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Herteis weiß heute: "Viele Menschen kommen bewusst zu mir, weil sie sagen: Ich hätte Ihnen das nicht gebeichtet, wenn Sie mich sehen würden."

Kirche

Vom höheren Sinn der Dunkelheit

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Rainer Herteis ist als junger Mann erblindet ? und wurde Priester, obwohl das katholische Kirchenrecht physische Gesundheit fordert.

Rainer Herteis öffnet seine Wohnungstür und lächelt freundlich. „Grüß Gott“, sagt der Mann mit weißem Kollar um den Hals, der sich vom Dunkelgrau seiner übrigen Berufskleidung abhebt, und streckt seine Hand auf Höhe seiner Taille vorsichtig nach vorne. „Kommen Sie rein, da lang.“ Herteis dreht sich auf dem Absatz um und geht voraus in sein Arbeitszimmer mit Computer auf dem Schreibtisch und Marienstatuen an der Wand.

Rainer Herteis ist katholischer Priester. In seiner vertrauten Umgebung, zu Hause in der Pfarrwohnung in der schwäbischen Kleinstadt Wemding, lässt auf den ersten Blick nichts darauf schließen, was Herteis von den allermeisten anderen Priestern unterscheidet. Der 42-Jährige ist seit seinem 25. Lebensjahr blind. „Da konnte ich dann wirklich nur noch ein wenig Licht sehen“, sagt er. Die Krankheit, mit der er zur Welt gekommen ist, hat ihm das Augenlicht in einem schleichenden Prozess genommen.

Dabei haben die üblichen Routinetests nach seiner Geburt keine Auffälligkeiten gezeigt. Erst im Kindergartenalter kam der Gedanke auf, mit Herteis‘ Sehvermögen könnte etwas nicht in Ordnung sein. „Als ich fünf Jahre alt war, bin ich im Kindergarten immer über herumliegendes Spielzeug gestolpert“, erzählt er. „Da haben die Erzieherinnen zu meinen Eltern gesagt, dass ich doch mal zum Augenarzt gehen sollte.“ Dieser hat auf seinen Pupillen mikroskopisch kleine, schwarze Punkte festgestellt – ein Anzeichen für Retinitis pigmentosa, eine erblich bedingte Netzhauterkrankung.

Anfangs betete er vor allem dafür, wieder sehen zu können

An der unheilbaren Stoffwechselstörung lag es, dass Herteis Jahr für Jahr etwa vier Prozent seines Sehvermögens verlor. Die kleinen Stolpereien im Kindergartenalter wuchsen sich mit der Zeit zu gravierenden Einbußen im Alltag aus. Als Jugendlicher verfügt Herteis nur noch über einen Tunnelblick. „Die ganze Welt, die sich einem im Teenie-Alter öffnet, Disco, ausgehen, war für mich fast gar nicht mehr möglich.“ Normal sehen, so normal sein wie andere Jugendliche – als Teenager wünscht sich Rainer Herteis nichts sehnlicher.

Priester zu sein allerdings passt kaum zu der Sehnsucht nach einem ganz normalen Leben. Zu einem Leben, wie es die Mehrheitsgesellschaft führt. Und doch sitzt der heute vollständig erblindete 42-Jährige über zwanzig Jahre später in Priestermontur an seinem Arbeitsplatz, lässt sich mit einer speziellen Software und einer mechanisch klingenden Computer-Stimme den Gebetstext für den nächsten Sonntagsgottesdienst vorlesen und nimmt als „Pfarrvikar“ die Anrufe seiner Wemdinger Gemeindemitglieder in seelsorglicher Geduld entgegen.

Nichts davon hätte er sich als Teenager ausgemalt – bis zu der einschneidenden Begegnung mit einer Frau, die ihm seiner Krankheit wegen ihr Gebet versprochen hatte. „Ich war etwa 15 Jahre alt, als sie zum ersten Mal für mich betete. Da spürte ich eine ganz starke Wärme und glaubte, das könne nur von Gott kommen.“

Bis dahin hätte Rainer Herteis allenfalls dafür gebetet, wieder sehen zu können. Allmählich trotzte er der Aussicht, bald nicht mehr sehen zu können, aber einen Mehrwert ab, die einem Wirken in der Kirche quasi zupasskommt. Frei nach dem „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Für potenzielle Priester, als solcher sich Herteis am Ende seines Abiturs nun sieht, gilt dagegen, was das katholische Kirchenrecht vorschreibt. In Canon 241 heißt es: „In das Priesterseminar dürfen nur solche zugelassen werden, die aufgrund ihrer menschlichen, sittlichen, geistlichen und intellektuellen Anlagen, ihrer physischen und psychischen Gesundheit und auch ihrer rechten Absicht fähig erscheinen, sich dauernd geistlichen Ämtern zu widmen.“

Mit der Aussicht auf vollständige Erblindung hat man da schlechte Karten – vor Herteis gab es in Deutschland erst einen Blinden, der ins Priesterseminar aufgenommen und tatsächlich auch zum Priester geweiht wurde. Die Klausel mit der körperlichen Gesundheit war es entsprechend auch, die Herteis‘ Pläne beim ersten Anlauf, just nach bestandenem Abitur 1996, vereitelte: Der damalige Leiter des Eichstätter Priesterseminars empfahl ihm, er solle mit seiner bevorstehenden Erblindung doch besser in ein Kloster gehen. Denn dort gäbe es, so der Regens, permanent die gleiche Umgebung und helfende Mitbrüder. Außerdem würden die Menschen ihn als Klosterbruder aufsuchen, er müsste nicht umgekehrt zu Hausbesuchen gehen, wie das für Priester eines Bistums gängige Praxis ist. Damit machte ihm der Regens deutlich: Ein Blinder sei nicht geeignet, in einer Pfarrei zu arbeiten.


