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Ahrtal-Flut jährt sich zum ersten Mal: „Wäre ich doch nur mit ertrunken“

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Von: Jan Christian Müller

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Ein Blick zurück auf die schwersten Stunden im Juli 2021: Eva Perscheid. jcm
Ein Blick zurück auf die schwersten Stunden im Juli 2021: Eva Perscheid. © Jan-Christian Müller

Die 80-jährige Eva Perscheid hat in der Ahr-Flut ihre Tochter und ihren Mann verloren. Ein Jahr danach möchte sie zurück in das Haus ziehen, in dem sie die Tragödie erlebte.

In der Nacht, nachdem ihre Tochter Antje und ihr Mann Georg unten im Keller gestorben sind, liegt Eva Perscheid oben im ersten Stock in ihrem Bett und kann nicht einschlafen. Es ist der Abend des 15. Juli 2021. Später im Sommer hatten sie Goldene Hochzeit feiern wollen. Und im Herbst ihren 80. Geburtstag. Mit Antje und Georg in Mexiko. Zum 80. ihres Mannes waren die drei in New York gewesen. Sie sind gern gemeinsam auf Reisen gegangen. Mutter, Vater, Tochter.

Antje, 44, wohnte noch zu Hause. „Mädchen, willste nicht woanders hin?“, hatten die Eltern sie manchmal gefragt. Und Antje hatte stets geantwortet: „Wieso? Mir gefällt es hier bei euch.“ Da hatten Mutter und Vater sich jedes Mal gefreut. Aber bald wollte Antje dann doch Oliver, ihren langjährigen Freund, endlich heiraten. Und dann wollten die beiden sich ein Haus kaufen. „Die passten so gut zusammen“, sagt Eva Perscheid.

Fast ein Jahr nach der Tragödie an der Ahr sitzt sie in einem Gartenstuhl hinter dem Haus und blinzelt in die Sonne. Sie bittet darum, dass ihr wahrer Name und die Namen ihrer Angehörigen nicht genannt werden. Sie will nicht noch mehr Unruhe. Anfang Juli wollte sie eigentlich wieder daheim einziehen. Nach fast einem Jahr der Sanierung. Aber das hat sie bisher noch nicht geschafft. „Wofür sitze ich hier. Wofür haben wir das alles aufgebaut?“ Sie zeigt auf ihren Garten, sattes Grün, aber manche Beete sind nur Erde: „Hier hat alles geblüht. Ich zupfe hier jeden Tag rum, um mich zu beschäftigen.“

Auf dem Tisch vor ihr liegt eine Schachtel Zigaretten. R1, eine leichte Sorte. „Ich habe nie geraucht. Ich muss mir das auch wieder abgewöhnen. Aber die Arbeiter sind immer mit Zigaretten gekommen. Irgendwann habe ich auch eine genommen. Wenn mein Mann und meine Tochter das sehen würden: Die würden mit mir schimpfen.“

Am 15. Juli 2022 will sie mit dem Rauchen wieder aufhören. Das hat sie sich fest vorgenommen. Am Todestag. Genau ein Jahr, nachdem Antje und Georg Perscheid in den Fluten der Ahr ertranken. Die Stimme bricht ihr: „Ich höre jetzt noch, wie sie an die Tür klopfen.“

Zurück an den Ort der Katastrophe: Die Narben der Ahrtal-Flut gehen tief

Am Abend des 14. Juli 2021, einem Mittwoch, sitzt Eva Perscheid vorm Fernseher und guckt „Aktenzeichen XY“. Der Regen in Heimersheim hat am frühen Abend aufgehört. Endlich. Kein Grund zur Sorge mehr.

Die Leute kennen sich in dem kleinen Ort, knapp 3000 Menschen, nur ein paar Kilometer die Ahr hinab von Bad Neuenahr gelegen, dort, wo das oben enge Tal schon mehrere hundert Meter breit ist. Die Perscheids wohnen in einer kleinen Straße, sie waren mit die Ersten, die dort vor einem halben Jahrhundert ein Grundstück gekauft haben. Die schmale Straße führt parallel zur eigentlich betulich Richtung des nahen Rhein fließenden Ahr, kaum mehr als 200 Meter vom Flüsschen entfernt, mit Blick auf den Hausweinberg Landskrone. In Heimersheim sind sie stolz auf ihren Rotwein. Der Spätburgunder gehört zum Besten im ganzen Land.

