Khadjou Sambe will der Welt zeigen, „was ein Schwarzes Mädchen alles tun kann“.
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Khadjou Sambe will der Welt zeigen, „was ein Schwarzes Mädchen alles tun kann“.

Senegal

„Hier bin ich frei“

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Heiraten, kochen, Kinder kriegen: Das wird von Frauen im Senegal oft erwartet, sagt Khadjou Sambe. Trotz vieler Hindernisse geht die talentierte Surferin einen anderen Weg - und träumt nun von Olympia.

Khadjou Sambe hört schon gar nicht mehr hin. Wenn der 25-jährigen Senegalesin noch heute jemand sagen will, was sich für eine Frau gehört, dreht sie sich um und geht ihren Weg – am liebsten runter zum Strand, wo ihr Brett auf sie wartet. Darauf paddelt sie aufs offene Meer hinaus, schwingt sich auf die erste geeignete Welle und fühlt sich „glücklich wie eine Nixe“. „Das Meer ist meine zweite Familie, die Wellen meine Freunde und das Brett mein Geliebter“, lacht die erste professionelle Surferin ihrer westafrikanischen Heimat: „Hier bin ich frei.“

Das war nicht immer so. Als Khadjou Sambe vor zwölf Jahren mit ihren Vettern am Strand der senegalesischen Hauptstadt Dakar auf den Wellen zu reiten lernte, legten sich die Stirne in Falten: Dass ein Mädchen einem derart athletischen und waghalsigen Zeitvertreib nachging, war der muslimischen Bevölkerung ein Dorn im Auge. Als Sambe drei Jahre später noch immer nicht von ihrer Leidenschaft lassen wollte, war auch die Geduld ihrer Eltern vorbei: „Du bringst Schande über unsere Familie“, bestimmten sie, „hör auf!“ Khadjou Sambe gab sich zumindest vorübergehend geschlagen. „In Senegal ein Mädchen zu sein bedeutet, in die Schule zu gehen, zu heiraten, zu kochen und Kinder zu kriegen“, sagt die Surferin: „Ich bin zwar stolz darauf, eine Muslimin zu sein. Aber das ist nicht mein Lebensstil.“

Zwei Jahre lang quälte sie sich durch ihr ungeliebtes Leben – bis eine Italienerin namens Marta in ihren Stadtteil einzog. Sie eröffnete mit ihrem senegalesischen Mann eine Surfschule an Dakars Yoff-Strand und suchte nach einer Assistentin für ihren Unterricht. Weil der Job Geld bedeutete, ließen sich diesmal auch Khadjou Sambes Eltern breitschlagen. Seitdem ist die Nixe wieder in ihrem Element: „Surfen ist die beste Sache meines Lebens. Ich liebe alles, was damit zusammenhängt, und denke fast ununterbrochen an Wellen.“

Dakar liegt am äußersten westlichen Ende des afrikanischen Kontinents: Hier brechen sich die Wellen des Atlantischen Ozeans, von keiner Bucht oder Insel behindert. Seit sich die beiden kalifornischen Surfer Mike Hynson und Robert August 1966 auf den Weg machten, um für den Kultfilm „The Endless Summer“ die perfektesten Wellen dieser Welt zu finden, nimmt Senegals Küste auf der Hitliste der Wellenreiter:innen einen festen Platz ein. Vor allem im europäischen Winter, wenn die Brandung am Yoff-Strand am höchsten ist, treffen dort Surferinnen und Surfer aus zahlreichen Ländern ein. Längst hat die Passion auch die einheimische männliche Jugend erfasst – vor allem die garçons des traditionellen Fischervolks der Lebou haben ihre Liebe für den Sport entdeckt. „Wir Lebous sind wie Delphine“, sagt Sambe: „Im Gegensatz zu den meisten anderen Senegalesen lieben wir das Wasser.“

Unterdessen sieht sich die Surferin mit einer einzigartigen Chance konfrontiert. Erstmals in der Geschichte des olympischen Sports wurde das Surfen ins Programm der Olympiade in Tokio genommen: „Selbstverständlich werden wir dabei sein“, ist sich René Pierre Lares, Trainer der senegalesischen Surf-Nationalmannschaft, sicher. Tatsächlich werden dem westafrikanischen Staat neben Südafrika und Marokko die besten Chancen auf dem Kontinent eingeräumt, ein Team bestehend aus zwei männlichen und zwei weiblichen Surfer:innen nach Japan schicken zu können. Wer die erste der beiden Olympionikinnen sein wird, steht heute schon fest: Nur für den zweiten Platz muss noch eine geeignete Kandidatin gefunden werden. „Klar will ich nach Tokio“, sagt Sambe: „Ich will der Welt zeigen, was ein Schwarzes Mädchen alles tun kann.“

Ihren internationalen Durchbruch hat die Surferin bereits hinter sich – dank der Afro-Amerikanerin Rhonda Harper, die vor zehn Jahren in ihrer kalifornischen Heimat die Vereinigung „BlackGirlsSurf“ gegründet hatte. Auf der Suche nach neuen Talenten auch aus anderen Teilen der Welt stieß Harper auf ein Video mit Khadjou Sambe: „Sie surfte auf einem Niveau, wie ich das zuvor noch nie gesehen hatte“, erinnert sich Harper. Nur die Verständigung mit ihrer französisch und Woloff sprechenden Entdeckung stellte sich als kompliziert heraus: „Die ersten zwei Jahre waren wir auf Google Translate angewiesen.“

Das änderte sich, als die „BlackGirlsSurf“-Gründerin Khadjou Sambe im Jahr 2016 nach Kalifornien holte, um dem Naturtalent den für internationale Wettbewerbe nötigen Schliff zu verpassen. „Es war wie der Versuch, einen Tornado mit einem Seil einzufangen und bezwingen zu wollen“, lacht Harper: „Sie ist eine unglaublich dynamische Surferin.“ Bald sorgte ihre Entdeckung in Kalifornien für Furore: Der Bericht eines TV-Senders löste eine Spendenflut aus, und in der fernen Heimat wurde sie plötzlich als Nationalheldin verehrt. Wenn sie mit anderen schwarzen Surferinnen auf den Wellen unterwegs sei, werde Sambe zu einer anderen Person, sagt Harper: „Das ist für mich ein black girl’s moment.“

Mittlerweile ist Khadjou Sambe wieder nach Hause zurückgekehrt und hofft, dass das mit der verschobenen Olympiade in Tokio bald Wirklichkeit wird. Am Strand von Dakar weist sie nicht wasserscheue Senegalesinnen in „die große Freiheit“, das Wellenreiten, ein und wird hin und wieder von Rhonda Harper trainiert. Dann brechen die beiden Surferinnen schon morgens um vier Uhr zum Meer auf, um die besten Wellen zu fangen. Und auch den Rest des Tags verbringt Khadjou Sambe mit Unterricht und Training – ein Surferinnenleben par excellence.

Nur der Gedanke, einmal eine Familie zu gründen, mache sie etwas nervös, räumt Khadjou Sambe ein: „Dann muss ich das Wellenreiten womöglich an den Nagel hängen, weil sich das nicht mit meiner Rolle als Mutter vereinbaren lässt.“ Aber dann fügt die Wassernixe erleichtert hinzu: „Vielleicht finde ich ja einen Surfer als Mann, der unseren Kindern das Wellenreiten beibringt. Dann gehen wir alle zusammen an den Strand. Das wäre mein Traum.“

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