Herta Müller entsetzt über Pastior

Fassungslos hat Herta Müller auf die Enthüllung neuer Spitzelvorwürfe gegen ihren langjährigen Freund und Kollegen Oskar ...

Berlin. Fassungslos hat Herta Müller auf die Enthüllung neuer Spitzelvorwürfe gegen ihren langjährigen Freund und Kollegen Oskar Pastior (1927-2006) reagiert. Sie sei "entsetzt" und "verbittert", sagte die Literaturnobelpreisträgerin der Nachrichtenagentur dpa.

Die Berichte, nach denen der Büchner-Preisträger jahrelang für den rumänischen Geheimdienst Securitate Kollegen und Freunde ausgehorcht und denunziert haben soll, haben die 57-Jährige tief enttäuscht. "Ich werde ihn nicht mehr in Schutz nehmen können und diese neuen Fakten entsprechend einordnen müssen."

Ihr Buch "Atemschaukel" hätte sie in Kenntnis der neuen Vorwürfe wohl nicht so geschrieben, sagte Müller. Noch Mitte September hatte sich die Autorin nach der Veröffentlichung erster Spitzel-Vorwürfe gegen den Dichter zu ihrem langjährigen Freund bekannt. "Ich muss mich nicht von Oskar Pastior distanzieren. Ich habe einen Menschen weiter so lieb, wie ich ihn vorher hatte", sagte sie damals. Allerdings lagen zu diesem Zeitpunkt Pastiors Spitzelberichte noch unentdeckt in den Securitate-Archiven in Bukarest.

Doch nachdem am Dienstag der rumänisch-deutsche Literaturredakteur Dieter Schlesak in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (F.A.Z.) aus seiner Securitate-Akte erstmals Berichte von IM "Stein Otto", so Pastiors Deckname, zitierte, ist nicht nur bei Müller das Wohlwollen am Ende. "Es gibt Oskar Pastior zweimal. Ich lerne erst jetzt den zweiten kennen. Und das verbittert mich", sagte Müller.

Auch der Direktor des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südeuropas in München, Stefan Sienerth, der im September erstmals über Pastiors Spitzeltätigkeit berichtet hatte, sagte, Pastior müsse als Mensch bewertet werden - "nicht als Dichter". Bislang sei er der Meinung gewesen, der Schriftsteller habe sich aus Angst zur Zusammenarbeit mit der Securitate zwingen lassen, sei aber dabei bedacht gewesen, möglichst niemandem zu schaden. "Diese Ansicht muss ich nun revidieren", sagte Sienerth der "F.A.Z.".

Müllers Buch "Atemschaukel", das unter anderem auf Pastiors Erinnerungen an die Gefangenschaft in einem sowjetischen Lager beruht, hätte sie so nicht geschrieben, sagte Müller. "Es wäre zu der Zusammenarbeit mit Oskar Pastior wohl nicht gekommen, wenn ich von seiner Verstrickung mit der Securitate gewusst hätte", sagte die Autorin, die im vergangenen Jahr den Literaturnobelpreis bekommen hatte. Pastior war im Jahr 2006 gestorben. Als "Poet der Moderne" galt er als einer der renommiertesten Lyriker der Gegenwart.

"Ich bin entsetzt. Mit den Gefühlen muss ich allerdings selbst fertig werden, das Hauptproblem sind die Tatsachen", sagte Müller der dpa. "Die neuen Berichte haben mein Bild über Oskar Pastior verändert. Mit der Unschuld ist es nun vorbei. Ich werde ihn nicht mehr in Schutz nehmen können und diese neuen Fakten entsprechend einordnen müssen."

Schlesak, der in den 60er Jahren Redakteur der Zeitschrift "Neue Literatur" war, schrieb in der "F.A.Z", Pastior habe es als "Freund" leicht gehabt, ihn auszuhorchen. Er habe offenbar auch die "Tragödie" um den ebenfalls bespitzelten siebenbürgischen Dichter Georg Hoprich zu verantworten. Der ständig von der Securitate verfolgte Hoprich nahm sich 1969 das Leben. Müller nannte allerdings diesen Vorwurf "unverantwortlich", er beruhe auf Hörensagen.

Bisher habe sie geglaubt, Pastior habe wie tausende anderer "Inoffizieller Mitarbeiter", die in den 50er und 60er Jahren unter dem Druck der Haftandrohung standen, durch eine Verpflichtungserklärung versucht, seinen Kopf aus der Schlinge zuziehen. "Man unterschrieb, lieferte aber dann keine Berichte. Solche Fälle gibt es tausende aus jener Zeit. Diese Annahme hat sich als Irrtum erwiesen. Ich halte es nun für wahrscheinlich, dass es weitere Berichte von Oskar Pastior gibt."

Müller sagte, Pastior sei als junger Mensch aus einem sowjetischen Lager in die Unfreiheit entlassen worden. "Er war in einem Spagat gefangen zwischen seiner Homosexualität und den Erpressungsmöglichkeiten der Securitate." Sieben Gedichte, die er über das Lager geschrieben hatte, seien ihm zum Verhängnis geworden, weil sie als anti-sowjetische Hetze galten. (dpa)

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