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„HIV ist wie ein Stempel“

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Nadja Benaissa
Nadja Benaissa © dpa

Nadja Benaissa wurde dazu verurteilt, Aidskranke zu pflegen – aber man lässt sie nicht. Im FR-Interview erzählt die Ex-No Angels-Sängerin über die schwierige Wohnungssuche in Berlin, die Erwartungshaltung der AIDS-Aktivisten und ihre Zukunftspläne.

Nadja Benaissa wurde dazu verurteilt, Aidskranke zu pflegen – aber man lässt sie nicht. Im FR-Interview erzählt die Ex-No Angels-Sängerin über die schwierige Wohnungssuche in Berlin, die Erwartungshaltung der AIDS-Aktivisten und ihre Zukunftspläne.

Frau Benaissa, nach Ihrem Aids-Prozess sind Sie aus der hessischen Provinz nach Berlin gezogen. Eine Flucht?

Nein, ein Neuanfang. In Dreieich bin ich an jeder Ecke mit Erinnerungen konfrontiert, in Berlin bewege ich mich frei davon. Ich habe mir gesagt: Nicht nur davon träumen, sondern machen, es einfach wagen.

In Berlin erkennt Sie niemand?

Ich wohne draußen im Südwesten der Stadt, niemanden interessiert hier, wer ich bin und was ich tue. Ich werde nur ganz selten angequatscht. Die Leute lassen mich in Frieden. Es tut so gut, sich nicht immer wie eine Außerirdische zu fühlen.

Wie eine Außerirdische – wie meinen Sie das?

Es gab eine Zeit während des Prozesses, wo das alles so extrem war, da hab ich mich gar nicht mehr wie ein Mensch gefühlt. Wenn jeder alles über dich weiß, mit dem Finger auf dich zeigt, über dich quatscht – das war ganz unreal. Normalerweise hat man einen gewissen Sicherheitsabstand, lässt dem anderen seinen Raum und seine Würde. Und das wurde mir kaum noch gelassen. Das beruhigt sich jetzt. Die meisten Menschen gehen wieder anders mit mir um.

Bei der Wohnungssuche hatten einige Vermieter schon Vorbehalte, las man.

Ich habe monatelang gesucht, teilweise sechs, sieben Besichtigungen am Tag gehabt. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass diese Leute um meine HIV-Infektion wussten. Da kommen viele Faktoren zusammen. Ich bin Künstlerin, habe kein geregeltes Einkommen. Dann bin ich alleinerziehend, habe einen Migrationshintergrund. Und natürlich, was alles in der Presse stand. Das kann dazu führen, dass mancher sagt: Nö, die nicht. Die Sache mit der Infektion kommt mir in vielen Momenten in die Quere. Es ist wie ein Stempel: HIV. Dann kommen Kommentare wie: Wie geht es dir denn jetzt, du siehst gar nicht krank aus?

Erklären Sie den Leute dann, dass Sie gar nicht krank sind?

Nein, am Anfang habe ich das noch gemacht, aber es ist doch nicht meine Aufgabe, halb Deutschland über HIV und Aids aufzuklären.

Genau das wird doch von Ihnen erwartet als einzige Prominente, deren Infektion bekannt ist.

Aber die vergessen, dass ich ja auch nur ein Mensch bin und wie mich das psychisch belastet hat. Nach dem Prozess habe ich diese Erwartungshaltung ganz stark gespürt, dass ich aufstehen und zu allen Charity-Veranstaltungen gehen soll – und das möchte ich ja auch. Aber nicht dauernd. Ich habe drei Wochen lang gar nichts gemacht, wollte zur Ruhe kommen – da kamen schon wieder Gerüchte auf: Sie lässt sich hängen, sie fällt in ein schwarzes Loch ... ja, Leute! Ich will nicht wissen, wie andere Menschen mit einer solchen Belastung umgehen würden. Es war ein riesiger Kraftakt der mir noch immer in den Knochen steckt.

Sie wollen sich nicht für alle Zeiten als Aids-Botschafterin vereinnahmen lassen.

Ich möchte mich engagieren, finde es aber schwierig, wenn alle das von mir erwarten. Es kamen viele Vereine aus dieser Szene, die etwas von mir wollten. Aber gerade die müssten wissen, dass ich jetzt Ruhe brauche. Und es gab ja auch die Zeit direkt nach der Verhaftung, wo ich mich gefragt habe: Wo sind die denn alle? Warum ist niemand von denen für mich da, will mir denn niemand helfen? Ich habe keine rechtliche Beratung, keine Form von Unterstützung bekommen, die Nicht-Prominente in einer solchen Situation durchaus bekommen. Die Deutsche Aids-Hilfe ist etwas anderes. Die ist mir immer noch am sympathischsten.

Die Aids-Hilfe fand die Strafe unzumutbar. Besonders die 300 Arbeitsstunden im Hospiz, wo Sie Aidskranke pflegen sollen.

Darüber haben sich viele aufgeregt, auch meine Ärztin und meine Eltern – ich nicht. Ich mach das, und wenn es 1000 Stunden sind. Aber selbst meine Bewährungshelferin sagt jetzt: Das geht gar nicht. Dafür werden Menschen besonders ausgebildet, auch um den Job psychisch zu verkraften. Wenn man selbst betroffen ist, wirkt das natürlich hundert Mal stärker. Und: Ich glaube, ich kann da niemandem wirklich helfen. Überall, wo wir angerufen haben, war kein Platz frei. Die suchen niemanden, der Sozialstunden abbüßen muss. Da stehe ich nur im Weg rum.

Das Gerichtsurteil geht an der Realität vorbei?

Wir versuchen es jetzt noch mal. Aber meine Bewährungshelferin wird sicher auch in anderen Einrichtungen suchen, wo es eher möglich ist. Ich will diese Strafe jetzt ja auch abarbeiten.

Wie arrangieren Sie die Arbeitsstunden mit dem Versuch, eine neue Solo-Karriere aufzubauen?

Das kriege ich hin. Halbtags arbeiten, wo auch immer. Dann kümmere ich mich um meine Tochter. Abends drei Stunden Klavierspielen üben. Ab und zu ein paar Studiotermine; ab Ende November, Anfang Dezember dann die Aufnahmen für ein Album mit Rio-Reiser-Songs. Das ist im Vergleich zu vorher schon ruhig und beschaulich.

Interview: Thomas Wolff

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