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„Alles kann von heute auf morgen verschwinden. Man hat keine Gewissheiten“, sagt ein Buchhändler.

Notre Dame

Als das Herz der Stadt brannte

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Die ganze Welt sah in den Medien, als im April die berühmte Kathedrale Notre-Dame in lodernden Flammen stand.Doch wie erlebten die Menschen in Paris jene schicksalhafte Nacht?

So eigenartig giftig gelbe Wolken wie an jenem Abend des 15. April hatte Iris Hollweg noch nie zuvor gesehen. Wolken, die tief am Himmel standen, als die in Paris lebende Deutsche gerade mit ihrer Tochter Antonia von einem Spaziergang durch den Park Jardin du Luxembourg kam. „Wir fragten uns, woher diese Wolken und der Rauch kamen, der nach unten drückte.“ Waren es Farbenspiele am Himmel? Handelte es sich um einen Anschlag? Oder um einen Brand? „Irgendwann bekam ich eine dumpfe Vermutung, als ich jemanden beim Vorbeigehen auf der Straße ‚Notre-Dame‘ sagen hörte“, erzählt Iris Hollweg.

Auf der Suche nach Gewissheit gingen die beiden Frauen immer weiter den Boulevard Saint-Germain entlang in Richtung Seine und stellten sich dort in eine kleine Gasse, von der aus sich ihnen der Blick auf Notre-Dame bot – und ein schockierendes Bild: „Ich habe noch nie so große Flammen gesehen. Einmal in Australien bekam ich von weitem Waldbrände mit, aber das war nicht dasselbe.“ Passantinnen und Passanten schlugen die Hände vors Gesicht und weinten.

Zugleich war die beobachtende Menge ganz still – so als hätten alle gleichzeitig den Atem angehalten. Laut, so erinnert sich die 54-Jährige, war hingegen das Verbrennen des Balkenwerks aus dem 13. Jahrhundert. Irgendwann krachte der Spitzturm ins Innere der Kathedrale – und die Menschen stöhnten erschrocken auf. Im Auto in Richtung Paris sitzend rief Iris Hollwegs Mann beunruhigt an: Von der Autobahn aus hatte er gesehen, dass die Stadt in einer Rauchwolke lag.

Später am Abend traf die Familie im Umkreis der Kathedrale immer wieder auf Gruppen von Menschen, die stille Kirchenlieder sangen. „Es war sehr ergreifend“, schildert Iris Hollberg. „Notre-Dame lag im Dunkeln. Nur manchmal sprangen Glutfunken aus dem Dach.“ Am nächsten Tag ging sie erneut zur Kathedrale, die noch in der Nacht komplett gelöscht worden war; entgegen Befürchtungen hatten immerhin die Zwillingstürme standgehalten.

„Es herrschte nicht mehr dieselbe andächtige Stimmung wie am Abend, sondern eine Art Entsetzen“, sagt Hollberg. „An der Stelle des Dachs klaffte ein Loch. Man zählte die Rosettenfenster, die heil geblieben waren – oder eben nicht.“ Schade sei es gewesen, sagt sie heute, dass Notre-Dame mehrere Monate nach dem Brand nicht mehr wie zuvor beleuchtet war. Die Kathedrale blieb lange in Dunkelheit gehüllt, so als habe Paris diese Wunde in seinem Herzen verstecken wollen. Dabei war sie allgegenwärtig in den Köpfen und in den Gesprächen. Der Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“ von Victor Hugo kletterte auf die erste Stelle der Bestsellerlisten.

Viele Menschen aus der ganzen Welt, französische Gemeinden und Regionen zudem spendeten spontan. Kundinnen und Kunden der Kaufhauskette Monoprix zum Beispiel konnten bei Einkäufen die Beträge aufrunden, um Minispenden für Notre-Dame zu machen. Die bestürzten Reaktionen zeigten den immensen Wert der gotischen Kathedrale für die Menschen, die im exakten Zentrum der Stadt liegt: Von ihrem Vorplatz aus wird der Abstand von Paris zu allen anderen Orten gemessen.

Mehr als acht Monate nach der Brandkatastrophe geht es immer noch ums Wundenlecken. Eine Fernsehreportage enthüllte gerade Bilder aus dem gespenstisch leeren Innenraum: Die heruntergefallenen Steine wurden inzwischen weggeräumt und lagern geordnet in Zelten auf dem abgesperrten Vorplatz der Kathedrale, damit Wissenschaftlerinnnen und Wissenschaftler sie untersuchen können. Einige der Steine dürften für den Wiederaufbau verwendet werden; aber daran ist noch längst nicht zu denken, sagt Philippe Villeneuve.

