Atombombe

75 Jahre nach Hiroshima: Die Welt rüstet wieder auf

  • vonFelix Lill
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75 Jahre nach Hiroshima rüstet die Welt atomar wieder auf. Japan hält auch nach wie vor an der Kernkraft fest.

  • Japan gedenkt den Opfern der Atombombe in Hiroshima.
  • Vor 75 Jahren wurde über Hiroshima die erste militärische genutzte Atombombe abgeworfen.
  • Trotz der verheerenden Folgen hält Japan weiterhin an der Atomkraft fest.

Als vor 75 Jahren die Atombombe über Hiroshima detonierte, lag Japan nicht nur physisch darnieder. Der Schock, technologisch besiegt worden zu sein, sollte das Land noch lange schmerzen. Und es scheint, als sei dieser Schock ein wesentlicher Grund dafür, dass Japan selbst nach dem Atomdesaster von Fukushima an der Kernkraft festhält.

Am Morgen der gigantischen Detonation wusch Sumako Hamada gerade im Garten die Wäsche ihrer Eltern. Das Himmel war klar und die Hitze, die der Tag bringen würde, schon zu erahnen. Um 8.15 Uhr blickte sie in die Ferne, ein Moment, den die damals 18-Jährige nie mehr vergessen würde. Denn um genau diese Uhrzeit passierte etwas, das nicht von dieser Welt zu sein schien. „Plötzlich leuchtete der Himmel unglaublich hell“, erinnert sie sich. „Ich war alt genug, um zu wissen, dass das nicht die Sonne sein konnte.“ Für die Menschen in Matsuyama, Hamadas Heimatstadt in der Peripherie der südlichen Insel Shikoku, blieb die verheerende Explosion ein Himmelschauspiel. Zu spüren war sie hier nicht.

Japan: Vor 75 Jahren detoniert die Atombombe über Hiroshima

Achtzig Kilometer weit konnte Sumako Hamada an diesem Morgen blicken. Dort im Norden, auf der anderen Seite des Ufers nahe ihrer Heimat, war die Welt innerhalb weniger Sekunden in Schutt und Asche gelegt worden. Um 8.15 Uhr des 6. August 1945 war aus einem US-amerikanischen Flugzeug namens „Enola Gay“ in einigen Kilometern Höhe eine mit Uran 235 gefüllte Bombe gefallen. Dreiundvierzig Sekunden später, 600 Meter über der Industriestadt Hiroshima, explodierte sie. Mit einer Geschwindigkeit von 440 Metern pro Sekunde breitete sich ein riesiger Feuerball aus, die Temperatur stieg auf fast 6000 Grad Celsius an.

Drei Minuten später ragte eine pilzförmige Wolke kilometerhoch in den bis dahin sonnigen Himmel. Dann fiel schwarzer Regen. 70 000 Menschen starben in den ersten Sekunden nach der Detonation, in den Tagen darauf weitere 100 000. Es war die erste militärisch eingesetzte Atombombe der Geschichte. Drei Tage später wurde eine weitere Bombe über Nagasaki abgeworfen.

Am 6. August 1945 warfen die Amerikaner eine Atombombe über Hiroshima ab. 

Als die Bauerntochter Sumako Hamada eineinhalb Wochen danach davon erfuhr, dass der große Krieg sein Ende gefunden hatte, überraschte sie das nicht mehr. Die Radioansprache des Tennos, Kaiser Hirohito, war zwar ein Ereignis für sich. Bis zu jenem 15. August 1945 hatten die allermeisten Japaner noch nie die Stimme ihres für gottähnlich erklärten Staatsoberhaupts gehört. Doch für Sumako Hamada, deren Bruder als Soldat kämpfen musste, hatten die Worte kaum noch Bedeutung. „Ich hatte das Gefühl, dass die Niederlage nur noch eine Frage der Zeit war.“ Erleichterung empfand sie dennoch: „Der Krieg hatte uns alle müde gemacht. Mich auch.“

Unfassbare Zerstörung: Hiroshima, wenige Tage, nachdem die Bombe gezündet worden war.

Gedenken an Hiroshima: Auch Japan versuchte eine Atombombe zu bauen

In den Tagen, Wochen und Jahren nach dem Atomschlag rückte das Bild der Müdigkeit in den Hintergrund. Bis zum letzten Mann würde Japan kämpfen, so hatten es die Generäle und Journalisten im Land immer wieder behauptet. Damit eine Kapitulation mitsamt überlebender Bevölkerung dazu nicht zu sehr im Widerspruch stand, deuteten die damaligen Befehlshaber die Niederlage einfach um und erklärten dem Volk: Japan, dessen Krieg schon 1931 mit der Invasion in der Mandschurei in Nordostchina begonnen hatte, sei nicht an sich selbst gescheitert, sondern an der Technologie.

