Vorweggenommene Geschichte

Der Himmel brennt

Vorausgedachte Zeitgeschichte: Wie französische Kampfpiloten in einem alten, jetzt wieder aufgelegten Comic arabische Despoten stürzen und so die Interessen der Grande Nation wahren.

Von Martin Scholz

Vorausgedachte Zeitgeschichte: Wie französische Kampfpiloten in einem alten, jetzt wieder aufgelegten Comic arabische Despoten stürzen und so die Interessen der Grande Nation wahren.

Es sind Bilder, wie sie Nicolas Sarkozy vermutlich gerne jüngst auf dem G8-Gipfel in Deauville präsentiert hätte: Bilder, die französische Kampfpiloten zeigen, wie sie – erschöpft, aber glücklich – aus den Cockpits ihrer Mirage-Jets steigen und sogleich von einem Heer herbeigerittener Aufständischer frenetisch gefeiert werden. Mission accomplie – auch wenn im Hintergrund der Himmel brennt.

Die tollkühnen Franzosen auf diesen Bildern heißen Michel Tanguy und Ernest Laverdure. Der smarte Tanguy sieht aus wie eine Mischung aus Alain Delon und Tom Cruise, sein Partner Laverdure gibt dagegen den Trottel vom Dienst. Sie sind das Gespann „Schön und Doof“. Was sie verbindet, ist ihre Liebe zur Fliegerei und zu Frankreich.

Die beiden sind auf dem Luftwaffenstützpunkt im französischen Dijon stationiert, bis man sie von dort aus zu einem Kampfeinsatz in eine nordafrikanische Wüste schickt. Ihr Auftrag: Sie sollen einen von den USA hofierten arabischen Despoten stürzen, den Rebellenanführer unterstützen – und dabei immer auch die Interessen Frankreichs wahren. Die sind, das bläut ihnen ihr Kommandant vor dem Beginn ihrer Mission noch mal ein: „Den Zugang zum Öl wahren, und den rechtmäßigen Staatschef ins Amt verhelfen, denn der hat uns zugesagt, später 20 französische Mirage-Jets zu kaufen.“

Das ist keine Wahrheit, sondern Dichtung – eine auf zwei Comic-Alben angelegte Geschichte aus der franko-belgischen Flieger-Serie „Chevaliers du ciel: Tanguy und Laverdure“ aus den Jahren 1968 und 69. Die Einsätze dieser „Ritter des Himmels“ sind seit kurzem auch in Deutschland wieder im Rahmen einer mehrere Bände umfassenden Gesamtausgabe neu veröffentlicht worden.

Top Gun à la francaise

Beim Wiederlesen fällt auf, dass Autor Jean-Michel Charlier und Zeichner Jijé in den beiden Geschichten „Bürgerkrieg in Sarrakat“ sowie „Entscheidung in der Wüste“ den aktuellen Konflikt in Libyen auf erstaunlich präzise Weise vorausgedacht - und im Sinne Frankreichs entschieden haben. Abenteuer-Comics als visionäre Dokumente der Zeitgeschichte. Auch wenn sie über die gegenwärtige, komplexe Situation im Nahen Osten wenig aussagen können, offenbaren sie dafür einige beständige Wahrheiten über das Selbstverständnis der Franzosen.

So hat Charlier den Geltungs- und Gestaltungsdrang der Franzosen auf internationaler Bühne schon damals bei dem Einsatz in dem fiktiven Staat Sarrakat genau herausgearbeitet. Als jetzt im März 2011 die Luftangriffe auf Stellungen der Gaddafi-Truppen begannen, waren französische Mirage-Jets die ersten, die von Dijon und anderen Stützpunkten aufstiegen – noch bevor die UN-Resolution 1973 zum Schutz der libyschen Zivilbevölkerung offiziell verlesen wurde. Als die libyschen Rebellen später trotz der nun unter Nato-Kommando firmierenden Luftangriffe in Bedrängnis gerieten, stellte Sarkozy dem Chef der libyschen Rebellen, Mustafa Abdel Jalil, Militärberater in Aussicht.

Nun ist zwar nicht bekannt, ob Sarkozy eine ähnliche Vorliebe für Comics hat wie sein Vor-Vorgänger Francois Mitterrand, der Mitte der 80 als erster und bisher einziger französischer Staatschef die Comic-Messe in Angoulème besuchte. Aber die Comic-Helden Tanguy und Laverdure vereinen all jene Eigenschaften, die Sarkozy vor libyschen Rebellen und der internationalen Gemeinschaft gerne als typisch französische Tugenden anpreist: Sie sind ebenso meisterhafte wie mutige Piloten, kluge Strategen und eben auch eine Art politische Berater.

In Charliers Comic-Geschichte sind die USA allerdings nicht die Verbündeten Frankreichs. Im Gegenteil: Sie werden, in Gestalt eines gierigen US-Öl-Managers, eindeutig als die Bösen dargestellt. Der US-Lobbyist ist bei Charlier noch grausamer als die brutalen arabischen Despoten. Einem gefangenen muslimischen Rebellen droht der Öl-Manager sogar damit, ihn nach dessen Tod in Schweinehaut einzunähen. Was selbst den anwesenden Tyrannen fassungslos macht: „So einen Frevel können Sie nicht begehen!“ Den Stereotypen von den edlen, patriotischen Helden stehen in diesen Geschichten immer auch ebenso stereotyp gezeichnete Böse gegenüber: Da gibt es arabische Extremisten, die mit ihrer wuchernden Gesichtsbehaarung wie Affen aussehen, asiatische Terroristen sind dagegen wulstlippig, schlitzäugig und haben eine gelbe Hautfarbe.

