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November 1939: Aufräumarbeiten nach dem Bombenattentat auf Adolf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller.

Vor 80 Jahren

„Mann ohne Ideologie“: Georg Elsers einsamer Kampf gegen Hitler

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Am 8. November 1939 explodiert in München eine Bombe, die den Führer töten soll – doch das Attentat misslingt. Georg Elser, der den Sprengsatz gebaut hat, wird gefasst und im April 1945 in Dachau ermordet. Heute sind Straßen und Schulen nach Elser benannt – aber es brauchte Jahre, bis seine Tat anerkannt wurde.

München, 8. November 1939: Die Bombe explodiert um zwanzig Minuten nach neun, Balken krachen, Mauern zerbersten, ein Teil der Decke stürzt ein. Schreie, Entsetzen, Panik. Sieben Menschen sterben unter den Trümmern, ein achter wird die Verletzungen nicht überleben. Mehr als sechzig Personen sind teilweise schwer verletzt. Hitler, dem die Bombe galt, überlebt.

Dreizehn Minuten vor der Detonation hatte er seine Rede in dem mit mehr als 3000 „alten Kämpfern“ gefüllten Bürgerbräusaal in München beendet. Während die braunen Parteigenossen immer wieder in „Heil“-Rufe einstimmten, war ihr Führer vom Rednerpult gestiegen und hatte – ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit – mit seinem Gefolge den Saal verlassen, um noch am Abend einen Sonderzug nach Berlin zu erreichen. Hätte Hitler noch an seinem Rednerpult gestanden, er hätte den Anschlag nicht überlebt. Als ihn im Zug die Nachricht vom Bombenattentat erreicht, sagt er zu seinen Begleitern: „Dass ich den Bürgerbräukeller früher als sonst verlassen habe, ist mir eine Bestätigung, dass die Vorsehung mich mein Ziel erreichen lassen will.“

Die nationale Hatz nach dem Attentäter hat ein rasches Ende. Noch während Hitler seine gekürzte Rede hielt, war ein schmächtiger Mann beim Versuch, die Grenze zur Schweiz illegal zu überschreiten, bei Konstanz festgenommen worden. Sein Name: Georg Elser, 36 Jahre alt, Schreinergeselle von der Ostalb. Die Zöllner finden bei ihm belastende Gegenstände: eine Ansichtskarte vom Münchner Bürgerbräukeller, Drähte und Hülsen, ein Notizbuch mit Adressen von Sprengstoff-Fabrikanten. Doch der kleine schmächtige Mann schweigt. 

Die Beamten bringen Elser zur Gestapo. Die Verhöre werden härter. Ohne Erfolg. Am nächsten Morgen wird er nach München gebracht. Hier ermittelt eine Sonderkommission. Wieder stundenlange Verhöre. Diesmal bleibt es nicht bei Drohungen. Es setzt auch Prügel. Vier Tage lang. Ohne Ergebnis. Am fünften Tag haben die Vernehmer eine Idee: Sie wissen, dass die Bombe in Bodennähe installiert war, also vom Attentäter kniend angebracht worden sein muss. Elser wird aufgefordert, seine Hosenbeine hochzuziehen. Er zögert. Sekunden später werden die eiternden Wunden an den Knien sichtbar. Elser weiß, dass er überführt ist. „Was kriegt einer, der so etwas gemacht hat?“, fragt er jetzt.

Er wollte dem Führer nicht zujubeln: Johann Georg Elser in den 30er Jahren.

Heinrich Himmler ist über das Ergebnis nicht sonderlich froh. Er braucht ein Komplott, keinen Einzelgänger. Schon gar keinen rechtschaffenen deutschen Handwerker. Er will die Drahtzieher und Auftraggeber im Ausland. An den Rand des Vernehmungsprotokolls notiert er: „Welcher Idiot hat die Vernehmung geführt?“ Sein Befehl: „Elser sofort nach Berlin.“ Die Gestapo soll dafür sorgen, dass die Hintermänner ans Licht kommen.