Das hatte durchaus seine Logik. Sumako Hamada und die allermeisten anderen Japaner wussten davon nichts, aber auch Japan hatte während des Krieges versucht, eine Atombombe zu bauen. Nachdem im Dezember 1938 dem deutschen Chemiker Otto Hahn und seinem Assistenten Fritz Straßmann erstmals eine Kernspaltung gelungen war und diese im Februar 1939 von der österreichischen Kernphysikerin Lise Meitner auch theoretisch erklärt werden konnte, sprach sich das militärische Potenzial einer nuklearen Kettenreaktion auch in internationalen Kreisen schnell herum. In Japan setzte sich der Physiker Yoshio Nishina, ein Freund der führenden Wissenschaftler Niels Bohr und Albert Einstein, ab 1939 damit auseinander. Zwei Jahre später erhielt Nishina den offiziellen Auftrag, eine Atombombe zu konstruieren.

Doch das Projekt verlief nicht wie geplant. Es mangelte unter anderem am Rohstoff Uran. Als man bei Deutschland und weiteren Verbündeten um Unterstützung bat, fand sich zwar einiges, doch für eine zerstörerische Bombe reichte es nicht. Von der Bewertung in der ersten Phase des Vorhabens konnte man nicht nennenswert abrücken: Eine Atombombe, hieß es darin, sei zwar prinzipiell möglich, aber „es wäre wahrscheinlich selbst für die USA schwer, die Anwendung von Atomenergie während des Kriegs zu realisieren“. Am Ende wurde das japanische Atomlabor durch einen US-amerikanischen Luftangriff zerstört und nicht wieder aufgebaut. Das „N-Projekt“, benannt nach Yoshio Nishina, war gescheitert.

Atombombe über Hiroshima: Technologisches Trauma für Japan

Entsprechend tief saß der Schock nach dem 6. August 1945. Japans kaiserliche Armee hatte zeitweise fast den ganzen Pazifik unter ihrer brutalen Kontrolle. Im Dienst des Militärs führten japanische Wissenschaftler medizinische Versuche an Menschen durch. Bürokraten beorderten ausländische Frauen in Bordelle an der Front. Dem Volk präsentierte man, so gut es ging, Bilder der Überlegenheit. Doch plötzlich war es vorbei mit dem Stolz und der Widerständigkeit des japanischen Kampfes.

Die Armbanduhr aus den Ruinen von Hiroshima blieb am 6. August 1945 um 8.16 Uhr stehen, als die Bombe explodierte.

Robert Jacobs, ein wohlgenährter Herr in kurzärmligem Hemd, ist Historiker an der City-Universität Hiroshima. Er forscht zum Trauma, das die Explosion dieser eigentlich für unmöglich gehaltenen Bombe bedeutete. „Als die Bomben ausgerechnet über Japan explodierten“, sagt Jacobs in seinem mit Büchern vollgestellten Büro, in dem es so heiß ist, dass er die Klimaanlage auf volle Stärke stellt, „muss die Erschütterung ungefähr so groß gewesen sein, wie wenn du in einem Duell kämpfst und dein Gegner sich plötzlich wegbeamt: Du hast mal gehört, dass diese Technik theoretisch möglich ist, aber praktisch völlig unrealistisch sein muss.“

Dieses Trauma sieht Jacobs als entscheidend für die Politik der nächsten Jahre an. „Japan wurde in relativ kurzer Zeit zu einem der führenden Standorte für Atomtechnik.“ Als nach dem Zweiten Weltkrieg die USA auf den Inseln Japans regierten und in die neue Verfassung einen Pazifismusartikel schrieben, blieb dem ostasiatischen Land nichts anderes übrig, als auf die Forschung zu setzen. Statt ins Militär, das man ohnehin nicht mehr haben durfte, wurde in die Wissenschaft investiert. Und es wurden Legenden gebildet: Schon 1946 gab es Meldungen, nach denen Japan kurz vor der Produktion einer Bombe gestanden habe. Es soll sogar einen Test gegeben haben. In Wahrheit war das Land weit entfernt davon, eine Bombe fertigzustellen.

