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Die Ameisen sind im Kommen.

Der Herr der Ameisen

Es wird wohl eher nicht das Haustier der Zukunft, aber Detlef Ollesch folgt dem Trend zum Sechsbeiner: Der 53-Jährige hält Ameisen und ist so Teil einer kleinen Szene.

Die Sache mit den Rosen geht Detlef Ollesch bis heute nach. „Ein Anfängerfehler.“ Ollesch grinst. Es ist warm in seiner Solinger Dachwohnung. Ringsum an den Wänden stapeln sich Behälter mit Vogelspinnen, Skorpionen und Ameisenköniginnen. Dazwischen zwei Terrarien mit Treiberameisen. Die Tiere mögen es kuschelig. Sein Lieblingsvolk, rund 300 000 Blattschneiderameisen der Art Atta cephalotes, ist gerade ausgeliehen an einen Supermarkt in Österreich.

Ollesch war 16, als er sein erstes Volk in der Wohnung der Eltern beherbergte: Zwei Millionen Blattschneiderameisen in knapp 50 miteinander verbundenen Becken. Mittendrin ein großer Pilz und die Königin. Ollesch gerät heute noch ins Schwärmen, wenn er daran denkt. 1980 hatte er das anfangs noch kleine Volk dem Zoo in Leiden abgekauft. „Für 500 Gulden. Mein ganzes Erspartes ging dafür drauf.“ Und weil das Geld trotzdem nicht reichte, schoss die Mutter den Rest dazu.

Drei Jahre später passierte die Sache mit den Rosen. „Im Sommer habe ich das Volk in den Garten gelassen, damit es sich selber ernährt. In der ersten Nacht sind zwei Millionen Tiere raus und haben in der Siedlung auf 400 Meter Länge alle Rosenblätter geschnitten.“ Ollesch musste die Nachbarschaft abklappern und sich entschuldigen. Krummgenommen habe ihm den Vorfall niemand. „Im Gegenteil. Die Nachbarn haben angefangen, sich für meine Ameisen zu interessieren.“ Einige Jahre später gab er das Volk an den Kölner Zoo ab.

Schon als Kind, sagt der gelernter Chemikant, habe er sich für alles interessiert, was kriecht und krabbelt. „Im Schrebergarten der Oma habe ich mit Regenwürmern und Spinnen herumgespielt.“ Im Kleiderschrank im Kinderzimmer versteckte er Colaflaschen, gefüllt mit Quarzsand und Ameisen. Inzwischen ist aus dem kindlichen Interesse eine veritable Passion geworden. „Mich fasziniert die Schwarmintelligenz staatenbildender Insekten“, sagt der 53-Jährige. „Ich spiele auch gern Strategiespiele.“ Vor allem Blattschneiderameisen haben es ihm angetan.

Die Tiere leben in Symbiose mit einem Pilz, der ihnen als Nahrung dient und den sie in einem unterirdischen Nest mit Blüten- und Blätterschnipseln ernähren. Eine Art Kamin, der aus der Erde ragt, der für die Belüftung des Nests sorgt – und Ollesch verrät, wo in der Erde er eine Kolonie finden kann.

Ameisenimport aus Südamerika

Zweimal im Jahr fliegt er nach Costa Rica, um mit Erlaubnis der dortigen Behörden junge Blattschneiderameisenvölker auszugraben und, sorgsam verpackt in kleine Plastikdosen, nach Europa zu exportieren. „Blattschneiderameisen gelten in Mittelamerika als Schädlinge. Dort ist man froh, sie loszuwerden. Eine Königin legt bis zu 3000 Eier pro Tag. Wenn die Völker sehr groß sind, können sie Straßen unterhöhlen und Hänge zum Abbrechen bringen.“ Bis 2015 belieferte Ollesch Privatleute, Zoos und Großhändler in ganz Europa. „Beim Zoll in Costa Rica kennen sie mich und meinen großen gelben Koffer schon.“

2015 war Schluss mit dem lukrativen Geschäft. Eine Privatinsolvenz kam dem Betreiber zweier Zoohandlungen in die Quere. Die hatte er infolge einer schweren Erkrankung dicht machen müssen. Seitdem fliegt Ollesch nur noch nach Costa Rica, um einen alten Freund zu besuchen, und transportiert in seinem gelben Koffer ausschließlich Tiere für den Eigenbedarf.