Herteis gab sich verständnisvoll, schlug den Vorschlag des Seminarleiters aber entschieden aus: „Ich habe gesagt: Ja, ich akzeptiere das so. Aber in meinem Innersten nicht, denn ich wollte nicht in ein Kloster gehen, sondern mein Herz schlug dafür, mit einer Gemeinde zusammen an einem Ort zu leben.“ Also ging Rainer Herteis nach dem Abitur weder ins Priesterseminar noch in ein Kloster, sondern ließ sich zum Musiklehrer ausbilden. „Aber ich wollte weiterhin Priester werden, genau genommen war der Wunsch nach der Ausbildung drei Jahre später sogar noch stärker.“

Was also tun? Canon 241 war und ist nach wie vor Gesetz und einschlägig für jeden, der Priester werden will. Herteis versucht es bei seinem zweiten Anlauf eine Etage höher, beim Bischof höchst persönlich. 1997 klopft er an die Tür von Walter Mixa, damals Bischof des Eichstätter Bistums. „Er meinte: Gegen die Tücken und Behinderungen der Blindheit wird es wohl Hilfsmittel geben. Versuchen Sie es doch einfach, Sie werden erst in sechs Jahren geweiht – und bis dahin werden wir sehen, was mit Ihnen möglich ist.“

Also konnte Herteis doch noch ins Priesterseminar einziehen, was gleichzeitig bedeutete, dass er nun auch Theologie studieren musste – inzwischen fast vollständig erblindet: „Wenn ich eine ganz helle Lampe hatte und ganz nah an die Textvorlage ging, dann konnte ich damals noch ein bisschen sehen.“ Seine vollständige Erblindung trat allerdings während des Studiums ein. Nur durch die Unterstützung seiner Kommilitonen und den Einsatz technischer Hilfsmittel konnte er das Studium überhaupt bewältigen, sagt er. Das Studieren sei als Blinder sehr viel schwieriger, als der Alltag eines Priesters.

Die technischen Hilfsmittel, die er während seines Studiums verwendet hat, liegen zwölf Jahre nach seiner Weihe aber nicht im Schrank, sondern griffbereit auf dem Schreibtisch. Sein Hauptjob, die Vorbereitung und das Feiern der Gottesdienste, läuft nämlich vollständig technisiert ab. Während seine Kollegen in Büchern die Gebetstexte nachschlagen, sucht Herteis in der digitalen Version der Gebetsbücher auf seinem Rechner nach dem richtigen Text, lässt ihn sich vorlesen, spricht ihn selbst auf einen Rekorder ein. Im Gottesdienst trägt er dann einen Empfänger im Ohr, über den er seine Aufnahme hören kann. „Ich bin bei jedem Gottesdienst quasi mein eigener Synchronsprecher“, erklärt er.

Er sagt, die Menschen vertrauten sich einem Blinden leichter an

Die meisten Gottesdienstbesucher bemerkten das in der Regel gar nicht. Dass ihr Priester blind ist, wird ihnen nur dann bewusst, wenn Herteis Arm in Arm mit einer Begleitperson von A nach B läuft. Heute ist es Christine Hasmüller, die den blinden Seelsorger in seiner Pfarrwohnung abholt. Helferinnen wie sie seien schon deshalb nötig, weil es das Kopfsteinpflaster in Wemding quasi unmöglich macht, mit dem Blindenstock allein zurecht zu kommen. „Rainer braucht aber auch vor Ort ab und zu Hilfe“, sagt Hasmüller. „Sonst kann es unfreiwillig komisch werden. Und das passt ja auch nicht immer.“ Zum Beispiel bei Beerdigungen, wo es ohne Begleitung schon mal vorkam, dass Herteis die Erde nicht ins Grab schüttete. „Aber auch da sind die Leute dann in der Regel nachsichtig.“

Die Wemdinger wollen ihren blinden Priester nämlich nicht mehr missen, suchen ihn dagegen sogar vorzugsweise auf, etwa wenn sie ihr Gewissen erleichtern wollen. Denn seiner Blindheit wegen ist Herteis ein viel gefragter Beichtvater, dem sich die Wemdinger Katholiken hemmungsloser anvertrauen. „Viele Menschen kommen bewusst zu mir zum Beichten, weil sie sagen: Ich hätte Ihnen das nicht gebeichtet, wenn Sie mich sehen würden – das wäre mir zu peinlich.“ So kann Herteis in seiner Blindheit sogar einen höheren Sinn erkennen.

Sinnvoll, in Zeiten von akutem Priestermangel aber keinesfalls selbstverständlich ist Herteis‘ Pfarrstelle auch, obwohl es in der Wemdinger Gemeinde mit ihm sogar zwei Seelsorger gibt. Als „Pfarrvikar“, so Herteis‘ kirchenamtlicher Titel, ist er zwar ordentlicher Priester und umfassend einsetzbar. Er ist dem anderen katholischen Pfarrer von Wemding aber nur beigeordnet, um ihn zu unterstützen, nicht aber, um letztendlich Verantwortung für die gesamte Gemeinde zu übernehmen. Ob ihn das stört? „Nein“, sagt Herteis ohne lange überlegen zu müssen. „Denn so gehen die Verwaltungsfragen an mir vorbei und ich kann mich ganz auf die Menschen konzentrieren.“

Und das ist schließlich das, wofür sein Herz immer stärker schlug, je schwächer seine Sehkraft wurde.

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