„Charlier ist ein französischer Patriot, aber allein aus so einer Haltung heraus entstehen noch keine interessanten Stories“, sagt Comic-Experte Bernd Dolle-Weinkauf, der am Institut für Kinder- und Jugendbuchforschung an der Goethe-Universität in Frankfurt lehrt, „es ist aus heutiger Sicht schon interessant, wie Charlier in den Tanguy-Geschichten immer wieder auf damals aktuelle politische Ereignisse eingeht. Das macht er sehr reflektiert, und es ist komplex in den Plot verwoben.“ Wegen dieser Bezüge sei es mitunter schon lohnend, solche Geschichten heute noch mal neu zu lesen, sagt Dolle-Weinkauf, „wobei die Glorifizierung des Rüstungs-Apparats und der militaristischen Aufnahmerituale schon sehr befremdlich ist.“

Erdacht wurde die Serie 1959 von Charlier und dem Asterix-Zeichner Albert Uderzo. Der übergab die Reihe später an seinen Kollegen Jijè , weil er sich künftig ausschließlich seinen rauflustigen Galliern widmen wollte. Als die Flieger-Comics Ende der 50er erstmals erschienen, tüftelte Frankreich gerade an seinen ersten Atombombenversuchen. Damals gipfelte die in Frankreich vorherrschende Angst, den Technologievorsprung der USA oder Japan nicht mehr aufholen zu können, bei vielen Comic-Autoren in einer beispiellosen Ästhetisierung des Rüstungsapparats.

Charlier, der einen Pilotenschein hatte, war in den Militär-Archiven ein gerngesehener Gast. Gemeinsam mit Uderzo durfte er seinerzeit sogar die damals noch geheime „Mirage 3C“ in Augenschein nehmen und sogar das Cockpit fotografieren. Von den detailgetreuen Zeichnungen der Jets und der Luftkämpfe waren die Generäle später so angetan, dass sie den Zeichner Jijé mehrmals beauftragten, Jets für die offiziellen Kalender der französischen Luftwaffe zu zeichnen. Und oft genug war Charlier seiner Zeit voraus. In den Alben über den Abwurf einer Atombombe über dem Mururoa Atoll beispielsweise deutet er die Entwicklung von Mini-Atombomben für Mirage-Jets an – drei Jahre bevor dieses Waffensystem erstmals tatsächlich getestet wurde.

In Frankreich fanden hurra-patriotische Comics wie diese immer ein großes Publikum. Die Tanguy-Geschichten sind bis heute immer wieder neu aufgelegt worden. Sie dienten auch als Vorlage für eine gleichnamigen TV-Serie, die 39 Teile umfasste und Tanguy und Laverdure zu nationalen Ikonen stilisierte. An der TV-Serie hatte Charlier ebenso akribisch mitgewirkt wie das Militär, das bereitwillig Flughäfen und Mirage-Jets für die Dreharbeiten bereitstellte. 2006 wurden die Tanguy-Geschichte noch einmal in dem weltweit vertriebenen Kinofilm „Sky Fighters“ neu erzählt: Top Gun à la francaise.

Aus deutscher Sicht mag man sich heute ein wenig darüber wundern, dass die militaristischen Piloten-Abenteuer über Angriffe auf arabische Wüsten ausgerechnet 1968 und 1969, zeitgleich zu den Studentenrevolten, so überaus populär waren. Dass quasi in der „jugendlichen“ Darstellungsform des Comic ganz unverhohlen Propaganda für staatstragende, konservative Politik gemacht wurde. „Diese Flieger-Serie war eine französische Institution, in der, völlig unbeeindruckt von den Linken, alte Ideale weiterlebten und die Atomstreitmacht Frankreich als eine Notwendigkeit dargestellt werden konnte“, sagt Comic-Forscher Dolle-Weinkauf. „Modern“ war an diesen Bilder-Geschichten vor allem eines – die Verherrlichung der Technik und damit einhergehend die Ästhetisierung von Jets, Piloten und Luftkämpfen. „Nach den traditionellen Abenteuer-Comics der früheren Jahre, also Western- und Piraten-Geschichten, stand hier die Technik im Vordergrund. Das hat damals vor allem Jungen angesprochen, die sich in den Details von Triebwerken, ein- oder zweisitzigen Jets vertiefen konnten“, sagt Dolle Weinkauf.

Vor dem Hintergrund, dass kürzlich führende französische Intellektuelle wie André Glucksmann oder Bernard-Henri Lévy die Angriffe der französischen Luftwaffe auf Gaddafi ausdrücklich befürworteten, kann man solche Comic-Bilder auch als spektakuläre, actionreiche Illustration des französischen Geisteslebens deuten.

In Deutschland waren Tanguy und Laverdure zwar auch bekannt – nur waren sie hier bei weitem nicht so populär wie Frankreich. In den 60ern wurden die Piloten zunächst in den von Rolf Kauka herausgegebenen „Fix und Foxi“-Heften als „Rolf und Miki“ eingeführt. Größere Popularität erlangten sie ab 1974 durch die serielle Veröffentlichung in der Springer-Zeitschrift „Zack“. Das Medien-Echo auf diese Geschichten war eher negativ: Die Stories wurden als nationalistisch und militant kritisiert. Dafür warb die Bundeswehr mit ganzseitigen Anzeigen für die Luftwaffe in „Zack“. Das passte damals gut zusammen. Heute würde man im Verteidigungsministerium vermutlich von solchen PR-Maßnahmen absehen: Angesichts der deutschen Weigerung, sich an den Luftangriffen gegen Gaddafi zu beteiligen, würde eine Anzeige der Luftwaffe in einem „Tanguy und Laverdure“-Comic doch etwas seltsam wirken.

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