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Helmut Ortner: Kann Vergangenheit verjähren?

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Von: Helmut Ortner

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Geschichte im Selfie-Modus: Die Instagram-Soap „@ichbinsophiescholl“ zeigt laut Helmut Ortner die Tücken moderner Geschichtserzählungen. SWR/BR/Sommerhaus/Rebecca Rütten
Geschichte im Selfie-Modus: Die Instagram-Soap „@ichbinsophiescholl“ zeigt laut Helmut Ortner die Tücken moderner Geschichtserzählungen. SWR/BR/Sommerhaus/Rebecca Rütten © SWR/BR/Sommerhaus/Rebecca Rütte

Die Nazi-Verbrechen sind zu gewaltig, um heute zu sagen: Jetzt soll endlich Schluss sein. Daher darf es nicht darum gehen, ob heutige Generationen sich noch daran erinnern müssen, sondern darum, wie sie es tun sollten

Im Jahr 1948 warb das Waschmittel Persil mit einer Zeichentrickreklame, in der ein Marinematrose verdreckten Pinguinen die Bäuche strahlend rein wäscht. Immer mehr Pinguine springen daraufhin an Bord und rufen im Chor „Persil! Persil! Persil!“. Dabei recken sie die Flügelchen wie weit ausgestreckte Arme. Mit stolz geschwellter Brust defilieren sie schließlich in Reih und Glied an Land, zu Marschmusik singend: „Ja, unsere weiße Weste verdanken wir Persil ...!“

Die Deutschen hatten ihren Humor also noch nicht verloren – oder schon wieder gefunden. In Fridolin Schleys Roman „Die Verteidigung“, in dem er die Ereignisse um den Nürnberger Wilhelmstraßen-Prozess in ein fesselndes Drama über Moral und Verantwortung verwandelt, taucht die Reklameversprechung für blütenweiße Wäsche kurz auf – als filmische Metapher, die veranschaulicht, wie die Adenauer’sche „Entnazifizierung“ funktionierte.

Deutschland in den Nachkriegsjahren: Ein Volk mühte sich, das zu vergessen, was es verschwieg – seine Bereitschaft zur Teilnahme an einem System der Barbarei. Geschichtsverleugnung und Geschichtsumdeutung hatten Hochkonjunktur. So verlor sich der Schrecken und die Einzigartigkeit, den der Zivilisationsbruch des Holocaust und die Vernichtungskriege bedeuteten, im kollektiven Verdrängen und Vergessen. Der nationalsozialistische Wahn wurde zur austauschbaren Metapher des Bösen, persönliche Schuld relativiert. Empfanden Hitlers Deutsche, die so viel Leid über andere Völker gebracht hatten, so etwas wie Schuld und Scham? Konnten sie begreifen, was geschehen war, was sie mitgemacht und zugelassen hatten?

Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit gehört zur Gründungsgeschichte der Bundesrepublik, sie begleitet die Anfangsjahre der Nachkriegszeit. Erst die politische Zäsur der Sechzigerjahre sorgte für einen Paradigmenwechsel: Die Zeit war reif für neue Fragen nach alten Wirklichkeiten. Ob die Deutschen anerkannten, was sie zwischen 1933 und 1945 angerichtet hatten? Genauer: die genaue Verortung und das klare Bewusstsein dessen, was da geschehen war und wem das Geschehen zuzurechnen war. War es nur eine verbrecherische Führungselite (in einer im Ganzen doch anständig gebliebenen Nation), oder war es gar nur Hitler, der große „dämonische“ Verführer?

Dieser Mythologie wollten gerne viele glauben: den Legenden von der sauberen Wehrmacht, vom „Nichtwissen“ und „Nicht-dabei-gewesen-Sein“. Geschichtsverleugnung und Geschichtsumdeutung hatten Hochkonjunktur – und alle beteiligten sich daran. An Hitler war vor allem Hitler schuld – und „die anderen“. Dominiert wurde die Nachkriegszeit von einem „kommunikativen Beschweigen“ (Hermann Lübbe) der Schuldgefühle. Zu fest – und zu bequem – war die Sichtweise von einer skrupellosen Machtelite und einem angeblich verführten Volk etabliert. Hitlers Deutsche exkulpierten sich selbst.

