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2000 Jahre unter der Lava konserviert: das Haus von Neptun und Amphitrite.

Herculaneum

Prunkvolle Unterwelt

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Lange Zeit waren die unterirdischen Teile der antiken Stadt Herculaneum nur für Wissenschaftler zugänglich. Nun können alle die Schätze bewundern.

Abendgarderobe und Opernglas sind hier unpassend. Wer ins römische Theater von Herculaneum will, muss einen Bergarbeiterhelm mit Stirnlampe aufsetzen und am besten noch eine Taschenlampe mitnehmen. Und dann geht es über einen Hauseingang am Corso Resina, der Hauptstraße des Küstenstädtchens Ercolano bei Neapel, hinab in die Tiefe, über schiefe, glitschige Stufen, in ein Labyrinth aus engen Stollen, bis zu 25 Meter unter die Stadt. Im Schein der Taschenlampe sind marmorne Sitzreihen zu sehen, Reste des Prosceniums, der antiken Theaterbühne. Rundum sind Fresken, Säulenkapitelle und Abdrücke von Statuen in Vulkangestein zu bestaunen.

Jahrzehntelang war diese archäologische Unterwelt Wissenschaftlern und Fachleuten vorbehalten – jetzt endlich sind die Stollen für alle geöffnet. Und überhaupt: In den archäologischen Ausgrabungsstätten am Vesuv tut sich etwas. Als 2010 die berühmte Gladiatorenschule in Pompeji einstürzte, sprachen internationale Medien wie die „New York Times“ noch von einer Metapher für die politische Instabilität Italiens und einem Beweis für die Unfähigkeit des Landes, sein kulturelles Erbe zu bewahren. Jahrelang machte Pompeji Negativschlagzeilen, weil antike Mauern bröckelten, der Regen Fresken und Mosaikfußböden beschädigte und es zu wenige Aufseher gab, um zu verhindern, dass Touristen massenweise Amphorenscherben stahlen.

Das Gerichtsgebäude von Herculaneum.

Nun aber, nach Jahren der Hiobsbotschaften über Zerfall und Verwahrlosung Pompejis gibt es positive Nachrichten. Im Januar ist die Gladiatorenschule nach langer Restaurierung wieder eröffnet worden. Überall in Pompeji stehen derzeit Gerüste, überall wird restauriert, Dutzende neue Archäologen und Aufsichtspersonal sollen eingestellt werden. 37 Domus, antike Wohnhäuser, sind nach langer Schließung wieder für Besucher zugänglich. Das 2014 angelaufene „Grande Progetto Pompei“ im Umfang von 105 Millionen Euro, finanziert vom italienischen Staat und mit EU-Geldern, habe eine kleine Revolution ausgelöst, sagt Massimo Osanna, der Direktor von Pompeji.

Auch in Herculaneum läuft ein auf drei Jahre angelegtes Restaurierungsprogramm. Finanzprobleme hat der 20 Kilometer von Pompeji entfernte Archäologische Park weniger, er wird seit Jahren von einer Stiftung des kalifornischen Computerunternehmers David W. Packard unterstützt, die schon 20 Millionen Euro zahlte. Dafür war Herculaneum von Bürokratie und Missmanagement geplagt, wie der Fall des „Antiquariums“ zeigt. Der millionenteure Museumsneubau direkt neben dem Ausgrabungsgelände wurde 1974 vollendet – und stand dann mehr als 40 Jahre völlig ungenutzt leer. Im Dezember nun ist er eröffnet worden, mit einer Schau zu Schmuck und luxuriösen Gebrauchsgegenständen aus Herculaneum. Weitere Ausstellungen sind geplant. Auch die Führungen im Theater zeugen von Aufbruchsstimmung unter der Regie des seit knapp zwei Jahren amtierenden Direktors Francesco Sirano.

Herculaneum steht nach wie vor im Schatten des berühmteren und größeren Pompeji, das im vergangenen Jahr mit 3,5 Millionen Besuchern siebenmal so viele zählte. Dabei ist Herculaneum sehr viel besser erhalten. Das reiche Städtchen, Ferienort der römischen Schickeria, war beim Ausbruch des Vesuvs 79 nach Christus ebenso wie Pompeji verschüttet worden. Eine glühend heiße Lawine aus Asche, Schlamm und Gasen raste mit Hunderten Stundenkilometern vom Krater herab – ein pyroklastischer Strom, wie man aufgrund der Beschreibungen von Plinius dem Jüngeren heute weiß. Während es auf Pompeji sechs Meter Vulkanasche regnete, verschwand Herculaneum in und unter einer bis zu 20 Meter hohen Schicht aus vulkanischem Material und Schlamm, der versteinerte. Wie Fossilien und Insekten im Bernstein, so wurde die antike Stadt darin eingeschlossen und konserviert. Selbst organische Materialien wie Nüsse, Getreide, Kichererbsen, Stoffe, Kleider, Holz und Papyrusrollen haben so die Jahrtausende überstanden. Sie sind in der enormen Hitze verkohlt, aber nicht zu Staub zerfallen wie in Pompei. Sogar ein fast 2000 Jahre alter versteinerter Brotlaib und eine hölzerne Kinderwiege wurden in Herculaneum gefunden.

