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Im Heim: Die Pflegerinnen sollen völlig emotionslos gewesen sein.

Kinderkur

Hinter der Postkartenidylle

„Schön hier“, „traumhaft“, „es geht mir gut“ – unter Zwang schrieben unzählige Kinder nach 1945 beruhigende Worte an die Eltern. Welche Qualen viele von ihnen in der Kinderkur tatsächlich durchlebten, wird nun endlich aufgearbeitet.

Eine Postkarte, wie es früher so viele gegeben hat. Schwarz-weiß, kindliche Krakelschrift, ein kleines Kreuzchen mit Kugelschreiber an einem Fenster, um das eigene Zimmer im Haus zu markieren. „Ihr Lieben“, schrieb Christa Schneider damals an ihre Eltern in der Heimat, „heute möchte ich Euch zuerst sagen, dass es mir gut geht.“

Eine glatte Lüge, damals, 1958, in dem Ferienheim auf Föhr. Denn die zu der Zeit Neunjährige litt Höllenqualen, als sie unter den strengen Blicken der Pflegerinnen die Karte nach Hause schrieb. Ihre Hose muss nach ihrem Durchfall gestunken haben, sie hatte elendes Heimweh, ihr war schlecht vor Angst.

Ein Schicksal, wie es ungezählte gegeben haben soll in den Jahrzehnten nach dem Krieg. Als „Verschickungskinder“ und später als „Kurkinder“ wurden die Jungen und Mädchen bekannt, die nach 1945 und bis in die 1980er Jahre hinein von ihren Eltern in guter Absicht in Kinderkuren vor allem an die Nordsee, in den Harz und in den Schwarzwald verschickt wurden.

Föhr und Norderney, Bad Salzhemmendorf und Schliersee, Bad Dürrheim, Oberstdorf und Bad Sassendorf. Kurorte werden damals für viele zu Tatorten, liest man sich durch die Erinnerungen der Betroffenen in den Internetforen. Anja Röhl etwa ist selbst eine Betroffene. Sie schätzt die Zahl der verschickten Kinder über mehrere Jahrzehnte verteilt auf zwischen acht und zwölf Millionen. Genaue Angaben gibt es allerdings nicht.

Auch bei den misshandelten Kindern ist die Dunkelziffer groß. Von Schlafentzug ist die Rede in dem Forum, das Röhl aus der Taufe gehoben hat. Von Schlägen wird berichtet und von Isolierung, von Demütigungen und Zwangsmahlzeiten und Anstaltskleidung. Strafen soll es schon für normale Bedürfnisse wie Lachen und Weinen gegeben haben, für Heimweh und Gewichtsverlust.

„Flächendeckend werden Vorfälle von körperlicher und psychischer Gewaltanwendung in allen Details geschildert“, sagt die Publizistin Röhl, die als Fünf- und als Achtjährige verschickt wurde und vor kurzem eine Initiative gegründet hat. Sie sammelt im Internet Erinnerungen von Betroffenen und organisiert Treffen mehrerer Gruppen.

Christa Schneider hat ähnliche Bilder vor Augen, wenn sie an das Heim auf Föhr denkt, das damals von der Krankenversicherung als „Schloss am Meer“ beworben wurde. „Ich war als Kind schon immer ein Rippengestell, weil ich so schlecht gegessen hab“, erinnert sich die 70-Jährige aus Berghausen bei Karlsruhe. Wegen Bronchitis und Asthma sei sie an die See „verschickt“ worden.

Im „Schloss am Meer“ habe sie wegen der schlechten Verdauung Abführmittel und von diesen Durchfall bekommen. Die Strafe dafür war drastisch. Wochenlang habe sie in der verdreckten Wäsche schlafen müssen, erzählt Schneider. Sie sei gezwungen worden, erbrochenen Haferschleim zu essen, sie sei isoliert worden und habe nachts nicht zur Toilette gehen können.

Die „Tanten“, wie die Pflegerinnen genannt wurden, hatten die Sanitärräume abgeschlossen. Röhl erklärt sich das Verhalten unter anderem mit der oft nationalsozialistischen Erziehung der Pflegerinnen sowie dem institutionellen und wirtschaftlichen Druck.

„Wir waren klein, wir mussten gehorchen, wir mussten folgen“, beschreibt Christa Schneider heute die damalige Wehrlosigkeit. „Und die Pflegerinnen waren kalt, da haben wir nie eine Emotionalität verspürt.“ Ihr erging es nach den Erniedrigungen so wie zahlreichen anderen Kindern. „Meine Eltern haben mir befohlen, zu schweigen. Und ich habe es damals glaube ich so empfunden, dass es völlig normal ist und ich bestraft wurde, weil ich etwas falsch gemacht habe.“

Die Erfahrung hat der Mundelsheimer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Hans Hopf auch gemacht. „Das haben wir sehr oft überhaupt bei traumatischen Ereignissen, also auch bei Missbräuchen, dass den Kindern nicht gleich geglaubt wird“, sagt er. „Die Folge ist eine absolute Hilflosigkeit des Kindes. Es hat ja niemanden mehr, der ihm einigermaßen Sicherheit versprechen kann. Und wenn mir niemand glaubt, dann verzweifle ich. Oder ich fange an, mir selber nicht mehr zu glauben.“

Ärztinnen und Ärzte verschrieben die sechs- bis achtwöchigen Kuren bis in die 80er Jahre hinein, finanziert wurden sie von den Kranken- und Rentenkassen. Mehrere Jahrzehnte hat es gedauert, bis die Verschickungskinder merkten, dass sie nicht alleine sind. In mehreren Bundesländern haben sie sich inzwischen organisiert, Ende des vergangenen Jahres trafen sich Dutzende von ihnen auf Sylt und tauschten sich aus.

Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Baden-Württemberg, das sind die besonders betroffenen Bundesländer. Und es sind auch die Länder, in denen nun die Politik reagiert. „Man ist sich einig, dass man gemeinsam etwas bewegen und die Erlebnisse aufarbeiten will“, sagt Steffen Erb, Regierungsrat im Stuttgarter Sozialministerium. Das Landesarchiv Baden-Württemberg ist bereits in Vorleistung getreten und hat mit dem 2018 ausgelaufenen Projekt zur Erforschung der Heimkindererziehung Maßstäbe gesetzt.

Bei der Jugend- und Familienministerkonferenz im kommenden Mai wollen die drei Bundesländer einen Konsens erzielen, um den Bund zu weiteren Initiativen aufzurufen. „Das ist ein übergreifendes Thema, weil die Kinder von überall herkamen und überall hingekommen sind“, sagt Erb. (dpa)

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