Die Schar der Freunde staatenbildender Insekten wächst langsam, aber stetig. „Immer weniger Menschen halten Fische, immer mehr Ameisen“, umreißt Ollesch den Trend zum Sechsbeiner. Die Sammler tauschen sich in Blogs wie „Crazy Ants“, in Facebook-Gruppen und Foren wie dem „Ameisenportal“ aus. Ihre lebendige Ware beziehen sie größtenteils aus dem Internet.

Das Haustier der Zukunft werde die Ameise trotz allem nicht werden, dämpft Martin Sebesta aus Berlin die Euphorie. Obwohl die Vorteile der Ameisenhaltung auf der Hand lägen: „Es gibt keine Geruchs- oder Lärmbelästigung und es ist, bis auf wenige Ausnahmen, platzsparend. Ein Ameisenstaat ist außerdem ständig in Bewegung, während andere Haustiere oft still in der Ecke hocken.“

Weltweit einziges Ladengeschäft für Ameisen in Berlin

Der 42-Jährige betreibt am Seler Weg in Berlin das weltweit einzige Ladengeschäft für Ameisen. Zu seinen Kunden gehören Halter aus der ganzen Welt. In den vergangenen 20 Jahren habe sich eine kleine, aber feine Szene gebildet. „Manche Kunden aus Übersee fliegen morgens in Berlin ein, kaufen bei uns und reisen abends wieder ab.“

Auch Sebesta, gelernter Industriemechaniker, Anwendungsprogrammierer und BWL’er, interessierte sich schon als Fünfjähriger für die feingliedrigen Krabbler und beherbergte in einem umgebauten Glasbecken seine ersten schwarzen Wegameisen. Ihn faszinierten die große Vielfalt der Ameisen und ihre vielen unterschiedlichen Tätigkeiten“, sagt er.

Starter Sets für 54,90 Euro

In den 90er Jahren richtete Sebesta eine Internetseite zum Thema Ameisenhaltung ein, 2003 eröffnete er in Berlin seinen ersten Laden. Inzwischen ist der „Antstore “ umgezogen in ein modernes Fabrikgebäude und belegt rund 1000 Quadratmeter. Angeboten wird das Equipment zur Ameisenhaltung: Starter-Sets für 54,90 Euro einschließlich einer Handlupe und zehn Milliliter „Ameisenausbruchschutz“ und gläserne Formicarien – Terrarien zum Halten und Beobachten von Ameisen – gehören zum Sortiment, ebenso Regen-Nebelanlagen für Insekten. Und natürlich Ameisen aus der ganzen Welt: Eine Blattschneiderameisenkönigin mit elf bis 25 Arbeitern ist für 239,90, eine asiatische Weberameisenkönigin plus 50 Arbeiter schon für 84,90 Euro zu haben.

„Wir ziehen eigene Kolonien aus begatteten Königinnen heran“, umschreibt Sebesta sein Geschäftsmodell. Die Königinnen werden nach dem Hochzeitsflug, bei dem sie von den Männchen begattet werden, in Zuchtröhrchen angeliefert und beginnen anschließend mit dem Aufbau eines Volkes. „Schreiben Sie bitte nicht, dass wir Ameisen züchten. Das ist nämlich etwas völlig anderes.“

Ollesch hat inzwischen einen Stapel Eierkartons hervorgezogen. Zwischen den Eierkartons krabbeln Fauchschaben. Ollesch greift sich vier, fünf Tiere und wirft sie in den Futterbehälter der Treiberameisen. Die nur sechs Zentimeter tiefen Formicarien sehen aus wie große schwarze Bildschirme, hinter denen Tausende Tiere krabbeln. Ein paar Arbeiter wandern lustlos auf dem Boden des Beckens herum. Die Schaben zappeln sich wieder auf die Beine. Nichts passiert. „Abwarten“, sagt Ollesch. Er zeigt auf eine kurze, durchsichtige Plastikröhre, die Becken und Terrarium miteinander verbindet. „Sobald die Soldaten merken, dass es etwas zu fressen gibt, ist im Futterbecken der Teufel los.“

In Olleschs Daumen klafft ein winziger Schnitt. Ein feiner Blutstropfen quillt daraus hervor. Eben hat er demonstriert, wie scharf die Mundwerkzeuge der Blattschneiderameisen sind. „Die beißen durch die Haut bis auf den Knochen.“ Auch Ameisensammler leben bisweilen gefährlich.

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