Nach der Naturkatastrophe waren die Standorte der römischen Städte allerdings lange Zeit in Vergessenheit geraten. Direkt über Herculaneum entstand ab dem Mittelalter das Städtchen Resina, heute Ercolano. Das Theater war das erste Zeugnis der verschütteten Antike, das in der Neuzeit wiederentdeckt wurde. 1709 stieß ein Bauer auf Marmorteile der Bühne, als er einen Brunnen graben wollte. Er verkaufte sie an einen Händler in Neapel. Dadurch erfuhr der französische Aristokrat Emmanuel Maurice d’Elbeuf von dem Fund und erwarb das Stückchen Land unterhalb des Vesuvs. Bei Probebohrungen förderte er mehrere antike Statuen zutage, darunter die „Kleinen Herkulanerinnen“, die heute in den Dresdner Staatlichen Kunstsammlungen stehen. Trotz der sensationellen Funde konnte man das Theater aber nicht freilegen. Die umliegenden Häuser wären eingestürzt. So beschränkte man sich darauf, unterirdische Schächte und Stollen zur Erkundung zu graben. Es waren die Anfänge der europäischen Archäologie, allerdings mit abenteuerlichen Methoden.

Teile der alten Stadt konnten nicht freigelegt werden, weil sonst Häuser eingestürzt wären.

1738 begannen dann Soldaten auf Befehl von Karl von Bourbon, dem König von Neapel, mit der systematischen Suche nach weiteren Resten von Herculaneum. Zehn Jahre später starteten die Ausgrabungen in Pompeji. Die wiederentdeckten Römerstädte und ihre Kunst prägten den europäischen Klassizismus und lösten mit ihrer Ästhetik eine Mode aus. Außerdem lockten sie frühe Kulturtouristen an. Englische Adlige auf „Grand Tour“, aber auch deutsche Gelehrte und Künstler kamen an den Vesuv. „Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe nach dem Besuch in Herculaneum.

Viele Reisende ritzten damals im Licht von Fackeln im unterirdischen Theater ihre Initialen ins Vulkangestein. Auch diese Graffiti kann man bei der Tour durch die Stollen unter Ercolano nun an Sonn- und Feiertagen besichtigen, in Kleingruppen mit höchstens zehn Teilnehmern. Buchen sollte man vorher im Internet, rät Direktor Sirano. „Wir wollen eine exklusive Erfahrung bieten, so wie im 18. Jahrhundert bei der Grand Tour“, sagt er.

Der Eingang zum Archäologischen Park liegt nur einige Hundert Meter weiter am Corso Resina. Wie die Grube eines Tagebergbaus erstrecken sich die freigelegten antiken Straßenzüge unterhalb der modernen Stadt. Der größte Teil von Herculaneum ist nach wie vor im Vulkangestein eingeschlossen. Das wird wohl so bleiben. Denn für weitere Grabungen müsste ein Teil von Ercolano abgerissen werden.

4,5 Hektar, vermutlich etwas mehr als ein Fünftel der antiken Stadt, sind heute zu sehen, sagt Direktor Sirano. Spaziert man durch die erstaunlich gut erhaltenen Reste von bis zu dreistöckigen Wohnhäusern und Villen mit ihren verkohlten Holzbalken, Türen, Balkonen, Regalen, Marmortischen und Fresken und durch Straßen mit Werkstätten, Tavernen und Garküchen, wird mit etwas Fantasie der Alltag im ersten Jahrhundert lebendig.

In Pompeji erstickten viele der vom Vesuv überraschten Bewohner in Gaswolken und im Ascheregen. Ihre Körper sind verschwunden, aber sie haben Leerräume im Tuffstein hinterlassen. Mit Hilfe von Gipsfüllungen konnten Archäologen so die Figuren zusammengekauerter Menschen und Tiere rekonstruieren. In Herculaneum hatte man lange gar keine Überreste der schätzungsweise 4000 Bewohner gefunden. Es war vermutet worden, sie seien alle rechtzeitig geflohen. Doch dann machten die Archäologen bei der Ausgrabung des antiken Hafens 1980 einen spektakulären und zugleich grausigen Fund. In den Gewölben der Bootshäuser lagen 300 perfekt erhaltene Skelette. Diese Menschen hatten vergebens versucht, der Katastrophe übers Meer zu entkommen. Sie hatten ihren Goldschmuck angelegt und jede Menge Münzen und Wertsachen dabei, sagt Direktor Sirano.

Diese Schätze sind nun im „Antiquarium“ zu sehen – neben anderen Gegenständen, die in den Häusern von Herculaneum gefunden worden waren: schwere Goldarmreifen mit Schlangenköpfen, bunte Edelsteinketten und Ringe mit Juwelen, Haustürschlüssel, Trinkbecher, Kandelaber, Parfümbehälter aus Alabaster. Auch das Operationsbesteck, das einer der Toten in den Bootshäusern bei sich hatte – vermutlich ein Arzt, dem die Flucht nicht mehr gelang.

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