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Hochwasser: Nigeria in Not

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Von: Johannes Dieterich

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Hochwasser gibt es häufig, aber nicht in diesem Ausmaß.
Hochwasser gibt es häufig, aber nicht in diesem Ausmaß. © dpa

Mehr als 500 Menschen sterben bei Hochwasser in Nigeria. Die Lebensmittelversorgung ist gefährdet.

Die Zahl afrikanischer Opfer der Klimaerwärmung weitet sich aus. Aus Nigeria, dem mit mehr als 220 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Staat des Kontinents, sollen in den vergangenen Wochen mehr als 500 Menschen den Überflutungen zum Opfer gefallen sein, die zu den schlimmsten seit Menschengedenken zählen. Das Hochwasser des Niger-Flusses hat laut der nigerianischen Regierung inzwischen einen Stand von 13,20 Meter erreicht. Bei den bisher verhängnisvollsten Überschwemmungen vor zehn Jahren waren es 12,84 Meter. Damals kamen 363 Menschen ums Leben, der angerichtete Schaden wurde auf fast 17 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Das Hochwasser ist ungewöhnlich starken Niederschlägen zuzuschreiben, die derzeit über Westafrika niedergehen. Sie sollen auch in den kommenden Tagen anhalten, sagen Wetterexperten. Die Fluten zogen 34 der 36 nigerianischen Bundesstaaten in Mitleidenschaft. Vor allem jene, durch die die beiden größten Flüsse Niger und Benue fließen. Mehr als 45 000 Häuser sollen laut der Regierung in Abuja zerstört und 70 000 Hektar Ackerland überflutet worden sein. Im Bundesstaat Niger sei ein Friedhof von den Wassermassen aufgewühlt und 1500 Leichen weggespült worden, teilte der Gouverneur der Region, Abubakar Sani Bello, mit.

Überschwemmungen kommen in Nigeria immer wieder vor, jedoch nicht in diesem Ausmaß. „Was wir derzeit erleben, ist der worst case“, sagt David Ibidapo, Direktor des Marktforschungsinstituts AFEX: „Er wird auch verheerende Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung haben.“ Infolge der Pandemie und des Ukraine-Kriegs ist die Lage auf dem Kontinent derzeit ohnehin stark angespannt. Die Engpässe haben die Preise für Nahrungsmittel schon in den vergangenen Monaten stark in die Höhe getrieben. Die Zahl der mangelernährten Afrikanerinnen und Afrikaner wird nach Auffassung von Fachleuten künftig rapide steigen.

Regierung mitverantwortlich

Ganz kann sich die nigerianische Regierung von der Verantwortung für die Folgen der ungewöhnlich starken Niederschläge allerdings nicht entbinden. Die Auswirkungen hätten durch eine Vielzahl an vorbeugenden Maßnahmen vermindert werden können, sagen Fachleute – etwa mit dem Bau von Entwässerungssystemen, besserer Flurplanung in ländlichen Gebieten und besserer Stadtplanung. So habe Nigerias Regierung keine der 2015 von den Vereinten Nationen beschlossenen Maßnahmen zur Eindämmung von Desaster-Risiken umgesetzt, klagt der nigerianische Katastrophenforscher Olasunkanmi Habeeb Okunola. Dazu zählen unter anderem der Bau von Drainage-Einrichtungen, deren regelmäßige Säuberung und Vorschriften für die Planung neuer Stadtteile.

Institutionen, die solche Bestimmungen erlassen und überwachen könnten, sind in afrikanischen Ländern – auch dem verhältnismäßig wohlhabenden Erdöl-Staat Nigeria – noch immer selten und im besten Fall schlecht ausgestattet. Ein Umstand, der Fachleute angesichts der vom Klimawandel besonders stark betroffenen Staaten des Kontinents alarmiert. So verfügt Nigeria über nur 87 staatliche Stationen zur Messung von Niederschlägen, obwohl mehr als 1000 nötig seien, heißt es in einer Studie des nigerianischen Wasserwissenschaftlers Nelson Odume. Neben fehlenden Einrichtungen und mangelnder Raumplanung wird auch Korruption für die Missstände verantwortlich gemacht. Selbst in Städten oder Gebieten, in denen es Vorschriften gebe, werde gegen diese oft straflos verstoßen, indem kleine Summen an Bestechungsgeld bezahlt werden, klagt Adaku Jane Echendu, Dozentin an der kanadischen Queens-Universität. Nigerias Überflutungen seien „größtenteils von Menschen verursacht“.

Selbst auf höchster Ebene, der Verständigung zwischen Staaten, hapert es nach Auffassung des Wasserforschers Odume. Mit der „Niger Base Authority“ gebe es zwar einen Zusammenschluss der Anrainerstaaten des drittlängsten Flusses Afrikas. Doch bei der Abstimmung der Öffnung von Staudämmen käme es regelmäßig zu Pannen. Nigerias Regierung machte für die Folgen der Überflutung nun auch die Regierung Kameruns verantwortlich: Sie hatte die Schleusen des den Benue-Fluss aufstauenden Lagdo-Damms geöffnet, um dessen Staumauer vor dem Bersten zu schützen.

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