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Nicht gerade geräumig: Blick in eine Zelle in der JVA Landsberg.

JVA Landsberg

Was Uli Hoeneß hinter Gittern erwartet

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Am Morgen Malzkaffee, mittags Kartoffelsuppe: In der JVA Landsberg bekommen Besucher einen Eindruck davon, wie Uli Hoeneß seine Haft verbringen wird.

Am Montagmittag, der Rundgang durchs Landsberger Gefängnis dauert schon drei Stunden, wird die Sache dann doch ein bisschen komisch. 157 Journalisten sind angerückt, Fotografen, Fernsehteams aus ganz Europa wollen sehen, wo Uli Hoeneß, Fußballweltmeister und Deutschlands berühmtester Steuerhinterzieher, demnächst seine Haftstrafe von dreieinhalb Jahren antreten muss. Die bayerische Justiz war von Anfragen „überrannt“ worden und plante deshalb den „großen Abwasch“, damit sich die Öffentlichkeit ein Bild machen könne von dem berüchtigten Gefängnis und seinem berühmten Gast in spe.

Aber der Name Hoeneß fällt nicht beim großen Abwasch, auch wenn sich alles nur um ihn dreht. Die Anstaltsleitung ist eisern und äußert sich „aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht zu Einzelfällen“. Mit Hoeneß ist es wie mit dem Bösewicht in „Harry Potter“: Er ist der, dessen Name nicht genannt werden darf.

Also fragt ein Journalist, wie die Anstalt einen berühmten Geschäftsmann mit sportlich-unternehmerischer Erfahrung zu beschäftigen gedenke, das Angebot der Anstalt sei doch eher auf handwerkliche und schlichte Tätigkeiten ausgerichtet. Da muss Gefängnisdirektorin Monika Groß etwas länger nachdenken. Es gebe da die Anstaltsbibliothek, die Kammerverwaltung, die Küche, grübelt sie laut vor sich hin. „Sonst hätten wir noch einfache Falttätigkeiten“, sagt sie dann. Allgemeines Schlucken, leichtes Gelächter.

In den vergangenen Wochen war viel darüber debattiert worden, was der Steuerhinterzieher Uli Hoeneß zu erwarten habe, wenn er vermutlich noch vor Ostern sein Haus in Bad Wiessee am Tegernsee verlässt und nach Landsberg am Lech westlich von Augsburg umzieht. „Du kannst den Knast überleben, Urlaub ist es nicht“, meinte ein gewisser Maik R., der dreieinhalb Jahre wegen Drogenhandels in Landsberg saß, in der „Bild“-Zeitung. Zu Anfang Viererzelle und immer sei es ein wenig feucht und kalt in dem alten Gemäuer.

Zunächst wird Häftling H. anfangen wie alle anderen auch. Landsberg ist ein Knast für Ersttäter, hat derzeit Platz für 554 Häftlinge und gilt nach Erfahrungsberichten auf dem Internetportal Knast.net als halbwegs angenehme Unterkunft mit verhältnismäßig guter Verköstigung. Dennoch wird auch Häftling H. eine „Grundsitzzeit“ ohne Lockerungen wie Freigang überstehen müssen. Hoeneß soll wie jeder neue Häftling zuerst eine Zwei-Mann-Zelle beziehen – der Anfang einer Haftstrafe sei eine „sehr sensible Phase“ für jeden Gefangenen, deshalb sollten sie nicht alleine sein. Nach maximal 14 Tagen werden die Häftlinge in eine andere Zelle verlegt, in der Regel eine Einzelzelle.

Wann genau Hoeneß nach Landsberg umziehen muss, ist noch unbekannt. Was ihn dort erwartet, allerdings nicht: 5.50 Uhr Wecken, 6.10 Uhr Waschen, 6.20 Uhr Frühstück abholen, 7 Uhr Arbeitsbeginn, 11 bis 12 Uhr Mittagspause, dann wieder arbeiten, 15.30 Feierabend, 16 Uhr alle durchzählen, 17 Uhr Freizeit, danach Abendessen, 19 Uhr in die Zelle, Tür zu. Er wird blaue Anstaltskleidung tragen und essen, was auf den Tisch kommt. An diesem Montag wäre es zum Frühstück ein Malzkaffee mit Roggenbrot und Marmelade gewesen, mittags Kartoffelsuppe, Schinkennudeln und Salat, abends Roggenbrot, Käse, Margarine, Tee. Der Speisesaal ist mit riesigen Gemälden eines Ex-Häftlings geschmückt, Landschaften, die eine Kreuzung aus Oberbayern und Fantasiewelten aus „Herr der Ringe“ sein könnten. Farbe bröckelt von den Wänden, der Saal riecht nach kalter Bouillon.

An Tag eins wird Hoeneß alle wertvollen Dinge wie eine teure Armbanduhr oder sein Smartphone abgeben müssen, persönliche Sachen wie Familienfotos darf er behalten, ein Zeitungsabonnement ist erlaubt. Mehr nicht.