Als sie sich ins Bett begibt, hört die Mutter ihre Tochter noch telefonieren. Dann schläft sie bald ein. Um kurz nach zwei in der Nacht schreckt Eva Perscheid hoch. Sie vernimmt ein Rauschen und Rumoren, sie schaut aus dem Fenster in den Garten: „Der war ein See.“ Der Mann und die Tochter sind schon auf dem Weg hinunter in den Keller, dorthin, wo Georg Perscheid in langen Regalen seine Briefmarkensammlung sorgsam in Alben einsortiert hat. „Die war sein Ein und Alles.“ Dorthin, wo Tochter Antje Bilder und Skulpturen stehen hat. Sie liebte Kunst, besonders das Aktionskünstlerkollektiv Peng! „Sie ging gerne auf Ausstellungen und in Galerien.“

Eva Perscheid folgt den beiden sofort Richtung Keller. Es sind nur Sekunden. Das Rumoren in der Ferne: Die Fußgängerbrücke zum Bahnhof bricht ein. Das Rauschen der Flutwelle vor der Tür. Als sie die Marmortreppe in den Keller erreicht, fällt die Metalltür zum größten Raum, in dem Mann und Tochter gerade verschwunden sind, schon zu. Sie wird beide nie mehr wiedersehen.

Die Mutter drückt gegen die Tür, vergeblich. Drinnen ziehen, schreien und klopfen Mann und Tochter. Die Fenster zum Hof? Mit Gittern geschützt. „Die waren dort gefangen wie in einem Käfig.“ Eva Perscheid zieht sich an den Sprossen der Kellertreppe nach oben, rutscht noch einmal ab, zieht sich wieder hoch. „Das Wasser ging ja hoch. Ich habe geschrien. Zieht, zieht. Ich habe die Tür nicht mehr aufgekriegt. Ich war bis hierhin im Wasser.“ Sie deutet auf Brusthöhe. „Dann bin ich raus auf die Straße, ich habe so geschrien, dass mir einer hilft. Es kam niemand oben ans Fenster und hat geguckt. Warum hat denn niemand wenigstens geguckt? Es hat niemand geholfen.“

Weil niemand mehr helfen kann. Die Straße ist da schon ein reißender Fluss, in dem die Autos fortgespült werden. Eva Perscheid steht mit den Füßen im Wasser. Das Erdgeschoss des Hauses ist überspült, als das Wasser aufhört zu steigen. Sie weiß nicht mehr genau, wie lange sie dort steht und ruft, ehe ein Schlauchboot mit Feuerwehrleuten auftaucht. „Die haben mich über die raue Mauer gezogen. Wenn ich ein junges Mädchen gewesen wäre, hätten sie mich gehoben.“ Sie trägt ihr Nachthemd. „Ich habe gerufen, da sind doch noch Zwei unten drin. Da haben sie gesagt, sie hätten keine Ausrüstung dazu. Wir können da nichts tun.“

Ahrtal: Eva Perscheid weiß, dass Wut nicht dabei hilft, um den Tod zu erklären

Eva Perscheid wird zur Grundschule gebracht, die höher im Ort liegt. „Dort haben sie mir Kleider gegeben und wollten mich ins Krankenhaus bringen. Ich habe denen gesagt: ,Mach ich nicht, ich lass mich doch nicht mit Medikamenten vollpumpen. Ich bin doch im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte.’“ Sie ist eine resolute Frau. Sie sagt: „Konnte der Landrat uns nicht warnen?“ Aber sie klingt nicht wütend, wenn sie sich das fragt, immer und immer wieder. Sie weiß, dass ihre Wut nicht hilft, um den Tod zu erklären und das Leben weiter ertragen zu können.

In der Notunterkunft bleibt sie nicht lange. Sie hat darauf gedrängt, zurück ins Haus zu dürfen. Sie glaubte, Tochter und Mann seien schon geborgen. „Ich habe zwei Nächte oben geschlafen, da waren die noch unten im Schlamm drin. Das haben die mir nicht gesagt.“ Da bricht ihr vor Schmerz die Stimme.

