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Reinigendes Feuer? – Ende April rollen die Osterräder in Lügde wieder.

Ermittlungsfehler

Hinweise falsch eingeschätzt, Beweismittel gestohlen

Die Ermittlungen zum jahrelangen Missbrauch in Lügde sind von schweren behördlichen Fehlern überschattet.

Die Taten: In Lügde-Elbrinxen im Kreis Lippe soll ein arbeitsloser Dauercamper mit einem Komplizen über Jahre Kinder missbraucht und gefilmt haben. Der 56-Jährige setzte dabei offenbar sein Pflegekind – ein Mädchen – ein, um andere Kinder anzulocken. Die Polizei ermittelt wegen Verdachts des Kindesmissbrauchs und der Kinderpornografie in mehr als 1000 Fällen. Auf Festplatten und anderen Datenträgern haben die Ermittler rund 3,3 Millionen Bilder und fast 86 300 Videos sichergestellt. Ins Rollen gekommen waren die Ermittlungen, nachdem die Mutter eines neunjährigen Mädchens aus Bad Pyrmont im Oktober 2018 Anzeige wegen Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs ihrer Tochter erstattet hatte.

Die Verdächtigen: Nach Angaben des NRW-Innenministeriums ermittelt die Polizei gegen sieben mutmaßliche Täter. Der 56-jährige Dauercamper sitzt seit Dezember 2018 in Untersuchungshaft, ein 33 Jahre alter Komplize aus Steinheim im Kreis Höxter sowie ein 48-Jähriger aus Stade wurden Mitte Januar in Untersuchungshaft genommen. Der Stader soll Missbrauchstaten live im Internet verfolgt haben. Ermittelt wird auch gegen einen 16-Jährigen, der kinderpornografisches Material besessen haben soll, das auf dem Campingplatz entstanden ist. Weitere Verfahren laufen gegen zwei Beschuldigte wegen Beihilfe und gegen eine Person wegen Strafvereitelung.

Die Opfer: Bisher sind 36 Opfer identifiziert, darunter die Pflegetochter des Hauptverdächtigen. Das Mädchen wurde im November 2018 vom Jugendamt Lippe in Obhut genommen und soll sich nun in einer Einrichtung mit Gleichaltrigen befinden, wo es begleitet und therapiert wird. Bei weiteren 15 Kindern besteht aufgrund von gefundenem Foto- und Filmmaterial der Verdacht, dass sie ebenfalls sexuell missbraucht wurden.

Die Jugendämter: Die Jugendämter der Kreise Lippe und Hameln sollen frühe Hinweise falsch eingeschätzt haben. Hamelns Landrat Tjark Bartels (SPD) hat eingeräumt, dass im Blick auf den Hauptverdächtigen schon 2016 Informationen über mögliches sexuell übergriffiges Verhalten in den Akten vermerkt, aber in der Gesamtschau nicht richtig gewürdigt wurden. NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) erklärte, die Doppelzuständigkeit der beiden Jugendämter sei nicht hilfreich gewesen. Neben dem Jugendamt Lippe war auch die Hamelner Behörde mit dem Camper befasst, weil die Mutter seiner Pflegetochter im Kreis Hameln lebt. Sie hatte dem Mann aus Lügde im Frühjahr 2016 das Sorgerecht für das Kind übertragen. Das Mädchen lebte auch bei ihm auf dem Campingplatz, seit die Mutter im Juni 2016 ihre Wohnung räumen musste.

Bei einem gemeinsamen Besuch mit dem Mädchen im Jobcenter Blomberg soll der arbeitslose Camper Ende 2016 gesagt haben: „Für Süßigkeiten macht sie alles.“ Im selben Jahr wandte sich ein besorgter Vater an Polizei und Kinderschutzbund in Hameln, weil der Dauercamper erzählt hatte, er setze sich Kinder gerne in den Nacken. Auch eine Psychologin im Kindergarten des Mädchens vermutete Pädophilie. Beide Jugendämter gingen den Hinweisen vor Ort nach, konnten aber keine Gefährdung feststellen.

