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Wohin mit dem Unrat? In Spanien lässt sich diese Frage offenbar nicht so leicht beantworten.

Spanien

Hinter den Müllbergen

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Vor zwei Wochen geriet eine Deponie im spanischen Zaldibar ins Rutschen – zwei Arbeiter wurden verschüttet, die Halde brennt. Hinter dem Unglück steht die desaströse Müllpolitik des Landes.

„Ein echter Wahnsinn“, kommentiert Ecologistas en Acción. Wenn die Daten der spanischen Umweltschutzorganisation stimmen – und wahrscheinlich stimmen sie –, dann hat sie mit ihrer Einschätzung recht: Bis auf 182 Meter Höhe habe sich der Müll auf der Deponie in der Gemeinde Zaldibar im Baskenland Anfang dieses Jahres getürmt, auf einem Gelände, das bis zu 45 Grad steil abfällt.

Vor gut zwei Wochen, am 6. Februar, geschah, was offenbar geschehen musste: Der Müllberg geriet ins Rutschen und kam nach 330 Metern hügelabwärts auf der Autobahn von Bilbao nach San Sebastián zum Halt. Unterwegs hatte er ein kleines Waldstück unter sich begraben. Und zwei Arbeiter. Ihre Leichen sind noch immer nicht gefunden. Es waren eine halbe Million Tonnen Industriemüll, die sich ins Tal hinabwälzten – und in Brand gerieten.

Spanien: Mülldeponie brennt

Am Dienstag dieser Woche konnte das Feuer endlich gelöscht werden, am Donnerstagabend flammte es allerdings wieder auf, Freitagnachmittag war es vorerst abermals gelöscht. Die Anwohnerinnen und Anwohner der umliegenden Gemeinden sind besorgt. In Ermua und Eibar wurden Karnevalsumzüge abgesagt, die Schülerinnen und Schüler einer Schule wurden tagelang nicht auf den Pausenhof gelassen, die Behörden warnten vor Sport im Freien.

In der Luft waren erhöhte Dioxin-, Furan- und PCB-Werte gemessen worden. Der baskische Ministerpräsident Iñigo Urkullu nahm sich zwölf Tage Zeit, um die Fehler zu bedauern, die seine Regierung in dieser „völlig neuen und höchst komplexen Situation“ möglicherweise begangen habe. Im Baskenland wird Anfang April gewählt, und Wahlkampfzeiten sind schlechte Zeiten für tiefgründige Analysen.

Die Opposition wirft der Regionalregierung ungenügende Kontrollen der privat betriebenen Deponie in Zaldibar vor. Im vergangenen Sommer entdeckten staatliche Inspektorinnen und Inspektoren etliche Missstände dort, die bislang noch nicht behoben wurden. Die mangelnde Stabilität der Halde gehörte allerdings nicht zu den aufgespürten Mängeln.

Spanien: Zu viel Müll für zu wenig Platz in den Deponien

Hinter dem Unglück im Baskenland steckt ein grundlegendes Problem der Müllpolitik im ganzen Land Spanien: Viel zu viel Abfall landet auf der Deponie, und der Deponieraum wird immer knapper. Nach den letzten verfügbaren Zahlen des Nationalen Statistikinstituts Spaniens kamen 2017 noch gut 51 Prozent des spanischen Mülls auf die Halde.

Die Tendenz ist von Jahr zu Jahr zwar leicht abnehmend, aber die EU-Vorgabe von weniger als 10 Prozent Deponiemüll bis 2035 ist ohne energische Schritte wohl nicht zu erreichen. Deutschland ist da deutlich weiter. Laut dem Umweltbundesamt lag die sogenannte Ablagerungsquote im Jahr 2017 bei 17,6 Prozent. In Spanien machen sich die fehlenden Kapazitäten oder der fehlende Wille zur Wiederverwertung oder Verbrennung des Mülls indes auf den bestehenden Deponien bemerkbar.

Die Unglücksdeponie von Zaldibar wurde erst 2011 geöffnet und sollte nach damaliger Voraussicht mindestens 35 Jahre lang in Betrieb bleiben. Anfang dieses Jahres war die Deponie allerdings schon zu 60 Prozent gefüllt. Ähnliche Probleme gibt es zum Beispiel im südlichen Umland der Hauptstadt Madrid.

Auch diese Gegend in Mittelspanien stand im vergangenen Jahr vor einem regelrechten Müllnotstand, weil die Deponie von Alcalá de Henares restlos voll war und sich schlichtweg keine andere Gemeinde für eine Müllhalde zur Verfügung stellte. Der Müll wird jetzt auf eine Deponie am Stadtrand von Madrid gebracht. Die ist auch bald voll.

Spanien: Preise für Deponierung zu billig

Der Müllexperte der Madrider IMF Business School, Álvaro Rodríguez de Sanabria, benennt eines der strukturellen Probleme der spanischen Müllpolitik: Die Preise für die Deponierung sind eindeutig zu niedrig. „In Spanien zahlt man 30 Euro für eine Tonne Abfall, in Deutschland rund 180“, sagte er im Gespräch mit der spanischen Zeitung „20 Minutos“. Es gibt – vor allem für die Industrie – zu wenig Anreize zur Müllvermeidung.

Die Folgen dieser Politik sind gelegentliche Desaster wie jenes im baskischen Zaldibar. Auch in Seseña in der Provinz Toledo zum Beispiel brannten 2016 zwei Tage lang knapp 90 000 Tonnen wild gelagerte Autoreifen, die Rauchwolke war kilometerweit zu sehen.

Zwanzig Jahre zuvor geschah auch im galicischen La Coruña ein ganz ähnliches Unglück wie jetzt im Baskenland: Ein Müllberg kam ins Rutschen und begrub einen Mann unter sich. Die Geschichte avancierte zu einem nationalen Skandal. Geändert hat sich seitdem wenig. Die Leiche des damals Verschütteten wurde nie gefunden.

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