Er kann einmal im Monat zwei Stunden Besuch bekommen, wird 40 Stunden pro Woche arbeiten müssen, was vermutlich für ihn eine Verkürzung wäre. Das Gefängnis bietet viele Möglichkeiten der sinnvollen Beschäftigung, eine Buchbinderei, eine Autoschlosserei, eine Küche, zwei landwirtschaftliche Betriebe, eine Schneiderei, insgesamt 17 Eigenbetriebe. Anton Bachl, der Bundesvorsitzende der Vollzugsbeamten, machte vor einigen Tagen den Vorschlag, Uli Hoeneß in der Küche einzusetzen: „Herr Hoeneß ist ja Wurstfabrikant.“

Es gibt nur wenig Kaufbares

Auch an seinen Stundenlohn wird er sich gewöhnen müssen: Er liegt zwischen 1,06 und 1,77 Euro und damit vermutlich weit unter der Wahrnehmungsgrenze des Mannes, der an einem einzigen Tag einmal 18 Millionen Euro bei Spekulationen verzockte und an „Börsensucht“ litt. Aber viel Geld wird er auch nicht brauchen: Außer Schokolade, Deo, Rasierzeug, Seife und ähnlichem Kleinkram gibt es wenig Kaufbares. Ansonsten: Ein Besuch im Monat, keine Essenspakete, Fernsehen ist erlaubt, aber nicht der Fußballbezahlsender Sky und auch kein übergroßer Flachbildschirm. In seiner Freizeit könnte er Schachkurse belegen oder freitags Didgeridoo lernen.

Die Unterbringung, das zeigt der Rundgang, ist tatsächlich sehr spartanisch, die Zellen sind feuchtkühl und winzig, Zelle 29 beispielsweise, der einsitzende Häftling ist gerade bei der Arbeit: keine acht Quadratmeter, Toilette, Pritsche, das vergitterte Fensterchen zu hoch, um in den Hof blicken zu können. Auch dort gibt es nicht viel zu sehen: ein paar Bäume, fünf Tischtennisplatten, Stangen für Klimmzüge. Wie viel Zeit Hoeneß absitzen muss, wird von ihm und seiner Führung abhängen. 21 Monate von dreieinhalb Jahren werden es schon sein, heißt es. Aber nach der „Grundsitzzeit“ warten möglicherweise Erleichterungen: Übernachtungen zu Hause, die Verlegung in ein Münchner Gefängnis, vielleicht ein Job tagsüber beim FC Bayern München. Hängt aber davon ab, wie er sich führt und was der Anstaltspsychologe oder Seelsorger meinen.

Das Landsberger Gefängnis ist ein historischer Ort. 1908 eröffnet, wurde in dem Jugendstilbau nach dem Ersten Weltkrieg eine Abteilung für Festungs- und Schutzhaft eingerichtet, in der zuerst Anton Graf von Arco auf Valley saß, ein Mann, der 1919 den bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner erschossen hatte. Vier Jahre später, nach dem gescheiterten Putsch in München, saß dort für 264 Tage ein gewisser Adolf Hitler und schrieb den ersten Teil seines Buches „Mein Kampf“. Hitlers Zelle wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den US-Amerikanern abgerissen.

Bekannt wurde das Gefängnis vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg als War Criminal Prison No. 1. In Landsberg saßen etliche Kriegsverbrecher; bis 1951 ließen die Amerikaner 259 hängen und 29 erschießen. Unter den Hingerichteten waren SS-Männer, KZ-Ärzte, Einsatzgruppen-Mitglieder, KZ-Aufseher. Es gab auch etliche Haftstrafen: Alfried Krupp von Bohlen und Halbach saß in Landsberg, auch Ernst von Weizsäcker, der Vater des früheren Bundespräsidenten.

Ab 1959 war Landsberg eine Justizvollzugsanstalt des Freistaates Bayern. Die Liste der Gefangenen war auch danach prominent durchsetzt: Dieter Zlof, der Entführer Richard Oetkers, saß in Landsberg ein, Helg Sgarbi, der Erpresser der Milliardärin Susanne Klatten, Michael Graeter, einst Münchner Klatschreporter, und Karl-Heinz Wildmoser junior, bayerischer Bauunternehmer und Präsident des Fußballclubs 1860 München, ein alter Geschäftspartner von Hoeneß.

Das Gefängnis verfügt über einen Fußballplatz, der sicher nicht den Ansprüchen eines ehemaligen Spitzenspielers genügt. Ob der berühmte Gefangene eine Anstaltsmannschaft trainieren könne, fragt jemand. „Sehr unwahrscheinlich“, murmelt ein Justizbeamter. Die Weltmeisterschaft in Brasilien könne er sich aber im Fernsehen in der Zelle anschauen – wenn er einen kauft, mitbringt oder mietet.

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