Sie ist tagelang in Gummistiefeln herumgelaufen. „Die hat mir irgendjemand geschenkt, ich hatte ja keine Schuhe an.“ An der Seite des Freundes ihrer verstorbenen Tochter geht sie tagelang wie paralysiert die Straße auf und ab. Zwischen den Trümmern, die die Nachbarn herausschleppen. „Ich habe die ersten Tage immer die Straße gekehrt. Das Wasser musste weg. Das Wasser. Ich habe die ganze Zeit Wasser gekehrt. Ich musste was tun.“

Zwei Tage nach der Flut liegt schon ein Schreiben im Briefkasten. „Jemand aus dem Dorf wollte das Haus kaufen. Ich fand das so unmöglich.“ Sie hat gar nicht geantwortet. Für Eva Perscheid steht schnell fest: „Das ist mein Zuhause, ich bleibe hier. Das Haus ist ja massiv gebaut.“

Die Frankenstraße am Tag nach der Flut. Hinten rechts vom Feuerwehrwagen das Haus der Familie Perscheid. Lanzerath
Die Straße am Tag nach der Flut. Hinten rechts vom Feuerwehrwagen das Haus der Familie Perscheid. Lanzerath © Lanzerath

Sie flüchtet vor der Trauer und dem Schock in Pragmatismus, nimmt Kontakt mit der Versicherung auf, das Haus ist elementarversichert, die Kosten gehen in die Hunderttausende. „Ich habe dann direkt meine alten Handwerker angerufen. Ich wusste ja, dass die viel zu tun haben würden.“ Und sie läuft in ihren Gummistiefeln zur Bank. Geld abheben. „Ich habe mich erst ein bisschen geschämt.“ Aber es gibt kaum jemanden, der nicht wie sie schlammverschmiert ist und Gummistiefel trägt. Sie muss sich also nicht schämen. „Ich merkte auf einmal, dass ich keine Verwandten mehr habe. Ich habe Freunde gefragt, ob ich mich bei ihnen waschen kann.“ Daheim gibt es erst kein frisches Leitungswasser. Zwei Lehrer helfen, den Unrat hinauszuschaffen. Hunderte Eimer voll mit Schlamm und Schutt. Eine Schülerin ihrer Tochter kommt regelmäßig zum Putzen. Dafür ist sie dankbar.

„Ich habe mir als erstes eine Waschmaschine besorgt. Die haben wir da unten in den Müll gestellt. Ich brauchte ja frische Wäsche.“ Dann kümmert sie sich um ein Auto. Die beiden Wagen vor der Tür sind fortgespült worden. „Ich habe mir einen Jahreswagen gekauft in Remagen. Einen Golf Plus. Ich mag die Farbe nicht. Der ist mir zu dunkel. Ich hatte immer silberne Autos.“

Sie fragt den Bestatter, ob sie den Mann und die Tochter noch einmal sehen darf. „Der Herr vom Beerdigungsinstitut hat gesagt: ,Tun Sie sich das nicht an. Bleiben Sie weg.‘ Mein Mann war unkenntlich. Ich nehme an, die Schränke sind auf ihn gefallen. Heute bereue ich, dass ich sie nicht mehr gesehen habe. Aber ich war ja wie von Sinnen. Ich hatte auch keine Kraft mehr. Man lässt es über sich ergehen.“

„Der Glaube hat mir nicht geholfen“: Trauer im Ahrtal - ein Jahr nach der Flut

Sie muss nach zwei Wochen ins Aparthotel ziehen, Zimmer ohne Balkon. Zu Hause wohnen geht nicht mehr. Zu Hause ist zu viel zerstört. Das Hotel ist voll. Alles Leute, die kein Heim mehr haben. Gebrochene Menschen. „Eine Frau hat mich freudig begrüßt. Ich habe sie erst nicht mehr erkannt. Die hatte ihr Gebiss in der Flut verloren.“

Das Hotel ist in Bad Neuenahr, in der unten am Fluss fast vollkommen zerstörten Stadt. Dort, wo sie vor mehr als einem halben Jahrhundert ihren Mann kennengelernt hatte. „Er war hier bei der Bundeswehr stationiert.“ Jetzt liegt Georg Perscheid gemeinsam mit Antje in einem Urnengrab, kaum 200 Meter entfernt vom Haus. „Ich bin jeden Tag auf dem Friedhof. Dort spreche mit ihnen.“ Aber die Kirche hat ihr keinen Trost gespendet: „Hören Sie mir auf“, sagte sie. Sie ist Katholikin. „Der Oliver will mir immer einreden, dass wir sie wiedersehen und dass sie uns sehen.“ Sie wirkt skeptisch. „Der Glaube hat mir nicht geholfen.“ Ihr Mann war evangelisch. „Der evangelische Pastor“, erzählt sie, „wollte uns zur Goldenen Hochzeit schon 2020 gratulieren. Der ist ein Jahr zu früh gekommen. Dem habe ich gesagt: ,Kommen Sie nächstes Jahr wieder.’“ Aber es hat dann kein nächstes Jahr mehr gegeben.