Georg Elser ist alles andere als ein idealistischer Spinner

Wer aber ist dieser unscheinbare Handwerker? Ein Möchtegern-Märtyrer? Tatsächlich ist Georg Elser alles andere als ein idealistischer Spinner. Die Königsbronner kennen ihn als zurückhaltenden Individualisten, der ein gewöhnliches Leben führt. Er ist kein Parteimitglied. Politik interessiert ihn nicht. Aber er leidet an dem, was um ihn herum, unter dem Jubel seiner Landsleute, passiert.

Die württembergische Ostalb ist eine Hochburg des Pietismus. Die Menschen dort verfügen über einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Und einer wie Elser, ein pedantisch-penibler Handwerker, will am liebsten sein eigener Herr sein. Ihm fehlt jede Voraussetzung dafür, sich an die nationale Aufbruchstimmung anzupassen. Sein Gerechtigkeitssinn, sein tief verwurzelt pietistischer Charakter geben ihm die Energie, vom Herbst 1938 an über ein Jahr mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit und Ausdauer das Attentat zu planen und vorzubereiten. Eine schwierige Gewissensfrage war dem vorausgegangen: Dem Pietisten ist Gewalt zutiefst fremd, seine Religiosität verbietet ihm eigentlich den Tyrannenmord. Elser entscheidet sich dennoch für den Anschlag. Er sieht keine andere Möglichkeit, das drohende Unheil zu stoppen. Ein Mann mit Eigensinn und Mut in einem Ozean von Opportunismus.

Er inspiziert in München den Bürgerbräukeller, fertigt Zeichnungen, besorgt Sprengstoff. In der Nacht zum 5. August 1939 beginnt er, an der Säule zu arbeiten, die seine Bombe verbergen soll. Unter dem Schein seiner Taschenlampe bricht er Stück für Stück des Mauerwerks heraus. Den Schutt wirft er in die Isar. Er arbeitet 35 Nächte. In der Nacht zum 6. November ist er mit dem Einbau fertig. Einen Tag später kehrt er noch einmal zurück, um zu prüfen, ob die eingebauten Uhrwerke funktionieren. Dann fährt er nach Konstanz.

Drei Wochen später, nach seiner Verhaftung an der schweizerischen Grenze, seinem Geständnis in München und weiteren Verhören in den Räumen des Berliner Reichssicherheitshauptamtes, wird Elser aus dem Gefängnis abgeholt und in das 80 Kilometer entfernte KZ Sachsenhausen gebracht. Der Plan der Nazis: In einem Schauprozess soll er nach dem Kriegsende als Zeuge gegen den britischen Geheimdienst vorgeführt werden. Als Werkzeug britischer Spione, die Hitler töten wollten. Als ein für die NS-Propaganda wichtiger Häftling genießt er Vorzugsbehandlung. Er lebt in einer Zwei-Mann-Zelle, arbeitet in einer kleinen Schreinerei. Ansonsten wird er völlig isoliert. Kein Brief erreicht ihn, eigene Briefe bleiben unbeantwortet. Selbst seine Angehörigen, die wie andere Königsbronner nach dem gescheiterten Attentat von der Gestapo immer wieder verhört worden waren, wissen nicht, wo er sich aufhält.

Der Nachbau des Zünders der Bombe, die Adolf Hitler töten sollte.

Doch die Pläne der Nazis geraten durcheinander. Fünf Jahre später droht schon die Niederlage im Krieg. Der Kronzeuge Johann Georg Elser wird nicht mehr gebraucht. Ende 1944 wird er nach Dachau gebracht. Am 5. April 1945 erreicht ein Schnellbrief Himmlers den dortigen Lagerkommandanten. Darin heißt es knapp: „Wegen unseres Schutzhäftlings Elser wurde erneut an höchster Stelle Vortrag gehalten. Folgende Weisung ist ergangen: Bei einem der nächsten Terrorangriffe auf München bzw. die Umgebung von Dachau ist angeblich Elser verunglückt. Ich bitte zu diesem Zweck Elser in absolut unauffälliger Weise zu liquidieren.“ Genauso wird verfahren. Am 9. April wird Elser rücklings von KZ-Wächtern erschossen.