Atombombe über Hiroshima: Japan und die Welt erforschten die Kernkraft

Doch die geopolitischen Entwicklungen trugen dazu bei, dass das Land bald seine Kernspaltungen bekam. „Anfang der 1950er Jahre wollte US-Präsident Eisenhower vor allem die liberalen Länder der Welt enger zusammenbringen“, erklärt Jacobs. „Dazu hielt er vor den Vereinten Nationen seine ‚Atoms for Peace‘-Rede. Er plädierte für die friedliche Nutzung von Kernspaltungen in Form von Atomkraft.“

Im Frühjahr 1956 öffnete dann, wenige Kilometer vom am Stadtrand gelegenen Unicampus entfernt, auf dem sich Robert Jacobs’ Büro befindet, das Friedensmuseum von Hiroshima. Die erste Ausstellung hieß: Atoms for Peace. „Sie war eine echte Propagandaveranstaltung für die Nutzung von Atomkraft“, sagt Jacobs. Eine mit Uran angetriebene Roboterhand zeichnete japanische Kalligrafie, auch ein Atomreaktor in Miniaturform war ausgestellt. Und man deutete an, dass Nuklearenergie gar die Strahlungsschäden der Überlebenden des Atombombenangriffs heilen könnte. Das Publikum war begeistert.

Sumako Hamada gehörte nicht zu den Besuchern der Ausstellung. Aber auch sie, die die Zerstörungskraft aus so ferner Distanz klar hatte sehen können, empfand kaum noch Skepsis bei der Idee, die nuklearen Kettenreaktionen auch in Japan zu nutzen. „Wir haben uns darüber keine großen Gedanken mehr gemacht“, sagt sie, auf der Bettkante ihres Zimmers in einem Seniorenheim sitzend. Sie geht durch alte Bilder. „Ich war zwar zu Kriegsende etwas pummelig“, sagt sie schmunzelnd, „weil wir als Bauern immer Reis hatten. Aber wir waren trotzdem arm.“ Die heute 93-Jährige und die anderen in Matsuyama wollten Fortschritt. Warum nicht mit Atomkraft?

Atombombe über Hiroshima: Japan hält nach Katastrophen an Kernkraft fest

Kurz nach der Ausstellung in Hiroshima baute Japan in der einstigen Stadt der Bombentragödie seinen ersten Atomreaktor. Und es sollten viele weitere folgen. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde das Land, das einst am Atombombenbau gescheitert war, zu einem der führenden Standorte für Kernphysik. Unternehmen wie Hitachi, Toshiba, Mitsubishi oder Japan Steel Works avancierten zu den weltweit größten Unternehmen der Branche. In Tsuruga, einer Stadt im Westen des Landes, wurde einer der modernsten Forschungsreaktoren überhaupt gebaut. „Bis heute verkörpert das Atom in gewissen Kreisen vor allem Fortschritt“, sagt Robert Jacobs.

Als am 11. März 2011 zuerst die Erde bebt und kurz darauf 20 Meter hohe Wellen über die Nordostküste von Japan hereinbrechen, havariert in Fukushima ein Atomreaktor. Hunderttausende müssen evakuiert werden. Wieder fällt Japan einer nuklearen Kettenreaktion zum Opfer. Und erstmals bildet sich im Land eine sehr sichtbare Anti-Atombewegung. Umfragen zeigen seitdem sogar, dass die Mehrheit der Menschen in Japan gegen Atomenergie ist.

Doch die Regierung beeindruckt das kaum. Eineinhalb Jahre nach dem Atom-GAU wird mit Shinzo Abe ein Mann zum Premierminister gewählt, der an der Kernkraft festhalten will. Mehrere der gut 50 heruntergefahrenen Reaktoren lässt er unter strengeren Bedingungen wieder in Betrieb nehmen. Und ein Klüngel aus Politikern, Unternehmen und atomfreundlichen Forschern, den man in Japan oft das „nukleare Dorf“ nennt, hat es geschafft, aus dem Fukushima-Desaster eine Erzählung von menschlichem Versagen zu machen. In anderen Worten: Das Unglück von 2011 sporne nur dazu an, weiter auf die Atomkraft zu setzen und es besser zu machen.

Gedenken an Hiroshima: Japan will das Recht auf Atomwaffen

Dabei will man in der regierenden Liberaldemokratischen Partei auch mehr als das. Immer wieder haben Politiker der ersten Reihe Gedanken geäußert, die aufhorchen ließen. Ende 2017 sagte der ehemalige Verteidigungsminister Shigeru Ishiba: „Japan sollte die Technologie haben, um eine Atomwaffe zu bauen, wenn es dies will.“ Ishiba gilt als aussichtsreicher Kandidat auf die Nachfolge als Premierminister.

Wenn Sumako Hamada solche Worte hört, vergeht ihr der Appetit. Gerade wurde ihr Essen ans Bett gebracht, Reis mit Fisch und Gemüse. Aber bei dem Gedanken wird ihr ganz anders. „Niemand in der Welt sollte Atomwaffen besitzen. Die richten doch nur Schaden an.“

Rubriklistenbild: © epa/ Nagasaki Atomic Bomb Museum

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