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Am Ende kam die Hilfe für den kleinen Jungen zu spät.

Toter Julen

Spanien: Opfer der „Mondscheinlöcher“

Die Tragödie um den kleinen Julen wirft viele Fragen auf.

Den kleinen Julen kannten die wenigsten Menschen persönlich. Dennoch: Das Schicksal des Jungen, der in der Nacht zum Samstag in einem tiefen Loch tot geborgen wurde, hat knapp zwei Wochen lang ganz Spanien und die halbe Welt in Atem gehalten. Laut einem vorläufigen Autopsiebericht sei er noch am Tag des Unglücks an Kopfverletzungen gestorben, wie spanische Medien am Sonntag berichteten.

Die Rettungskräfte bekamen Solidaritätsbekundungen aus allen Ecken Europas und auch aus entfernten Ländern wie Argentinien oder Costa Rica. Aber vielleicht leistet der Unfall einen Beitrag zur Sensibilisierung für ein damit ans Licht gebrachtes Problem: Der tiefe Brunnenschacht, in den das Kind bei einem Ausflug stürzte, war zuvor auf der Suche nach Wasser ohne Genehmigung gegraben worden – in Spanien keine Seltenheit.

Nach Schätzung der Umweltorganisation Greenpeace gibt es im ganzen Land über eine Million solcher illegaler Löcher. Die Zeitung „El Mundo“ schrieb, in Wirklichkeit seien es viel mehr. Und „Bohrungen, die nicht zum Erfolg führen, werden mehr schlecht als recht zugedeckt“. Die Journalistin und Autorin Cristina López Schlichting sprach am Sonntag in ihrer Radiosendung von einer „schrecklichen Fahrlässigkeit“, von der die meisten Spanier nichts gewusst hätten.

Auch Zweifel an den Rettern

Obwohl Spanien mit Stauseen sehr gut ausgestattet ist, leiden viele Regionen unter Wassermangel. Wie Greenpeace beklagt, wird in Landwirtschaft, Industrie und Haushalten viel Wasser verschwendet. Viele Grundstücke sind zudem nicht ans Versorgungssystem angeschlossen.

Viele Grundstücksbesitzer beauftragen sogenannte „Poceros“, Löchergräber, mit Bohrungen, die oft in wahren Nacht- und Nebelaktionen nur bei Mondbeleuchtung gegraben werden. Im Volksmund heißen diese Schächte „Mondscheinlöcher“. Der „Pocero“ Antonio Jesús Perálvarez, der pro Loch 2000 bis 4000 Euro kassiert, erzählte „El Mundo“: „Meine Aufgabe ist es, das Loch zu bohren. Um die Abdeckung kümmert sich auch bei legalen Bohrungen der Auftraggeber.“ Normal sei es, die Öffnung mit einem großen Stein zuzudecken.

Julens Vater, ein arbeitsloser Marktverkäufer, räumte ein, dass das nur 25 Zentimeter breite Unfall-Loch auf dem Grundstück eines Bekannten wohl nicht ausreichend gesichert war: „Es war mit einigen Steinen zugedeckt, die sie draufgelegt haben.“ Niemand habe diese Steine entfernt. „Aber sie waren wohl nicht ganz fest. Julen ist wohl draufgetreten und durchgerutscht.“

Auch wenn die Behörden schon Tage vor der Entdeckung der Leiche Ermittlungen eingeleitet hatten: Die Schuldfrage beschäftigte die Spanier zunächst eher weniger. Im armen Málaga-Vorort El Palo, wo die Familie wohnt und wo der Kleine immer mit seinem grünen Dreirad unterwegs war, sind die Menschen untröstlich. Man weiß dort: Die Eltern hatten 2017 einen Sohn verloren, der mit drei Jahren einem Herzversagen erlag.

Während sich die Bergarbeiter durch den Felsen bis zu Julen durchkämpften, war das Kind in Cafés und Büros tagelang Gesprächsthema Nummer eins. Dabei wurden oft Zweifel an der Arbeit der Retter laut. „Findet ihr nicht, dass man für die Rettungslöcher zu lange gebraucht hat?“, fragte etwa Rentner José in einer Madrider Kneipe in die Runde.

Die an der Suche beteiligten Experten und Politiker sowie die meisten unabhängigen Beobachter mit Fachkenntnissen hatten stets alle Zweifel und jede Kritik zurückgewiesen. Schlechte, zu langsame Arbeit? „Nichts wurde dem Zufall überlassen. Eine vergleichbare Aktion hat es noch nie gegeben“, sagte zum Beispiel der Präsident des Feuerwehrverbandes von Málaga. Man habe „eine sehr anspruchsvolle Ingenieursarbeit, für die man eigentlich Monate braucht, in Tagen geschafft“.

Dass Julens Tod wohl hätte vermieden werden können, dämmerte den Spaniern am Wochenende mehr und mehr. Der Delegierte der Zentralregierung in Andalusien, Alfonso Gómez de Celis, rief dazu auf, alle illegalen Schächte zuzuschütten. „Solch ein unheilvoller Zwischenfall darf sich bei uns niemals wieder ereignen.“ (dpa)

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