blaues Sakko ohne Krawatte, ist am späten Freitagnachmittag der Letzte im Rathaus. Die Dame von der Reinigung verabschiedet sich ins Wochenende.

„Willkommen in Tangerhütte“, sagt der Bürgermeister fröhlich. Und klingt dabei ein wenig nach Travel Guide. Brohm ist Betriebswirt, hat in Zürich, Berlin und Köln gelebt. 2014 wurde der Parteilose überraschend zum Bürgermeister gewählt, kurz nachdem er mit seiner Frau und den drei gemeinsamen Kindern zurückgekommen war ins Dorf seiner Kindheit.

Buchhändlerin Will fehlt ein Café.

Andreas Brohm sagt „Herausforderung“, wenn er „Problem“ meint, und das Wort fällt im Kontext von Tangerhütte oft. Aber bei ihm, dem Rückkehrer, ist das keine Phrase. Er sei wiedergekommen, weil er daran glaube, dass die Region eine Zukunft habe. „Die Altmark ist der Luxus der Leere“, schrieb Brohm Mitte September auf Twitter. Klar seien die Ansprüche andere, wenn man lange in urbanen Milieus gelebt habe. „Aber hier erzieht das Dorf die Kinder, die Kita macht Honig. In der Stadt haben uns die Nachbarn gleichgültig angeguckt, als wir nach Jahren Tschüss gesagt haben.“

Die große Chance von Orten wie Tangerhütte liegt in der Mobilität, glaubt Brohm. Immer mehr Menschen nähmen weite Pendelwege in Kauf, um im Gegenzug ein ruhiges Leben in vertrauter Umgebung zu führen. „Viele von denen, die in den Neunzigern weggegangen sind, überlegen wiederzukommen“, ist Brohm überzeugt. Tatsächlich zogen im Jahr 2017 erstmals wieder mehr Menschen von West nach Ost als umgekehrt, hat das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung herausgefunden. Und auch für Tangerhütte gibt es Hoffnung: Im ersten Halbjahr des Jahres gab es 187 Zuzüge bei 147 Wegzügen. Bezieht man die 83 Geburten und 43 Sterbefälle in diese Rechnung ein, ist die Einwohnerzahl zum ersten Mal seit Jahren gestiegen.

Von „Trendwende“ will Brohm noch nicht sprechen, dafür liegt zu vieles im Argen. Zum Beispiel das städtische Gymnasium. 1996 machte Brohm dort selbst noch Abitur, 2006 musste das Haus wegen Schülermangels dichtmachen. Die Ruine verwildert seitdem, die Stadt kann nicht einmal die 200 000 Euro für den Abriss aufbringen. Kein ermutigender Anblick für die Bewohner in den nahe gelegenen Plattenbauten, in denen 30 Prozent der Wohnungen leer stehen.

Ruhe und günstige Mieten schätzen die Tangerhütter an ihrer Stadt.

„Dafür sind wir damals sicher nicht auf die Straße gegangen“, sagt Buchhändlerin Wiebke Will. Besonders die soziale Kluft in Tangerhütte mache ihr heute Sorgen. 1989 engagierte sich Will im „Neuen Forum“ unter dem Schutz der Kirche gegen das DDR-Regime. Statt Reformen kamen Marktwirtschaft und Treuhand. In Tangerhütte, das vor allem vom Stahl lebte, waren die Folgen des Strukturwandels noch verheerender als in den Kohlerevieren des Ruhrgebiets. Denn hier verschwanden nicht nur Jobs, sondern nahezu alle Gewissheiten.

Sie verstehe den Frust vieler Tangerhütter, die nach der Wende „unverschuldet arbeitslos“ wurden und seitdem kaum wieder Anschluss gefunden haben. „In den Neunzigern wollten alle einfach nur weg“, sagt Will. Sie blieb. Als einige der wenigen Vertreterinnen der „Intelligenzija“, wie Bürgermeister Brohm sie zwinkernd nennt, habe sie durchgehalten. Der Buchladen ermögliche ihr bis heute ein bescheidenes Auskommen, sagt Will. Zu ihren Gegnern gehört neben der Demografie zwar heute auch Amazon. Aber die meisten ihrer Kunden seien treu und schätzten das persönliche Gespräch. Man kennt sich eben.

Wenn sich zwei Tangerhütter unterhalten, dann „nölen“ sie. In der Altmark hat das nichts mit Jammern zu tun, eher mit Tratschen, Witze machen. Zum Beispiel am Gartenzaun. „Sparte ‚Freundschaft‘“ steht wie zu Ostzeiten am Tor einer Kleingartenkolonie im Westen der Stadt. Man grüßt sich mit dem Vornamen. Die meist älteren Herren steigen für einen Plausch vom Fahrrad ab.

