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Hitze überall in Deutschland.

Hitzewelle

Über 40 Grad in Deutschland: „Hitzetage nehmen massiv zu“

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Klimaforscher Mojib Latif über den neuen Temperaturrekord und Forderungen an die Politik.

Herr Professor Latif, in Deutschland ist mit 42,6 Grad in Lingen im Emsland ein neuer Temperaturrekord gemessen worden. Nicht überraschend für Sie, oder?
Nein, ganz und gar nicht. Die Temperaturen steigen seit Jahrzehnten weltweit. Auch in Deutschland zeigt der Trend klar nach oben. Insbesondere nehmen die Hitzetage mit Temperaturen von 30 Grad und darüber massiv zu.

Aber dass nun schon der zweite Sommer in Folge so heiß und trocken ist und man sich ans Mittelmeer versetzt fühlt, empfindet man schon als ungewöhnlich.
Auch dies passt genau ins Bild der globalen Erwärmung. Die Wahrscheinlichkeit für Wetterextreme nimmt zu. Das System bleibt aber chaotisch. Wann die Extreme eintreten, kann man nicht vorhersehen.

Was ist die meteorologische Erklärung für die Serie von inzwischen vier Hitzewellen, die wir dieses Jahr in einigen Regionen Deutschlands hatten?
Man braucht einerseits ein stabiles Hoch mit viel Sonnenschein und andererseits südliche Winde, die warme Luft nach Norden bringen. Eigentlich sind Hitzewellen nicht außergewöhnlich, heute fallen sie nur wegen der Erderwärmung sehr viel stärker aus.

Der nächste Sommer kann aber wieder ein klassischer deutscher Sommer werden – kühl und feucht, mit Aufheiterungen?
Ja! Aber der nächste Temperaturrekord wird kommen. Wann, das weiß ich nicht. Ich fürchte, dass dies in den kommenden zehn Jahren der Fall sein wird.

Wie häufig werden „Jahrhundertsommer“ wie die von 2003, 2018 und eventuell 2019 künftig sein?
Im Moment sind sie schon zwei- bis dreimal häufiger als noch vor einigen Jahrzehnten. Ohne einen ambitionierten Klimaschutz werden Hitzesommer gegen Ende des Jahrhunderts zur Normalität.

Lesen Sie auch: Die Hitzewelle - werden über 40 Grad bald normal?

Eigentlich könnten sich die Urlauber ihre Flüge nach Mallorca doch sparen, wenn es hier genauso heiß ist. Tun sie aber nicht. Die Flughäfen haben gerade neue Passagierrekorde gemeldet...

Um dramatische Klimaänderungen noch zu vermeiden, muss die Politik schnell handeln, aber die Menschen müssen auch ihr Verhalten ändern. Wir sind gegenüber anderen Ländern nicht glaubwürdig. Unser CO2-Abdruck zum Beispiel ist ungefähr fünfmal höher als der der Inder.

Von „Flugscham“ ist, Greta Thunberg und Fridays for Future zum Trotz, nichts zu merken. Warum wohl?
Die Menschen sind bequem und handeln meistens nur, wenn sie direkt betroffen sind. Viele innerdeutsche und innereuropäische Flüge könnte man außerdem vermeiden, wenn die Bahn eine echte Alternative wäre.

Glauben Sie, dass die Bundesregierung in diesem Jahr endlich die Wende zu einer wirkungsvollen Klimapolitik schaffen wird?
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Es bedarf eines vorausschauenden Handelns, wenn wir eine Klimakatastrophe vermeiden wollen. Wenn sich erst einmal die Lebensbedingungen auf der Erde dramatisch verschlechtert haben, kann man das Rad nicht mehr zurückdrehen. Das Denken in Wahlperioden ist hier wenig hilfreich.

Was wären die drei wichtigsten Punkte, die beschlossen werden müssten?
Es muss endlich eine CO2-Bepreisung geben. Die schmutzigsten Kohlekraftwerke müssten sofort abgeschaltet werden. Und die erneuerbaren Energien und die Netze müssten viel schneller ausgebaut und stärker dezentral ausgerichtet werden.

Interview: Joachim Wille

Zur Person

Mojib Latif ist Professor für Ozeanzirkulation und Klimadynamik am Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel und an der dortigen Universität. Außerdem ist er Präsident der Deutschen Gesellschaft des „Club of Rome“ sowie Vorstandsvorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums.

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