Wenige Jahre nach Kriegsende war aus einem jubelnden und mitlaufenden Volk ein reinwaschendes und reingewaschenes Volk geworden. Die Täter fühlten sich nicht schuldig, sie sahen sich eher vom Schicksal entschuldigt – und die Mehrzahl der Deutschen tat es ihnen gleich. Empfanden sie, die Opfer und Täter zugleich waren und so viel Leid über andere Völker gebracht hatten, so etwas wie Scham? Oder fühlten sie sich nur auf der Verliererseite? Konnten sie begreifen, was sie mitgemacht und zugelassen hatten? Der kollektive Tenor: Wir wussten von nichts. Ein „entnazifiziertes“ Volk mühte sich, das zu vergessen, was es verschwieg: seine Bereitschaft zur Teilnahme an einem System der Barbarei. Das Geflecht der Lebenslügen vieler Deutschen in der Adenauer-Republik: verdrängen, vergessen, verleugnen.

Die meisten Deutschen wollten vom Holocaust, dem nationalsozialistischen Völkermord an mehr als sechs Millionen europäischer Juden und Jüdinnen, von der „Aktion T4“, der tausendfachen Ermordung Behinderter und sogenannten unwerten Lebens, von den Massenerschießungen der Einsatzgruppen, die hinter den jeweils gerade einmarschierten deutschen Truppen für die „völkische Flurbereinigung“ mordeten – also von Kriegsverbrechen, von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, von schuldhaften Täterbiografien, kurz: vom moralischen und zivilisatorischen Desaster Hitler-Deutschlands, nichts mehr wissen.

Aus der Politik gab es keine zwingenden Gesetzesvorgaben. Unter diesem Eindruck zeigte vor allem die Justiz nur wenig Neigung, ehemalige NS-Täter zur Verantwortung zu ziehen, zumal dort bekanntlich eine besonders starke personelle Kontinuität zur NS-Zeit gegeben war. Die Bereitschaft, in NS-Strafsachen zu ermitteln und zu handeln, ging nahezu gegen null. Die Nichtverfolgung von NS-Verbrechen ist beschämend. Eine skandalöse, jahrzehntelange Verweigerung von Strafverfolgung, eine konsequente Strafvereitelung im Amt.

Sicher: Am Tag null nach Hitler gab es auch hierzulande Menschen, die Scham und Trauer empfanden über das, was in den Jahren zuvor geschehen war. Doch Tatsache ist, dass es schon damals weit mehr Menschen gab, die, gerade der Katastrophe entkommen, das Erlebte und Geschehene verdrängten, statt es im Bewusstsein der Verantwortung als eigene Geschichte anzunehmen. Ein Volk auf der Flucht vor der eigenen Vergangenheit.

Zur Person

Helmut Ortner (72), ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher, die bislang in 14 Sprachen übersetzt wurden. Zuletzt erschien von ihm „EXIT – Warum wir weniger Religion brauchen“ sowie „Ohne Gnade – Eine Geschichte der Todesstrafe“ (2020). Er lebt und arbeitet in Darmstadt. Mehr Informationen finden Sie auf: www.helmutortner.de

Auch in der damaligen sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR. Dort wurde die nationalsozialistische Vergangenheit per Parteibeschluss doktrinär entsorgt. Zum Gründungsmythos des Arbeiter- und Bauerstaates gehörte der verordnete „Antifaschismus“. Nach der Parteilogik wurden noch lebende „Faschisten“ allesamt im Westen geortet – oder auf dem stillen SED-Dienstweg lautlos integriert und politisch exkulpiert. So konnten auch in der DDR ehemalige NS-Parteigänger und Funktionseliten wieder Karriere machen. Voraussetzung war nun eine robuste anti-westliche, einwandfreie sozialistische Grundeinstellung.

