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Heuschnupfen: Da blüht uns wieder was!

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Von: Anne Vogd

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Schön anzusehen, aber für Allergiker eine Qual.
Schön anzusehen, aber für Allergiker eine Qual. © Imago

Endlich lockt der Frühling mit all seiner Pracht. Aber genau dies ist ja das Problem: Kabarettistin Anne Vogd hat Heuschnupfen.

Und? Wie finden Sie den Frühling so? Also, ich finde ihn atemberaubend . Ja, weil grundsätzlich jeder Frühling für mich erst mal zum Heulen ist. Dabei habe ich gerade gestern erst beim Spazierengehen so viele Pollen geschluckt, dass irgendwann doch auch ICH mal „aufblühen“ müsste wie zum Beispiel die Taschentuchbranche oder die Spaziergangindustrie. Deren Umsätze können in diesen Tagen doch mit jeder Pollenentladung mithalten. Sie könnten nur noch getoppt werden, wenn jetzt – neben den üblichen beigen Übergangsjacken - partikeldichte Schutzanzüge das Sortiment bereichern würden. Am besten mit integrierter Taucherbrille und einem Schnorchel, der so lang ist wie der Feldberg hoch. Denn da oben ist die Luft pollenfrei. Da gibt es keinen Blümchensex.

Aber hier unten blüht uns was. Und das auch noch jedes Jahr ein bisschen früher – dank der globalen Erwärmung. „Pollen im Anflug“, „Gefahr vom frischen Grün“, „längere Allergiesaison“ … okay, auch die Schlagzeilen sprießen … Mein Mann hat in der Küche jetzt einen Pollenflugkalender aufgehängt – man muss ja seinen Gegner kennen, wenn man ihn schlagen will. Und im Wohnzimmer hat er einen neuen Teppich … Huch … nein, das ist ja gar kein neuer. Der alte ist nur feenstaubmäßig mit einer weißlichen Pollenschicht bedeckt …

Gelb hingegen ist mein Auto – vom Blütenstaub. So was von gelb … Als ich gestern kurz in zweiter Reihe gehalten habe, wurde ich für einen DHL-Boten gehalten. Heute hat dann noch ein Fußgänger an einer roten Ampel seine Post durch den Spalt meines Schiebedachs geworfen. Und ich war zu schwach, um zu widersprechen.

Ach, wenn ich doch von Lungen- auf Kiemenatmung umsteigen könnte … Das Luftholen hört sich bei meiner Form von knatternder Bronchopathie doch eh schon an wie Schnorcheln. Und die Gesichtserkennung vom Handy funktioniert auch nicht mehr, seit die Birke blüht. Weiße Rinde, rote Augen …

Wo sind die Gratis-Taschentücher?

Auch in der U-Bahn trage ich jetzt Sonnenbrille. Alles Folgen der nasalen Kettenreaktion. Und dann dieses heftige Niesen. Gestern passierte es auf der Fahrt zum Büro. Mit Hustenbonbon im Mund. Ich musste erstmal bei Carglass ranfahren … Und liebe Fußgänger:innen. Auch ich gehe öfter mal zu Fuß. Also tragen Sie ab jetzt bitte einen Helm. Von einer 200 Kilometer pro Stunde schnellen Lutschpastille getroffen zu werden, ist kein Spaß.

Gesellschaftlich kommen solche Geräusche in Pandemiezeiten ja eher so semi an. Ich werde angeschaut wie ein hochansteckendes Monster. In der Kassenschlange im Supermarkt falle ich – vom Warentrenner bis zum Schlangenende – in serielle Ungnade: Ich müsste ständig rufen: „Es ist nur Heuschnupfen!“, damit keine Hysterie ausbricht, aber auch dafür bin ich zu schwach.

Die Selbstheilungskräfte meines Körpers reichen einfach nicht mehr aus. Also schleppe ich mich zur Apotheke. Ich sehe aus wie ein Ochsenfrosch und höre mich an wie eine kaputte Teichpumpe, die Luft ansaugt. Ich verlange mit letzter Kraft nach Tropfen und Nasenspray. Allergietabletten will ich nicht mehr. Zwar tränen meine Augen dann nicht mehr – aber auch nur, weil sie mir vorher zufallen. So müde machen die ….

Die freundliche Apothekerin überreicht mir das ‚Care-Paket‘ und lässt galant noch eine kleine Überraschung in das Tütchen plumpsen. Wieder draußen, überkommt mich augenblicklich eine heftige Niesattacke. Es hört sich an wie ein Unfall einer bayrischen Blaskapelle: Die Druckwelle streckt Passanten nieder, bringt geparkte Autos zum Rollen und lässt Schaufenster bersten. Panisch suche ich in der Tüte nach dem üblichen Gratis-Päckchen Taschentücher. Ich hätte mich in dem Moment wirklich über nichts mehr gefreut. Aber mein Griff ging ins Leere. Naja, nicht ganz: Das Giveaway diesmal war nur sehr viel kleiner. Es war ein „Naturbursche“, ein Tütchen mit einer Gräser-Samen-Mischung mit der Aufschrift „Let love grow“. Ist es nicht krass, was man nicht so alles tut, um seine Kundschaft an sich zu binden? n

Anne Vogd ist Autorin des FR-Wochenendmagazins FR7. Der Titel ihres Buches „Ich hab’s auch nicht immer leicht mit mir“ (Ullstein) ist durchaus wörtlich zu nehmen.

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