Nach intensiver Prüfung habe man den Mann Anfang 2017 auf Wunsch der Mutter als Pflegevater für das Mädchen anerkannt, aber mit Begleitung durch die Familienhilfe, sagte Hamelns Landrat Bartels. Die Mutter des Kindes sei nicht über die Hinweise auf möglichen Kindesmissbrauch informiert worden. Unter anderem hätten der Kindergarten und später die Schule bestätigt, dass sich das Mädchen besser entwickele als zuvor. Die Familienhilfe kam wöchentlich, jedoch schmiss der Träger im April 2018 hin und zeigte eine Kindeswohlgefährdung an. Erst im August 2018 begannen regelmäßige Besuche eines neuen Familienhilfe-Trägers.

Gegen acht Jugendamtsmitarbeiter wird nun ermittelt. Zudem prüft die Staatsanwaltschaft bei vier weiteren Mitarbeitern anderer Organisationen, ob sie sich der Fürsorgepflichtverletzung schuldig gemacht haben. Der Leiter des Hamelner Jugendamtes wurde vorübergehend suspendiert und dann auf einen anderen Posten versetzt. Er soll der Akte des Pflegekindes beschönigende Angaben hinzugefügt haben, um besser dazustehen. Eine andere Jugendamt-Mitarbeiterin hatte kurz vor Beschlagnahmung der Akten einen Eintrag gelöscht. Darin hieß es, dass der Mann aus Lügde immer wieder Kontakt zu jüngeren Mädchen suche und sie in ein Abhängigkeitsverhältnis bringe. Die Frau ist nicht mehr im Dienst.

Der Prozess: Die Detmolder Staatsanwaltschaft will die Anklagelaut Oberstaatsanwalt Ralf Vetter „noch vor Mai stehen“ haben. Ein Prozess könnte so im Juni starten.

Das Versagen der Polizei: Die Aufklärung des Missbrauchsfalls von Lügde hat sich zu einem Polizeiskandal mit zahlreichen Ermittlungspannen ausgeweitet. Unter anderem sind 155 auf dem Campingplatz sichergestellte CDs und DVDs verschwunden. Die Staatsanwaltschaft Detmold hat ein Strafverfahren gegen unbekannt wegen Verdacht des Diebstahls eingeleitet. Die Datenträger waren im Dezember aus einem Raum der Kreispolizei Lippe verschwunden. Ein Kommissaranwärter hatte sie dort auf ihren Inhalt geprüft und dann offen auf dem Schreibtisch liegen lassen, anstatt sie in den Asservatenraum zurückzubringen. Der Verlust blieb wochenlang bis Ende Januar unbemerkt.

Einen konkreten Tatverdacht gegen eine bestimmte Person gebe es nicht, teilten Staatsanwaltschaft und Polizei Bielefeld mit. Das personell besser ausgestattete Polizeipräsidium Bielefeld hatte die Lügde-Ermittlungen Ende Januar von der Kreispolizei Lippe übernommen. Außerdem setzte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) einen Sonderermittler ein: Kriminaldirektor Ingo Wünsch soll den Polizeiskandal aufklären und als Leiter einer entsprechenden Stabsstelle im Innenministerium Vorschläge erarbeiten, wie Fälle von Kindesmissbrauch von den Polizeibehörden sorgfältiger bearbeitet werden können. Im Fall Lügde hält Wünsch die Beweismittel trotz der verschwundenen Asservate für ausreichend. Es gebe sehr belastendes Bildmaterial, der Haupttatverdächtige sei klar zu erkennen. Wichtig sei nun zu klären, welche Strukturen das Verschwinden der CDs und DVDs begünstigt habe und warum das Fehlen so lange unentdeckt geblieben sei. Bei der Lipper Polizei wurden bereits mehrere führende Polizeibeamte wegen der Pannen in dem Fall versetzt oder von ihren Aufgaben entbunden.

Zuletzt wurde ein zeitweiliger Leiter der Lipper Ermittlungskommission vom Dienst suspendiert. Gegen den Kriminalbeamten aus Bad Salzuflen besteht in einem anderen Sexualstraffall der Verdacht der Strafvereitelung im Amt. Innenminister Reul zufolge waren in drei Ermittlungsverfahren, die er als Sachbearbeiter geführt hatte, Beweismittel verschwunden. Gegen den Beamten, der als Tutor auch den Kommissarsanwärter betreut, der die 155 Datenträger gesichtet hatte, wurde Strafanzeige gestellt und ein Disziplinarverfahren eröffnet. (sim/asc/dpa/kna)

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