Georg Elser führte in der Galerie deutscher Widerstandskämpfer lange ein Schattendasein

In der Galerie deutscher Widerstandskämpfer führte Georg Elser lange ein Schattendasein. Anders als der vier Jahre ältere Graf von Stauffenberg eignete er sich nicht für die Rolle des staatlich verklärten Helden. Hier der gebildete Offizier, der zunächst den Verheißungen des NS-Regimes vertraut, engagiert mitgemacht hat und erst später umgekehrt ist, dann aber entschieden zur Tat schritt. Dort der spröde, zurückhaltende Schreinergeselle Elser, der bereits 1939, als Stauffenberg und Millionen andere Deutsche noch dem Führer zujubelten, als Schreinergeselle mit Volksschulabschluss den mörderischen Charakter des Regimes erkannte und den Entschluss zum Attentat fasste.

Stauffenberg verstand sich zuerst als Soldat, ganz nach der jahrhundertealten Tradition seiner Familie. Obwohl er später jegliche Begeisterung für den Nationalsozialismus verlieren sollte, hatte er für die parlamentarische Demokratie zeitlebens nur Verachtung übrig. Sein Moralverständnis war ein Konglomerat aus katholischer Lehre, aristokratischem Ehrenkodex, dem Ethos des alten Griechenland und deutscher romantischer Dichtung. Sein Entschluss, Hitler mit einer Bombe zu töten, war eher Ausdruck von militärischen als von moralischen Überlegungen. Der Zufall, durch den Hitler mit dem Leben davon kam; die aussichtlose Lage der Mitverschwörer; die hastige Hinrichtung Stauffenbergs – das alles ist eine tiefe Tragödie. Graf von Stauffenberg war ein mutiger Patriot – aber auch ein strikter Anti-Demokrat. Als Superheld eignet er sich nicht.

Aber warum ignorierten die Deutschen solange den mutigen Schreinergesellen? „Georg Elser war eine Herausforderung. Er machte deutlich, dass ein einfacher Mann aus dem Volke sich zu einer weltgeschichtlichen Tat aufraffen konnte. Er strafte all jene Lügen, die sich weiterhin einredeten, sie hätten dem Terror des NS-Staates nichts entgegensetzen können“, konstatieren die Historiker Peter Steinbach und Johannes Teichel. Seine Tat beschämte die Deutschen.

Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Mittlerweile gibt es ein gut gesichertes Bild der Motive Elsers, das die Gerüchte und Diffamierungen aus der NS-Zeit, die sich um seine Tat rankten, ebenso widerlegt, wie manche bizarre Nachkriegsdeutung. Auch in seiner Heimat erinnert man sich nun an den Tischlergesellen: in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Deutscher Widerstand wurde eine kleine Gedenkstätte eröffnet, ein Denkmal ist in Planung. Schließlich war es der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der Georg Elser in seiner Rede zum 50. Jahrestag des 20. Juli 1944 ausdrücklich hervorhob. Der Historiker Joseph Peter Stern nannte Elser einmal einen „Mann ohne Ideologie“. Vielleicht macht ihn das zu Stauffenbergs wahrem Antagonisten.

Zur Person

Helmut Ortner, Jahrgang 1950, hat bislang mehr als zwanzig Bücher – überwiegend politische Sachbücher -veröffentlicht. Seine Bücher über Georg Elser wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien von ihm „Wenn der Staat tötet – Eine Geschichte der Todesstrafe“ (2017), das in Japan mit einem renommierten Sachbuchpreis ausgezeichnet wurde, sowie „EXIT – Warum wir weniger Religion brauchen“ (2019).

Zum Buch

Helmut Ortner: Der einsame Attentäter Georg Elser – Der Mann, der Hitler töten wollte. wbg – Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 240 Seiten, 19,80 Euro

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