Am anderen Ende der Stadt, in der Industriestraße im Osten, verfällt das ehemalige Eisenwerk. „Glück auf“ prangt über eingeschlagenen Fensterscheiben. Remo Grevzmiel ist 27 und im Schatten der Ruine aufgewachsen. Sein Opa war Elektriker in der Hütte, erzählt er und schultert eine Sporttasche. Er muss los zum Fußballtraining. Grevzmiel spielt noch für Tangerhütte, hat die Stadt aber schon vor Jahren für die Ausbildung verlassen. „Was Freizeit angeht, ist hier einfach tote Hose.“ Immerhin ist er im Landkreis geblieben.

Ein paar Hundert Meter weiter, im Stadtpark, steht der Hoffnungsschimmer der Stadt. Das Neue Schloss, ein wuchtiger Jugendstilbau, in den jahrelang der Regen tropfte, hat jetzt ein neues Dach bekommen. Eine Viertelmillion hat die Sanierung gekostet, finanziert unter anderem mit Spenden aus der Bevölkerung. Für Bürgermeister Brohm, der weitere EU-Fördermittel an Land zog, ist das Schloss ein Beispiel dafür, dass den Leuten ihre Stadt nicht egal ist. Mittlerweile kommen sogar ein paar Touristen vorbei.

Auch Udo Schmidt hat etwas gespendet. Es ist kurz vor zehn am Samstagmorgen, da hat der 72-Jährige bereits sein erstes Bier geleert. Schmidt sitzt auf einer Parkbank, seine Hände ruhen auf dem Rollator. Das mit dem Schloss sei schon eine feine Sache, sagt er, aber ansonsten sei der Zusammenhalt der Leute längst nicht mehr so wie früher. „Hier ist ja nüscht mehr“, meint Schmidt. Die Hütte, die Kinderscharen, alles weg.

Vanessa und Roman wollen nicht weg.

Die Wende hat Schmidt, der mit der DDR-Handelsmarine die seltene Chance hatte, ferne Länder kennenzulernen, nie ganz verwunden. Von der Hoffnung auf die Rückkehrer in Tangerhütte hält er nichts. Dabei ist er selbst einer von ihnen. Anfang der Neunziger folgte Schmidt seiner Tochter, einer Pflegerin, nach Bremen. Weil man für die vielen Alten in Tangerhütte jetzt dringend Pflegekräfte braucht, kehrte seine Tochter vor zwei Jahren zusammen mit ihm zurück.

Der Bürgermeister weiß, dass man Leute wie Schmidt nicht mehr wiederholt. Schon bei der letzten Landtagswahl im Jahr 2016 kam die AfD in Tangerhütte auf 25 Prozent. „Es sind gerade Langzeitarbeitslose und Mindestlohnverdiener, die das Vertrauen in die Politik verloren haben. Der Kapitalismus hat Versprechen gemacht, die er nicht halten konnte“, sagt Betriebswirt Brohm.

Für Buchhändlerin Will würde es schon reichen, wenn jemand den Mut hätte, ein neues Restaurant oder ein Café zu eröffnen – in der Innenstadt oder eben hinten, im Schloss. „Dann muss man nicht eine halbe Stunde Auto fahren, um mal was essen zu gehen.“ Ob die alten Tangerhütter wieder- oder sogar neue hinzukommen, das entscheide sich eben nicht nur an der Frage, ob Arztpraxen und Schulen erhalten bleiben. Schon eine Eisdiele könne den Unterschied machen.

Dass es die Altmark in einem Ranking strukturschwacher Regionen des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft jüngst auf den ersten Platz geschafft hat, beunruhigt Andreas Brohm nicht. Vielleicht hat er schon zu viele Abgesänge gehört, um wirklich dran zu glauben. Er sagt: „Wir dürfen nicht immer nur die Großstädte und die Wirtschaftskraft als Maß aller Dinge nehmen. Mehr als die Hälfte der Deutschen lebt im ländlichen Raum.“ Was die Tangerhütter an ihrer Stadt schätzten: „Die Ruhe, den spärlichen Verkehr, Mieten um die vier Euro kalt.“

Glaubt man Brohm, dann müssen vor allem die Züge häufiger fahren und die Altschulden erlassen werden, um Tangerhütte neues Leben einzuhauchen. Dann kommen die Familien, die Pendler und irgendwann auch die Jobs. Es wäre eine zweite Wende, eine Wiederentdeckung der „blühenden Landschaften“ unter ganz anderen Vorzeichen.

Roman und Vanessa, beide 18 und gebürtige Tangerhütter, sehen es pragmatisch. Händchenhaltend steuern sie auf den Bahnhof zu. Klar, zur Arbeit werden sie wohl wegziehen, „geht ja nicht anders“. Aber mit den eigenen Kindern wolle sie schon wiederkommen, sagt Vanessa und lächelt ihren Freund an. „Ist doch ein gutes Leben hier.“

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