Kann persönliche Schuld, kann kollektive Schuld verjähren? Nein, sagt Alfred Grosser, denn das vergangene Geschehen ist keineswegs abwesend in der Gegenwart, nur weil es vergangen ist. Der Respekt vor den Hinterbliebenen verpflichtet uns, die Schuld und die Schuldigen zu benennen, solange es noch möglich ist. Die Verbrechen von damals sind zu gewaltig, um heute zu sagen: Jetzt soll endlich einmal Schluss sein. Wann aber ist die Vergangenheit wirklich vergangen?

Will die Nachkriegsgeneration, jene Generation also, die – um den deutschen Ex-Kanzler Kohl zu zitieren – mit „der Gnade der späten Geburt“ gesegnet ist, nun endlich einen Schlussstrich unter eine belastete Vergangenheit ziehen? Ist die heutige, die politisch und moralisch schuldlose Generation, nun endgültig entlassen aus der Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur und ihrem Erbe? Oder beginnt nicht die Verantwortung nachfolgender Generationen bei der Frage, ob sie sich erinnern will? Erinnern an das, was ihre Eltern und Großeltern getan, zugelassen und bejubelt haben?

Volk im Wahn. Hitlers Deutsche oder Die Gegenwart der Vergangenheit. Edition Faust 2022, 296 Seiten, 22 Euro
Volk im Wahn. Hitlers Deutsche oder Die Gegenwart der Vergangenheit. Edition Faust 2022, 296 Seiten, 22 Euro © Edition Faust

Wahrnehmbar ist eine – vor allem mediale – Verflachung und Relativierung der Nazi-Barbarei. In seiner Studie „Hi Hitler! Der Nationalsozialismus in der Popkultur“ (Darmstadt 2021) weist der US-amerikanische Historiker Gavriel D. Rosenfeld auf eine seit Jahren anhaltende „Normalisierungswelle“ hin, eine Tendenz, die die Einzigartigkeit der NS-Verbrechen negiert. Mit dem Verschwinden von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen werde das Geschehene zunehmend aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht, begünstigt durch digitale Technologien, vor allem des Internets, das „kontrafaktisches Denken“ begünstige. Die Nazi-Vergangenheit löse sich zunehmend von historischen Kontext und trage damit zu einer Verflachung und Normalisierung bei.

Anschauungsmaterial für Rosenfelds These bietet die Instagram-Soap „#ich-binsophiescholl“, ein multimediales Projekt, das dem 100. Geburtstag von Sophie Scholl gewidmet war und mit dem die öffentlich-rechtlichen Sender SWR und BR den Nationalsozialismus aus den Geschichtsbüchern für die junge Community ins Hier und Jetzt holen wollten. Tag für Tag filmte hier eine Influencer-Sophie ihr Leben, teilte Propagandafilme der Nationalsozialisten und ihre Gedanken dazu, postete allerlei Fotos. Das Publikum sollte „emotional, radikal subjektiv und in nachempfundener Echtzeit an den letzten zehn Monaten der 1943 hingerichteten Widerstandskämpferin teilhaben“, äußerte das Team hinter dem Projekt. Das scheint gelungen: fast eine Million Menschen abonnierten den Account. Dass beim Versuch, historisch komplexe Themen auf Instagram zu vermitteln, vieles oberflächlich und bruchstückhaft bleibt, liegt am Format selbst. Es braucht klare, einfache, vor allem kurze Sätze, das fordert die Dramaturgie sozialer Plattformen. Aber in dieser Sophie-Scholl-History-Soap gab es allerlei rhetorische und gedankliche Missgeschicke, beispielsweise Sätze wie „Hitler macht seit 1933 Jüdinnen und Juden das Leben in Deutschland schwer“. Nein, nicht Hitler allein hat den jüdischen Mitbürgern und Mitbürgerinnen „das Leben schwergemacht“, es war die Mehrheit der braven deutschen Nachbarschaft. Für Diskriminierung, Denunziation, Verfolgung und Vernichtung, dafür haben Hitlers Deutsche täglich selbst gesorgt.