Die Beerdigung kann erst zwei Monate später im September stattfinden. Der Friedhof muss zuvor wieder hergerichtet werden. Es sind viele Menschen da und trauern. Eva Perscheid hat das kaum wahrgenommen. „Ich war wie versteinert. Ich wollte nicht, dass mir alle die Hand geben. Ich habe da gestanden wie eine Mumie. Ich war noch nicht mal in der Lage, eine Träne zu weinen.“

Wenn die Mutter über ihre Tochter spricht, werden ihre Züge weicher. „Sie war immer eine super Schülerin. Sie hat schon als Kind so viel gelernt. Sie hat ihre Puppen hingesetzt und mit denen Diktate geschrieben. Fehler eingebaut. Berichtigungen gemacht. An die Eltern der Puppen geschrieben. Sie hat immer Schule gespielt.“ Nach dem Abitur hat Antje erst Jura studiert und dann noch Lehramt. „Antje war Volljuristin und Oberstudienrätin.“ Lehrerin an der Berufsbildenden Schule in Bad Neuenahr. „Sie wollte ihre Doktorarbeit schreiben. Sie hatte immer Pläne.“

Die Sonne steht jetzt hoch am Himmel. Kaum noch Schatten im Garten. Eva Perscheid, Jeans, rosa T-Shirt, steht auf. Sie wirkt nicht wie eine gebrochene Frau und auch nicht wie eine 80-Jährige. Sie sieht jünger aus und erstaunlich stark. „Ich zeige Ihnen jetzt den Keller. Den wollen Sie doch bestimmt sehen. Ich kann da nur gemeinsam mit Ihnen rein. Sonst schaff ich das nicht.“

Im Erdgeschoss ist das Parkett längst gelegt, Boden und Wände sind saniert, die Küche ist gerade eingebaut worden. Alles riecht neu. Die meisten Nachbarn sind noch längst nicht so weit wie hier. Eva Perscheid steigt die Kellertreppe hinab, unten rechts geht es in den Raum, in dem Mann und Tochter dem Tod nicht mehr entrinnen konnten. Die Wände sind getrocknet und geweißt. In der Mitte stehen Dutzende Kisten mit den im Schlamm verklebten Briefmarkensammlungen, die übriggeblieben sind. „Er hat von Kind auf Briefmarken gesammelt. Er hatte so viele Raritäten und Ersttagsbriefe.“

Im Schlamm getrocknete Erinnerungen: Briefmarkenalbum im Kellerraum. jcm
Im Schlamm getrocknete Erinnerungen: Briefmarkenalbum im Kellerraum. jcm © Jan-Christian Müller

Sie wühlt in den Kisten, findet zwischen den Briefmarkenalben die Baugenehmigung mit dem Grundriss fürs Haus. „Fast alle Akten sind weggeschwommen. Ich musste alles neu beantragen. Amtsgericht, Grundbuchamt, Stadtverwaltung. Kreisverwaltung. Dort wollten sie 40 Euro für den Papierkram. Ich habe gesagt: ,Das Geld holen Sie sich doch bitte beim Landrat.‘“ Dann hat sie sich umgedreht und ist gegangen.

So energisch hat sie es nicht immer geschafft bei ihrem Gang durch die Ämter. Beim Amtsgericht fragte man sie: „Hören Sie mal, Frau Perscheid, wer ist denn zuerst verstorben?“ Sie hat das erst einmal im Kopf verarbeiten müssen: „Da sagte ich: ,Gute Frau: Ich war doch nicht dabei. Ich stand doch hinter der Tür.‘“

Doch es gibt auch fröhliche Momente. Immer dann, wenn sie ihre alten Freundinnen und Kameraden aus der Klasse wiedertrifft. „Wir helfen uns gegenseitig. Es sind ja viele abgesoffen. Ich habe jetzt 14 Tage gespült. Dem Werner in Neuenahr haben sie alles in Säcke gepackt, mit dem ganzen Schlamm dran. Die haben wir jetzt ausgepackt und alles abgewaschen.“ Da huscht sogar mal ein Lächeln über ihr Gesicht. Aber nur ganz kurz.

Am Ende, nach mehr als zwei Stunden, kommt der tiefe Schmerz noch einmal aus ihr heraus: „Das Schreien und Klopfen kriege ich nicht aus dem Kopf. Wäre ich doch nur mit ertrunken. Das wäre mir am liebsten gewesen.“ Sie schaut aufs Haus, das jetzt wieder da steht, als sei nichts gewesen. „Was soll denn noch kommen? Ich bin froh, dass ich so alt bin.“ (Jan-Christian Müller)

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