Noch gehe es vordergründig um die Stabilisierung des Gebäudes, so der Chefarchitekt. „Man kann keinesfalls sagen, dass Notre-Dame schon gerettet ist.“ Ein riesiges Gerüst ragt wie ein Skelett in die Luft, mit dessen Abbau eine heikle Aufgabe bevorsteht, da die Rohre bei dem Brand teilweise geschmolzen sind. Es war für Renovierungsarbeiten errichtet worden, die im Frühjahr gerade im Dachstuhl durchgeführt wurden – hier hatte sich das Feuer entfacht, dessen genaue Ursache weiterhin unbekannt ist. Klären soll sie eine juristische Untersuchung, welche sich lange hinziehen dürfte.

„Es war sehr ergreifend“, schildert eine Augenzeugin.

Und so ist Geduld gefragt. Es erscheint unklar, ob das Gebäude wirklich wie von Präsident Emmanuel Macron versprochen schon im Jahr 2024, wenn Paris die Olympischen Spiele ausrichtet, wieder zugänglich sein wird, ob und wann die Gläubigen der Kirchengemeinschaft zumindest eine provisorische Möglichkeit zum Gebet bekommen. Nach der Brandkatastrophe brachte die Regierung ein Gesetz ein, das höhere Steuerermäßigungen für Spenden vorsah sowie Ausnahmen beim Denkmal- und Umweltschutz und für öffentliche Ausschreibungen, um die Arbeiten zu beschleunigen und die von Macron vorgegebene Frist von nur fünf Jahren für den Wiederaufbau einhalten zu können. Expertinnen und Experten warnten allerdings vor einem überstürzten Vorgehen bei der mehr als 850 Jahre alten Kathedrale.

Zumindest am Geld soll es nicht scheitern: Von den insgesamt 922 Millionen Euro, die zugesagt worden waren, sind inzwischen 834 Millionen tatsächlich eingegangen, hieß es kürzlich aus dem Umfeld des Generaldirektors für Kulturerbe, Philippe Barbat. Hohe Summen kamen dabei von Großindustriellen wie den Chefs der Luxuskonzerne LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) und Kering, Bernard Arnault und François Pinault, aber auch von den Konzernen L’Oréal und Total.

Die Frage, die die Öffentlichkeit wohl am meisten umtreibt, ist jene des künftigen Aussehens der Kathedrale. Wird sie inklusive des zerstörten Spitzturms wieder aufgebaut, den der Architekt Eugène Viollet-le-Duc erst im 19. Jahrhundert hinzufügte? Oder ist ein „moderner Touch“ denkbar, wie ihn Macron in Aussicht gestellt hat? Die Regierung versprach einen internationalen Architektenwettbewerb, eine gemeinschaftliche Entscheidung nach ausgiebigen Beratungen. „Ich hoffe zwar, dass Notre-Dame bald wieder so aussieht wie zuvor. Wenn es nach mir geht, dann muss der Spitzturm aber nicht sein, denn er gehört ja eigentlich gar nicht zum historischen Erbe“, sagt Tai-Luc.

Der Bouquiniste – so heißen die Buchhändler, deren Ware in aufklappbaren Kästen an den Ufern der Seine liegt – kann von seinem Stand aus die Spitze der Zwillingstürme sehen. Auch am Abend des 15. April war er hier, blickte ungläubig auf die Flammen und empfand ein Gefühl der Machtlosigkeit. Sein Weg zur Arbeit führte ihn jeden Tag an der Kathedrale vorbei, bis der Vorplatz nach dem Brand abgesperrt wurde. „Sehr bewegt und traurig“ sei er durch den Brand gewesen, der ihm die Vergänglichkeit vor Augen geführt habe, sagt der 61-Jährige. „Alles kann von heute auf morgen verschwinden. Man hat keine Gewissheiten.“

Eine Gewissheit gibt es aber doch: dass Notre-Dame wieder aufgebaut wird. Vielleicht schon in fünf Jahren, vielleicht erst später. Aber die Kathedrale gehört zu Paris – ja sogar mehr denn je.

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