Helmut Ortner.
Helmut Ortner. © Hoennemann

So trägt die verkürzte Instagram-Erzählung leichtfertig dazu bei, dass sich Unwissen und Geschichtsumdeutung generationsübergreifend verfestigen. Der Schrecken und die Einzigartigkeit des nationalsozialistische Wahns werden zur austauschbaren Metapher des Bösen, persönliches Mitwirken und Schuld werden relativiert. Das Narrativ deutscher Erinnerungskultur bleibt einmal mehr das, was es immer war: eine große kollektive Reinwaschung: „Wir haben von nichts gewusst. Wir konnten nichts dagegen tun. Auch wir waren Opfer!“ Den letzten Instagram-Post gab es am 18. Februar 2022, also genau 79 Jahre nach dem 18. Februar 1943, als Sophie Scholl und ihr Bruder verhaftet und vier Tage später hingerichtet wurden. Selfies vom Schafott. Die Influencer-Community war betroffen. Und hat dennoch wenig begriffen.

Augenfällig ist: Galt Hitler jahrzehntelang als Inbegriff des Bösen, als der, der das folgsame, ahnungslose Volk ins Verderben gestürzt hat – erscheint er nun zunehmend auch als skurrile, groteske Figur. Nirgendwo wird der Wandel sichtbarer als im Internet. Wer bei Google eine einfache Bildsuche zu Hitler startet, sieht neben dokumentarischen Archivfotos zunehmend digitial veränderte humoristische Fotos. Hitler als Witzfigur, als Lachnummer, der unter einer 70er-Jahre-Discokugel als „Disco-Hitler“ den flotten Tänzer gibt oder in „Bedtime Hitler“ im Schlafanzug auf dem Schlitten durch den Nachthimmel fährt. Es gibt zahllose Bildmakros von Hitlers Kopf, die mit Photoshop auf die Körper von Supermodels, Popsängern und Sporthelden montiert wurden, und in Sprechblasen wird der einstige Führer statt mit „Heil“ mit einem coolen „Hi“ begrüßt.

Der Ausruf „Hi, Hitler“ steht nicht nur wegen seiner Komik für eine neue Tendenz in der Darstellung der Nazi-Vergangenheit. Tatsache ist: Unterschiedliche Genres wie Satire, Fantasy und kontrafaktische Geschichtserzählungen tragen zur historischen und moralischen Verflachung bei. Sie laufen dadurch Gefahr, Inhalte zugunsten von Gags und Pointen zu opfern. Zwar geben die Produzent:innen an, ebenfalls hehre moralische Ziele zu verfolgen und sich der historischen Aufklärung verpflichtet zu fühlen. Es gehe darum, mit modernen visuellen Darstellungsformen vor allem jüngere Menschen anzusprechen. Für Gavriel D. Rosenfeld aber sind die satirischen Darstellungen Hitlers im Internet Teil eines größeren Wandels, der sich aktuell in der Erinnerungskultur an die NS-Zeit vollzieht: die Normalisierung und Relativierung der Vergangenheit.

Im Nachkriegsdeutschland wollten die einstigen Volksgenossinnen und -genossen die „dunklen Jahre“ von ihrem eigenen Erleben und Mittun abspalten. Hitler allein sollte es gewesen sein, verantwortlich für das Verderben der Deutschen und ihre millionenfachen Verbrechen. Wenn nicht allein, dann allenfalls eine kleine verbrecherische Nazi-Elite und ihre fanatischen Getreuen. Eine bequeme, exkulpierende Legende. So ließen sich persönliche Schuld und Scham gut entsorgen.

Für die heutige Generation liefert die digitale Unterhaltungs- und Zerstreuungsindustrie solides Basismaterial zur Verflachung und Relativierung der Nazi-Barbarei. Die Instagram-Soap zu Sophie Scholl war ein Anfang. Es ist zu befürchten, dass weitere Formate in Planung sind.

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